Territoriale Neurose


Territoriale Fragen sind einer der Eckpfeiler in der Ukraine. Einen ukrainischen Staat gab es noch nicht, unsere Theoretiker aber überlegten bereits, wie er aussehen sollte: vom San bis zum Don oder bis zum Kaukasus? Und Kuban? Und vielleicht auch die Grüne Ukraine zwischen dem Amur und dem Pazifischen Ozean? …

Expansionistische Ideen haben wir mit Verweisen auf die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung gerechtfertigt. Unser Blütenduft, unsere Fußstapfen sozusagen über die ganze Welt, wenn man aus dem Russischen übersetzt „Wo ich bin, da ist Russland“. Die Krim freilich, auf der die Ukrainer stets in der Minderheit waren, hielten wir einfach als zu uns gehörig und dachten nicht allzu viel über historische Feinheiten nach. So war es kaum verwunderlich, dass der Verlust der Halbinsel einen schmerzhaften Schlag auf unsere nationalen Gefühle darstellte. Und eben deshalb ist es notwendig, so schnell wie möglich sich der territorialen ukrainischen Neurosen anzunehmen, solange sie sich noch nicht zu sehr vertieft haben.

Die erste expansionistische Herausforderung des unabhängigen ukrainischen Staates wurde Transnistrien. Glücklicherweise waren wir damals zu sehr mit inneren Streitigkeiten befasst, um ernsthaft in die moldawischen Krise einzusteigen. So beschränkte sich unsere Präsenz in Transnistrien auf ein kleines Kontingent von Kämpfern aus der UNSO (Ukrainische Nationale Selbstverteidigung). Ihre Welt-„Reisen“ fanden ihren Weg in die neueste nationalistische Mythenschreibung über jene Zeiten, als die Ukraine noch kaum Gegenstand von Geopolitik war. Abgesehen von abenteuerlichen Überlegungen leitete die UNSO die Idee des Schutzes der ukrainischen Bevölkerung und der strategischen Interessen der Ukraine. Tatsächlich beschleunigte aber die Kosakentätigkeit der Ukrainer aufseiten der Transnistrischen Moldawischen Republik nur die Umwandlung der Region in ein geopolitisches schwarzes Loch. Aus diesem dringen nach einigen Berichten nun prorussische Provokateure in die Ukraine ein.

Die Landsleute, die die UNSO-Kämpfer vor den Moldawiern schützen wollten, waren in genau der gleichen Lage, in die heute die Bewohner des Donbass zu geraten drohen. Eine nicht anerkannte Republik, Gruppen von Kämpfern, träge Militäraktionen, eine Lähmung der Zentralregierung vor Ort. Und all dies mit dem bitteren Beigeschmack von Geopolitik. Selbst die Entsprechung zu den UNSO-Kämpfern ist da. Vergleichen Sie nur bei den russischen „Terroristen“: Moshajew („Babaj“), Girkin „Strelok“/Schütze), Krassilnikow („Der Rote“): Das ist der für die UNSO-Typen spezifische Widerstand der 90er Jahre. Auch nach ihren Überzeugungen sind die einen wie die anderen Nationalisten, auch wenn sie unterschiedliche Kleidung tragen. Selbstverständlich hat jede historische Analogie ihre Schwächen, weil jede historische Situation einzigartig ist. Aber von Zeit zu Zeit muss man diese im Spiegel betrachten, auch wenn dieser etwas verformt ist.

Erinnern Sie sich, wie im letzten Jahr ukrainische Nationalisten versuchten, den Tag der Wiedervereinigung der Ukraine [von 1919] bis hin zu Stawropol zu feiern? Klar, wenn man sich Dmytro Kortschynskyj ansieht, dann wird es eine Kreuzung zwischen einer avantgardistischen Performance und kaum verständlicher politischer „Verwirrung“. Währenddessen spielte er nur auf den ukrainischen territorialen größeren Einheiten. In der Tat kann die Ukraine nicht einmal das Donezbecken halten. Während zweier Jahrzehnte konnte Kyjiw den Osten weder mit Informationen noch mit Ideologie oder gar mit Gewalt beherrschen; genau deshalb ist der Widerstand gegen die Regierung im Donezbecken so erfolgreich. So musste selbst der Leiter des Geheimdienstes (SBU) Walentyn Nalywajtschenko anerkennen: Die anti-terroristische Aktion „gerät ins Stocken“ durch den Widerstand der Zivilbevölkerung, die die bewaffneten Aufständischen anstatt die Gesetzeshüter zu unterstützen bevorzugt. Wir haben uns aufgemacht, „in einer blutigen Schlacht zu stehen“ bis zum Don und es kam dazu, dass man für „das eigene Land“ bereits am Nord-Donez kämpft. Daher sind die ukrainischen gierigen Blicke zum Kuban und Stawropol nur ein überhaupt nicht komischer Witz.

Am schwierigsten aber ist es heute über die Krim zu schreiben. Es scheint, dass dieses Trauma nicht nur eine Generation von Ukrainern überdauern wird. Im Augenblick sublimiert die patriotische Bürgerschaft Verzweiflung, indem sie auf Putin und Unentschlossenheit der neuen Regierung fluchen. Wir sind noch nicht bereit zuzugeben, dass die Möglichkeit des „freundlichen Anschlusses“ eine historische Zusammenfassung der Politik Kyjiws in Hinblick auf die Krim ist. Selbst seinen treuen Satelliten, den Tataren zollte Kyjiw für die Loyalität Anerkennung und Belohnung, als es bereits zu spät war. Ungefähr so prahlen heuchlerische Verwandte mit Verstorbenen, mit denen sie sich im Leben kaum wirklich unterhalten haben. Zugestanden, einst hat die Ukrainische Sowjetrepublik die Krim von einer halben Einöde in eine lebenswerte Gegend umgewandelt. Aber dies war eine Heldentat „ruhmreicher großer Vorfahren“. In der unabhängigen Ukraine verkam die Politik des Zentrums für die einzelnen Regionen zu einer mehr oder weniger systematischen Trockenlegung der Finanzmittel „oben“ unter gleichzeitiger Beteiligung der der lokalen Eliten. „Der Staat Ukraine hat sich niemals ernsthaft um die Krim gekümmert“, sagt der ehemalige Beamte von der Krim Wadym Hryb, und es ist schwer, ihm nicht zu glauben. Die Kurorte der Krim sind schlechter und teurer geworden als manche türkischen, und dies vor dem Einmarsch der Donezker Politiker nach Kyjiw. Von einer Kultur- und Sozialpolitik, von der Bildung eines konstruktiven politischen Konsenses darf man gar nicht erst reden.

Die Unfähigkeit, die vorhandenen Territorien in der Gesellschaft zu regieren, begann vor ein paar Jahren klar zu werden. In genau diesem Sinne sind die Aussagen der Schriftsteller Andruchowytsch, Schkljar und einer ganze Schar anderer Intellektueller über die Notwendigkeit der Abtrennung von einer Reihe von süd-östlichen Gebieten, einschließlich der Krim, zu verstehen. Dies ist der teils bewusste, teils unbewusste Wunsch, die für die Einheit erdrückende Last loszuwerden. Die öffentliche Äußerung führte zu einem Skandal, weil die Anerkennung des Staatsversagens im Gegensatz steht zum nationalen Narzissmus. Aber jetzt ist die Situation zu kritisch, um sich mit Eigenlob zu abzugeben.

Offensichtlich braucht die Ukraine eine breite öffentliche Debatte über die territoriale Frage. Überlegungen darüber, ob wir das Donezbecken benötigen, das wir zusammen mit der Krim verloren haben, und wie man es zurückgewinnen kann, versucht bereits die Gesellschaft selber intensiv anzustellen und sie stellt zumindest einige Schlussfolgerungen an. Aber zuerst wäre es hilfreich anzuerkennen, dass das Problem überhaupt nicht in der „Dummheit der Ostler“ oder der „Arroganz der Bandera-Anhänger“ und ganz sicher nicht in der Gemeinheit des Kreml gründet. Es geht um die offenkundige und unbestreitbare Unfähigkeit der ukrainischen politischen Elite, ein einheitliches Land zu formen, und zwar selbst in den Grenzen, die es von der UdSSR geerbt hat. Aus diesem Grund haben wir heute mächtige zentrifugale Tendenzen in den Regionen, eine weitverbreitete separatistische Stimmung und bleiben tatsächlich anfällig für äußere Einflüsse. Die Aufrechterhaltung der territorialen Integrität der Ukraine ist nur möglich, wenn das politische und administrative System des Landes wiederhergestellt wird. Es mag trösten, dass die Notwendigkeit dieser Veränderungen heute ein Allgemeinplatz bei Politikern aller Lager ist. Aber letztlich brauchen wir keine Reihe von Erklärungen in Wahlprogrammen, sondern ein neues Konzept zur Entwicklung des Landes, das auf rein rationalen, pragmatischen Berechnungen im Sinne von Social Engineering, und kein ideologisches Sektierertum. Denn ukrainische Gebiete sind die, die die Ukraine tatsächlich in der Lage ist, festzuhalten, und alles andere sind entweder Fantasien oder ein historischer Unfall.

7. Mai 2014 // Maxym Wichrow

Quelle: ZAXID.NET

Übersetzer:    — Wörter: 1143

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und per täglicher oder wöchentlicher E-Mail.