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Der Kreml als Hauptvertreter der Russophobie

Putin im BärenfellPutin im Bärenfell, Foto: putinart.ru
„Ich verspreche, die ethnischen Russen und die Ukrainer, die ihre unzerreißbare Verbindung zu Russland fühlen, zu verteidigen.“ Das äußerte Putin vor einem Jahr. Währenddessen verhält sich der Kreml wie der konsequenteste Russenfeind.

Die Sache ist die, dass Moskau sich schon das ganze letzte Jahre das Denken zunutze gemacht hat, Russen außerhalb Russlands seien undenkbar. Dass sie sich mit der Zeit immer mehr ihrer neuen Umgebung anpassen, sich in der 2. oder 3. Generation assimilieren und lächerliche Markennamen mit der Endung -off hinterlassen würden.

Dass der Staat der einzige Pfeiler ist, an dem sich der Russe halten kann, andernfalls wird er wie der letzte Dreck behandelt. Die Schlussfolgerung hieraus ist, dass man alle Russen nach Russland umsiedeln muss, entweder einzeln, oder mit dem Territorium, auf dem sie sich befinden.

Mehr noch. Moskau verkauft aktiv das „Russischsein“ als abgepackte Ware. Nach dem Motto: Wenn du Russe bist, musst du dich über die Krim und den Donbass freuen, sowie darüber, Obama als Affen zu bezeichnen und Kosakenpatrouillen für die Träger bunter Hosen zu fordern.

Wenn du Russe bist, musst du die roten Ziegelmauern des Kremls anbeten, sowie jene, die dort begraben sind.

Wenn du Russe bist, dann gehst du in Stiefeln zum indischen Ozean, den Ukrainern an den Kragen, mit Iskander-Raketen auf den Louvre und entsendest Erlösungsgebete im Namen der Archaik.

Kommt es mir nur so vor, oder ist das Schwachsinn?

In den letzten anderthalb Jahren hat gerade der Kreml es geschafft, die Russen im gesamten Raum der ehemaligen Sowjetunion zu marginalisieren. Er hat ihnen sogar faktisch die potenzielle Möglichkeit genommen, gemeinschaftlich für ihre Rechte zu kämpfen, es ihnen unmöglich gemacht, in irgendeiner Weise am politischen Leben in dem einen oder dem anderen Land teilzuhaben. Jeder beliebigen Erwähnung des Wortes „russisch“ wird nun „Krimkrise“ und „#путинвведивойска“ („putinwwediwojska“. „Putin, entsende Truppen“) als Echo widerhallen.

Der Kreml hat alle davon überzeugt, dass jede beliebige Organisation mit der Bezeichnung „russisch“ lediglich eine Irredenta sei, ein latenter Faktor der Einflussnahme, welcher sich an Moskau orientiert und nicht an der Hauptstadt seines eigenen Landes.

Er hat alle Bemühungen derer zunichte gemacht, die versucht haben, Russen auf dem Gebiet der postsowjetischen Länder einzugliedern oder derer die meinten, die Russen könnten am politischen Leben nicht nur in der Rolle der „Baba Jaga“ teilhaben, die immer dagegen ist.

Faktisch betrachtet, sieht sich der heutige postsowjetische Russe gezwungen, alle Etiketten herunterzureißen, mit denen Moskau ihn behängt.

Denn unter dieser Dachmarke vereinen sich nun Wika Zyganowa und Chirurg, Wsewolod Tschaplin und Ramsan Kadyrow, militante Homophobie und radioaktive Asche, Pelzmantellager und „Russia Today“. Der Kreml hat es geschafft, das „Russischsein“ mit Begriffen wie brachialer Archaik, Obskurität und Chauvinismus zu belegen und zudem all die als fünfte Kolonne zu erklären, deren Verständnis des Begriffes „Russischsein“ davon abweicht.

Und jedes mal, wenn jemand den Kreml mit den Russen gleichsetzt, dann gießt er Wasser in die Mühlen des offiziellen Moskaus.

Denn der derzeitige Krieg ist kein ethnischer, sondern es ist ein Wertekrieg.

Ein Kampf des Pro – und Postsowjetischen. Ja, und eben die Ukraine ist heute zu umkämpftem Grenzland geworden, zum Flagschiff eben dieses Postsowjetischen, welches versucht, sich dem Epizentrum des Revanchismus zu entreißen. Ihre (Ukraine) Werte kann jeder der will für sich übernehmen, wobei die Endung des Nachnamens oder die Blutsverwandtschaft zweitrangig sind.

Probieren Sie doch mal, einen Kreml-Verfechter zu fragen, ob es den Russen möglich ist, frei zu denken und zu handeln.

Für wen nicht die Notwendigkeit besteht, sich aus Angst vor dem Bevorstehenden auf das Vergangene zu stützen.

Wer nach den bestehenden Regeln spielen und sie nicht umschreiben möchte.

Wer ein „Stolz“ (Anm.: Figur aus I.A. Gontscharows „Oblomow“) sein kann und nicht ein Manilow gemischt mit Oblomow.

Für wen das Gefühl der eigenen Würde wichtiger ist als die Möglichkeit, die Schweden von sämtlichen Abschussbasen aus bedrohen.

Höchstwahrscheinlich würde man Sie zu einem Agenten des amerikanischen Außenministeriums erklären.

Denn genau solche Russen stellen eine Bedrohung für den Kreml dar. Sie widersprechen von Natur aus allem, was sich heute das offizielle Moskau auf seine Fahnen geschrieben hat.

Moderner Krieg – das ist ein Kampf der Archaik mit der Zukunft und in diesem Krieg hat der Kreml die russische Kultur als Geisel genommen, indem er versucht, sämtliche moralischen Autoritäten der Vergangenheit unter seine Fahne zu stellen.

Doch ein ideologisches Gewehr auf die Menschen vergangener Epochen zu richten ist genauso unsinnig, wie die vergangenen Epochen anhand der Gesetze von heute zu verurteilen.

Der Kreml kompromittiert andauernd das „Russische“ und versucht damit diesem „Russischen“ die den Weg zu einer Distanzierung abzuschneiden. Er privatisiert es und gibt ihm die eine einzige Interpretation des eigenen Vergangenen und Zukünftigen vor. Das Recht auf ein alternatives Wertesystem wird nicht anerkannt. Jeder, dessen Meinung davon abweicht, wird zum Verräter erklärt, der Russland zugunsten merkantiler Interessen verrät.

Die ästhetische Archaik vereint sich mit der ethischen. Sowjetische Flaggen mit staatlicher Homophobie. Die sowjetische Rhetorik mit öffentlicher Denunziation. Die Selbstachtung ist auf Herabwürdigung und Missachtung anderen gegenüber aufgebaut. Die Monologe Schwanezkijs werden wieder aktuell. Dowlatow wird als Zeitgenosse aufgefasst. Sorokin sieht wie ein Prophet aus.

Das Problem ist nur, dass diese ganze Konstruktion lebensunfähig ist.

All diese Gespräche über Zusammenhalt sind Totgeburten. Es ist unmöglich, im Kampf um die Zukunft zu siegen, wenn man in der Gegenwart um die Wiedergeburt des Vergangenen bemüht ist.

Der Versuch des Kremls, das „Russische“, einschließlich der Literatur, Kultur, Geschichte und Sprache zu monopolisieren, ist gewöhnliches „Corporate Raiding“ (Anm.: dtsch.: Unternehmensplünderung). Es ist nichts anderes, als der Versuch, Puschkin und Tolstoi zu Handelsvertretern für den Verkauf alter sowjetischer imperialer Phantome zu machen.

Wenn man euch erzählen wird, dass dieser Krieg ein Krieg mit den Russen sei, dann ist das so nicht richtig.

Denn die Konfrontation findet mit den Pro-Sowjetischen statt. In diesem Krieg befinden sich die Russen auf verschiedenen Seiten der Schützengräben und die Wahl ihrer Barrikaden hängt nur davon ab, ob sie das Vergangene galvanisieren wollen.

Die Tatsache, dass Pro-Kreml Autoren diese Position zur Ketzerei erklären, macht Hoffnung.

3. Juli 2015 // Pawel Kasarin

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:   Helena Hempel  — Wörter: 1045

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