FacebookTwitterVKontakteTelegramWhatsAppViber

Ist es wirklich so wichtig, in welcher Sprache wir sagen, dass die Ukraine am A... ist?

Ich werde diesen Artikel gleichzeitig in zwei Sprachen verfassen.1 Auf diese Weise versuche ich, die Sprachensituation in der Ukraine mehr oder weniger korrekt wiederzugeben. Diese Situation ist, vorsichtig ausgedrückt, nicht einfach, und ich erlaube mir, einige aus meiner Sicht wichtige kennzeichnende Aspekte anzuführen:

  • Die ukrainische Sprache dominiert im offiziellen Sprachgebrauch des Staatsapparates, bei Arbeitsgesprächen und inoffizieller Kommunikation innerhalb der Behörden dagegen tritt sie in den Hintergrund.
  • In der Geschäftswelt dominiert die russische Sprache total.
  • Die Bildungssprache ist in der Ukraine hauptsächlich Ukrainisch.
  • In den Medien und in der Breitenkultur ist Russisch vorherrschend, jedoch ist die seit 10 Jahren erfolgende Stärkung der Position der ukrainischen Sprache in diesem Gebiet nicht zu übersehen.
  • Ein akutes Problem stellt die Sprachenfrage nur für die Galizier sowie die Einwohner der Krim, des Gebiets Odessa und des Donezbeckens dar. Alle anderen fühlen sich in der derzeitigen Situation durchaus wohl.
  • In unserem Lande ist bereits eine Generation aufgewachsen, die im Alltag russisch redet, die russische Sprache jedoch nicht auf der Ebene der Grammatik kennt.
  • Die Bilingualität hat dazu geführt, dass die Ukrainer sich gar nicht immer bewusst sind, in welcher Sprache sie eigentlich gerade reden, lesen oder Informationen aufnehmen.

Diese Liste ist zweifellos nicht vollständig, und der geneigte Leser kann sie durch eigene Beobachtungen und Überlegungen ergänzen. Ausklammern möchte ich an dieser Stelle allein die Frage, ob die beschriebene Situation für das Land ein Fluch oder ein Segen ist. Sie ist ein Faktum genau wie das Wetter: Der Platzregen draußen vor dem Fenster mag gefallen oder nicht, doch unsere Einstellung vermag die Situation nicht zu ändern. Letztlich würde ich vorschlagen, die detaillierte Beschreibung der Sprachensituation sowie die Ausarbeitung von Schlussfolgerungen und Empfehlungen Sprachwissenschaftlern, Sozialpsychologen und Pädagogen zu überlassen – d. h. Menschen, die diese Fragen, im Unterschied zu Herrn Kolesnitschenko (Partei der Regionen, einer der Urheber des diskutierten Sprachengesetzes) oder Frau Farion (Politikerin von Swoboda), professionell und mit wissenschaftlicher Ehrlichkeit behandeln.

An dieser Stelle schlage ich vor, über etwas anderes zu reden: Wie können wir vermeiden, dass der völlig natürliche Wunsch der Bürger, in ihrer Muttersprache miteinander zu verkehren, ausgebildet zu werden und Kultur zu konsumieren, für politische Manipulationen missbraucht wird und infolgedessen die Spaltung der ukrainischen Gesellschaft weiter vorantreibt? Schließlich enden in unserem Land so gut wie alle Diskussionen über die Sprachenfrage dank übereifriger „Bewahrer“ und bezahlter Provokateure auf beiden Seiten entweder in wildem Durcheinanderreden oder in unflätigen Beleidigungen. Die miesen Politiker sammeln Punkte, während wir – Bürger eines Landes – einander zu hassen beginnen. Mehr als einmal musste ich mit ansehen, wie, sobald das Thema die Sprachenfrage streift, im Übrigen kluge und gebildete Menschen im Handumdrehen zu „Kolesnitschenkos“ oder „Farions“ werden, d. h. zu kreischenden, aggressiven Wesen, die keine andere Meinung als die eigene gelten lassen. Das ist wirklich erschreckend.

Einen Ausweg gibt es immer. Erstens muss die Sprachenpolitik, wie bereits erwähnt, in die Hände von Sprachwissenschaftlern gelegt werden. Sie sind es, die ein Konzept für eine Sprachenpolitik entwickeln und der Öffentlichkeit vorstellen müssten, das eine harmonische Entwicklung der ukrainischen Sprache und der Sprachen der nationalen Minderheiten gewährleisten kann. Bis zum Erscheinen eines solchen Konzeptes benötigen wir ein Moratorium auf Änderungen an der Gesetzgebung, die die Sprachenfrage betreffen. Zweitens müssen wir uns alle in der Kunst üben, Provokateure zu ignorieren und Diskussionen in einen konstruktiven Dialog zu verwandeln. Ich persönlich bin zwar gegen die Einführung einer zweiten Amtssprache, aber es ist mir äußerst unangenehm, wenn die Verteidigung der ukrainischen Sprache in Schmähungen der russischen Sprache und ihrer Sprecher ausartet. Der rechte Flügel unserer Gesellschaft muss endlich verstehen: Russischsprachige Ukrainer sind keine traditionslosen Verräter an Volk und Vaterland – unter ihnen finden sich nicht weniger aufrechte ukrainische Patrioten als unter den ukrainischsprachigen Ukrainern. Und für die besonders Sturen wiederhole ich: Dmytro Donzow und Wjatscheslaw Lypynskyj wuchsen weder in ukrainischen Familien noch in einem ukrainischen Sprachumfeld auf.

Andererseits muss der russischsprachige Teil unserer Gesellschaft auch als gegeben akzeptieren, dass das unzweifelhafte Recht auf Bildung und Informationen in der jeweiligen Muttersprache die Bürger der Ukraine dennoch nicht von der Verpflichtung befreit, die Amtssprache des Landes zu kennen und zu achten. Ich bitte die Wiederholung zu verzeihen, doch es geht nicht an, dass die russische Sprache durch Schmähung der ukrainischen Sprache verteidigt wird.

Ich verstehe, dass es ein wenig naiv ist, von einem Moratorium oder einer aufrichtigen und besonnenen Diskussion zu reden, während die Partei der Regionen sich dazu entschlossen hat, ihren Wahlkampf auf der Erfüllung ihres einzigen und alleinigen Wahlversprechens – der Einführung einer zweiten Amtssprache – aufzubauen, die Opposition ebenfalls mit der Sprachenfrage punkten möchte und Regierung wie Opposition sich gegenseitig mit kämpferischen Werbespots für die kommenden Wahlen überbieten. Doch wir haben keine andere Wahl. Denn das alles kann ein böses Ende nehmen: Eine geteilte Gesellschaft, eine Gesellschaft ohne gemeinsame Werte und ohne Konsens in Fragen, die die Zukunft wie auch die Vergangenheit betreffen, ist nicht lebensfähig. Sie kann zwar existieren, jedoch nicht als Gesellschaft, sondern eher wie ein urzeitlicher Stamm. Und auch die Existenz eines Staates an sich ist bei Abwesenheit einer modernen Gesellschaft nicht möglich. Jedenfalls, falls wir das europäische Modell eines Staates anstreben und nicht das afrikanische, bei dem zufällig auf einem Gebiet koexistierende befeindete Stämme einander regelmäßig die Kehlen aufschlitzen.

5. Juni 2012 // Oleg Basar

Quelle: Lewyj Bereg

1 Der Artikel ist im weiteren Verlauf teils auf Russisch, teils auf Ukrainisch verfasst und wechselt die Sprache von Satz zu Satz, bisweilen auch mitten im Satz. Dies ist in der Übersetzung leider nicht adäquat wiederzugeben.

Übersetzer:    — Wörter: 900

Diplom-Physiker, Fachübersetzer für IT, Wissenschaft und Technik (BDÜ), Ehrenvorstand des Trägervereins der Deutschen Schule Kiew

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Telegram, Twitter, VK, Facebook, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.8/7 (bei 13 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Ist das Verbot der drei oppositionellen, prorussischen Nachrichtensender 112, NewsOne und ZIK richtig?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)0 °C  Ushhorod-4 °C  
Lwiw (Lemberg)-1 °C  Iwano-Frankiwsk2 °C  
Rachiw-1 °C  Jassinja-3 °C  
Ternopil-1 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)2 °C  
Luzk-1 °C  Riwne-2 °C  
Chmelnyzkyj-1 °C  Winnyzja1 °C  
Schytomyr-1 °C  Tschernihiw (Tschernigow)-3 °C  
Tscherkassy-0 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)0 °C  
Poltawa0 °C  Sumy-1 °C  
Odessa1 °C  Mykolajiw (Nikolajew)1 °C  
Cherson1 °C  Charkiw (Charkow)1 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)0 °C  Saporischschja (Saporoschje)2 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)0 °C  Donezk1 °C  
Luhansk (Lugansk)2 °C  Simferopol4 °C  
Sewastopol4 °C  Jalta4 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Hallo, bin heute entspannt in die Ukraine am Flughafen Shuljani eingereist, Reisepass und die Auslandsreisekrankenversicherung. Alles ging schnell und effektiv.“

„Herzlichen Dank für die Hinweise“

„Einfach ein Blatt Papier nehmen und schreiben, hiermit lade ich ....kenan... meine Lebensgefährtin Frau ........ zu mir nach Deutschland, Strasse... in der Stadt .... ein.“

„Na bei der "Erklärung zur Beziehung" steht doch dass du die schreiben sollst "Einladung der in Deutschland wohnhaften Person nebst Kopie der Ausweispapiere des Einladenden"“

„Hallo zusammen, eine Frage an die Gemeinde. Meine Freundin aus Kiew möchte mich in den nächsten Wochen in München besuchen. Wir haben das Formular "Erklärung zur Beziehung" bereits asgefüllt und unterschrieben....“

„Die Ukraine haben viele als Niedrigsteuerland noch nicht auf dem Radar. Sie ist durchaus ein Interessantes Land für internationale Steuersparmodelle für Firmen und natürliche Personen. Es existieren...“

„Kennt vielleicht jemand einen Steuerberater in Kiev? Er sollte sich mit einfachen Dingen zum deutschen und ukrainischem Steuerrecht auskennen und guten Kontakt zur kiever Finanzbehörde haben. Vorab vielen...“

„Hallo Kenan, Du und Deine Freundin müsst das Formular "Erklärung zur Beziehung" ausfüllen, Eure Daten und vor allem beide müssen das Formular unterschreiben. Gut ist auch ein oder mehrere Nachweise...“

„Stand heute ist die Ukraine nur ein "Risikogebiet" das bedeutet, ein PCR Test ist VOR der Einreise nicht notwendig. Das kann sich aber ändern, wenn die Ukraine "hochgestuft" wird als Hochizidenzgebiet,...“

„Hallo Kenan, Du und Deine Freundin müsst das Formular "Erklärung zur Beziehung" ausfüllen, Eure Daten und vor allem beide müssen das Formular unterschreiben. Gut ist auch ein oder mehrere Nachweise...“

„Bin heute mit dem Flugzeug wieder heim geflogen, Einteise in München problemlos. Wie immer hatte ich, das Einreisepapier dabei, als Ersatz für die Onlineanmeldung im Netz. Dazu einen gerade noch gültigen...“

„Hallo Ellchek, ich gehe davon aus, dass Du mit der "deutschen Seite" (Deutschland) bereits die Einbürgerung besprochen bzw. beantragt hast und grundsätzlich solltest Du ja dafür eine Zusage haben, vorher...“

„Hallo, nein ich wohne schon lange in Deutschland, möchte gerne die Einbürgerung betreiben. Dafür brauche ich ja aber diesen Stempel im ukrainischen Pass, dass ich dauerhaft im Ausland wohne, um damit...“

„Auch Georgien [ ehem. Grusinien ] ist ein Musterländle für Touristen - keine Korruption, freundl., ehrliche, lächelnde Polizisten, was will man mehr: Ein Besuch der Geburtsstadt Joseph Stalins war natürlich...“

„In Aserbaidshan war es jedenfalls super ruhig, auch in Kasachstan, Kirgistan u. im Baltikum sowieso. Tee zu jeder Gelegenheit: Mein Stammlokal in Baku: Die schönste Brotverkäuferin auf dem wilden Land:...“

„Moin, Bernd: Stimmt, ich fand diesen Passus "Das Paar muss sich mindestens einmal in D getroffen haben" schon ziemlich absurd. Zwar hätten es Ukrainer seit der Visafreiheit 90/180Tage ziemlich einfach...“

„Ach je, wollte sagen, ich gehe davon aus, dass die Regelung für unverheiratete Partner bestehen bleibt. Das Wort nicht hat sich eingeschlichen, sorry.“

„Hallo Axel, ergänzend zu gestern, diese Regelung mit den unverheirateten Partner gibt es schon länger und in einzelnen Bundesländern wie z.B. in Baden-Württemberg gibt es noch Sonderregelungen für...“

„Hallo Axel, kein PCR-Test vor der Einreise notwendig, stand heute ist die Ukraine "nur" Risikogebiet. Das kann sich allerdings bei den steigenden Fallzahlen schnell ändern, also hier das RKI Robert-Koch-Institut...“

„Moin, zusammen: Ich hatte in Erinnerung, daß bei unverheirateten Paaren der Partner aus dem "Drittland" nur einreisen darf, wenn irgendwann vorher ein Treffen in Deutschland stattgefunden hat. Nun lese...“

„Hallo Ellcheck, kenne es eigentlich nur so, dass Du ja als Ukrainer-/in , in Deutschland eine Niederlassungserlaubnis benötigst, ansonsten ist ja nur ein Urlaub 90 Tage maximal. Also geht es ja in erster...“

„Ja..der Stempel muss ja im ukr Pass sein, wenn man später zb die Ausbürgerung beantragen möchte“

„Hallo, kann mir jemand sagen welche Dokumente ich AKTUELL einreichen muß beim Konsulat, um den Stempel in den Pass zu bekommen, dass ich dauerhaft im Ausland lebe? Vielen Dank“

„Durch einen Zufall, habe ich hier in Baden-Württemberg, eine interessante "Kulturgruppe" aus Ukrainern, Russen, Deutschrussen und Deutschukrainer kennengelernt. Sie wandern gerne und treffen sich jeden...“

„Super, vielen Dank Handrij ! Werde ich auf jeden Fall auch nochmal reinschauen ... bislang konnte ich sowas bei einer eigenen Recherche nicht finden. Viele Grüße, Marc“

„Hallo Bernd, vielen Dank für deine Antwort ! Dies hilft mir schon sehr weiter und vermittelt mir ein besseres Gefühl Gut dass Du nochmal meine Vermutung bestätigt hast, im Grunde ist es gar nicht so...“

„Hallo Marc, grundsätzlich ist in der Ukraine die Kfz-Haftpflichtversicherung obligatorisch, so wie man es aus Deutschland kennt. Es gibt auch eine Kaskoversicherung für den PKW, es gibt auch ein System...“

„Hallo Zusammen, Hoffe sehr es geht Euch allen gut in diesen schwierigen (Pandemie-) Zeiten! Meine Partnerin und ich haben uns nach langen Überlegungen entschieden einen Neuwagen in der Ukraine zu kaufen,...“

„Na, und was tragt ihr? - Schutzmaske - Maulkorb - Bartband - Halsband“

„Die Situation in der Ukraine sieht genauso wie in Deutschland aus. Zumindest meiner Meinung nach. Ich denke, wir müssen auf diese Coronavirus-Quarantäne ein Auge zudrücken.“