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Auf den Trümmern des Imperiums

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Krawtschuk, Schuschkewitsch, Jelzin - Beloweschskaja Puschtscha
Tschechien, Ungarn, die Slowakei, Slowenien. Die aufgezählten Länder eint nicht nur Geografie und EU-Mitgliedschaft, sondern auch der Ablauf des städtischen Lebens: Hier ist man es gewohnt früh schlafen zu gehen und früh aufzustehen. Allgemein gilt, dass dies die Folge der 68 Jahre ist, im Verlaufe derer Tschechen, Ungarn, Slowaken und Slowenen sich unter der Regierung im Kaiser Franz Joseph I. befunden haben. Eine explizite „Lerche“ seiend, erzog der langjährige Regent das ganze multinationale Imperium zu seinem biologischen Rhythmus. Und obgleich das Imperium selbst glücklich vor einhundert Jahren auseinanderfiel, ist der Nachhall der gemeinsamen Vergangenheit immer noch zu spüren.

Im Vergleich zum Habsburgerreich ist das sowjetische Imperium vor nicht so langer Zeit von der Bildfläche verschwunden: am 8. Dezember jährt sich das historische Abkommen in der Beloweschskaja Puschtscha zum 27. mal. Und vollkommen naturgemäß ist das imperiale Echo in unserem Leben wie gehabt stark, zum Missfallen vieler ukrainischer Patrioten, die sich anstrengen die UdSSR gleichsam wie einen Alptraum zu vergessen,

Nach 2014 ist es üblich, die sowjetische Vergangenheit in der Ukraine ausschließlich in Verbindung mit der ehemaligen Metropole zu betrachten. „Sowjetisch“ und „postsowjetisch“ wird per Definition als Annäherung Kiews an Moskau, als uns im Kreml-Orbit haltendes aufgenommen. Entsprechend verwandelt sich der Kampf mit jeglichen Spuren der dahingeschiedenen UdSSR zum Selbstzweck und nimmt nicht selten karikaturhafte Formen an.

Derweil ist die Realität um einiges schwieriger. Die sowjetische Vergangenheit verbindet die Ukraine nicht nur mit der ehemaligen Metropole, sondern auch mit allen, die aus der imperialen Inkubator hervorgingen. Ähnlich dem, wie die habsburgische Vergangenheit bis heute eine Reihe von Nationalstaaten in Mittel-, Ost- und Südeuropa verbindet.

Der sowjetische Hintergrund tritt in der Rolle einer Brücke zwischen sehr unterschiedlichen Territorien, Nationen und Menschen auf. Unter ihnen gibt es anrüchige politische Regime wie das belarussische oder das kasachische. Unter ihnen gibt es Länder, die für die Verbesserung des Lebens mit wechselndem Erfolg kämpfen, wie Georgien, Moldau oder Armenien. Unter ihnen gibt es vollauf respektable EU- und Nato-Mitglieder wie Litauen, Lettland und Estland. Zumal unter ihnen gibt es sogar das heldenhafte Israel, von dem patriotische Ukrainer mit Hoffnung reden und das mit unserem Land hauptsächlich über die Auswanderer aus der ehemaligen UdSSR verbunden ist.

Vieles von dem, was man in der Ukraine zur „Russischen Welt“ zu zählen versucht – von der Art Wyssozkijs und Zojs – ist faktisch ein Gut der postsowjetischen Welt. [gemeint sind Wladimir Wyssozkij und Wiktor Zoj, A.d.Ü.] Es existiert eine Masse an historisch-kulturellen Markern, die durch das gemeinsame Leben im kommunistischen Imperium geboren wurden.

Die Erinnerungen an das Warendefizit verflechten sich mit den Hits der Perestroika, die gewohnten Plattenbauten mit Zitaten von Ilf und Petrow [Ilja Ilf und Jewgenij Petrow, bekannt vor allem durch den Roman Zwölf Stühle und die Figur des Ostap Bender, A.d.Ü.], die Geschichte der in die Repression geratenen Verwandten mit den Filmen von Gajdaj und Danelija. [gemeint sind Leonid Gajdaj und Georgij Danelija, sowjetische Filmregisseure, A.d.Ü.] Und dieses allgemeine Erbe ist nicht gleichbedeutend mit einer UdSSR-Nostalgie: im Gegenteil gibt es darin viel antisowjetisches.

Das ist keine Erinnerung an die mythische „Brüderschaft der Völker“, sondern die reale Erinnerung von Millionen von Menschen, die in ähnlichen Bedingungen existieren mussten. Natürlich kann man jegliche Nähe ignorieren, die von der allgemeinen imperialen Vergangenheit hervorgebracht wurde. So tun, als ob die Länder des Baltikums für uns genauso ein Westen sind, wie Frankreich oder Großbritannien. Dass Georgien und Armenien, genauso eine Dritte Welt sind, wie Kolumbien oder Kambodscha. Dass es für die Ukraine keinen Unterschied zwischen den Israelis, die aus der ehemaligen Sowjetunion repatriiert wurden und den Repatriierten aus Nordafrika gibt. Doch das wird ein sinnloser Selbstbetrug.

Die kämpfende Ukraine ist mit der Suche nach dem eigenen Platz in der globalen Welt beschäftigt, dabei nicht einfache Zeiten durchlebend. Unser Land braucht dringend Verbündete und Ratgeber. Es braucht Orientierung und Mahnungen, Beispiele und Gegenbeispiele, anschauliche Erfolgsgeschichten und Misserfolge.

Doch wenn wir einen großen Teil fremder Länder und fremder Fälle für uns von Null an öffnen müssen, so sind einige von ihnen uns deswegen nahe, weil sie aus der selben sowjetischen Realität herauskamen. Diese natürlichen Vorteil zu missachten wäre dumm.

Die estnische Erfahrung der ökonomischen Modernisierung ist für die Ukraine objektiv nützlicher als der japanische. Die Probleme Moldaus sind verständlicher als die von Venezuela. Die georgische Geschichte des Kampfs gegen die Korruption anschaulicher als die von Singapur. Eine gemeinsame Sprache mit dem Letten zu finden ist für unseren Bürger einfacher als mit einem Belgier. Und die aus der UdSSR gebürtige [Präsidentin Litauens] Dalia Grybauskaite setzt sich mit der Sache der kämpfenden Ukraine tiefer auseinander als Emmanuel Macron.

Und wenn die Frage aufkommt, was die unabhängige Ukraine mit ihrer sowjetischen Vergangenheit machen soll, so ist die rationale Antwort offensichtlich: nach Möglichkeit aus dieser Vergangenheit Vorteil schlagen.

Das Putin’sche Russland hat eine Masse Anstrengungen unternommen, um den postsowjetischen Diskurs zu monopolisieren. Um ihn in eine eigene Informationswaffe zu verwandeln.

Um ein Gleichheitszeichen zwischen „postsowjetischem“ und „den UdSSR nostalgischen“ zu setzen. Um die gemeinsame Erinnerung mit dem Revanchismus gleichzusetzen. Um alle auf die eigene Seite zu ziehen, die so oder anders mit dem sowjetischen Imperium verbunden waren, bis hin zum Bewohner von Brighton Beach, der irgendwann aus diesem Imperium floh.

Doch die Ukraine, die in einen informationellen und geopolitischen Konflikt mit Moskau gezogen wurde, kann ebenso den postsowjetischen Diskurs als Waffe nutzen. Ein alternativer Diskurs, in der die UdSSR kein allgemeiner Stolz, sondern eine allgemeine Leidensgeschichte ist. Die Quelle ähnlicher Probleme, ähnlicher Herausforderungen und ähnlicher Risiken. Eine allgemeine Lehre, welche die Bürger verschiedener Länder anspornt die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen und für ihre Zukunft zu kämpfen.

Sogar wenn man den adäquaten Teil der Russen nicht berücksichtigt, der mit Mühe und Not dem Kreml opponiert, so sind die Perspektiven eines alternativen postsowjetischen Diskurses äußerst weitgehend. Sie erlauben eben auf dem Feld zu handeln, das Moskau als sein eigenes betrachtet. In einer einheitlichen Front von Kiew bis Tallinn und von Tbilissi bis Tel Aviv aufzutreten. Ein Maximum an potenziellen Verbündeten zu erfassen – von den belarussischen Oppositionellen bis zu den freiheitsliebenden Migranten in den USA und Westeuropa.

Alle zu konsolidieren, die auf den Trümmern des sowjetischen Systems aufwuchsen, doch beabsichtigen sich vorwärts und nicht rückwärts zu bewegen. Alle, welche die allgemeinen kulturellen Marker als Instrument für gegenseitige Verständigung und nicht für eine imperiale Revanche betrachten.

70 Jahre der sowjetischen Geschichte aus der ukrainischen Vorgeschichte herauszustreichen wird trotz allem Wünschen nicht gelingen – unsere Vergangenheit wird noch sehr lange an sich erinnern. Doch nichts hindert daran eben diese 70 Jahre in den Dienst unserer Zukunft zu stellen.

8. Dezember 2018 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1095

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