Welche Art von Wirtschaft sollten wir anstreben?


Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Ukraine nicht mehr als ein Rohstoff-Anhängsel des Weltmarkts.

Kürzlich sagte Jonathan Woetzel, der Leiter des McKinsey Global Institute und Senior Partner bei McKinsey & Co., dass die Ukraine ihr Bruttoinlandsprodukt bis 2030 verdoppeln könnte. Vielen schien diese Aussage nicht besonders realitätsnah (das ukrainische Bruttoinlandsprodukt hat sich in Dollar gerechnet von 2013-2015 nahezu halbiert, A.d.R.). Wenn wir aber einen vertretbaren Platz auf der ökonomischen Landkarte einnehmen und einen angemessenen Lebensstandard für unsere Bürger sicherstellen wollen, haben wir gar keine andere Wahl, als eben genau dieses Ziel zu verfolgen. Und dafür müssen wir in naher Zukunft ein Wirtschaftswachstum von sechs bis acht Prozent jährlich erzielen. Und dafür muss die Ukraine wiederum ihr Wirtschaftsmodell modifizieren, was Zeit, Geduld und sehr viel Arbeit erfordert. Zugleich werden wir nicht umhinkommen, zunächst vor allem qualitative Veränderungen in der Wirtschaft in den Mittelpunkt zu stellen.

Kleine offene Volkswirtschaft

Zum jetzigen Zeitpunkt gilt unsere Wirtschaft als „kleine offene Volkswirtschaft“. Warum als kleine Volkswirtschaft? Weil der Anteil des ukrainischen Bruttoinlandsprodukt am weltweiten Bruttoinlandsprodukt 2015-2016 lediglich 0,123 Prozent betrug (gemäß den Daten des IWF betrug das ukrainische Bruttoinlandsprodukt 2015 insgesamt 90,9 Milliarden Dollar, 2016 93,3 Milliarden) Warum als offene? Weil die Ukraine einen nicht unerheblichen Teil ihrer Waren und Dienstleistungen exportiert und importiert, wie auch Tabelle 1 zeigt:

JahrVerhältnis des Exports zum BruttoinlandsproduktVerhältnis des Imports zum Bruttoinlandsprodukt
Quelle: Staatliches Statistikamt
200551,550,6
200646,649,5
200744,850,6
200846,954,9
200946,448,0
201050,753,7
201153,859,2
201250,959,3
201346,955,4
201449,253,2
201552,854,8
201649,355,5

Zum Vergleich kann der Anteil des Ex- und Imports am nominalen Bruttoinlandsprodukt in anderen Ländern herangezogen werden (Tabelle 2):

LandBruttoinlandsprodukt (nominal), in Milliarden DollarExport zum Bruttoinlandsprodukt, in ProzentImport zum Bruttoinlandsprodukt, in Prozent
201520162015201620152016
Quellen: IWF, CIA Factbook und The Observatory of Economic Complexity
USA18.03718.5697,77,912,011,8
China11.22611.21821,117,911,312,8
Japan4.3824.93915,313,013,412,7
Deutschland3.3653.46736,937,029,428,5
Südkorea1.3831.41138,836,130,528,7
Polen47746839,240,240,740,5
Rumänien17818734,631,538,335,5
Bulgarien505252,852,258,054,8

Ich habe hier speziell nicht nur die Daten von sehr fortgeschrittenen Volkswirtschaften herangezogen, sondern auch die von Volkswirtschaften wie Polen (mit der sich die Ukraine vergleichen kann), Rumänien und Bulgarien, die als Außenseiter der Europäischen Union gelten. Wie Sie sehen können, ist der ukrainische Export- und Importanteil am Bruttoinlandsprodukt mit dem bulgarischen vergleichbar. Was – bei allem Respekt für dieses Land – der Qualität der ukrainischen Wirtschaft nicht entspricht…

Darüber hinaus muss, meines Erachtens, unbedingt die Güterzusammensetzung bzw. Exportstruktur berücksichtigt werden. Bei den aggregierten Warenpositionen (nach Klassifikation und den Daten der staatlichen Statistik) – das heißt Produkte pflanzlichen und tierischen Ursprungs, Fette, Mineralprodukte, chemische Erzeugnisse, Metalle und Metallerzeugnisse, Pelze/Leder, Holz und Holzerzeugnisse – dominieren vor allem Rohstoffe, Halbprodukte und Produkte mit geringer Wertschöpfung. Deren Gesamtanteil am Export betrug 2005 75,7 Prozent, 2006 74 Prozent, 2007 71,5 Prozent, 2008 74,7 Prozent, 2009 69,2 Prozent, 2010 63,9 Prozent, 2011 73,1 Prozent, 2012 70,2 Prozent, 2013 71,6 Prozent, 2014 74,9 Prozent, 2015 75,1 Prozent und 2016 74,6 Prozent.

Zum Vergleich: In China betrug allein der Anteil von Waren wie Computer, Mobiltelefonen, Funkanlagen, integrierten Schaltkreisen, Modulen und Ersatzteilen von Maschinen 2015 insgesamt 24 Prozent des Exports. In noch größeren Mengen aber exportierte Peking Atomreaktoren, optische Geräte, Elektroautos und elektronische Ausrüstung sowie auch Automobile. In einem Interview verglich der stellvertretende Wirtschaftsminister Maxim Nefjodow den Anteil des chinesischen High-Tech-Exports mit dem ukrainischen und bezifferte beide auf 37 Prozent (China) versus 19 Prozent (Ukraine). In der EU liegt dieser übrigens bei 41 Prozent. Beeindruckend, oder?

Mit Tabelle 3, die die Entwicklung des Anteils der Industrie am ukrainischen Bruttoinlandsprodukt zeigt, beende ich schließlich diese Zahlenspielerei:

JahrAnteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt der Ukraine
200833,6
200929,6
201031,3
201129,1
201228,4
201326,2
201425,4
201524,4
201616,7

Das Rohstoff-Möbiusband

In unserem Land hat sich ein destruktives Wirtschaftsmodell herausgebildet. Momentan ist die Ukraine nichts weiter als ein Rohstoff-Anhängsel des Weltmarktes, das Halberzeugnisse, Rohstoffe und Produkte mit geringem Mehrwert exportiert. In der Folge können wir eine deutliche Deindustrialisierung der ukrainischen Wirtschaft, ausgeprägte Währungsrisiken sowie eine hohe Abhängigkeit der Zahlungsbilanz von der Entwicklung der internationalen Rohstoffmärkte beobachten. Darüber hinaus besteht der ukrainische Export wie früher noch im Wesentlichen aus niedrigpreisigen Stahlerzeugnissen, mineralischen Rohstoffen, chemischen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen, während wir große Mengen von Energieressourcen importieren. Sollte sich daran nichts ändern, wird die Entwicklung unserer Wirtschaft auch weiterhin vom Export von Rohstoffen und Halberzeugnissen abhängen.

In der Weltgeschichte wurde ein jeglicher Produktionsanstieg von einem Anstieg der korrespondierenden Rohstoffpreise begleitet: ob nun in der Landwirtschaft für die Herstellung von Lebensmitteln, in der Forstwirtschaft zur Produktion von Schiffen oder im Bergbau zur Herstellung von Eisenmetallen.

Aber zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschah etwas, das Wirtschaftshistoriker bis heute in Staunen versetzt. Von Großbritannien ausgehend ergriff die erste industrielle Revolution bald Belgien, die Niederlande, Frankreich, die Schweiz und andere Länder West- und Nordeuropas und führte nicht nur zur Verdrängung der Handarbeit durch neue Maschinen, zu einem bedeutenden Anstieg der Produktivität und einer Reduzierung der Herstellungskosten. Die gesamte globale Wirtschaft begann sich damals zu verändern. Eine dieser Veränderungen betraf das sukzessiv wachsende Bewusstsein für den Nutzen einer Rohstoff- und Ressourceneffizienz.

Die zweite industrielle Revolution zum Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging zum großen Teil von wissenschaftlichen Erkenntnissen aus, die erste industrielle Revolution dagegen vielmehr von erfolgreichen Erfindungen. Während der zweiten industriellen Revolution ist der nachhaltige Rohstoffeinsatz noch nicht zu einem Modetrend geworden. Allerdings spielte die weitere Bedeutungszunahme von Wissenschaft und Bildung in der dritten Industrierevolution eine Schlüsselrolle – insbesondere aber auch in der vierten, die ihre Geburtsphase mittlerweile seit langem durchschritten hat und deren Welle ihre Vorgängerin bereits zu verschlingen droht. Ein Merkmal des neuen industriellen Paradigmas ist die bewusste Reduzierung des Rohstoffverbrauchs. Diese bedingt wiederum über den automatischen Rückgang der Rohstoff-Nachfrage einen korrespondierenden Preisverfall.

Wie sieht die Ukraine im Vergleich zu den fortschrittlichen Ländern während dieser dritten und vierten Revolution aus? Die Antwort auf diese Frage lässt sich leicht aus den obigen Zahlen ablesen. Ebenso aus der Entwicklung der Zahlungsbilanz der letzten Jahre sowie der Hrywnja-Abwertung zwischen 1998 und 2014.

Die Konzentration auf den Export von Rohstoffen, Halberzeugnissen und Produkten mit geringer Wertschöpfung wird zwangsläufig zu einer rückläufigen Produktion führen. Und dazu ist 2014 bis 2015 unsere Produktionsmenge zurückgegangen. Wir sind in der „Armutsfalle“ und bei einer Primitivisierung der Wirtschaft angekommen. Die gefährliche Abhängigkeit der ukrainischen Wirtschaft von den volatilen internationalen Rohstoffmärkten führt zu periodischen Zahlungsbilanzkrisen und diese wiederum zu einer Abwertung der Hrywnja. Verschärft wird diese Situation durch den hohen Anteil von High-Tech-Produkten mit hohem Mehrwert beim Import – die Ukraine produziert so gut wie keine moderne Ausrüstung. Diese müssen ukrainische Unternehmen im Ausland kaufen. Ebenso produziert sie keine modernen elektrischen Geräte, die viele Ukrainer aber nutzen möchten. Das erhöht den Druck auf die Zahlungsbilanz, deren chronischer Negativsaldo regelmäßig zu einer Abwertung der Nationalwährung führt.

Einer auf Produktion und Export von Rohstoffen orientierten Ökonomie geht das sogenannte Paradoxon des Rückgangs der Produktivität voraus. Je mehr Menschen in der Rohstoffgewinnung und Produktion von Erzeugnissen mit geringem Mehrwert beschäftigt sind, desto schneller sinkt die Produktivität in diesen Sektoren. Der Rückgang der Produktivität führt wiederum zu einer Verschlechterung der Qualität und einem Rückgang der Reallöhne der in diesen Sektoren Beschäftigten. Und genau darin besteht auch das Paradoxon – denn in den Nicht-Rohstoffsektoren führt die zusätzliche Sättigung des Arbeitsmarktes zu einem Anstieg des Wettbewerbs und in der Folge zu einem Anstieg der Produktivität. Zudem ist die Rohstoffindustrie durch einen hohen Anteil an unqualifizierten Arbeitnehmern charakterisiert, das heißt, in ihr fehlen die Voraussetzungen für einen Lohnanstieg. Aber das ist noch nicht alles: Bei Lohnstagnation auf einem niedrigen Niveau ist ein Wirtschaftswachstum auf Basis der Inlandsnachfrage quasi ausgeschlossen.

Das alles kommt noch nicht einmal einem Vicious Circle bzw. Teufelskreis gleich, sondern ist vielmehr mit einem Möbiusband vergleichbar, auf dessen Seiten die auf Rohstoffexport ausgelegte Wirtschaft entlangwandert. Indem sie auf dem Möbiusband ihre Kreise zieht, landet sie genau dort, wo sie ihre Wanderung begann, nur eben auf der gegenüberliegenden Seite des Flachbandes. Nach einem weiteren Kreis landet sie genau da, wo sie gestartet ist. Aus dieser paradoxen und perspektivlosen Situation gibt es lediglich einen Ausweg: über den Rand des Bandes hinweg. Im Falle der ukrainischen Wirtschaft bedeutet dies, dass sie ihr Entwicklungsmodell ändern muss.

Quantität durch Qualität

Wie soll aber der Weg zu einer radikalen Veränderung dieses Negativtrends aussehen? Natürlich ist ein Übergang zu einem schnellen Wirtschaftswachstum wünschenswert. Aber das ist nicht die einzige Aufgabe, denn wir müssen die Zukunft nicht nur anhand quantitativer Kriterien, sondern auch anhand des qualitativen Zustands der Wirtschaft bewerten.

Die Entwicklungen, die wir im Verlauf der dritten und vierten industriellen Revolution beobachten können, deuten darauf hin, dass die fortgeschrittensten der entwickelten Länder sich allmählich in Richtung einer neuen Wirtschaftsform bewegen. Und dabei spielen vor allem qualitative Kriterien eine vorrangige Rolle. Es wird nämlich vor allem das bedeutend sein, was die inländische Wirtschaft produziert. Daher möchte ich noch einmal betonen, wie wichtig es ist, nicht nur auf quantitative Indikatoren abzuzielen, sondern darüber hinaus auch auf eine qualitative Transformation der ukrainischen Wirtschaft. Dass die von uns angestrebte Quantität (wir starten im Vergleich zu den fortgeschrittenen Ländern von einem ziemlich niedrigen Niveau) über eine qualitative Transformation erreicht wird, dazu werde ich weiter unten näher eingehen.

Ich bin davon überzeugt, dass das ukrainische Bankensystem nicht eigenständig und nur für sich existieren kann. Es sollte zu einem effektiven Instrument zur Erreichung der makroökonomischen Ziele der Regierung werden. Das erste Ziel besteht im Übergang von einem Modell der „Leihökonomie“, das sich auf dem Export von Rohstoffen und Halberzeugnissen stützt, zu einer modernen hochtechnologischen Wirtschaft, die auf Innovationen und Wissen fußt. Das zweite Ziel besteht in der Sicherstellung eines schnellen Wirtschaftswachstums über das Wachstum der innovationsorientierten Sektoren der ukrainischen Wirtschaft.

In welchem Umfang kann die Nationalbank für einen schnellen Ausweg der ukrainischen Wirtschaft in Richtung eines nachhaltigen Wachstums und einer Transformation in Richtung eines innovationszentrierten Modells beitragen? Gemäß der Verfassung und den korrespondierenden Gesetzen besteht die Hauptaufgabe der Nationalbank in der Sicherstellung der Währungsstabilität und diese erfüllt sie in erster Linie über die Erreichung und die Aufrechterhaltung der Preisstabilität. Entsprechend besteht die Hauptwirkung des Zentralbank-Einflusses auf das Wirtschaftswachstum darin, dass die Preisstabilität die grundlegende Voraussetzung für die Senkung der langfristigen Zinsen ist. Das ist sehr wichtig, da hohe Kreditzinsen einer der gravierendsten Gründe für die fehlende Wettbewerbsfähigkeit der ukrainischen Waren ist. Ich möchte noch einmal betonen, dass es hier vor allem um Waren mit hohem Mehrwert geht, für deren Produktion die ukrainischen Unternehmen gezwungen sind, Kredite aufzunehmen, da sie gezwungen sind, moderne technologische Ausrüstung im Ausland zu kaufen, aber auch aufgrund des fehlenden Umlaufkapitals. Zudem würde eine stabil niedrige Inflation den Unternehmern erlauben, mutiger mittel- und langfristig zu investieren, da die Preisentwicklung besser vorhersagbar ist.

Im Gegensatz zu den vorangegangenen Jahren werden in den „Grundlagen der Geldpolitik für 2018 und in mittelfristiger Perspektive“ Mechanismen vorgesehen, die direkt sowohl das ukrainische Wirtschaftswachstum als auch die innovative Transformation beschleunigen könnten. Ich meine damit vor allem die Zentralbank-Refinanzierungstender mit gestaffelten Fristigkeiten. Auf einer transparenten Methodik basierend, einschließlich dem Zweck des jeweils gewährten Kredits, wird dieser Mechanismus den Banken erlauben, ihre Aktivität im Bereich der Kreditierung des Realsektors der Wirtschaft auszubauen. Ich denke, dass bei der Ausarbeitung der Methodik dieser Tender ein besonderes Augenmerk daraufgelegt werden sollte, die günstigsten Bedingungen für ein Kreditvergabesystem an Unternehmen mit innovativer Ausrichtung zu schaffen.

Darüber hinaus sehen die „Grundlagen der Geldpolitik für 2018 und in mittelfristiger Perspektive“ die Möglichkeit gestaffelter Mindestreserveanforderungen vor. Die soll vor allem die Effektivität der Liquiditätsregulierung im ukrainischen Bankensystem erhöhen. Aber warum nicht einen Schritt weitergehen und nicht über ein System der gestaffelten Reservehaltung für Banken in Abhängigkeit vom Umfang der Kreditierung von Unternehmen, die High-Tech-Produkte herstellen, nachdenken?

Konzentration und Koordinierung der Bemühungen

Gemäß dem von Carl von Clausewitz in seinem Werk „Vom Kriege“ beschriebenen Prinzip der Truppenkonzentration, das er anhand erfolgreicher Schlachten Napoleons beschreibt, sollten wir die Kredit- und Investitionstätigkeit auf die langfristig vielversprechendsten Sektoren konzentrieren.

Eine Verbesserung des technologischen Entwicklungsstandes der ukrainischen Wirtschaft wird nach einiger Zeit zwangsläufig zu einer Verbesserung der makroökonomischen Indikatoren führen. Die neuen Technologien werden die übrige Wirtschaft durchdringen und zu höheren Wachstumsraten führen, einschließlich des Pro-Kopf-Einkommens. Dadurch schaffen wir einen Synergieeffekt und gegenseitige Verstärkung: Die Qualität, wenn man so sagen möchte, wird schließlich zu einem Anstieg der Quantität führen. Das bestätigt auch die Erfahrung der letzten zwei Jahrhunderte. Daher ist auch der Anstieg der Löhne und folglich des materiellen Wohlstands der Bürger ohne eine Transformation der nationalen Wirtschaft in Richtung High-Tech-Entwicklung nicht möglich. Wir sollten nicht länger das Ausbremsen der Transformation von einer rohstofflastigen Wirtschaft zu einem innovativen Modell hinnehmen.

Unter der Wirtschaftspolitik eines Staates verstand Walter Eucken, einer ihrer bekanntesten Theoretiker, das bewusste Handeln staatlicher Institutionen, das darauf abzielt, das bestehende Wirtschaftssystem zu verändern und die darin ablaufenden Prozesse und Abläufe zu korrigieren und zu optimieren. Indem sie diesen Abläufen die gewünschte Richtung geben, streben Regierung und Zentralbank automatisch die Erreichung der strategischen und taktischen Ziele des Staates und der Bevölkerung an.

In einer seiner Vorlesungen zitierte Eucken folgenden Satz aus einem literarischen Werk: „Zuallererst“, sagte einmal ein prominenter Künstler zu seinen Schülern „sollte man nie einen Pinselstrich machen, ohne das Ganze zu sehen, ohne dass dieser Pinselstrich dem angestrebten Ganzen dient.“ Auf die verwirrten Blicke seiner Studenten fügte er hinzu: „Das Gleiche kann man auch über Wirtschaftspolitik sagen: Man sollte keine Maßnahmen ergreifen, die nicht der Gesamtheit der gewünschten Verhältnisse entsprechen.“

Warum ich diese Geschichte hier aufgreife? Das Ignorieren des Komplexitätsprinzips bei der Umsetzung von Wirtschaftspolitik führt unweigerlich zu Disparitäten in der Wirtschaft und verschärft diese. In der Geschichte der Ukraine ist es mehr als einmal vorgekommen, dass die Zentralbank und die Regierung es nicht für notwendig gehalten haben, ihre Maßnahmen zu koordinieren oder sogar eine multidirektionale Politik verfolgt haben. Aber jetzt wird, vielleicht zum ersten Mal seit vielen Jahren, der Grundstein gelegt und wichtige Voraussetzungen für eine koordinierte Arbeit des Kabinetts und der Nationalbank geschaffen. In den verabschiedeten „Grundlagen der Geldpolitik …“ stimmt die Prognose der Wachstumsrate der Volkswirtschaft im Basisszenario der Nationalbank mit der Regierungsprognose in ihrem Hauptszenario überein: Ab 2019 sollte die Ukraine BIP-Wachstumsraten von vier Prozent pro Jahr erreichen. Wenn der erste Grundstein für eine koordinierte Arbeit zwischen Regierung und Nationalbank gelegt wurde, können wir meiner Meinung auch ein gegenseitiges Verständnis über die Mechanismen der Sicherstellung des Wirtschaftswachstums finden. Eine wichtige Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes sollte die Koordinierung der Geldpolitik der Zentralbank mit der Wirtschafts-, Haushalts- und Finanzpolitik des Kabinetts sein.

Wenn wir bis 2030, und davon sprach der Direktor des McKinsey Global Institute und Seniorpartner von McKinsey & Co Woetzel, ein Wirtschaftswachstum von mindestens vier Prozent jährlich erreichen (was gemäß der Schätzung der Zentralbank dem potenziellen aktuellen Wachstum der Ukraine entspricht), realisieren wir eine Steigerung um das etwa 1,6-fache. Meiner Meinung nach müssen wir uns aber eine ehrgeizigere Aufgabe stellen und von einem bestimmten Zeitpunkt an ein jährliches BIP-Wachstum von sechs bis acht Prozent anstreben, mit dem wir das Bruttoinlandsprodukt bis 2030 verdoppeln könnten. Die Erreichung eines solchen quantitativen Indikators ist jedoch nur über die Umsetzung qualitativer Veränderungen möglich – der Transformation der ukrainischen Wirtschaft in Richtung eines innovativen Entwicklungsmodells.

29. September 2017 // Bogdan Danilischin, Wirtschaftsminister von 2007-2010, seit Oktober 2016 Vorsitzender des Zentralbankaufsichtsrates

Quelle: Serkalo Nedeli

Übersetzerin:    — Wörter: 2667

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