Ein Held unserer Zeit: Was die Heroisierung von Kusma Skrjabin zeigt


Vom Moment des tragischen Todes Andrij Kusmenkos [A. d. Ü. – Leadsänger der ukrainischen Band Skrjabin, 1968-2015] im Februar 2015 an schuf ein Teil der Öffentlichkeit einen Nimbus des Heroismus um seine Figur. Die Umbenennung von Straßen zu seinen Ehren, die Herausgabe von Büchern und die Perpetuierung der Erinnerung – die Liste ist lang. Am markantesten ist hierbei, dass im Fall Kusmas der für unsere Gesellschaft traditionelle schwarz-weiße schemenhafte Diskussionscharakter vorherrscht. Für die Anhänger ist er beinahe ein Prophet und für die andere Seite vor allem derjenige, der 2004 leidenschaftlich Wiktor Janukowytsch unterstützte. Also ist es nicht verwunderlich, dass das Erscheinen eines Dekrets des Präsidenten Wolodymyr Selenskyj am 17. August über die Verleihung des Titels „Held der Ukraine“ an Andrij Kusmenko einen weiteren Ausbruch der Polemik um ihn in den sozialen Netzwerken auslöste.

In Bezug auf eine präsidiale Auszeichnung ist dies nicht der erste Fall einer Ehrung Kusmas nach dessen Tod vonseiten der Staatsoberhäupter. Bereits im Herbst des Jahres 2015 verlieh ihm Präsident Poroschenko posthum den Orden „Für Verdienste“ ersten Grades. Ob die Handlungen Poroschenkos und Selenskyjs politische PR waren/sind? Möglicherweise. Doch es lohnt sich definitiv nicht, über die Figur Kusmas wegen der Aktionen der Präsidenten zu streiten.

Es lohnt sich nicht, weil es fraglich ist, ob Andrij selbst eine solche Auszeichnung gewollt hätte. Und gerade deshalb, weil es eine gewissermaßen zweifelhafte Ehre ist. Um staatliche Auszeichnungen, insbesondere den Titel „Held der Ukraine“ gibt es schon länger Diskussionen. Sogar über die Zweckmäßigkeit der Erhaltung einer solchen Auszeichnung generell. Der Grund ist sehr einfach: Abgesehen von der Ehrung wirklich verdienter Menschen, insbesondere Helden der Antiterroristischen Operation sowie der Streitkräfte, finden sich auf der Liste der mit diesem Titel in den letzten mehr als 20 Jahren Ausgezeichneten Namen, die beschämend sind. Wolodymyr Lytwyn [ehemaliger Parlamentspräsident], Jurij Bojko [Energieminister 2010-2012, Vizeregierungschef 2012-2014], Juchym Swjahilskyj [1993-1994 kommissarischer Ministerpräsident] und mehrere ähnliche Persönlichkeiten sind bei uns auch offiziell „Helden der Ukraine“. Wie auch eine Reihe von Personen, die die Annexion der Krim durch Russland oder dessen Aggression im Donbass unterstützten. Und die russische Staatsbürgerschaft annahmen sowie die russische Macht auf der Halbinsel aktiv ausbauten.

In den ukrainischen Realien sind nicht die staatlichen Auszeichnungen, sondern das gesellschaftliche Gedächtnis wichtig. Obwohl wir am Beispiel Andrij Kusmenkos unten auch hier das Vorhandensein seiner „Fallstricke“ sehen werden, bereitet dieser Weg dennoch viel seltener Schwierigkeiten als der offizielle.

Vertreter des Showbusiness in der Politik – das ist ein altes und schmerzhaftes Thema, welches seit dem letzten Jahr begann, mit neuen Farben und Schattierungen zu spielen.[Anspielung auf Präsident Wolodymyr Selenskyj und den Rockbarden Swjatoslaw Wakartschuk, der aber inzwischen sein Parlamentsmandat wieder abgegeben hat, A.d.R.] Trotz der traditionellen Vorstellung, dass es sich für sie nicht lohnt, in die Politik zu gehen, um Blamagen zu vermeiden, leitet heute ein aus dieser Sphäre Eingewanderter den Staat, ein anderer erhebt Anspruch auf den Posten des Bürgermeisters von Kyjiw [der Moderator und Showman Serhij Pritula ist momentan Mitfavorit in Kyjiw, A.d.R.] und viele mehr in der Verwaltung anderer Städte oder sie sitzen bequem im Parlament. Aber das ist eher eine Hommage an eine vorübergehende Mode und ein Zeugnis für ernsthafte Probleme – sowohl der Eliten als auch der Gesellschaft.

Das Beispiel Kusmas zeigt – im Gegenteil – das gewöhnliche Bild: Es ist nicht erwünscht, dass Künstler sich in die Politik einmischen. (Swjatoslaw Wakartschuk wird nicht lügen.) Andrij Kusmenko hatte eine aktive Position und beteiligte sich sogar am politischen Projekt „Komanda osymoho pokolinnja“ [„Team der Wintergeneration“ – eine bei den Parlamentswahlen im Jahr 2002 erfolglose politische Allianz aus mehreren Parteien, A. d. Ü.]. Doch am meisten blieb er durch seine Teilnahme an der Wahlkampftour zugunsten von Wiktor Janukowytsch in Erinnerung. Es kam mit ihm auch später zu Ereignissen rund um die Politik, wenngleich auch zu keinen so markanten.

Aber im Gedächtnis vieler bleibt vor allem Kusma – die Verkörperung zweier populärer Eigenschaften gleichzeitig: des Kultsängers und des aktiven Regierungskritikers, insbesondere in den letzten Lebensjahren. Es ist sinnlos, über die Pop-Errungenschaften zu streiten. Dem einen gefallen die Lieder von „Skrjabin“, dem anderen kategorisch nicht. Doch es ist schwer zu leugnen, dass er und seine Band eines der Symbole der ukrainischen Szene der 90er- und Nullerjahre wurden. Genau dafür kann und soll er geehrt werden. In diesem Zusammenhang warten wir ungeduldig auf die Verfilmung seines Buches „Ja, ‚Pobjeda‘ i Berlin“ [„Ich, ‚der Sieg‘ und Berlin“, A.d.R.], denn der Text ist es wert.

Ein weitaus interessanterer Fall mit Kusma ist der des Regierungskritikers. Hierin liegt einer der Schlüssel zum Verständnis seiner jetzigen Popularität. Diese Kritik war hinlänglich bedeutungslos. Sehr symbolisch ist der berühmte Satz des Sängers: „Der ganze Abschaum, der in der Werchowna Rada sitzt, sollte erschossen und erschlagen werden.“ Mit einem solchen Programm hätte Kusma eine ernsthafte Kraft bei den Präsidentschaftswahlen im letzten Jahr oder bei den diesjährigen Kommunalwahlen sein können. Reale Tatsachen.

Indem er jeden und alles kritisierte (oftmals zu Recht), bot Kusma kein „positives Programm“ an. In seinen Worten und Taten verkörperte er tatsächlich ein in unserer Gesellschaft sehr populäres Verhaltensmodell – die Verantwortung für alles ausschließlich auf die Regierung zu verlagern. Aber sich dann zu beschweren, dass man „uns zurückgelassen hat“. In diesem Sinne ist er wahrlich sehr „ein Held unserer Zeit“.

Wenn man mit einem solchen Bild arbeitet, ist es schwer, etwas Nützliches zu tun. Andererseits ist es sehr leicht, dem „einfachen Ukrainer“ zu gefallen. Also muss man sich nicht darüber wundern, dass nach Kusmas Tod bei einem Autounfall einige völlig ernsthaft an die Verschwörungstheorie glauben, dass eine „kriminelle Macht“ auf derartige Weise den unbequemen Sänger und „Wahrheitssucher“ losgeworden ist.

Man muss das Schweiß-Weiß-Denken loswerden. Die Welt ist kompliziert und oft ambivalent. Und die Menschen in ihr sind genauso. Erfolg im Showbusiness und beim Schreiben von Kultsongs macht einen Menschen nicht automatisch zu einem Experten in allen Lebensbereichen. Man kann eine musikalische „Ikone“ einer Epoche sein, aber gleichzeitig vollkommenen Unsinn in politischen Fragen treiben (und wieder ist Wakartschuk unser Zeuge). Wenn man also über das Erbe Andrij Kusmenkos spricht, lohnt es sich, zwischen seinen Leistungen im musikalischen und literarischen Bereich (und übrigens sind die Bücher gar nicht übel) und seiner gesellschaftspolitischen Aktivität zu unterscheiden.

Man muss endlich damit aufhören, ein Idol aus jedem zu erschaffen, der schön, laut und vorzugsweise in vulgärer Sprache die Regierung kritisiert. Denn der Grund des Elends liegt nicht nur bei ihr, sondern auch bei uns allen. Zumindest deshalb, weil wir die Möglichkeit haben, die Regierung frei zu wählen, wenngleich wir das oft nicht schätzen. Wenn man nach Vorbildern sucht, sollte man sich daher daran erinnern, dass nicht nur die Form, sondern auch der Inhalt von Bedeutung ist. Denn wenn man das vergisst, werden regelmäßig neue Nadija Sawtschenkos oder Semen Sementschenkos auftauchen.[Parlamentsabgeordnete nach dem Umsturz von 2014, A.d.R.] Es wäre eine Schande zu sehen, wie Kusma in einer solchen Gesellschaft zurückbleiben würde. Immerhin hat er trotz allem Besseres verdient.

27. August 2020 // Roman Lechnjuk

Quelle: Zaxid.net

Übersetzerin:   Agnes Poitschek  — Wörter: 1147

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