Die Erschaffung der Welt: Sieben Tage Tetjana Terens mit Taras Prochasko – Auszug


Aus dem Klappentext [des bei Pabulum erschienen neuesten Interviewbuches mit Taras Prochasko]: „Jeder Mensch ist wie eine Landkarte, auf die wir unsere frühesten Erinnerungen, die Gesichter der liebsten Menschen, die Konturen der wichtigsten Städte und Orte anheften. Oder eine andere Landkarte – mit den wichtigsten Fragen, auf die wir im Laufe des Lebens Antworten suchen, mit den tiefsten Erkenntnissen, zu denen wir dank der Erfahrung gelangen, die wir überdenken, spüren und erkennen.

Auf den Seiten dieses Buches erstellen die Journalistin Tetjana Teren und der Schriftsteller Taras Prochasko in einem Interview ihre eigene Landkarte mit sieben wichtigen Zielen. Sie reflektieren die Erschaffung ihrer selbst, die Landschaft, das Land und die Welt, die uns prägen. Schauen sich Pflanzen, Tiere und Menschen genau an. Sie versuchen, Kreativität zu verstehen und zu erklären. Während dieser siebentägigen Reise tief in sich selbst durchlaufen sie jede Phase des Schöpfungsakts und versuchen (auf ihrer Ebene) den Plan des Schöpfers zu verstehen.

Vor uns liegt das vollständigste Porträt eines der berühmtesten ukrainischen Schriftsteller unserer Zeit. Wir haben den Versuch vor uns, die Welt um uns herum in all ihrer Vollständigkeit und Omnipotenz zu erfassen. Für alle, die sich selbst suchen und sich mit allem verbunden fühlen.“

LB.ua veröffentlicht einen Auszug.

„Am Anfang las ich viel, jetzt lebe ich viel“

In einem Interview mit [Frédéric] Beigbeder sagte der französische Autor Philippe Sollers, um schreiben zu können, müsse man lesen und leben können. „Wenn man also viel schreiben will, muss man viel lesen und viel leben.“ Wie vereint sich dieses in Deinem „Rezept“?

Zunächst habe ich viel gelesen, jetzt lebe ich viel. Dieses „Jetzt“ dauert jedoch ungefähr fünfundzwanzig Jahre. Das heißt, ich habe viel gelesen, bis ich fünfundzwanzig war, und dann habe ich angefangen, mehr zu leben. Meine Teenagerjahre, meine Jugend waren eine sehr aktive Leseperiode, dann aber wurden die Bücher in meinem Leben immer weniger. Und deshalb erinnere ich mich wie jene vergessliche Großmutter gut an das, was in meiner Kindheit war, aber ich weiß nicht, was gestern war. Die Bücher, die ich vor langer Zeit gelesen habe, sind mir weiterhin in Erinnerung geblieben, aber ich habe die meisten „notwendigen“ Ausgaben nicht gelesen, wie sie Oxana Sabuschko oder Jaroslaw Hryzak nennen würden. Ich habe nicht alle Bücher geschafft, die für eine lange Beschäftigung mit der Literatur in der Ukraine benötigt würden. Das heißt, ich kenne den ukrainischen Literaturprozess nicht und ich weiß nicht besonders gut, was zur gleichen Zeit in der Literatur im Ausland vor sich ging.

Ist das wichtig für einen Schriftsteller?

Ich denke nicht, dass es wichtig ist. Es ist wichtig, dass es solche Menschen im literarischen Prozess gibt, aber basierend auf meiner Theorie der Kombinatorik ist das Wertvollste eine bestimmte Kombination von allem, was im Autor konvergiert. Daher kann auch Schreiben ohne Lesen wertvoll sein. Ein solcher Ansatz kann jedoch nicht allgemein verwendet werden. In der Literatur ist ein Autor vor allem wertvoll als Lebewesen, und nicht als Stylist. Es ist klar, dass ich dies angesichts der Tatsache sage, dass dieser Autor seine Gedanken mehr oder weniger normal ausdrückt.

Wenn wir bereits begonnen haben über Bücher zu sprechen, so möchte ich fragen, wie Du liest und ob sich Deine Art, einen Text zu lesen und wahrzunehmen, im Laufe der Jahre geändert hat.

In meiner Kindheit und Jugend las ich länger – in großen Dosen in einer „Medikamenteneinnahme“. Dann las ich mehr im Hinblick auf das, was in dem Buch gesagt wird. Dann gab es eine Zeit, in der ich sehr schnell großartige Werke las: Ich tauchte einfach in sie ein und kehrte mit dem Gefühl des Glücks an die „Oberfläche“ zurück, dass ich auf diesem Ausflug oder auf dieser Attraktion war, aber nach einer Weile konnte ich nicht mehr sorgfältig nacherzählen, worum es in diesen Büchern ging. Es war keine Absorption von Informationen, sondern lediglich ein Eintauchen in den Text. Der Psychologe [Stanislav] Grof hat so eine Methode, bei der die Augen und Ohren einer Person verschlossen werden und man sie bei einer Temperatur, die von der Haut nicht gefühlt wird, ins Wasser taucht. Wahrscheinlich nicht sechsundreißig Komma sechs, obwohl es genau so viel sein sollte, aber ich vermute, dass Sie hier, wie in der Literatur, eine etwas andere Temperatur brauchen, um nicht zu fühlen. Ein Mensch in diesem Zustand darf also nur atmen und erlebt im Laufe der Zeit einen halluzinogenen „Trip“ – eine Rückkehr zum irdischen Wissen über alles, wie [C.G.] Jung sagte. Und so las ich eine Weile. Diese Zeit begann in der Armee, als man sehr schnell lesen musste. Ich hatte Glück mit der Armeezeit: Es war schon eine ziemlich wackelige „Perestroika“ und, wie man damals sagte, die Epoche der dicken Magazine. Unsere Armeebibliothek hatte sie alle abonniert, obwohl niemand sie gelesen hat. Aber ich las und las hauptsächlich die sogenannten „Schubladen-“ – und „auswärtige“ Literatur, die in „Niwa“, „Freundschaft der Völker“, „Neue Welt“, „Jugend“ und „Ausländische Literatur“ veröffentlicht wurde. In der „Perestroika“ begann man erstmals die sogenannten „Modernisten“ des 20. Jahrhunderts zu drucken, was in der Sowjetunion zu lesen nicht erwünscht war. Zu diesem Zeitpunkt begann ich lesend in diesen besonderen halluzinogenen Zustand einzutreten. Also las ich im Schützenpanzerwagen im Winter „Doktor Schiwago“, und deshalb erinnere ich mich immer an diesen Roman, wenn ich noch Feuerholz in der Kälte hacke, und ich fühle mich sehr cool (lacht). Aber ich erinnere mich an nichts anderes aus dem Buch, obwohl ich diesen Text wahrscheinlich immer noch fühlen würde, wenn ich länger über dieses Brennholz meditieren würde. Aber es ist nichts mehr in der Erinnerung, so war die Zeit des Lebens.

Und dann fing ich an, Literatur zu lesen, um meinen Horizont zu erweitern und zu sehen, wie Menschen schreiben. Und da habe ich schon mit neuen europäischen und amerikanischen Autoren angefangen. Ich habe beispielsweise [Peter] Handke und [Ingeborg] Bachmann in dieser Zeit ernsthaften Lesens gelesen, also sind beide mir geblieben. Nach einer Weile fing ich an, die neuesten Autoren zu lesen – [Julian] Barnes und ähnliche. Und dies war bereits eine Lesung nicht für eine Reise, sondern für die Optik – diese Bücher waren für mich einfach ein Mikroskop oder ein Fernglas, durch das ich den Standpunkt betrachtete: Was sieht der Autor, was unterrichtet er seine Optik? Und dann begann eine Zeit, die bis heute andauert: Ich begann zum Vergnügen zu lesen – in Fragmenten. Ich möchte nicht ein ganzes Buch lesen, egal wie herrlich oder informativ es sein mag, wenn ich es aufgrund meiner früheren Leseerfahrung betrachte und sehe, dass es nichts für mich ist.

Ich möchte Dich bitten, in die Zeit zurückzukehren, in der Literatur für Dich ein Trip war, als Du beim Lesen am meisten aufgesaugt hast, und zu versuchen, eine Art Geflecht der Autoren und Texte aufzubauen, die Dich beeinflusst haben. Mir ist aufgefallen, dass Du man manchmal verschiedene Namen nennst. Vermutlich zählen zu diesem System definitiv [Bohumil] Hrabal, Danilo Kiš, [Bruno] Schutz, Hemingway geben wird (natürlich in ukrainischer Übersetzung)…

Dies alles bleibt, aber wir müssen Bachmann hinzufügen, die ich kürzlich öfter erwähnt habe. Ironischerweise habe ich sie nie erwähnt, und heute habe ich Handke bereits erwähnt – schließlich war er mir sehr wichtig. Aber der Wichtigste für mich, worüber ich sehr oft gesprochen habe, war [Michel de] Montaigne…

Ich bin in Deinen Interviews nie auf eine Erwähnung Montaignes gestoßen. (lacht)

Nicht? (lacht)

Dann verstehe ich nicht, warum Du ihn nicht erwähnt hast, als wir über Philosophen sprachen?

Ich betrachte ihn nicht als Philosophen. Er steht mir auch insofern nahe, als er auch Analphabet in der Philosophie war und überall darüber schrieb. Mitte der 2000er Jahre wurde eine dreibändige Ausgabe von Montaigne in ukrainischer Sprache unter dem Titel „Versuche“ veröffentlicht, und ich schenkte sie sogar einigen Leuten, die ich sehr schätzte, anlässlich irgendwelcher feierlicher Ereignisse. Montaigne ist für mich eine epochale Figur in Literatur, Philosophie und Kultur. Ich glaube, dass er einer der Wendepunkte war – gerade von ihm ist die moderne Literatur ausgegangen. Es ist durchaus möglich, dass wir noch in der Epoche Montaignes leben.

Stevenson und Conan Doyle waren mir am Anfang ebenfalls wichtig – sie haben mich dazu gebracht zu verstehen, was schönes Schreiben ist, und mich in die Literatur verlieben lassen. [Sergei] Dowlatow [1940-1990] ist für mich furchtbar wichtig, und früher war Tschechow wichtig. Das Interessanteste ist, dass meine Tante Mira Tschechow sehr liebte und sie hatte in ihrer Bibliothek einige der letzten Bände seiner vollständigen Ausgabe („Die Insel Sachalin“, einige späte Bücher), die irgendwo in den 1960er Jahren veröffentlicht wurden. Ich konnte nicht glauben, dass Tschechow so viel geschrieben hat – wir alle denken, dass er sehr wenig geschrieben hat. Und so waren diese Bücher von Tschechow für mich ein größerer Schock als seine Geschichten. Übrigens waren Puschkins Notizbücher, die ich in Kyjiw auf dem heißen Dachboden einer erstaunlichen Hütte in der Nähe des „Bleistifts“ las, zu einem bestimmten Zeitpunkt auch für mich sehr wichtig. Damals rief mich einer der Leiter des nationalen Fernsehens gemeinsam mit dem Journalisten Bohdan Skowron in die Hauptstadt, mietete für uns dieses Haus für eine Woche und gab uns die Aufgabe, zehn Folgen einer ukrainischen Fernsehserie zu schreiben, die „Menty“ [„Bullen“ – russische Fernsehserie über Kriminalität in St.-Petersburg 1998-2019] ähneln würde (lacht). Wir haben geschrieben, ein Honorar erhalten – und das war’s.

Eine Serie über ukrainische Milizionäre? [Bezeichnung für die Polizei bis 2015]

Eher über die Bullen, die Ermittlungsabteilung….

Erstaunlicherweise wird diese Episode in Deiner Biografie nicht erwähnt.

Es gibt darüber nichts zu sagen, weil aus diesem Drehbuch nichts geworden ist. Und wir haben dieses Material nicht, weil wir es dem Chef des Fernsehsenders gegeben haben. Seine damaliger Stellvertreterin war die Tochter des Sängers [Mykola] Moshowyjs – durch sie wurde auch diese Sache irgendwie entschieden. In diesem Haus im Stadtteil Kureniwka gab es ein Buch mit Notizen Puschkins, die mich sehr fesselten.

Ganz allgemein gibt es viele wichtige Autoren. Unbedingt erwähnen muss man [Wassyl] Stefanyk [1871-1936], ebenso ukrainische Poesie – [Bohdan-Ihor] Antonytsch [1909-1937] war für mich sehr bedeutsam.

In „Vom Sinn zum Essentiellen“ las Pamwa Lieblingsgedichte Brodskys am Mikrofon. [gemeint ist eine Erzählung aus dem 2004 erschienenen Band Prochaskos „Lexikon des geheimen Wissens“, ukrainisch zu lesen auf der Seite Ukrlib.com.ua; Joseph Brodsky, russisch-amerikanischer Schriftsteller, Nobelpreisträger für Literatur, 1940-1996, Anm. d. Übers.]

Ja, er war mir auch schrecklich wichtig.

Wie hat sich Deine Beziehung zu seinen Gedichten im Kontext von Brodskys Haltung gegenüber der Ukraine entwickelt?

Es stört mich nicht. Ich bewunderte die Werke vieler Menschen, die nichts über die Ukraine wussten oder die keine Freunde der Ukraine waren oder sogar ihre Feinde. Ich spreche natürlich nicht über die Gegenwart und irgendeinen [Sachar] Prilepin [russischer nationalbolschewistisch ausgerichteter Schriftsteller, 2016-2018 stellvertretender Bataillonskommandeur in der sogenannten „Volksrepublik Donezk“, Anm.d.Übers.]. Und ich weiß mit Sicherheit, dass das für Brodsky nicht wichtig war, so dass solche Fälle die Freude an den Texten nicht verderben können. Ich bin kein Fan der Person Brodsky und seines täglichen Lebens – ich würde kein Bild von ihm über das Bett nageln. Aber Brodskys Gedichte, trotz seines antiukrainischen Gedichts, kommen mir sehr zupass.

3. Oktober 2020 // Tetjana Teren

Quelle: Lewyj Bereg

Anm. des Übers.: In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe von Interviewbänden mit ukrainischen Autoren und Denkern erschienen, in die sich das hier kurz vorgestellte Buch einreiht. „Erfunden“ hat sie Isa Chruślińska, die Interviews mit Jaroslaw Hryzak, Oxana Sabuschko und Josyf Sissels führte.

Tetjana Teren, die zeitweilig das ukrainische Buchinstitut leitete und heute Vizepräsidentin des ukrainischen PEN Clubs ist, hat daher den in der Ukraine – auch wegen seiner leichten Ironie und seines offenbar interessanten Lebens – sehr beliebten Autor Taras Prochasko (* 16.5.1968) befragt. Auf Deutsch liegt von ihm allein vor: Daraus lassen sich ein paar Erzählungen machen. Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck. Edition Suhrkamp Frankfurt/M. 2009.

Übersetzer:    — Wörter: 1943

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