Belarus: Die Geburt einer Nation


Es ist üblich dem belarussischen Protest ein Scheitern vorherzusagen. Andersdenkenden hält man die Nichtbereitschaft zur Gewalt und das Vegetariertum im Verhalten der Protestierenden entgegen. Vor dem Hintergrund des „Tolstoi-tums“ der Protestierenden wirkt Lukaschenko wie ein harter Autokrat, hinter dessen Rücken sich der Schatten des „älteren Bruders“ abzeichnet.

Doch darin liegt es, dass Belarus bereits gesiegt hat. Das, was wir beobachten, sind die Geburtswehen einer politischen Nation. Andere Symbole. Andere Losungen. Die Suche nach sich selbst und das Nichteinverstandensein mit all der Ethik und Ästhetik, die Alexander Lukaschenko die vergangenen 25 Jahre geformt hat.

Unabhängig davon, wie diese Proteste enden, tauchte für Belarus die Chance auf Belorussland/Weißrussland zu verdrängen.

Und noch vor einem Jahr waren nur Einzelne bereit, die Wahrscheinlichkeit dafür zu diskutieren.

Das Echo des Krieges

Belarus an der ukrainischen Schablone zu messen, ist bekanntermaßen eine aussichtslose Sache. Schon deswegen, als die belarussische Nation um einige Jahrzehnte später als die ukrainische geboren wurde. Der schwedisch-amerikanische Historiker Per Anders Rudling schrieb über die Schwierigkeiten mit denen die Belarussen auf diesem Weg konfrontiert wurde.

Eines der Probleme war mit den Schwierigkeiten der Suche nach einem historischen Fundament verbunden. Das Narrativ des Großfürstentums Litauen fiel Litauen zu. Überdies wurde keiner der Regionen des Landes zuteil im Bestand eines anderen Imperiums zu leben und der alltägliche Stoff der Existenz des imperialen Russlands sah die Möglichkeit in „örtlichen Dialekten“ zu publizieren nicht vor.

Im Ergebnis begannen sich die ersten Sprösslinge der Nationalbewegung auf dem Territorium erst nach dem Jahr 1905 herauszubilden, als die revolutionäre Situation Petersburg dazu zwang die Verbote abzumildern.

Der nächste Entwicklungsimpuls war der Erste Weltkrieg. Und genauer die Okkupation eines Teils des russischen Imperiums durch deutsche Truppen.

Auf dem Territorium des modernen Belarus eröffneten die Deutschen massenhaft Schulen in denen in belarussischer Sprache unterrichtet wurde und im Dezember 1917 erreichte ihre Zahl 1300 (in denen bis zu 73.000 Kinder lernten). Interessant ist, dass sie nicht als Gegengewicht zum russischen Projekt, sondern zum polnischen geschaffen wurden. Doch, unabhängig von den Motiven, erhielt die Geburt der Nation noch einen weiteren Schub.

Die weißrussische Volksrepublik erhielt keine internationale Anerkennung, hatte keine Nationalwährung, keine Armee und Polizei. Doch dafür konnte sie sich eine nationale Symbolik gutschreiben. Und als die Bolschewiki ihre Politik der Korenisazija [sowjetische Minderheitenpolitik vor allem in den 1920ern, die insbesondere eine Förderung der jeweiligen Sprachen vorsah. A.d.Ü.] durchführten, erstreckte sich dieses Konzept auch auf diese Region.

Bis zum Beginn der 1930er Jahre erhielt die belarussische Nation die Möglichkeit sich aktiv selbst erfinden – dabei auf der Ebene der Schulprogramme, des akademischen Diskurs und des historischen Narrativs. Später setzte Moskau die Axt an die eigene frühere Politik an, zusammen mit denen, die diese vor Ort verwirklichten. Doch das Fundament war gelegt.

Die Ethnie ist nicht die Hauptsache

Eine Nation erfinden Menschen. Dieser Begriff gehört zur Kategorie der „erdachten Realitäten“. Eben jener Realitäten, die es der Menschheit erlaubten dazu zu werden, was sie ist.

[Yuval] Harari schrieb darüber, dass der Mensch auf der persönlichen Ebene in der Lage ist persönliche Beziehungen zu ungefähr 150 Individuen zu knüpfen. Eine Armeekompanie ist wie auch ein altertümlicher Stamm in der Lage über persönliche Bekanntschaften zusammenzuhalten. Doch für das Auftauchen von Städten, Staaten und Imperien braucht es etwas komplett anderes.

Die kognitive Revolution erlaubte es der Menschheit sich selbst erdachte Realitäten zu schaffen. Sie existieren nur in unserer Vorstellung – doch eben sie erlaubten es einer riesigen Zahl an sich persönlich einander nicht kennenden Leuten, gemeinsam Handlungen zu vollziehen.

Die Existenz des katholischen Glaubens erlaubte es zwei Unbekannten sich auf einen Kreuzzug zu begeben – denn sie verband die gemeinsame Vorstellung von Gott und der Schuld des Menschen vor ihm. Genauso wie zwei Mitarbeiter der ein und derselben globalen Korporation einander gegenüber mehr Loyalität empfinden können, als gegenüber denen, die nicht zu der Korporation gehören.

Und Nationen wurden dafür keine Ausnahme.

Menschen, die einander zum gleichen Gemeinwesen zählen, die an ein und die gleichen Symbole glauben und ein und dieselben Ansichten zu den nationalen Konturen und Idealen haben, die in der Lage sind zur Grundlage einer gesonderten nationalen Gruppe zu werden.

Die nationale Zugehörigkeit ist dem Menschen nicht von Geburt an gegeben – ihre Akzeptanz ist ein Ergebnis des Reifens und der Wahl. Andernfalls würde das Phänomen der Emigranten einfach nicht existieren.

Die intersubjektive Realität entsteht aus dem Glauben einer großen Zahl von Menschen an ein und dieselben Dinge. Wir glauben an den Wert von Banknoten und daher tauschen wir sie gegen reale Waren. Und können an die nationale Zugehörigkeit glauben und dann entstehen auf der Karte neue Staaten. Dabei ist eine Nation überhaupt nicht zur Unsterblichkeit verurteilt.

1939 lebten auf dem Territorium Russlands eine Viertelmillion Karelen. 2010 reduzierte sich ihre Zahl auf ein Viertel. Und das ist überhaupt keine Geschichte von physischer Vernichtung (welche die Karelen in gleichem Maße betraf, wie alle anderen). Moskau vermochte es einfach die Träger dieser nationalen Identität davon zu überzeugen, dass sie Russen sind. Ein Mythos wurde durch einen anderen ersetzt.

Der Versuch auf das Ethnische im Gespräch über Nationen zu verweisen, ist eher fragwürdig.

Der Unterschied zwischen Nord- und Südkorea liegt nicht in der Biologie. Der Unterschied liegt in den Mythen, zu denen man sich in diesen Staaten bekennt.

Das, woran wir glauben, wird zum Fundament unserer Gegenwart und unserer Zukunft. Und daher besteht die Frage nicht darin, inwieweit Belarussen und Ukrainer ethnisch benachbarten Völkern nahestehen. Die Frage besteht darin, ob auf dem Territorium des Landes eine „erfundene Realität“ unter der Bezeichnung „Nation“ geboren wurde oder nicht.

Reifezeugnis

Es muss eine wichtige Sache verstanden werden. „Erfundene Realitäten“ tauchen nicht einfach auf, existieren und verschwinden. Sie können sich zusätzlich einander befehden. Von der Sache her ist die Natur des gegenwärtigen Krieges zwischen der Ukraine und Russland eine Geschichte der Konkurrenz zweier Mythen über unser Land. Der Führer des einen ist Moskau, des anderen Kiew.

Moskau träumt davon, dass die Ukraine sich zum russischen Mythos über sich selbst bekennt. Eben jenem, in dem an das „Ukrainertum“ bestenfalls kleinere ethnografische Reservate zugeordnet sind und alles andere wird Teil des imperialen Diskurses.

Der Krieg der Nationalmythen findet auf der Ebene des Streits über die Geschichte statt. Auf der Ebene von Diskussionen über das Wunschbild für die Zukunft. Auf der Ebene von Debatten darüber, was als Norm angesehen wird.

Die Ukraine versucht sich selbst innerhalb ihrer Grenzen mit dem eigenen Nationalmythos abzugrenzen – um sich vor dem russischen Mythos zu schützen.

Und die aktuellen Ereignisse in Belarus sind ebenso eine Geschichte über die Geburt eines alternativen nationalen Mythos. Desselben, der hinreichend spät auftauchte, nur kurz existierte und der in den postsowjetischen Jahrzehnten kritisch wenig Anhänger hatte.

Lukaschenko versuchte sich 25 Jahre lang das Monopol an seiner Version des Nationalmythos zu sichern. Im Rahmen dessen die Wurzeln der Existenz des Landes nur zum sowjetischen Erbe führten. Die symbolische Reihe seines Mythos folgte der Belorussischen Sowjetrepublik – mit minimaler Subjektheit und minimaler Souveränität.

Seinem Projekt opferte er Flagge, Emblem und die belarussische Sprache. Und lange Zeit schien es, dass es uns zufiel zu Zeugen des Untergangs zu werden – in welchem die Belarussen verurteilt sind sich im russischen imperialen Körper aufzulösen. Wenn der nationale Mythos über sich selbst im besten Fall von einer regionalen Spielart des „russländischen“ ersetzt wird.

Doch all die gegenwärtigen Proteste geben Belarus eine Chance. Die Menschen, die auf die Straßen gehen, erhalten die Erfahrung von Solidarität. Vor unseren Augen erfinden die Menschen des Landes ein neues Gemeinwesen, die Zugehörigkeit dazu erlaubt einander unbekannten Leuten gemeinsam zu kooperieren. Das ist genau das, was üblicherweise mit den Worten „politische Nation“ und „Bürgergesellschaft“ bezeichnet wird.

Und es macht keinen Sinn den Belarussen Naivität vorzuwerfen. Unwilligkeit sich vom „großen Bruder“ abzugrenzen. Dass sie nicht bereit sind, die nationalen Losungen mit antiimperialen zu verbinden.

Schlussendlich hat die Ukraine ebenso nicht wenig Zeit dafür verschwendet, um sich von den eigenen Illusionen zu lösen. Und der Endpunkt in dieser Ernüchterung wurden die Annexion der Krim und die Invasion im Donbass.

Wenn Russland sich dazu entschließt, sich aggressiv in den Protest einzumischen, dann führt das lediglich dazu, dass die Liste der Antihelden des belarussischen Aufstands wächst.

Wenn in dieser Liste gerade lediglich Lukaschenko und seine Umgebung sind, dann könnten darin in Zukunft russische Funktionäre aufgenommen werden.

Ja, die summierten Bemühungen der beiden Hauptstädte [Minsk und Moskau] könnten taktisch mit den Protesten fertig werden. Doch die vor einem halben Jahrhundert stattgefundene Niederlage der Organisation Ukrainischer Nationalen und der Ukrainischen Aufstandsarmee führt nicht zur Auslöschung der Erinnerung an den kollektiven Mythos der Ukrainer über die Ukraine.

Vor unseren Augen beginnen die Belarussen, sich selbst zu erfinden. Wünschen wir ihnen Erfolg.

19. September 2020 // Pawel Kasarin

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1423

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