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Der „Euro-Majdan“ - Neugeburt der ukrainischen Nation

von Winfried Schneider-Deters
Heidelberg, April 2015

Inhaltsverzeichnis

I. Krise der nationalen Identität

II. Ein Staat – „zwei Ukrainen“

III. Der „Majdan“: Narrative Analyse

IV. Nation, nationale Identität und Nationalismus – der sozial- und politikwissenschaftliche Kontext

V. Die Ukraine – eine Nation ‚in statu nascendi’

Fußnoten

I. Krise der nationalen Identität

Geschenkte Staatlichkeit

Die Gründung von Nationalstaaten im 18. und 19. Jahrhundert basierte auf bestehenden nationalen Identitäten. Die Ukraine aber erhielt ihre ‚Staatlichkeit’, d. h. ihre staatliche Unabhängigkeit, bevor ihre nationale Identität fundiert war; der neue Staat gründete sich auf ein nur schwach entwickeltes Nationalgefühl. Für die ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen dienten die kurzen Zeiten staatlicher Unabhängigkeit in der Neuzeit als historische Referenzen: Die „Ukrainische Volksrepublik“ (Gründung am 20. November 1917; Unabhängigkeitserklärung in Kyjiv (russ. Kiew) am 22. Januar 1918) und die „West-Ukrainische Volksrepublik“ (Unabhängigkeitserklärung in L’viv / Lemberg am 1. November 1918), die sich am 22. Januar 1919 vereinigten.1 Mitte der 1980er Jahre bildete sich die ukrainische Unabhängigkeitsbewegung „Ruch“ („Volksbewegung der Ukraine für die Perestrojka“).

Die staatliche Unabhängigkeit, die der Ukraine durch die Auflösung der Sowjetunion2 im Jahre 1991 ‚geschenkt’ wurde, hatte eine latente nationale Identitätskrise zur Folge. Diese Krise trat in ein akutes Stadium, als durch den abrupten Kurswechsel des Präsidenten Janukovyč in der auswärtigen Orientierung der Ukraine eine fundamentale Gefährdung3 des Landes eintrat: Mit seiner Weigerung, das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union wie vorgesehen auf dem Gipfeltreffen der „Östlichen Partnerschaft“ am 28. / 29. November 2013 in litauischen Hauptstadt Vilnius zu unterzeichnen, drohte der Ukraine die Abkehr von Europa und die Integration in das eurasische Projekt des russischen Präsidenten Putin. In der Folge wäre die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine de facto rückgängig gemacht worden, und das Regime des Präsidenten Janukovyč in der Ukraine hätte sich weiter den autokratischen Systemen in ‚Eurasien’ (Putin / Russland, Lukaschenka / Belarus, Nasarbajew / Kasachstan) angeglichen.4 Bis zuletzt herrschte während des „Majdan“5 völlige Ungewissheit über dessen Ausgang. Erst die Flucht des Präsidenten Janukovyč am Abend des 21. Februar 2014 brachte die erlösende Zäsur, den Sieg des ‚Majdan’ – und mit ihm der europa-orientierten politischen Kräfte – über das nicht nur autokratische, sondern auch kleptokratische Regime des Präsidenten Janukovyč. Dass nach dem Sieg des ‚Majdan’ in der Ukraine nicht Stabilität eintrat, liegt an dem von Putin entfesselten Sezessionskrieg im Donbass.6 Doch ging die Ukraine aus dieser Krise mit einer gestärkten nationalen Identität hervor. In der nationalen Identitätskrise steckte integratives Potenzial: Der ‚Majdan’ bewirkte die ‚Neugeburt’ der ukrainischen Nation. Der katalytische Effekt des ‚Majdan’ und der hybride Krieg mit Russland bilden neue Gründungsmythen der Ukraine.

Die anhaltende akute Wirtschaftskrise – der drohende Staatsbankrott – sowie der desperate asymmetrische Krieg mit Russland treiben die Ukraine nunmehr in eine Existenzkrise: Die Ukraine kämpft nicht nur für den Erhalt ihrer territorialen Integrität; sie kämpft um ihr Überleben als souveräner Staat. Die Konsolidierung der nationalen Identität durch den „Majdan“ und infolge der russischen Aggression erweist als Kraftquelle für die Überwindung dieser Existenzkrise.

Putin: Geburtshelfer der ukrainischen Nation

Der ‚hybride Krieg’ sowie die aggressive Propaganda Russlands gegen die Ukraine ist eine direkte Folge des Sieges des ‚Majdan’ in Kyjiv: Durch seine überraschende Kehrtwende in der auswärtigen Ausrichtung der Ukraine lieferte Janukovyč sich und sein Land dem Moskauer Kreml aus: Der ukrainische Präsident Janukovyč degradierte sich selbst zum Statthalter des russischen Präsidenten Putin in der Ukraine. Infolge der Flucht seines Landvogts entglitt dem russischen Präsidenten die Ukraine wieder, ohne die sein geopolitisches Integrationsprojekt – die „Eurasische Union“ – ein Torso bleibt.

Für Ukrainer war ein Krieg Russlands gegen die Ukraine unvorstellbar. Russland blieb auch nach der staatlichen Trennung für viele Ukrainer das kulturelle Heimatland; jetzt wird Russland als Feindesland wahrgenommen. Im März 2014 autorisierte der Föderationsrat der Russländischen Föderation den Präsidenten Putin, nach Artikel 10 des im Jahre 2009 novellierten Verteidigungsgesetzes7 russische Truppen in der Ukraine einzusetzen. Für viele Ukrainer war dies ein Schock: „Der russische Teil in mir starb“, zitiert MacFarquhar8 (The New York Times) den jungen Leiter der Abteilung Kommunikationsstrategie für Reformen des ‚Ukrainischen Krisen-Medienzentrum’, Aleksej Rjabčyn aus Doneck, heute Mitglied der Fraktion der Partei „Bat’kivščyna“ („Vaterland“) von Julija Tymošenko im ukrainischen Parlament.

In dem nicht erklärten, verdeckt geführten Krieg Russlands gegen die Ukraine müssen die Ukrainer nunmehr ‚mit der Waffe in der Hand’ für ihre Unabhängigkeit kämpfen, die ihnen im Jahre 1991 auf friedlichem Wege zugefallen war. Die militärische Intervention Russlands verstärkt den ‚nation- building’-Prozess, die Formierung einer nationalen ukrainischen Identität und macht diese unumkehrbar. Der russische Präsident Putin wurde damit sozusagen zum Geburtshelfer der ukrainischen Nation. Auch Andrew Wilson sieht dies so. In einem Artikel9 schreibt er im Oktober 2014: Putin scheint nun vor unseren Augen eine neue ukrainische Nation zu bilden.“ Steven Pifer, der ehemalige Botschafter der USA in der Ukraine (1998 – 2000), zitiert in einem Bericht vom September 2014 einen (namentlich nicht genannten) ukrainischen Wissenschaftler mit den Worten: „Herr Putin hat den Traum der ukrainischen Nationalisten erfüllt, indem er in den Ukrainern das Gefühl für ihre nationale Identität festigte – verbunden mit einer starken Dosis anti-russischen Sentiments.“10

In einem Interview mit dem Sender NTW am 19. Oktober 2014 (TASS) sagte der russische Außenminister Sergej Lavrov: “Wir dürfen die Ukraine nicht verlieren […] Die Ukraine ist für uns ein Brudervolk, das mit uns historische, kulturelle, philosophische und zivilisatorische Wurzeln teilt, ganz zu schweigen von der Sprache und der Literatur.“11 Doch diese Bande hat der russische Präsident Putin durch seinen ‚Bruderkrieg’ gegen das ‚Brudervolk’ zerschnitten. Angehörige derselben Familien, Freunde diesseits und jenseits der Grenze – ihre Zahl geht in viele Millionen – verstehen einander nicht mehr, sprechen nicht mehr miteinander – und wenn sie es tun, beschimpfen sie sich gegenseitig. Es ist zu befürchten, dass die beiden Völker für Generationen Feinde bleiben werden.

II. Ein Staat – „zwei Ukrainen“

„Post-sowjetische Schizophrenie“12

Die Ukraine wird von außen – aus westlicher Sicht – als ein „gespaltenes Land“ wahrgenommen. Die Vorstellung von „einem Staat, zwei Ländern“13 bedeute allerdings nicht, dass die Ukraine entlang einer geografischen Demarkationslinie geteilt werden könne, konstatiert der renommierte ukrainische Publizist Mykola Riabchuk. Der Strom Dnipro (russ. Dnjepr), der mitten durch das Land – und die Hauptstadt Kyjiv – fließt, verbindet die ‚rechtsufrige’ eher mit der ‚linksufrigen’ Ukraine, als dass er sie trennte: Der Dnipro ist das symbolische Rückgrat der Ukraine.

Die Charakteristika der „zwei Ukrainen“ konzentrieren sich in den beiden „Polen“ Lemberg (ukr. L’viv) im Westen (in der historischen Landschaft Ost-Galizien), und Doneck im Osten (in dem Montanrevier Donbass). Die beiden Städte sind auch äußerlich so verschieden, als ob sie zwei verschiedenen Zivilisationen angehörten (Riabchuk). Die Architektur Lembergs ist typisch mitteleuropäisch, während Doneck den typischen sowjetischen Stil – die ‚Stalin Repressance’ – Tausender ununterscheidbarer sowjetischer Industrie-Städte repräsentiert. So verschieden wie die Architektur sind die Mentalitäten ihrer Einwohner und der ‚Provinzen’, deren Hauptstädte sie sind. Im Westen eine nach Europa orientierte, ‚bourgeoise’ – und patriotische – Bevölkerung; im Osten, im Donbass, eine nach Russland – eigentlich an der Sowjetunion – orientierte, ‚proletarische’ Bevölkerung.

In der inoffiziell „Zentral-Ukraine“ (ukr. „Central’na Ukraïna“) genannten Mitte des Landes – mit der Hauptstadt Kyjiv, die durch Zuzug aus allen Regionen heute repräsentativ für das ganze Land ist – überlappen sich nach 300 Jahren Russifizierung (und 70 Jahren Sowjetisierung) die „Zwei Ukrainen“ (ukr. „dvi Ukraïny“; russ. dve Ukrainy), ein Begriff, den Riabchuk bereits im Jahre 1992 prägte.14 Sie durchdringen einander, verschmelzen miteinander; in dem Raum zwischen Lemberg und Doneck ist die Ukraine extrem heterogen; jede Region hat ihre eigene, besondere „Kombination von Ukrainität, Russentum, Europäizität und Sowjetismus“, schreibt Riabchuk.

In dieser Zentral-Ukraine ist die „Spaltung“ eher eine intra-individuelle Ambivalenz, die Koexistenz von zwei Orientierungen. Riabchuk beschreibt die sozio-politische Ambivalenz der Ukrainer als Resultat sowohl der regionalen, kulturellen und linguistischen Unterschiede in der Ukraine“ – als auch der „atomisierenden Auswirkung des sowjetischen Totalitarismus auf die ukrainische Gesellschaft.“ Die Ukrainer sind in ihrer großen Mehrheit – bzw. waren bis in die jüngste Zeit, bis zum „Majdan“ – innerlich gespalten; sie haben – bzw. hatten – mit Goethes Faust gesagt: „zwei Seelen in einer Brust“. Jedes Individuum hat – bzw. hatte – eine unbestimmte, mehrdeutige, „fluktuierende“ Identität. Insgesamt bildeten die Ukrainer bis zum „Majdan“ eine desinteressierte, unentschlossene „amorphe Masse“ (Riabchuk). Die Spaltung ihrer nationalen Identität machte das Individuum zu einer leichten Beute von Propaganda und Manipulation.

Die bilinguale Ukraine

Die elektorale Spaltung der Ukraine ist seit der Wahl von Leonid Kutschma im Juli 1994 zum Präsidenten evident. In Wahlkämpfen warben Kutschma und sein designierter Nachfolger Janukovyč um die Stimmen der russisch-sprachigen Ukrainer, indem sie – in sowjetischer Tradition – die Westukrainer als ‚Nationalisten’ denunzierten. „Ukrainische Nationalisten“ galten in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik als die schlimmsten Feinde des ukrainischen Volkes. In sowjetischer Zeit konnte die Anschuldigung ‚bourgeoiser Nationalist’ 5 bis 15 Jahre Gefängnis nach sich ziehen. Mit der ‚pro-präsidentialen’ Partei „Für eine geeinte Ukraine“ förderte bereits Präsident Kutschma mit der ‚Sprachenfrage’ die Uneinigkeit des Landes. Janukovyčs „Partei der Regionen“ schürte die ‚normalen’ regionalen Ressentiments im Osten und Süden des Landes gegen ‚Kyjiv’, gegen das Zentrum. Den latenten Separatismus im Donbass eskalierte der russische Präsident Putin zu einem Sezessionskrieg.

Die faktische Zweisprachigkeit der Ukraine resultiert aus der dreieinhalb Jahrhunderte währenden Dominanz der russischen Sprache. Seit dem 17. Jahrhundert gehörte die ‚links-ufrige Ukraine’ (Vertrag von Perejaslav 1654) zum russischen Reich, seit den polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert auch die ‚rechts-ufrige Ukraine’. Schutzbedürftig ist deshalb heute nicht die russische Sprache, sondern die ukrainische: Ohne ihre Verankerung in der Verfassung als „Staatssprache“’ hätte die ukrainische Sprache das Schicksal der weißrussischen Sprache im benachbarten Belarus erlitten. Die Erhebung der russischen Sprache zu einer zweiten ‚Staatssprache’ – ein Wahlversprechen, das Janukovyč seinen Wählern und den Wählern seiner „Partei der Regionen“ in jedem Wahlkampf gemacht hat, und das er in seiner vierjährigen Amtszeit als Präsident nicht erfüllte – hätte zur Folge gehabt, dass die ukrainische Sprache aus dem öffentlichen Leben verschwunden wäre.

Nach Überwindung der politischen Identitätskrise wird die kulturelle Identitätskrise anhalten. Gebildete Ukrainer betrachten die russische Literatur als ihre eigene – und befinden sich damit in einem Zwiespalt, wie Neil MacFarquhar von der ‚New York Times’ anhand eines aktuellen Beispiels aufzeigt:15 Michail Bulgakov, ein russisch-sprachiger ukrainischer Schriftsteller von Weltrang, pries seine Geburtsstadt Kyjiv, verachtete aber die ukrainische Sprache und belächelte die Vorstellung von einer unabhängigen Ukraine. In der russischen Verfilmung eines seiner Hauptwerke – „Die Weiße Garde“ – wurde der Widerwille der urbanen, russisch-sprachigen Elite Kyjivs gegen die Einnahme der Hauptstadt durch bäuerliche, ukrainisch-sprachige Armeen nach der Revolution des Jahres 1917 herausgestellt. Die Staatliche Film-Agentur der Ukraine untersagte die Ausstrahlung dieses Films: Es handele sich bei diesem Werk nicht um Kunst, sondern um Propaganda. Selbst Ljudmyla Hubianuri, die Direktorin des Bulgakov-Museums in Kyjiv, sprach sich für das Verbot aus. Sie umgeht die Frage nach der Nationalität des Schriftstellers: Für sie ist Bulgakov ein “großer Kyjiver Bürger”.16

Die staatliche Unabhängigkeit kam im Jahre 1991 über Nacht. Bisher mussten sich die Menschen in der Ukraine nicht entscheiden; jetzt müssen sie es, wie die Soziologin Iryna Bekeškina, Direktorin der Stiftung „Demokratische Initiativen“ versichert. Doch erst die russische Aggression im Jahre 2014 nötigt sie, sich von Russland abzugrenzen. Putin zerstörte in den Ukrainern das, was er zu schützen vorgab: die ukrainische Verbundenheit mit der russischen Kultur, die in der alltäglichen Zweisprachigkeit der Ukraine zum Ausdruck kommt.

III. Der „Majdan“: Narrative Analyse

Vom „Euro-Majdan“ zum „Majdan“

Die „Majdan-Bewegung“ begann am 23. November 2013 spontan als „Euro-Majdan“, als Protest der akademischen Jugend gegen die Abkehr des Präsidenten Janukovyč von dem bisherigen europäischen Integrationskurs – und gegen die befürchtete Integration der Ukraine in das eurasische Projekt des russischen Präsidenten Putin. Im Verlauf der folgenden Wochen ging die pro-europäische Bewegung (Losung: „Die Ukraine ist Europa!“, ukr. „Ukraïna – ce Jevropa!“) zunehmend in einen nationalen Volksaufstand gegen das kleptokratische Regime des Präsidenten Janukovyč über, gegen die ‚Kolonisierung’ des ganzen Landes durch die mafiose Donecker „Elite’– und gegen eine ‚eurasische Diktatur’ nach dem Muster der Russländischen Föderation. Die Zahl der Europa-Fahnen nahm ab, die Zahl der blau-gelben National-Flaggen nahm zu – auch die Zahl der rot-schwarzen Fahnen der OUN-UPA, der „Ukrainischen Aufständischen Armee“, des militärischen Arms der „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (1943 -1956). Immer häufiger skandierte das „Volk des Majdan“ („narod Majdana“) die Losung: „Ruhm der Ukraine!“(‚Slava Ukraïni!’). Der „Majdan“ nationalisierte sich und konsolidierte die unsichere nationale Identität der Ukrainer.

‚Gerechte Gewalt’

Nach wochenlangem friedlichen Protest ging am 19. Januar 2014 ein Teil der jugendlichen Demonstranten – der ‚Rechte Sektor’17 rühmt sich dessen – zum gewaltsamen Angriff auf die Sicherheitskräfte des Regimes Janukovyč über.

Ohne Gewalt hätte der ‚Majdan’ nicht gesiegt; und hätte er nicht gesiegt, wäre wahrscheinlich die Krim nicht von Russland annektiert und der Sezessionskrieg im Donbass nicht von Russland entfacht worden. Doch ohne Gewalt hätte Janukovyč die Ukraine mit großer Wahrscheinlichkeit in Putins eurasisches Integrationsprojekt, in die „Eurasische Union“ post-sowjetischer Diktaturen (mit der Vorstufe „Eurasische Wirtschaftsunion“, die am 1. Januar 2015 in Kraft trat) geführt und damit faktisch der Oberhoheit Moskaus unterworfen – eine düstere Aussicht für die ukrainische Jugend.

Der Sieg des „Majdan“ führte zu einem ‚revolutionär-parlamentarischen’ Machtwechsel in Kyjiv. Die revolutionäre Gewalt war legitim – wie der „Sturm auf die Bastille“ am 14. Juli 1789 in Paris. Das Regime des Präsidenten Janukovyč war kriminell; er selbst und die Angehörigen seines Klans („Die Familie“) bereicherten sich maßlos auf Kosten des Staates – und damit der Bevölkerung. Seine Abwahl in den regulären Präsidentschaftswahlen im Jahre 2015 war aussichtslos: Janukovyč hatte alle Macht im Staate in seiner Hand konzentriert; er hätte sich mit allen Mitteln eine zweite Amtszeit gesichert.

Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, vermittelten drei Außenminister der Europäischen Union, Franz-Walter Steinmeier (Deutschland), Laurent Fabius (Frankreich), Radosław Sikorski (Polen), am 20. / 21. Februar 2014 – nach dem ‚Majdan-Massaker’ am 20. Februar – ein Abkommen zwischen Präsident Janukovyč und den Vorsitzenden der drei parlamentarischen Oppositionsfraktionen, Arsenij Jacenjuk (Partei „Bat’kivščyna“), Vitalyj Klyčko (Partei „UDAR“) und Oleh Tjahnybok (Partei „Svoboda“). Der russische Menschenrechtsbeauftragte Lukin war Zeuge, weigerte sich aber, das Abkommen mitzuunterzeichnen. Dieses Abkommen war von Anfang an Makulatur, denn die Oppositionsführer hatten keine Kontrolle über den revolutionären Prozess auf dem Platz der Unabhängigkeit, dem „Majdan“. Die Ablehnung des Abkommens durch das ‚Volk des Majdan’ war ‚richtig’, denn es sah um – lediglich drei Monate – vorgezogene Präsidentschaftswahlen im Dezember 2014 vor – und schloss eine erneute Kandidatur Viktor Janukovyčs nicht aus. Janukovyč, der Wahlfälscher von 2004, hätte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln diese Wahlen für sich entschieden – und Rache genommen.

Demokratische Legitimierung des ‚Majdan’ durch Wahlen

Die Präsidentschaftswahlen vom Mai 2014 gewann der „Kandidat des Majdan“, Petro Poroschenko, in der ersten Wahlrunde mit der absoluten Mehrheit von 55 Prozent. In den Parlamentswahlen vom Oktober 2014 errangen die „pro-ukrainischen“, „patriotischen“ Parteien annähernd eine Zweidrittelmehrheit. Der russische Präsident Putin hatte durch die Annexion der Krim und durch die militärische Unterstützung der von militanten Separatisten besetzten Teile des Donbass fast vier Millionen traditionell ‚pro-russischer’ Wähler (das Elektorat der „Partei des Regionen“ des ehemaligen Präsidenten Janukovyč) von der Teilnahme an der Wahl ausgeschlossen.

Durch den Verlust der Krim und eines Drittels des Donbass wurde die Ukraine „patriotischer“ und „pro-europäischer“.

Vom „Anti-Majdan“ zum Sezessionskrieg im Donbass

Ein ukrainisches Nationalgefühl hatte sich unter mitteleuropäischem Einfluss (Polen, Österreich-Ungarn) in der – von der Sowjetunion im Vollzug des geheimen Zusatzprotokolls des Hitler-Stalin-Paktes (23. August 1939) annektierten – heutigen West-Ukraine bereits im 19. Jahrhundert gebildet. Stalin rechtfertigte den Einmarsch sowjetischer Truppen am 17. September 1939 in Ostpolen18 – siebzehn Tage nach Beginn des „Polenfeldzuges“ der deutschen Wehrmacht am 1. September 1939 – als ‚Befreiung’ der ukrainischen (und weißrussischen) ‘Brüder’ vom ‚polnischen Joch’.19 Durch die sowjetische Annexion Ostpolens wurden alle Ukrainer (nicht eingeschlossen die Ukrainer im süd-russischen Kuban) zum ersten Mal in der Geschichte in einem – wenn auch nur pseudo-autonomen – ‚Staat’, der „Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, vereinigt. „Stalin verwirklichte den Traum ukrainischer Nationalisten,“ konstatiert Jörg Baberowski lapidar.20

Das ‚Volk des Majdan’ repräsentierte nicht die ganze Bevölkerung der Ukraine. Ein großer Teil der Menschen im Osten und Süden des Landes teilte nicht das auf dem ‚Majdan’ erwachte ukrainische Nationalgefühl.

Die „Partei der Regionen“ des Präsidenten Janukovyč organisierte zu dessen Verteidigung („Janukovyč ist unser Präsident!“) in mehreren Städten im Osten und Süden des Landes21 einen „Anti-Majdan“. Dessen Aktivisten imitierten zunächst die Taktik des „Majdan“ in Kyjiv; doch die hölzernen Knüppel wurden bald gegen Schnellfeuergewehre aus geplünderten Beständen der Bereitschaftspolizei eingetauscht. Nach der Annexion der Krim durch Russland hielten militante Separatisten – unter Führung russischer Offiziere und von der russischen Armee mit Kriegswaffen ausgerüstet – die Zeit für gekommen, auch die Sezession des Donbass gewaltsam zu erzwingen.

Das unter ethnischen Russen – und russisch-sprachigen ethnischen Ukrainern – in den östlichen und südlichen Oblasten der Ukraine bestehende Ressentiment gegen Kyjiv bedeutete nicht, dass die Bevölkerung des „Südostens“ (russ. ‚Jugo-Vostok’) mehrheitlich den ‚Anschluss’ an Russland wollte. Separatistische Gefühle hegte im Donbass laut Umfragen nur ein Drittel der dortigen Bevölkerung. Dies erklärt, warum Putins Sezessionsprojekt „Novorossija“ (die Abtrennung des Donbass sowie der Oblaste Charkiv, Dnipropetrovs’k im Osten und Odessa und Mykolaïv im Süden) an dem erwachenden ukrainischen Nationalgefühl der Mehrheit der Bevölkerung in „Neurussland“ kläglich gescheitert ist. Mit Ausnahme der beiden Oblaste des Donbass (Doneck und Luhans’k) ließ sich der Osten und der Süden der Ukraine nicht auf Putins separatistisches Abenteuer ein. Nur auf einem Drittel des Territoriums des Donbass konnten sich die militanten Separatisten militärisch halten, doch auch nur deshalb, weil ihre Verluste an Waffen und Kämpfern durch laufenden Nachschub aus Russland ausgeglichen werden.22

Putin hat sich verkalkuliert: ‚Neurussland’ ist ihm nicht – wie die Krim – in den Schoß gefallen. Er hat nicht vorhergesehen, dass er mit seiner militärischen Unterstützung des Separatismus einen wehrhaften ukrainischen Patriotismus entfachen würde. Selbst im Donbass, in der belagerten Hafenstadt Mariupol’ (Oblast’ Doneck), hob die russisch-sprachige Bevölkerung Schützengräben gegen eine drohende russische Aggression aus.

IV. Nation, nationale Identität und Nationalismus – der sozial- und politikwissenschaftliche Kontext

Konstruktivismus versus Essentialismus

In der Nationalismusforschung wird „Nation“ entweder essentialistisch (primordial) oder konstruktivistisch (voluntaristisch) definiert. Die konstruktivistische Konzeption der ‚Nation’ im Sinne von Benedict Anderson23 als „vorgestellter Gemeinschaft” („imagined community“) hat sich in der Forschung weitgehend gegenüber essentialistischen Konzepten (‚Wesen’, Sprache, Territorium etc.), welche die nationale Identität als unveränderlich ansehen, durchgesetzt. Nach Ernest Gellner sind Nationen „Artefakte menschlicher Überzeugungen…“.24

In Deutschland herrschte in der Vergangenheit die primordiale Konzeption vor. Die Nation wurde als ethnische, historische und kulturelle „Schicksalsgemeinschaft“ mit unveränderlichen Eigenschaften verstanden. Diese essentialistische Konzeption von der Nation wird Johann Gottlieb Fichte zugeschrieben.25 Davon, wie lebendig der primordiale Nationalismus heute in der deutschen Bevölkerung ist, zeugt die „Pegida“-Bewegung und ihre Ableger.

Die ukrainischen Nationalisten – namentlich die Partei „Svoboda“ („Freiheit“) und der von den russischen Medien verteufelte „Pravij sektor“ („Rechter Sektor“) – hängen dem primordialen Konzept der Nation an.

In Frankreich wandte sich Ernest Renan in seiner berühmten Rede über den Begriff der Nation an der Sorbonne bereits im Jahre 1882 gegen essentialistische Definitionen der Nation und stellte dem „deutschen“ primordialen Konzept den freien Willen der Bürger entgegen: die „Willensnation“, die gewollte Gemeinschaft von Bürgern verschiedener ethnischer Herkunft, die aufgrund ihrer Erinnerungen an die Vergangenheit – sowie aufgrund des Wunsches, auch in Zukunft zusammenleben zu wollen – eine ‚Nation’ bildet.26

Nationale Identität entsteht also nach Renan aus gemeinsamer geschichtlicher Erinnerung. Ein großer Teil der Bevölkerung im Osten der Ukraine aber hat keine ‚gemeinsame Erinnerung’ mit den Ukrainern im Westen des Landes an ein zentrales historisches Ereignis der jüngsten Zeit: den Zweiten Weltkrieg. Der andere Faktor, die „tägliche Übereinkunft, auch in Zukunft zusammenleben zu wollen ist genau das, was die Separatisten im Donbass nicht wollen.

Ehemals charakteristische Merkmale von nationalen Identitäten sind heute keine Unterscheidungsmerkmale mehr. Nationale Kulturen werden durch die Globalisierung homogenisiert. Die europäischen Nationen unterscheiden sich praktisch nur noch durch „Mentalitäten“; und auch davon lässt sich die europäische Jugend bereits weitgehend ausnehmen. Dennoch – oder gerade deshalb – hat die Suche nach nationaler Identität Konjunktur. Frankreich hinterfragt heute sein traditionelles Assimilationsprinzip angesichts einer „kritischen Masse“ von Einwanderern aus anderen Kulturkreisen. Im Jahre 2009 initiierte der französische Minister für Immigration und nationale Identität (!), Eric Besson, eine Kampagne zum Thema „nationale Identität“. Ganz Frankreich beteiligte sich an der Diskussion über die Frage: „Was heißt es, französisch zu sein?“ Auf Anfrage der Wochenzeitung „Die Zeit“ erklärte Henri Guaino (Sonderberater des Präsidenten Nicolas Sarkozy): „Wäre heutzutage das Gefühl, einer Nation zugehörig zu sein, eine Selbstverständlichkeit, dann brauchte es keine Debatte. Aber wenn man sich in einer Situation tiefer Verunsicherung darüber befindet, was die Nation ist, in einer Identitätskrise, einer Orientierungskrise, dann wird die Identität zum Gegenstand der Politik.“27 Mit der Frage nach dem ‚Wesen’ der Nation wandte sich die damalige Regierung Frankreichs von dem bis dato gültigen französischen Konzept der Nation, wie es von Ernest Renan formuliert wurde, ab, und dem essentialistischen Konzept zu.

Nationale Identität sei „passée“, meint der Publizist Michael Böhm. Unter den Bedingungen globaler Migration und interkultureller Ehen habe die Idee der im Wesentlichen „vorpolitischen“ und „vorrechtlichen“ Identität eines Volkes jegliche Plausibilität verloren. Tatsächlich aber wurde die Bedeutung nationaler Identität weder durch die Individualisierung, noch durch die Globalisierung, noch durch supranationale Vereinigungen wie die Europäische Union vermindert, wie die letzte Wahl zum Europäischen Parlaments zeigt, in welcher ‚europa-skeptische’, nationalistische Parteien einen hohen Stimmenanteil erhielten. Ökonomische und soziale Probleme verhelfen dem für überholt gehaltenen primordialen Nationalismus zu einer Renaissance in ganz Europa – und in Russland.

Die in der Ukraine in Gang gekommene nationale Selbstvergewisserung erscheint anachronistisch. Die nachholende Konsolidierung einer nationalen – und europäischen – Identität der Ukraine in der Gegenwart erhält jedoch ihren Sinn durch die Abgrenzung gegenüber der „sowjetischen Identität“ der Vergangenheit – und gegenüber dem Russland Putins.

Nationale Identität (lat. Gleichheit) setzt die Existenz eines Anderen, des Ungleichen voraus. Der essentiale, primordiale Nationalismus impliziert einen Vergleich mit anderen Nationen, er hebt die Besonderheiten einer Nation im Unterschied zu anderen Nationen hervor, was nicht per se die Abwertung des Anderen bedeutet. Nationalismus ist die politische Instrumentalisierung nationaler Identität, d. h., Nationalismus verfolgt politische Ziele – wie zum Beispiel im Falle von ‚Nationen ohne Staat’ die Gründung eines Staates (Kurden) oder ‚nationale Unabhängigkeit’ im Falle der Ukraine. Als spezieller Fall von kollektiver Identität wirkt nationale Identität nicht nur verbindend, sondern auch abgrenzend gegenüber anderen Nationen. Die anthropologische Konzeption einer ethnisch homogenen Nation, eines ‚Volkes’ als Abstammungsgemeinschaft, aus der fast zwangsläufig die Forderung nach deren ‚ethnischer Säuberung’ folgt, ist mit der Niederlage des nationalsozialistischen Deutschlands nicht ausgestorben – wie auch der völkische Wahn, Minderheiten von Landsleuten im Ausland (russ. cootečestvenniki) vor angeblicher Diskriminierung durch die Titularnationen mit Waffengewalt schützen zu müssen, höchst lebendig ist: Der blindwütige, von Präsident Putin entfachte und den russischen Medien geschürte Nationalismus von – laut Umfragen – 85 Prozent der Russen beweist (nach dem Ausbruch von inter-ethnischem Hass auf dem Balkan nach dem Zerfall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien) die anhaltende Anfälligkeit von Völkern für aggressiven Nationalismus.

Patriotismus gleich ‚positiver Nationalismus’?

Der tschechische Historiker Miroslav Hroch (Karls-Universität Prag) konstatiert, dass in jeder Bevölkerung die nationale Identität alle anderen kollektiven Identitäten dominiert. Hroch rät, ein ‚positives’ nationales Zugehörigkeitsgefühl „nicht mit dem Etikett „Nationalismus“ zu versehen.28 Als ‚positiver Nationalismus’, als politische Tugend wird
’Patriotismus’ angesehen, ein Begriff, der in der politischen Praxis gleichermaßen anfällig für Missbrauch ist, und sich in vielen Fällen als semantischer Etiketten-Schwindel erwiesen hat. Der ehemalige deutsche Bundespräsident Johannes Rau hat den Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus so formuliert: „Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“

In Deutschland verband sich bis zur bis „März-Revolution“ von 1848 / 49 die „Sehnsucht nach nationaler Einheit“ mit dem „Kampf für Freiheit“, für Demokratie. Nach der (klein-) deutschen Vereinigung im Zweiten Kaiserreich (1871) wandelte sich dieser liberale, republikanische ‚Patriotismus“, der aus der französischen Revolution (1789 – 1799) hervorging und nach dem Sieg über Napoleon in der metternich’schen Restauration (Wiener Kongress 1814 / 1815) unterdrückt wurde, zu einem überheblichen Nationalismus („am deutschen Wesen soll die Welt genesen“). Ende des 19. Jahrhunderts kam in Deutschland der Begriff ‚Kulturnation’29 auf (in Gegenüberstellung zur französischen ‚Staatsnation’), der die Nation weniger durch staatliche Politik, als durch den Besitz einer gemeinsamen ‚Kultur’ definiert – mit einem Deutschland aufwertenden Beiklang (‚Volk der Dichter und Denker’), durch den das Nationalgefühl der ‚verspäteten Nation’ begrifflich gefasst werden konnte. In der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entartete der imperiale Nationalismus des zweiten deutschen Kaiserreichs (1871 – 1918) völlig zu einer totalitären Ideologie („Du bis nichts – Dein Volk ist alles“) – zu kriegerischer Eroberungswut und zu rassistischem Mordwahn. Nach 1945 war ‚Patriotismus’ in Deutschland wegen seines Missbrauchs durch den Nationalsozialismus (‚Führer, Volk und Vaterland’) ein Unwort. In der bundesdeutschen Linken galt die positive Identifikation mit der „deutschen Nation“ als extremistisch „rechts“. Aus dieser Einstellung heraus wurde sogar die deutsche Wiedervereinigung abgelehnt.

V. Die Ukraine – eine Nation in statu nascendi

Die Ukraine – eine „künstliche Nation“?

In Russland wird die Existenz einer ukrainischen Nation verneint oder in Frage gestellt. Doch nicht nur in Russland, auch von deutscher Seite wird ‚Verständnis’ für die Handlungsweise Putins damit begründet, dass die Ukraine eine „künstliche Nation“ sei. Altkanzler Helmut Schmidt konstatierte in „Der Zeit“, dass die Ukraine „kein Nationalstaat“ sei und verwies darauf, dass unter Historikern umstritten sei, ob „es überhaupt eine ukrainische Nation gibt.“30 Jens Jessens Behauptung (ebenfalls in „Der Zeit“), „Kyjiv und der Osten waren immer russisch“, verrät unzulängliche Recherche.31

Die Ursprünge der ukrainischen Nationalbewegung liegen im 19. Jahrhundert. Die russische Universität in Charkiv war im frühen 19. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum der entstehenden ukrainischen Nationalbewegung. Der erste Band der zehnbändigen „Geschichte der Ukraine-Rus‘“ („Istorija Ukraïny-Rusy“) des ukrainischen Historikers und Vorsitzenden des „Zentralrates“ („Central’na rada“) der „Ukrainischen Volksrepublik“ (1917 – 1918), Mychajlo Hruševs’kyj, erschien 1913 in Kyjiv – in ukrainischer Sprache. Am 22. Januar wurde in Kyjiv von dem „Zentralrat“ die Unabhängigkeit der „Ukrainischen Volksrepublik“ verkündet, die am 9. Februar 1918 mit den Mittelmächten in Brest-Litowsk einen Separatfrieden schloss. Das Diktum des Osteuropa-Historikers Jörg Baberowski, Kyjiv und Charkiv seien “keine Orte nationaler Selbstvergewisserung” der Ukrainer32 „entspricht […] absolut nicht dem Forschungsstand“, urteilt Anna Veronika Wendland, die Direktorin des Herder-Instituts in Marburg.33

Die Infragestellung der Existenz einer ukrainischen Nation von deutscher Seite geht einher mit einer „unreflektierten Übernahme russischer, sowjetischer und post-sowjetischer Identitätskonzepte“. Zu Recht wendet sich Franziska Davies (Universität München) gegen die „imperiale Rhetorik“ der deutschen Apologeten Putins. Auch wenn die ukrainische Nation ein soziales „Konstrukt“ sei – schon die Idee von einer Nation entwickelt geschichtliche Wirkung und wird damit zu einer Realität. Es helfe nicht weiter, (Nationen-Konstrukte) schlicht als „künstliche“ Entitäten abzuqualifizieren.34 In ihrem offenen Brief wirft Wendland Baberowski vor,35 aus der „angenommenen Konstrukthaftigkeit der ukrainischen Nation“ die Schlussfolgerung abzuleiten, diese Nation sei wohl „eine Erfindung des Westens“ […] folglich nicht existent; und der Staat, in dem sich diese Nation seit 1991 organisiert habe, könne eigentlich „Stück für Stück abgetragen“ und dem Territorium der „genauso konstrukthaften, russischen Imperialnation“ einverleibt werden.

Gegen Baberowskis Fehleinschätzung der Einstellungen russisch-sprachiger Ukrainer36) argumentiert Wendland: Es sei „wunderbar, dass in der Ukraine gerade eine politische Nation entsteht“.37 In der Ukraine sei in Echtzeit ein „neues historisches Phänomen“ zu beobachten, die „unter äußerem Druck ablaufenden Genese einer politischen mehrsprachigen Nation Ukraine“. In der gegenwärtigen revolutionären Diskussion, die zu fünfzig Prozent in russischer Sprache geführt werde, spiele nicht die Vorstellung von einer Nation im Sinne des 19. Jahrhunderts eine Rolle (wie Baberowski meine), sondern „die Willensäußerung einer neuen Generation von Ukrainern, von russisch- wie ukrainischsprachigen“, und „der Wille, eine pluralistische demokratische Gesellschaft schaffen zu wollen.“38 Der „rechte Rand“ in der Ukraine werde von Baberowski zur politischen Hauptströmung „hochgeschrieben“, kritisiert Wendland.

„Nationen sind entweder Sieger- oder Opfergemeinschaften, und sie benötigen Feinde, damit sie sein können, was die Nationalisten sich ausgedacht haben. Die Ukraine wird als Nation von Opfern ausgestellt, die über Jahrhunderte unterdrückt“ worden sei, schreibt Baberowski. „Historiker aber widerlegen den Mythos, sie sind die ärgsten Feinde der Nationalisten.“39 Nach dieser Feststellung versteigt sich der renommierte Dokumentator des Stalinismus, Autor des „verstörenden Buches“ (Karl Schlögel) „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“,40 dessen II. Kapitel mit „Imperiale Gewalträume“ überschrieben ist, zu der rhetorischen, implizit bejahten Frage: „War die poststalinistische Sowjetunion wirklich ein Völkergefängnis? War sie nicht vielmehr ein erfolgreiches Modell interethnischer Konfliktbewältigung?“41 Wie die Unabhängigkeitsbewegungen in den Unionsrepubliken (Baltikum, Süd-Kaukasus – und in der Ukraine) Ende der 1980er Jahre und in einigen ‚Teil-Republiken’ der Russländischen Föderation nach Auflösung der Sowjetunion (z. B. Tschetschenien, Tatarstan) offenbarten, war auch die post-stalinistische Sowjetunion ein „Völkergefängnis“.

Jens Jessen („Die Zeit“) hält die Ursprünge der Ukraine für „künstlich“; ihre Existenz als unabhängiger Staat sei ein „Missverständnis der ehemaligen sowjetischen Nationalitätenpolitik“. Die Nationalitätenpolitik spielte „angesichts der äußerst heterogenen nationalen Zusammensetzung der Sowjetunion […] wie auch der immensen Entwicklungsunterschiede der einzelnen Regionen“ von Anbeginn (an) „eine herausragende Rolle,“ konstatiert Gunnar Wälzholz (Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin).42 Die – innerlich widersprüchliche – sowjetische Nationalitätenpolitik hatte vornehmlich zwei langfristige, miteinander verknüpfte Ziele, wie Wälzholz darlegt: Einerseits die Verhinderung des Zerfalls des (vormals zarischen) Reiches – sowohl durch Zugeständnisse an die Nationalitäten als auch durch die Unterdrückung separatistischer Bestrebungen; andererseits die gesellschaftliche Modernisierung der kulturell verschiedenen Nationalitäten des Reiches als Voraussetzung für die Verschmelzung der unterschiedlichen Kulturen, also die kulturelle Gleichschaltung der diversen Nationalitäten zu einer ‚sowjetischen Nation’ (‚Sovetskaja nacija’).43 Die gegensätzlichen Prinzipien der Förderung nationaler Minderheiten („korenizacija“) einerseits und deren Assimilation andererseits wurden nach politischem Bedarf angewendet – von der kulturellen Förderung einzelner Nationalitäten (Sprache, Geschichte) über die Deportation ganzer Völker (Krim-Tataren, Tschetschenen) bis zur Liquidierung nationaler Eliten unter dem Vorwurf eines konterrevolutionären, d. h., bourgeoisen Nationalismus (Ukraine).

Die Ukraine ist nicht eine der‚künstlichen Nationen’, wie sie durch die sowjetischen Nationalitätenpolitik in den 1920er Jahren ‚kreiert’wurden; wohl aber lässt sie sich als eine Nation ‚in statu nascendi’ definieren, im Zustand des Geborenwerdens, des ‚nation building’, ein Prozess, der durch den ‚Majdan’ – und die russische Aggression – beschleunigt wurde.

Der ukrainische Nationalismus – ein ‚natürlicher’ Patriotismus

Der ukrainische Nationalismus wurde in Zeiten der Unterdrückung geboren; er war von Anfang an – und ist bis heute – ein defensiver – kein aggressiver, imperialer wie der russische. Er ist ein emanzipatorischer (Konrad Schuller, Frankfurter Allgemeine Zeitung, nennt ihn einen „liberatorischen“44) Nationalismus – wie die deutsche Nationalbewegung vor 1848, und somit – wie diese – mit liberaler Demokratie kompatibel.

Der ‚ukrainische Faschismus’ ist ein russischer Popanz, wie die Präsidentschaftswahl vom 25. Mai und die Parlamentswahl vom 28. Oktober 2014 beweisen: Die Präsidentschaftskandidaten der beiden unbestritten nationalistischen Parteien „Svoboda“ und „Rechter Sektor“, Oleh Tjahnybok und Dmytro Jaroš, erhielten jeder unter ein Prozent der Stimmen. In den Parlamentswahlen am 28. Oktober 2014 scheiterte die Partei „Svoboda“, die in der regulären Wahl im Oktober 2012 noch zehn Prozent der proportionalen Stimmen erhalten hatte, mit 4,7 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde. Der von den russischen Medien dämonisierte „Rechte Sektor“ („Pravij sektor“) erhielt weniger als 2 Prozent der Stimmen.

Der Nationalismus in der Westukraine hat seine Wurzeln in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, als in diesem Teil der heutigen Ukraine die unbestreitbar faschistoide „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) für die Unabhängigkeit der heutigen West-Ukraine (im damaligen östlichen Teil Polens) kämpfte, sowie in den bewaffneten Auseinandersetzungen der „Ukrainischen Aufständischen Armee“ (UPA) – in dem schmutzigen Untergrund-Krieg gegen die „Polnische Heimatarmee“ (pol. „Armia Krajowa“) und in dem Widerstand gegen die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg (nach anfänglicher – irrtümlicher – Kollaboration) sowie gegen den sowjetischen NKWD45 noch zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Auf dem „Majdan“ wurden die historischen Symbole aus der Zeit des (in der West-Ukraine) heroisierten Widerstandskampfes der Ukrainischen Aufständischen Armee wiederbelebt. Diese – in West-Europa – unzeitgemäß anmutenden Symbole wurden von den bis dato für nationalistische Parolen unempfänglichen Demonstranten bereitwillig angenommen. Der Gruß: „Der Ukraine sei Ruhm!“ („slava Ukraïni!“), der mit: „den Helden sei Ruhm!“ („herojam slava!“) beantwortet wird – ist ein Ritual, das sich in der „patriotischen“, „pro-ukrainischen“ Bevölkerung eingebürgert hat.46 Als diese Losung auf dem ‚Majdan’ skandiert wurde, ahnte keiner der Demonstranten, dass schon bald der unerklärte Krieg Russlands gegen die Ukraine im Osten des Landes neue Helden hervorbringen würde.

Der durch den „Majdan“ entzündete ukrainische Patriotismus mobilisierte die Bereitschaft, die friedlich gewonnene Unabhängigkeit des Landes mit der Waffe zu verteidigen. Die vormaligen „Verteidiger des Majdan“ organisierten sich spontan in „Freiwilligen-Bataillonen“, die an der ‚Ostfront’ unter Einsatz ihres Lebens kämpfen – und deren Verwandte und Freunde in privater Initiative für sie die nötige Ausrüstung beschaffen. Der patriotische Einsatz des Lebens für das ‚Vaterland’ (lat. patria) hat durch den Krieg im Donbass eine aktuelle Bedeutung bekommen. Zwar gilt es nicht als „süß und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben“, doch die Heroisierung des Kampfes gegen die militanten Separatisten und russischen Söldner ist nicht zu überhören. Nicht zu übersehen aber sind auch die vielen Fälle von Wehrdienstverweigerung; wie in Frankreich im Jahre 1939, wo die klassische rhetorische Frage: „mourir pour Dantzig?“47 aufkam, herrscht auch in den besonders ‚patriotischen’ Gebieten der Ukraine wenig Bereitschaft für den Donbass zu sterben’.48 Der russische Präsident Putin selbst reicht den ukrainischen Wehrpflichtigen, die sich vor der Einberufung drücken, eine schützende Hand.49 Um den Wehrwillen zu erhöhen, sah sich die Regierung genötigt, den Sold zu erhöhen – und Prämien für den Abschuss feindlicher Panzer auszuloben.50 Doch stoßen in der Zivilgesellschaft Spendenaufrufe auf eine ungeahnte Bereitschaft, Geld für die irregulären Verbände zu spenden. Eine Unzahl von Freiwilligen-Organisationen im ganzen Land sammelt Sachspenden und kauft (in Supermärkten!) Kleidung für die Soldaten an der Front.

Ob der neue Patriotismus die Ukrainer auch die unabdingbaren schmerzhaften Reformen im zivilen Sektor akzeptieren lässt, ist eine noch offene Frage. Wenn alle Ressourcen für die Verteidigung aufgewendet werden, kann sich dieser Patriotismus als „Reformfeind“ erweisen, meint Andrew Wilson. „Die Ukraine mag eine neue Nation bilden, aber sie baut keinen ordentlichen Staat.“51

Ukrainisches Nationalgefühl und europäisches Zugehörigkeitsgefühl

Anders als der Nationalismus in den Mitgliedsländern der Europäischen Union ist der ukrainische Nationalismus nicht anti- sondern pro-europäisch. Die Selbstvergewisserung nationaler Identität steht in der Ukraine nicht im Widerspruch zur pro-europäischen Orientierung der Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung. Das Gefühl der Zugehörigkeit zu Europa, der Wunsch, zu Europa zu gehören, artikulierte sich in der „Euro-Majdan-Bewegung“ in beeindruckender Weise.

Als Mitglied der Europäischen Union, einer Union sui generis von Nationen (Motto: „In Varietate Concordia“ / „in Vielfalt geeint“) kann die Ukraine ihre kulturelle Identität (insbesondere die ukrainische Sprache) bewahren und entwickeln. Als Mitglied in Putins „Eurasischer Union“ würde die Ukraine – unter Moskaus Kuratel – einer erneuten Russifizierung nicht entgehen. Die Ukraine kann sich als Nation nur in der Europäischen Union behaupten.

Aus dem von Russland angezettelten Konflikt wird die Ukraine (mit Hilfe der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten von Amerika) – möglicherweise territorial amputiert – als eine ‚europäische Nation’ mit einer gefestigten nationalen Identität und einer funktionierenden Demokratie hervorgehen.

Fußnoten

1 Als proto-staatlicher Vorläufer vom XVI. bis XVIII. Jahrhundert wird die autonome „Saporoger Sitsch“ (ukr. Zaporiz’ka Sič; Zaporižžja, deutsch: hinter den Stromschnellen) der Kosaken am unteren Dnipro (russ. Dnjepr) angesehen.

2 Auf ihrer historischen Zusammenkunft am 8. Dezember 1991 in der staatlichen Residenz „Viskuli“ im Nationalpark „Belovežskaja pušča“ (weißruss. „Belavežskaja pušča“), besiegelten die drei Präsidenten Boris El’cin (Russländische Föderation), Leonid Kravčuk (Ukraine) und Stanislav Šuškevič (Belarus) die Auflösung der Sowjetunion und beschlossen in dem sogenannten „Beloweschsker Abkommen“ (russ. „Belovežskoe soglašenie”) deren Ablösung durch die „Gemeinschaft Unabhängiger Staaten“ / GUS (russ. Sodružestvo Nezavisimych Gosudarstv / SNG).

3 Siehe die definitorische Annäherung an den Begriff ‚Krise’ – mit den Stichworten „Gefährdung“, „Ungewissheit“ und „Zäsur“ – in dem Beitrag von Thorsten Thiel zu dem Workshop der Friedrich-Ebert-Stiftung „Alles neu macht der Maidan“. Interdisziplinäre Perspektiven auf eine Ukraine im Umbruch“. Bonn, 23. / 24. Oktober 2014.

4 Nicht betroffen von der ukrainischen Identitätskrise ist die Bevölkerung der West-Ukraine, die (bis auf die ungarische und rumänische Minderheit) ein ausgeprägtes ukrainisches Nationalgefühl besitzt – sowie ein nicht bezifferbarer, aber doch erheblicher Teil der Bevölkerung im Osten und Süden des Landes, insbesondere in der Montanregion Donbass, der sich nicht der ukrainischen Nation zugehörig fühlt, sondern auf Russland ausgerichtet ist.

5 „Der Majdan“(deutsch: Platz), gemeint ist der (zentrale) Platz der Unabhängigkeit in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiv, im Jahre 2004 Schauplatz der Orangen Revolution und im Winter 2013 / 1014 zentraler Ort der „Majdan-Bewegung“, des Volksaufstandes gegen das Regime Janukovyč.

6 Moskau hat den – in einem Teil der Bevölkerung des Donbass bestehenden – latenten Separatismus entzündet und unterstützt die militanten Separatisten mit Waffen und Söldnern, um deren militärische Niederlage zu verhindern und den Brandherd Donbass nicht „einfrieren“ zu lassen – mit dem Ziel, die Ukraine politisch zu destabilisieren und ökonomisch zu ruinieren.

7 Zakon: „Ob oborone“ von 1996. Der neue eingefügte Punkt 2.1 lautet: „Mit dem Ziel, die Interessen der Russländischen Föderation […] zu schützen […] können Einheiten der Streitkräfte der Russländischen Föderation außerhalb der Grenzen der Russländischen Föderation […] operativ eingesetzt werden“ […] „zum Schutze“ russischer „Landsleute“ im Ausland (sootečestvenniki za rubežom, sozusagen Putins „Volksrussen“). Die Autorisierung des Auslandseinsatzes russischer Streitkräfte wurde wieder zurückgenommen, um die russische Beteiligung an dem Krieg im Donbass zu verschleiern.

8 Neil MacFarquhar: Conflict Uncovers a Ukrainian Identity Crisis over Deep Russian Roots, in: The New York Times, 18.10.2014; http://www.nytimes.com/2014/10/19/world/europe/conflict-uncovers-a-ukrainian-identity-crisis-over-deep-russian-roots-.html?_r=0.

9 Andrew Wilson: Five things the West can learn from the Ukraine Crisis, Quartz, 08.10.2014; http://qz.com/277502/five-things-the-west-can-learn-from-the-ukraine-crisis/. „Quartz“ ist eine Internet Site für „Business News“. Siehe auch: Andrew Wilson: Ukraine Crisis: What it means for theWest, Yale University Press, London October 2014. A. Wilson ist Senior Policy Fellow, European Council on Foreign Relations.

10 Steven Pifer: Trip Report: Mid-September Impressions from Kyiv. Brookings Institution, 15,09,2914; http://www.brookings.edu/blogs/up-front/posts/2014/09/15-trip-report-impression-kyiv-pifer.

11 Lavrov: dlja Rossii Ukraina – ėto bratskij narod…TASS, Petropavlovsk-Kamčatskij, 19.10.2014; http://itar-tass.com/politika/1517687.

12 “Post-Soviet schizophrenia”. In: The Economist, 4 February 1995, p. 27.

13 Mykola Riabchuk: Ukraine: One State, Two Countries? In: Kyiv Post, 12.12.2014.

14 Mykola Riabchuk: Two Ukraines? In: East European Reporter, vol. 5, no. 4 (1992).

15 Neil MacFarquhar: Conflict Uncovers a Ukrainian Identity Crisis over Deep Russian Roots, in: The New York Times, 18.10.2014; http://www.nytimes.com/2014/10/19/world/europe/conflict-uncovers-a-ukrainian-identity-crisis-over-deep-russian-roots-.html.

16 Ebda.

17 Zusammenschluss mehrerer nationalistischer, bis zum ‚Majdan’ unbedeutender Parteien.

18 Gebiet östlich der „Curzon-Line“ des im Versailler Vertrag wiederhergestellten, unabhängigen polnischen Staates (Zweite Republik’, polnisch: II. Rzeczpospolita).

19 Am 27. Oktober 1939 verkündete die – am 22. Oktober ‚gewählte’ – „Volksversammlung der Westukraine“ die „Erklärung über den Beitritt der Westukraine zur UdSSR.“ Die Annexion Ostpolens durch die Sowjetunion – und die damit verbundene Ausweisung der polnischen Bevölkerung – wurde auf der Konferenz von Potsdam (17.07. – 02.08.1945) von den Präsidenten der westlichen Siegermächte, Harry S. Truman (USA) und Winston Churchill / Clement Attlee (GB) akzeptiert.

20 Jörg Baberowski: Zwischen den Imperien. Warum hat der Westen beim Konflikt mit Russland derartig versagt? Weil er nicht im Ansatz die Geschichte der Ukraine begreift. Gastbeitrag in: Die Zeit, Nr. 12., 13. März 2014; http://www.zeit.de/2014/12/westen-russland-konflikt-geschichte-ukraine.

21 Für die mit Bussen nach Kyjiv beförderten, bezahlten ‚Anti-Demonstranten’ wurde in einem Park neben dem Gebäude des Parlaments ein umzäunter Platz mit einer Tribüne eingerichtet, auf dem von der „Partei der Regionen“ ein „Anti-Majdan“ inszeniert wurde.

22 Putin leugnet seine Beteiligung an dem Krieg, den er entfacht hat; doch die Beweislast ist erdrückend.

23 Benedict Richard O’Gorman Anderson: Imagined Communities (deutscher Titel: Die Erfindung der Nation). Unter dem Einfluss von Eric Hobsbawm’s „The Invention of Tradition“ übernahm Anderson den konstruktivistischen Ansatz aus der Soziologie, wonach die Wahrnehmung der Wirklichkeit das Ergebnis eines intersubjektiven gesellschaftlichen Konstruktionsprozesses ist. Nach dem Sozialanthropologen Ernest Gellner ist der Nationalismus eine soziologische Anforderung der modernen Industriegesellschaft. Ernest Gellner: Nations and Nationalism (Nationalismus und Moderne).

24 Zitiert nach Jiři Musil: The Prague Roots of Ernest Gellner’s Thinking, in: John A. Hall, Ian Charles Jarvie (ed.): The Social Philosophy of Ernest Gellner, Amsterdam (Editions Rodopi B.V.) 1996, S. 40.

25 Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation (Erstausgabe Berlin 1808). Vorlesungen ab dem 13. Dezember 1807 in Berlin während der französischen Besetzung, mit denen Fichte ein Nationalgefühl der Deutschen wecken wollte.

26 Ernest Renan: Qu’est-ce qu’une nation? (Was ist eine Nation?). Rede an der Sorbonne am 11. März 1882. Paris 1882.

27 Gero von Randow: Wie Nicolas Sarkozy mit einer Kampagne zur nationalen Identität das Land spaltet, in: Die Zeit, Nº 46 / November 2009.

28 Miroslav Hroch: Zwischen nationaler und europäischer Identität, in: Pim den Boer, Heinz Duchhardt, Georg Kreis, Wolfgang Schmale (Herausgeber): Europäische Erinnerungsorte, Band 1, Mythen und Grundbegriffe des europäischen Selbstverständnisses, München (Oldenbourg) 2012, S.75 -89.

29 Namhafter Vertreter war der Historiker Friedrich Meinecke.

30 Matthias Nass: “Putins Vorgehen ist verständlich”. Helmut Schmidt über Russlands Recht auf die Krim, die Überreaktion des Westens und den Unsinn von Sanktionen. In: Die Zeit, Nr. 14, 27.03.2014; http://www.zeit.de/2014/14/helmut-schmidt-russland.

31 Jens Jessen: Teufelspakt für die Ukraine. In: Die Zeit, Nr. 14, 28.03.2014. http://www.zeit.de/2014/14/ukraine-unabhaengigkeit.

32 Jörg Baberowski: Zwischen den Imperien.

33 Anna Veronika Wendland: Offener Brief an Prof. Jörg Baberowski, HU Berlin, zu seinem Artikel “Zwischen den Imperien” in der ZEIT Nr. 12/2014 vom 13.03.2014, S. 52. Geposted am 25.03.2014 in:
http://euromaidanberlin.wordpress.com/2014/03/25/ein-offener-brief-von-der-historikerin-anna-veronika-wendland/.
”Der nationale Gedanke habe in den Städten des Ostens und Südens nur geringe Austrahlungskraft gehabt, weil in ihnen Russen und Juden lebten, argumentiert Baberowski. Die ukrainischen Bauern, die in die Städte zogen […] empfanden ihre sprachliche Assimilation nicht als tragisch…“.

34 Franziska Davies: Die Ukraine – eine künstliche Nation? In: Der Freitag, 01.04.2014;
https://www.freitag.de/autoren/franziska-davies/die-ukraine-eine-kuenstliche-nation

35 Anna Veronika Wendland: Offener Brief an Prof. Jörg Baberowski…

36 Jörg Baberowski: Zwischen den Imperien.

37 Anna Veronika Wendland: Offener Brief an Prof. Jörg Baberowski…

38 Ebda. Siehe auch Anna Veronika Wendland: Für ein neues Land. In: Der Freitag, Augabe 15, 10.04.2014; .

39 Jörg Baberowski: Zwischen den Imperien.

40 Jörg Baberowski: Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt’. München (C. H. Beck Verlag) 2012.

41 Jörg Baberowski: Zwischen den Imperien. Darin: „Die Ukraine ist ein Kind der sowjetischen Nationalitätenpolitik. […] Die Bolschewiki ordneten das Vielvölkerreich nach ethnischen Prinzipien, gründeten Republiken […] entwarfen Sprachen und Nationalgeschichten.“

42 Gunnar Wälzholz: Nationalismus in der Sowjetunion. Entstehungsbedingungen und Bedeutung nationaler Eliten. Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, Arbeitspapiere des Bereichs Politik und Gesellschaft, Heft 8 / 1997.

43 Die ideologisch zweigleisige Nationalitätenpolitik wurde mit Lenins dialektischer Doktrin begründet, nach der die „Förderung der freien Entfaltung der Nationalitäten schließlich zu ihrer natürlichen Verschmelzung führen“ würde. Die von Lenin und Stalin unterzeichnete „Deklaration über die Rechte der Völker Russlands“ vom 2. (15.) November 1917 garantierte die „freie Entfaltung“ nationaler Minderheiten. Institut istorrii Akademii nauk BSSR: Deklaracija prav narodov Rossii, 2 (15) nojabrja, 1917; Sbornik dokumentov «Obrazovanie SSSR», Moskva, 1949, str. 19 – 20; Nacional’nyj pravovoj internet-portal Respubliki Belarus’; http://www.pravo.by/print.aspx?guid=5741.

44 Konrad Schuller: Die ukrainische Opposition: Ohne Wolfsangel, in: Frankfurter Allgemeine, 10.02.2014; http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/europa/die-ukrainische-opposition-ohne-wolfsangel-12793039-p2.html.

45 NKWD, Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (Narodmyj komissariat vnutrennich del), Vorläufer des KGB (Komitet gosudarstvennoj bezopasnosti), der staatlichen Terror-Organisation Stalins, die für außergerichtliche Exekutionen, Massen-Deportationen, das GuLag-System und politischen Mord im Ausland zuständig war..

46 Unbestreitbar war aus den Reihen der militanten ‚Verteidiger des Majdan’ auch die ‚ultra-nationalistischen’ Losungen: „Ruhm der Nation – Tod den Feinden!“ („Slava naciï – smert’ voroham!“) und „die Ukraine über alles!“ („Ukraïna – ponad use!“) und zu hören.

47 Titel eines umstrittenen Aufsatzes von Marcel Déat in der französischen Zeitung ‚L’Œuvre’ im Mai 1939.

48 Byrjukov vozmutilsja pervymi resul’tatami vypolnenija plana mobilizacii. Ukrainskaja pravda (russ. Ausgabe), 27.01.2015; http://www.pravda.com.ua/rus/news/2015/01/27/7056588/. Jurij Birjukov ist Berater des Präsidenten der Ukraine.

49 Vstreča so studentami Gornogo universiteta. (Website) Prezident Rossii, 26.01.2015;
http://www.kremlin.ru/news/47519.

50 Offizielle Website des Verteidigungsministeriums der Ukraine, 28.01.2015; http://www.mil.gov.ua/news/2015/01/28/za-znishhennya-vijskovoi-tehniki-protivnika-uchasniki-ato-otrimuvatimut-dodatkovu-vinagorodu—/.

51 Andrew Wilson: Five things the West can learn from the Ukraine Crisis. In: Quartz, 08.10.2014; http://qz.com/277502/five-things-the-west-can-learn-from-the-ukraine-crisis/. Andrew Wilson ist Senior Policy Fellow, European Council on Foreign Relations / ECFR.

Autor:   Winfried Schneider-Deters  — Wörter: 7530

Winfried Schneider-Deters
Jahrgang 1938; Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Heidelberg.
1975 – 2003: Leiter von nationalen und regionalen Projekten der Friedrich-Ebert-Stiftung in Lateinamerika (Venezuela), Ostasien (Korea), Zentralasien und im Südkaukasus.
Von 1996 bis 2000: Aufbau und Leitung des „Kooperationsbüros Ukraine“ der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew.
Seit 2004: Freier Autor (Veröffentlichungen zur Innen- und Außenpolitik der Ukraine).

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