FacebookTwitterVKontakteTelegramWhatsAppViber

"Wildes Feld": Gebietsmarkierung

In den ukrainischen Verleih ist „Wildes Feld“ gekommen, das Regie-Debüt in Spielfilmlänge von Jaroslaw Lodygin, die Verfilmung „Woroschilowgrads“ von Sergej Schadan [international Serhij Zhadan, A.d.R.] – das Buch des vergangenen Jahrzehnts nach Meinung von BBC Ukraina – jenes Romans, der für ukrainische Verhältnisse zu einer solchen Bedeutung aufgebläht wurde, dass man seine Ankunft im Kino nicht ruhig erwarten konnte. Alldieweil lässt sich „Wildes Feld“ am besten dafür nutzen: Um sich von jeglichen Erwartungen und Vorurteilen frei zu machen.

Wildes Feld 1

German, irgendwo in seinen Dreißigern, nimmt in seiner zugemüllten Wohnung den Hörer ab: Der schläfrige Morgen wird von der beunruhigenden Mitteilung zerrissen, dass sein Bruder, der irgendwo im Norden des Donbass lebt und eine Tankstelle betreibt, plötzlich abgereist sei, nach Berlin oder nach Amsterdam. Nach kurzem Nachdenken (sehr kurzem und man wünschte, er dächte länger nach) macht sich der Hauptheld in seine Kindheitsheimat auf, um die vom Bruder zurückgelassenen Sachen zu klären und in der absurden Welt der Raubzüge zu versinken, des „Entscheider“ und der auf den Kopf gestellten Hierarchien.

In all seinen Interviews erzählt Regisseurs Jaroslaw Lodygin, dass er aus dem Buch von Sergej Schadan nur einen Hauptgedanken entnommen habe, der sich ausdrücken lasse im Slogan des Films „Wildes Feld“: „Verteidige das Deine“. Dieser simple Gedanke wird wörtlich im Film ausgerufen und unterlegt den Rhythmus mit dem Krieg im Donbass (der Dialog im Zug etwa: Glauben Sie also etwa, dass Ihnen alles hier gehört, nur weil Sie hier geboren wurden?). Übrigens ist der Regisseur unaufrichtig, wenn er es als ein Motiv darstellt: Im Film macht es weniger als ein Motiv aus. Die andere nicht-gare Hälfte des Films ist romantisch, eine Liebes-Dreiecksbeziehung, die leider nichts zum Bild der Hauptfigur hinzufügt.

Im Übrigen fügt niemand nichts dem Bild des Haupthelden hinzu, er verändert sich im Laufe des gesamten Films überhaupt nicht, während er gefangen in den ihn umgebenden Umständen vergammelt. Sie vergessen sogar, ihn im Laufe der Handlung umzukleiden, während es möglich gewesen wäre, wie bei der literarischen Vorlage durch die wechselnde Kleidung Germans zu verstehen, dass er für lange im Donbass bleibt und dass er es schafft, mit der Tankstelle im Laufe des trägen und staubigen Sommers (der bei Lodygin, dem Eindruck nach, auf wenige Tage zusammengepresst ist) vollständig zu verwachsen und darüber seine aussichtsvolle Karriere als „unabhängiger Experte“ mit geisteswissenschaftlicher Bildung zu vergessen. Die amorphe Stabilität Germans wird besonders deutlich im Finale von „Wildes Feld“ spürbar, wenn der Konflikt durch einen „deus ex machina“ (im wörtlichen Sinne, wie es Lodygin anschließend zeigt) gelöst wird, als dessen Resultat der Hauptheld eine nur unterproportionale Erschütterung in seiner infantilen Persönlichkeit erfährt.

Wildes Feld 2

Das ist, bitte sehr, das größte Problem der ersten Hälfte von „Wildes Feld“, in ihr passiert praktisch nichts, obwohl das Getöse, so mag es scheinen, laut ist – die Streitereien rund um die Tankstelle an dem strategischen Ort, wo sich Schmuggler, Fernfahrer und Narren begegnen. Nicht eine der Filmszenen führt zur irgendetwas, alles erscheint als einzeln ausgeschnittenes Fragment, um dessen Zugehörigkeit zum Ganzen sich kaum jemand kümmert. Den Zusammenhang des Filmes stellt der Zuschauer her, durch seine Kenntnis der literarischen Vorlage – derjenige, der den Roman Schadans nicht gelesen hat, wird es erheblich schwerer haben.

Dem Regisseur fehlt es ganz klar an Geduld – abgesehen von der Tatsache, dass bei der Verfilmung von „Woroschilowgrad“ eine ganze Menge zweitrangiger Personals verschwunden ist – irgendjemand hätte die Erzählung komplexer machen müssen und irgendjemand hätte, im Gegensatz, Tiefe hinzufügen müssen, und so ist es ihm nicht gelungen, sich ein bisschen näher mit den verbliebenen Helden zu beschäftigen. Deshalb geht zwischen Anfang und Ende der Szenen manchmal bemerkbar die Luft aus: Sie lassen die Zuschauer emotional nicht mit den Personen mitgehen und vergessen sie über allerlei Nahaufnahmen oder verwirrenden Montagen.

Zur Mitte der zweiten Hälfte erleidet der Regisseur zudem eine Geschmacksverirrung: Die erotische Szene unter munterer Musikbegleitung erinnert beinahe schmerzhaft an Medikamentenwerbung im Fernsehen. Und das feuerspeiende Finale ähnelt eher einer Entscheidung in dem Stil „Nun dann machen wir halt irgendwie hübsch Schluss“ als einem durchdachten Regiegang.

Im Übrigen nimmt all dies „Wildes Feld“ nicht den Status eines wichtigen Films für die ukrainische Filmindustrie. Hier sind die wichtigen Leute aus der Kinobranche der Ukraine zusammengekommen: Die Dramaturgin Natalja Woroschbit wurde Co-Autorin des Drehbuchs (sie ist auch die Autorin des Stücks „Schlechte Wege“ und Drehbuchautorin bei „Kiborgi“ [engl. Filmtitel „Cyborgs“, A.d.Ü.]), als Kameramann trat Sergej Michaltschuk auf (der den Preis der Berlinale für seine Mitarbeit an „Unter elektrischen Wolken“ erhalten hat), den Ton verantwortete Sergej Stepanskij (Preisträger der „Goldenen Dsiga/Kreisel“ [neuer ukrain. Filmpreis, A.d.Ü.] ausgezeichnet für seine Arbeit bei dem Film „Stremglaw“). Die Produktion der ganzen Geschichte hat eine Firma übernommen, die vorher vor allem Werbung gemacht hat und die nun Kino macht (übrigens nicht das einzige Beispiel für neue Mitspieler auf diesem Feld in der letzten Zeit). Beim heutigen Entwicklungszustand der ukrainischen Filmindustrie ist jeder Film, der produziert wird und der einen Verleih findet, ein Fall, der besondere Beachtung verdient.

Und so ist es im Fall von „Wildes Feld“ – das ukrainische Kino macht schon lange keine Testläufe mehr, sondern, um eine Metapher aus dem Film aufzugreifen, schießt Satelliten ins Weltall. Es gibt noch keine echten Sterne in diesem Himmel, aber etwas, das schimmernd und mit wechselndem Erfolg, immerhin fliegt.

Wildes Feld 3

Und obwohl ich mich nicht durchringen kann, „Wildes Feld“ ein erfolgreiches Regie-Debüt zu nennen, will mir auch nicht gelingen, Jaroslaw Lodygin seinen Platz in der Hierarchie des ukrainischen Kinos zu verweigern. Am Ende ist es ihm gelungen, aus „Woroschilowgrad“ eine Kinoversion zu machen, mit linker Hand und bezahlt mit sieben Jahren seines Lebens. Keine perfekte, aber eine, die den absolut vernünftigen Gedanken zulässt, dass wir uns möglicherweise zu sehr haben mitreißen lassen durch den überhöhten Kultstatus des Romans von Sergej Schadan. Letztendlich ist jedes literarische Werk für Interpretationen offen, und von derartigen Interpretationen geht die Welt nicht unter. Und auch der „Roman des Jahrzehnts“ nach Meinung der ukrainischen BBC stellt hiervon keine Ausnahme dar.

13. November 2018 // Darja Badjor, Kulturredakteurin

Unseren Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Quelle: LB.ua

Übersetzerin:    — Wörter: 998

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Telegram, Twitter, VK, Facebook, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.0/7 (bei 2 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Ist die Vereinbarung zwischen den USA und Deutschland zu Nord Stream 2 wirklich gut für die Ukraine, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel am 22. Juli meinte?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)24 °C  Ushhorod24 °C  
Lwiw (Lemberg)24 °C  Iwano-Frankiwsk23 °C  
Rachiw24 °C  Jassinja18 °C  
Ternopil22 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)24 °C  
Luzk24 °C  Riwne24 °C  
Chmelnyzkyj22 °C  Winnyzja24 °C  
Schytomyr22 °C  Tschernihiw (Tschernigow)23 °C  
Tscherkassy24 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)25 °C  
Poltawa25 °C  Sumy23 °C  
Odessa28 °C  Mykolajiw (Nikolajew)28 °C  
Cherson26 °C  Charkiw (Charkow)25 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)26 °C  Saporischschja (Saporoschje)23 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)23 °C  Donezk28 °C  
Luhansk (Lugansk)28 °C  Simferopol27 °C  
Sewastopol28 °C  Jalta28 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Ups, irgendwas hab ich da wohl falsch verstanden. Die Slowaken haben sie nach viel tam tam doch einreisen lassen.“

„Oder die Zöllner hatten keinen Bock mehr zu arbeiten. Seit letzten Freitag war Krakowez dicht... Offiziell 6 h Wartezeit, durchgehend bis mind. Sonntag.“

„Ukrainer erhalten bei ihrem Hausarzt seit Juli ein zweisprachiges internationales Impfzertifikat. Hab mich erkundigt, das hat sie. Die Infos sind allerdings nur über Dritte, ihn werde ich demnächst mal...“

„Man hätte auf eine klare Ansage, weswegen man abgewiesen wird, beharren sollen. Also, wenn uns so was passieren sollte, was ja eigentlich nicht sein darf, dann werde ich versuchen, mit dessen Chef zu...“

„Keine Ahnung. Kann ein Ukrainer überhaupt ein Zertifikat ausstellen (lassen)? Dachte das ist nur in der EU. Sie haben es die Nacht noch in Uschgorod probiert, in Krakowez sagte wohl jemand da kommt man...“

„Frank, haben Deine Bekannten schon das Impfzertifikat oder "nur" den Nachweis ihrer Impfung vorgelegt??? Hier in Hamburg spinnt das Gesundheitsamt. Angeblich können die im Moment keine Zertifikate ausstellen,...“

„Es gibt Dinge, die nützlich sind, und die man wissen sollte. Aber hinterher ist man(n) ja eh immer schlauer... Hätte ich vor 4 Jahren schon dieses Forum gekannt, dann wäre ich auch mit anderen Gesichtspunkten...“

„Ein Bekannter war jetzt in UA und wollte heute mit seiner Freundin nach D fahren. Erstmal standen sie ewig an in Krakowez. Und letztendlich haben die Polen die ukr. Frau nicht einreisen lassen. Ich habe...“

„Nein, ich lade sie ein und werde dafür aufkommen in Österreich. Finanzelle Leistung. Eine Frage noch an euch : wo kann ich eine günstige gute Reisekrankenversicherung abschliessen für 4 Wochen.“

„Zwecks Einladung nochmal, wäre es schon am besten mit Einladung, sie hat nicht viel Einkommen und sie muss ja finanzell abgesichert sein während des Aufenthaltes 4 Wochen in Österreich. Wird sicherlich...“

„Alles gut Michael... Wie gesagt, ist die verständliche Angst, enttäuscht zu werden...“

„Schau mal in dein Postfach. Duscha“

„Ich kenne natürlich nur den Reisepass meiner Frau, der im gleichen Jahr gemacht wurde, wie mein eigener, nämlich 2017. Also neuer Standart, biometrisch in ukrainisch/englisch. Ist denn die Unterschrift...“

„Übrigens zwecks Frage : hat aber noch den Namen ihres Ex-Mannes im Pass?!?! Sie hat keinen Mann mehr ist vor mehreren Jahren gestorben durch Krankheit“

„Duscha, kennst du dich bei ukrainischen Pässen aus könnte dir denn Reisepass senden per Anhang !!! Das du es selbst vorab siehst“

„Ups, ich sehe gerade, Du kannst sie ja gar nicht besuchen... Donbass. Naja, man kann sich ja auch ausserhalb des Kriegsgebietes treffen und wohnen.“

„Hast sie denn schon danach gefragt? Meist gibt es eine logische Erklärung dafür, z.B., sie ist geschieden, hat aber noch den Namen ihres Ex-Mannes im Pass?!?! (wegen Geldmangel?!?) Muß ja nichts Schlimmes...“

„Zwecks Einladung nochmal, wäre es schon am besten mit Einladung, sie hat nicht viel Einkommen und sie muss ja finanzell abgesichert sein während des Aufenthaltes 4 Wochen in Österreich. Wird sicherlich...“

„Danke erstmal für die ganzen Infos Bernd und Andre. Ich kenne mich jetzt ein wenig aus das andere kann ich ja erfragen noch bei denn Behörden. Nur eins macht mich stutzig der Reisepass von ihr. Die Unterschrift...“

„Servus, das Wichtigste zuerst. Sie braucht einen gültigen Reisepass, Coronatest/Impfnachweis und als Vorsichtsmaßnahme (weil offiziell) eine persönliche Einladung von Dir. Die kannst Du ihr ja per Mail...“

„Hallo Michael, hallo, ich gehe jetzt für Österreich von deutschen Bedingungen aus (EU Harmonisierung), Ukrainer haben derzeit,die Möglichkeit als Touristen nach Deutschland einzureisen, es gibt momentan...“

„Hallo erstmal an alle ich bräuchte ein paar wichtige Infos vielleicht kann mir jemand weiterhelfen. Ich habe vor 7 Monaten eine Ukrainerin kennengelernt und möchte sie demnächst nach Österreich zu...“

„Danke für die schnelle Antwort!“

„Hallo, wir möchten bei einer Ukrainischen Firma Waren (Textilien) einkaufen und sie zu uns nach Deutschland transportieren lassen. Die Ware liegt in Lviv, also nicht im "schwierigen" Gebiet. Der Hersteller...“

„Hallo Ihr Lieben, Anfang September möchten wir mit Lada Niva, Dachzelt und Hund 2 Wochen in die Karpaten fahren. Kann mir jemand sagen oder einen verbindlichen Link nennen, welche Anforderungen der Hund...“

„Dann glaub du mal weiter dem ÖR und Co. Ich denke, sogar so Leute wie @mbert sind inzwischen bezüglich Ukraine allgemein nüchterner geworden, ein @Handrij und paar weitere waren schon immer deutlich...“

„Dann glaub du mal weiter dem ÖR und Co. Ich denke, sogar so Leute wie @mbert sind inzwischen bezüglich Ukraine allgemein nüchterner geworden, ein @Handrij und paar weitere waren schon immer deutlich...“

„Tagesschau, aber seriöse Berichterstattung! Etwas Gutes kostet Geld, das weiß doch jeder. Daher liegt mein Vertrauen was die Berichterstattung angeht, bei der Tagesschau und nicht bei Deiner persönlichen...“

„...Man könne nicht länger so tun, als gäbe es die Waffenruhe noch, sagt er. Doch der aktuelle ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält an ihr fest - in der Hoffnung, dass sie Schlimmeres verhindert....“

„da sie Kriege, als nützliches Mittel zum Zeck akzeptieren, ist eine Diskussion mit ihnen völlig sinnlos. Sämtliche Kriege waren und sind Verbrechen. Die Verursacher oder Betreiber, kurz die Verantwortlichen...“

„Lieber Herr Zwick, da sie Kriege, als nützliches Mittel zum Zeck akzeptieren, ist eine Diskussion mit ihnen völlig sinnlos. Sämtliche Kriege waren und sind Verbrechen. Die Verursacher oder Betreiber,...“

„Hallo Frank, ich gebe Dir Recht, aus meiner Sicht, sollte man unter Berücksichtigung des Co2 Ausstoßes die Atomkraft so schnell nicht abschaffen, wenn überhaupt ganz, auch wenn dann an anderer Stelle...“