FacebookTwitterVKontakteTelegramWhatsAppViber

Das unsowjetische Russland

0 Kommentare

Fünf mutige französische Jungs stehen an einer Hauswand. Zwei behalten die Straße im Auge, der Dritte hält einen Farbeimer, der Vierte ist mit seinem Rücken die Leiter für seinen Kumpel und der Fünfte malt das verbotene Wort Frieden auf den Putz. Um die Ecke ist eine Antikriegsdemonstration zu sehen, die gerade von der bürgerlichen Polizei auseinandergejagt wird. So sieht das Gemälde Für den Frieden! von Reschetnikow aus, ein Musterexemplar des Sozialistischen Realismus. Heute kann man sich die Szenerie genauso gut in Russland vorstellen. Für das klassische sowjetische Plakat „Frieden für die Welt“ werden Demonstranten von der Polizei verhaftet. Im Staatsfernsehen wird dafür mit Begeisterung von Nuklearschlägen gegen Amerika und radioaktiver Asche fantasiert.

Mit der Aussage, dass sich Russland unter Putin in eine zweite UdSSR verwandelt, überrascht man heute niemanden mehr. Aber die erste, die ursprüngliche UdSSR hätte sich keinen so offenen Militarismus, Chauvinismus und Fremdenfeindlichkeit erlaubt. Während der Sowjetstaat bemüht war, sich mit Friedenstauben und Olivenzweigen zu bemänteln, protzt Russland stolz mit seinen Waffen. Während die UdSSR die dunklen Seiten ihrer Geschichte verschwieg, verteidigt Russland sie und rechtfertigt die Gewaltherrschaft, die Massenrepressionen und den Tod von Millionen von Menschen. Die Feigenblätter des Pazifismus und Humanismus sind abgefallen, sie werden nicht mehr gebraucht. Alles was die Sowjetunion noch verschämt zu maskieren versuchte, stellt Putins Reich ohne jede Skrupel zur Schau.

Entgegen der weitverbreiteten Meinung arbeiten Russlands Lenker nicht an einer Neuerrichtung der Sowjetunion. War die sowjetische Ideologie ein Exportprodukt, ist Putins Werk ausschließlich für den heimischen Markt bestimmt. Dieser prinzipielle Unterschied erfordert ein anderes Vorgehen und anderen Entscheidungen. Die ruhige UdSSR strebte danach, weltweite Vorherrschaft zu erlangen und die Erde nach eigenen Vorstellungen umzugestalten. Es war unmöglich, dies ausschließlich durch Waffengewalt zu erreichen, und so stürzte sich der Kreml in einen Kampf um die Herzen der Menschen. Das sowjetische Regime war auf ein Millionenheer von Unterstützern im Ausland angewiesen. Ununterbrochen wurde betont, dass die UdSSR die Interessen der Arbeiter auf der ganzen Welt verteidigt. Das sozialistische Modell wurde als Muster zur Nachahmung angeboten, was dem Sowjetstaat reale oder angebliche Spitzenleistungen auf allen Gebieten abforderte. Obwohl die UdSSR de-fakto ein Imperium war, schreckte sie vor dem martialisch klingenden Wort „Imperium“ zurück. Aggressionen wie in der Tschechoslowakei 1968 und in Afghanistan 1979 haben dem Image des Kremls einen schweren Schaden zugefügt und rückten seine Niederlage im Wettstreit mit dem Westen näher. Bereits in den Jahren des Stillstands wurde es offensichtlich, dass die Sowjetunion den ideologischen Kampf verloren hatte. Der Rückstand gegenüber der westlichen Welt trat zu offen zu Tage, die kommunistischen Losungen klangen falsch und Unterstützer der UdSSR im Ausland wurden immer mehr zu einer marginalen Randgruppe. Der sowjetische Mythos war diskreditiert und kein adäquater Ersatz war in Sicht.

Das heutige Russland hat es nicht auf Weltherrschaft abgesehen, es gibt sich damit zufrieden, seinen Einfluss als Regionalmacht zurückzugewinnen. Zur Selbstbestätigung reicht es ihm vollkommen, seine schwächeren Nachbarn zu schikanieren und sich am eigenen Draufgängertum zu berauschen. Putins Projekt verfolgt lokale Ziele und ist nicht empfänglich für internationale Tendenzen. Moskau braucht keine internationale Unterstützung – im Gegenteil, von der ganzen Welt als Reich des Bösen angesehen zu werden, kann durchaus schmeichelhaft sein. Es ist völlig überflüssig, um irgendwelche Sympathien im Ausland zu werben: der russischen Mythologie zufolge ist die restliche Welt nicht von Arbeitenden, sondern von geistlosen Perversen bevölkert. Führende Leistungen in Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Gesellschaft sind auch nicht nötig. Das Zurückbleiben hinter Europa und den USA wird nicht als zivilisatorische Niederlage Russlands gesehen. Umso besser es dem verfeindeten Westen geht, desto tiefer wird der russischer Provinzler ihn hassen und sich selbst im Recht fühlen.

Das sowjetische Projekt brauchte einen „neuen Sowjetmenschen“, so ein heiliges kleines Jesuskind, das zu den unterdrückten Schwarzen und den landlosen Bauern von Granada hält. Der selbstvergessene Träumer, der bereitwillig für das Glück Anderer schuftet und jede Unannehmlichkeit für eine bestimmte große Mission in Kauf nimmt, war das Vorbild. Aber die menschliche Natur lässt sich nicht so einfach umformen. Der kommunistische Homunculus ließ sich in der UdSSR nur schwer heranzüchten und sein Bestand blieb zahlenmäßig hinter den Erwartungen zurück. Nach Chruschtschow wurde die Erschaffung eines „neuen Menschen“ schließlich ganz aufgegeben, von der Bevölkerung wurde keine hohe ideologische Entwicklung mehr verlangt, sondern nur noch Anpassung. Das System begann sich von innen heraus zu zersetzen und zu zerstören, mit allen resultierenden Konsequenzen.

Putins Projekt benötigt keinen „neuen Russen“ und zwingt der Bevölkerung keine künstlichen moralischen Leitlinien auf. Es ist auf den durchschnittlichen Spießbürger ausgerichtet, so beschränkt, selbstverliebt, neidisch und aggressiv wie er ist. Es fördert ganz natürliche menschliche Eigenschaften, wenn auch nicht die allerbesten.

Der Spießer will nicht auf andere Menschen Rücksicht nehmen und sich in ihre Lage hineinversetzen. Putins Herrschaft stillt seinen Egozentrismus. Allein weil er seit seiner Geburt Russisch spricht und ein orthodoxes Kreuz auf seiner Brust trägt, kann er sich als Nabel der Welt fühlen. Und die ganzen liberalen Toleranzaffen können ihm gar nichts.

Der Spießer hat eine Abneigung gegen Menschen, die ihm nicht ähnlich sind. In Russland kann er all den Schnorrern aus der Ukraine und dem Baltikum, den Kanaken und den anderen, nicht als vollwertig angesehenen Nachbarn, seine Verachtung offen zeigen. Der Spießer ist neidisch auf die, die reicher sind als er. Seine Abneigung gegen die gut situierten Amis und Euroschwuchteln wird vom russischen Staat ganz und gar befürwortet.

Der Spießer will auf seine eigene Person stolz sein, auch ohne jeden Grund dafür zu haben. Putins Reich versorgt ihn mit den ersehnten Vorwänden für diesen Stolz. Selbst wenn du keine persönlichen Erfolge vorzuweisen hast, selbst wenn dich nichts von der grauen Masse unterscheidet, selbst wenn du schwach und glücklos bist, aber dafür sind WIR siegreich! WIR haben 2008 die armseligen Georgier geschlagen und die feigen ukrainischen Bandera-Banditen schlagen wir 2014. WIR pfeifen auf Europa und Amerika! WIR haben uns unsere Krim zurückgeholt, und jetzt holen wir uns den Donbass! Das Leben des einfachen Russen ist gelungen…

Missgünstige Kommentatoren, die Russland mit der Sowjetunion der trostlosen Stillstandsjahre vergleichen, prophezeien Putin ein noch schnelleres und schmählicheres Ende. Wie gerechtfertigt sind solche Prognosen?

Unseren Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Die Sowjetunion ist zusammengebrochen, gerade weil sie ihren Großmachtstatus nicht akzeptiert hat und sich bis zuletzt an internationalistischen und sozialistischen Sonntagsreden festgeklammert hat. Diese Trägheit hat verhindert, dass rechtzeitig marktwirtschaftliche Reformen durchgeführt wurden und die UdSSR sich in eine autoritär regierte kapitalistische Supermacht wie China transformiert. Und als in sowjetischen Geschäften selbst die Wurst ausging, hatte die Führungsschicht nichts mehr in der Hand, um die unzufriedene Bevölkerung abzulenken oder zu begeistern. Sie hatten nichts mehr im Vorrat außer den steinalten Idealen, die schon lange nicht mehr ernst genommen wurden und keine Verbindung zur sowjetischen Realität hatten.

In Putins Russland gibt es absolut genügend Wurst, dafür funktioniert der Markt gerade gut genug. Falls sich die Wurstsituation durch westliche Bemühungen aber drastisch verschlechtern sollte, hat der Kreml etwas, was er dem Volk als Ersatz anbieten kann. Und zwar keine seltsamen Formeln über Lenin und internationale Arbeitersolidarität, sondern Werte, die tatsächlich die Mehrheit der Bevölkerung ansprechen: unverhohlene Aggression, Fremdenhass, eine Kultur der Stärke und ein Überlegenheitsgefühl gegenüber Schwächeren.

So sehr wir auch gerne etwas anderes glauben würden, das Russische Reich der 2010er Jahre wirkt stabiler als das sowjetische der 1980er Jahre. Es ist weitaus natürlicher und deswegen lebensfähiger. Natürlich bedeutet das nicht, dass das russische Regime für die Ewigkeit gemacht ist und nicht zu stürzen ist. Einen baldigen Zusammenbruch wie den der Sowjetunion sollte man allerdings nicht erwarten.

17. April 2014 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Oliver Ditthardt — Wörter: 1230

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Facebook, Google News, Telegram, Twitter, VK, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 4.7/7 (bei 11 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Wie wird das Jahr 2022 für die Ukraine?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)-1 °C  Ushhorod-8 °C  
Lwiw (Lemberg)-3 °C  Iwano-Frankiwsk-2 °C  
Rachiw-9 °C  Jassinja-6 °C  
Ternopil-4 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)-1 °C  
Luzk-3 °C  Riwne-4 °C  
Chmelnyzkyj-4 °C  Winnyzja-3 °C  
Schytomyr-3 °C  Tschernihiw (Tschernigow)-2 °C  
Tscherkassy-2 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-2 °C  
Poltawa-2 °C  Sumy-3 °C  
Odessa1 °C  Mykolajiw (Nikolajew)0 °C  
Cherson-0 °C  Charkiw (Charkow)-1 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-1 °C  Saporischschja (Saporoschje)0 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-1 °C  Donezk0 °C  
Luhansk (Lugansk)2 °C  Simferopol5 °C  
Sewastopol6 °C  Jalta6 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Bis zum heutigen Tag waren sämtliche Friedensversuche unproduktiv. [...] Die NATO hat sich, [...] NATO-Mitglieder sind nicht [...] die gesamte NATO. Komisch. Ich kann mich nicht erinnern, dass die NATO...“

„Werdet neutral wie die Schweiz, oder Schweden. Dann sind die Erfolge der Ukraine vorprogrammiert. Versucht es einmal. Darum geht es also. Werdet neutral, wie es meinem geopolitischen Weltbild entspricht....“

„Kunst und Kultur ist etwas schönes und nicht jeder ist dieser zugetan. Tsymbalyuk und Lawrenchuk sind freischaffende Künstler, jeder auf seinem Gebiet und man muss sie nicht mögen, allerdings ihr Können,...“

„Geht der zurückgekehrte Spitzen-Filmregisseur den Ukrainern ebenfalls auf die Nerven ? Zuletzt auch noch der Tsymbalyuk, zu Hause braucht die einfach keiner.“

„Sehr geehrter Herr Putin, Liebe Russen, gebt Frau Sawtschenko die Freiheit zurück. Ihr spart dabei jede Menge Geld und könnt wieder besser schlafen. Große Männer vergeben und vergessen. Frau Sawtschenko,...“

„Eine erfreuliche Nachricht. Längere Kampfpausen würden die Menschen, in der Ukraine und in Russland erfreuen.“

„Die Ukraine, muss ihre Möglichkeiten erkennen und nutzen. Wirtschaftlicher Wohlstand, ist der Schlüssel für jedes erfolgreiches Land. Der Kauf und die Anhäufung von militärischem Schrott aus dem Ausland,...“

„Bis zum heutigen Tag waren sämtliche Friedensversuche unproduktiv. Die beidseitigen Absichtserklärungen und Drohungen, sind sinn- und nutzlos. Sämtliche Sanktionen unserer Politik, bewirken nur weitere...“

„Hochgradig absurd ist der Artikel von Porcedda und @mbert versucht ihn stellenweise zu übertreffen Gern mit Argumenten. Die Autorität Deiner Person reicht da leider nicht.“

„Also wenn ich hier im Thread lese denke ich immer zwick ist mit dem Titel "Russische Absurdität zum Jahresende" gemeint ... Hochgradig absurd ist der Artikel von Porcedda und @mbert versucht ihn stellenweise...“

„Wenn ich das dann dieser Tage richtig verstanden habe, entspricht diese Regelung im wesentlichen auch der deutschen Handhabung, hier wurde ja auch auf die 9 Monate verkürzt und der Johnson und Johnson...“

„Hallo Frank, Danke für den Link, das Thema finde ich sehr interessant, Frau Wendland war mir bisher nicht bekannt. Gruß Bernd“

„@Frank, Du bringst es wieder auf den Punkt. Könnte ein schönes Schlusswort sein.“

„Also wenn ich hier im Thread lese denke ich immer zwick ist mit dem Titel "Russische Absurdität zum Jahresende" gemeint ...“

„Richtig @mbert die geographische Lage kleinerer Staaten ist halt Schicksal und die Ukraine muss anscheinend zu ihrem Glück gezwungen werden. Wie schon mal geschrieben, eine vom Westen geförderte antirussische...“

„Richtig @mbert die geographische Lage kleinerer Staaten ist halt Schicksal und die Ukraine muss anscheinend zu ihrem Glück gezwungen werden. Danke, das ist wenigstens mal eine klare Aussage. Das ist aber...“

„Russland wird sich seine Einflusssphäre, die ihr zusteht, zurückholen, weil sie es können. Verstehe. die Ukraine ist also eine "Einflusssphäre" und hat Deiner Meinung nach keinen Anspruch darauf, über...“

„Warum nicht? So weit ich es sehen kann, es hat keine Bezahlschranke, im Gegensatz zu vielen anderen CICERO-Artikeln. Aber vielleicht ist es nur nei mir so, da ich Abonnent bin?“

„. Russland wird sich seine Einflusssphäre, die ihr zusteht, zurückholen, weil sie es können. Was ich auf Dauer bezweifele. Es sieht viel danach aus als ob es wieder im Schicksal der UdSSR oder Nazideutschlands...“

„Bezüglich Sicherheit von AKW in der Ukraine und allg. Osteuropa ist ja D schon länger involviert, besonders nach Tschenobyl und Zusammenbruch der UdSSR. Z.B. Frau Wendland war diesbezüglich oft dort...“

„Ist das krank, @mbert kann sogar den Wahnsinn von Porcedda toppen. Putin ist also wohl der reichste Mensch unter der Sonne, richtig stark Ja, krank, wie Leute hier immer noch glauben, Putin sei einfach...“

„Ist das krank, @mbert kann sogar den Wahnsinn von Porcedda toppen. Putin ist also wohl der reichste Mensch unter der Sonne, richtig stark Kürzlich fand Nouripour die Forderungen Russlands verwirrend,...“

„Na ja, im Artikel steht, dass die Ukraine ihre Uranförderung verdoppeln will, also Strom aus eigenen Atomkraftwerken mit eigenem Uran. Ich weiß ja nicht was Ihr da herauslest, aber für mich wird die...“