Ein Aquarium für Janukowitsch


Die Reise des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch zur Jubiläumsfeier der Breslauer Universität wird allenfalls als eine „neblige Geschichte“ in Erinnerung bleiben, die übrigens vollständig, beziehungsweise ohnehin nicht aufgeklärt ist.

Gab es Nebel am Breslauer Flughafen oder war die Entscheidung, nicht zum Treffen mit den Präsidenten Polens und Deutschlands zu fliegen sogar politisch? Konnte die Maschine des Präsidenten der Ukraine planmäßig abfliegen oder wollte Janukowitsch tatsächlich kein Risiko eingehen? Entschied er sich nach Breslau zu fliegen, als ihm klar wurde, dass an die Geschichte mit dem Nebel niemand glauben werde oder hat er im Grunde den Flug einfach nur verschoben?

Die Wahrheit werden wir nie erfahren – weil, so fürchte ich, sie der ukrainische Präsident selbst nicht kennt. Er meidet instinktiv Treffen mit den europäischen Partnern, weil sie ihm fast ausschließlich Unangenehmes sagen und ihn aus dem bequemen Aquarium der Lügen, Schmeicheleien und des Konformismus herausziehen, in dem sich Janukowitsch wie ein Fisch im Wasser fühlt. Und jede Migration aus diesem Aquarium ist für den ukrainischen Präsidenten sehr schmerzhaft.

Insbesondere aus diesem Grunde haben er und die europäischen Präsidenten, welche Janukowitsch veranlassen wollen der Realität ins Auge zu schauen – unterschiedliche Ziele. Für die Präsidenten Polens und Deutschlands ist es wichtig, dass sich die Ukraine in europäische Richtung bewegt. Polen braucht einen einschätzbaren Nachbarn, Deutschland – eine ukrainische Wirtschaft mit europäischen Paradigmen. Und der ukrainische Präsident – dass das Land, welches er zur Regierung erhalten hat, sich in ein großes, warmes Aquarium verwandeln wird, in dem er sich bewegen kann ohne fürchten zu müssen, dass irgendwer an seiner Größe zweifelt und versteht, dass er gar kein Wal ist, sondern einfach nur ein Aquariumfischchen, das gar nicht groß werden kann. Groß kann nur das Aquarium werden. Und beim Bau dieses Aquariums sind die Europäer Janukowitsch keine Verbündeten.

Insbesondere deshalb kamen in Breslau keine Gespräche zustande. Und nach dem Treffen mit dem Präsidenten der Ukraine fand selbst der Präsident Polens, der gewöhnlich optimistisch eingestellt ist und nachdrücklich interessiert am Erfolg der polnischen EU-Ratspräsidentschaft, keine ermutigenden Worte mehr. Im Großen und Ganzen hat man in Warschau bereits verstanden, dass der Erfolg nicht mit einer Annäherung der Ukraine verbunden sein wird und jetzt sucht man lediglich nach einer Möglichkeit, würdig aus dieser Situation herauszukommen und die Lösung der ukrainischen Frage dem nächsten Ratsvorsitzenden zu übergeben, nämlich Dänemark.

Es versteht sich, dass für Kopenhagen die Ukraine wahrscheinlich keine Priorität darstellen wird und dass die Dänen die führenden Politiker nicht besonders berücksichtigen werden – überreden, wie die Polen, wird sie niemand. Den europäischen Anschluss kann man wohlbehalten vergessen.

Die Führung der Ukraine hat jetzt ganz andere Prioritäten. Das, was die ukrainischen führenden Politiker fieberhaft versuchen zu beweisen, dass ein Kompromiss mit Russland zu einem gewissermaßen neuen Gaspreis sich in Kürze finden wird, lüftet in Wirklichkeit den Schleier der Händel nur wenig, welche in der Hauptstadt unseres früheren Imperiums andauern. Und die Sätze sind hier wirklich sehr hoch, höher als bei den Gesprächen mit der Europäischen Union. Dahinter steckt auch die Kontrolle von „Gazprom“ über das ukrainische Gastransportsystem, wie die Möglichkeit der russländischen Oligarchen, die wichtigsten Objekte ukrainischer Industrie in ihren Besitz zu bringen, wie auch der Anschluss der Ukraine erst an die Zollunion und dann an die Eurasische Union (nachdem Russland selbst der WHO beigetreten ist), was schließlich aufhört politische Science-Fiction zu sein und sich in harte Forderungen wandelt, welche Wladimir Putin an seinen mit Pech geplagten Vasallen stellen wird.

Wer wird bei diesem Handel überhaupt an die Europäische Union denken, an die zivilisatorischen Möglichkeiten, die sich uns eröffneten, und die so rücksichtslos von Wiktor Janukowitsch und seinem Umfeld zertreten wurden? Jeden Tag werden wir Zeugen unterschiedlichster, nicht weniger ergreifender Nachrichten sein – wer ist verhaftet worden, wem hat man das Business weggenommen, wer ist für immer verschwunden, wie viele Leute sind infolge einer nicht genehmigten Demonstration zu Schaden gekommen… Was ist das denn für ein Europa? An Europa wird man erst wieder denken können, wenn das Aquarium, welches sich der Meschigorje-Bewohner so engagiert baut, ein Staat wird, und nicht ein Aufbewahrungsort für Fische und ihre Brut. Allerdings wird das Aquarium nicht in Europa, sondern in Weißrussland hergestellt…

17. November 2011 // Witali Portnikow – Witali Portnikow ist Chefredakteur und Fernsehmoderator des Programms TVi

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Wenke Lewandowski  — Wörter: 699

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