Dmitrij Tymtschuk: Wir lieben sie, doch sie uns nicht


Von den Beziehungen zwischen der Ukraine und Russland im Kontext ihrer nationalen Interessen redend, wird teilweise die Hauptsache vergessen – das Verhältnis der beiden Völker zu diesen Beziehungen selbst. Dabei wird der Mechanismus der“Realisierung” der Meinung der Bürger bei der Formung der Außenpolitik des Staates unterschiedlich gesehen.

In Russland, als Staat mit Anzeichen eines autoritären Regimes, setzt die Regierung die Interessenschwerpunkte. Diese Interessen bestimmen auch die außenpolitische Ausrichtung, über die Formung der gesellschaftlichen Meinung (dank dem Umstand, dass die Medien sich vorwiegend unter staatlicher ideologischer “Aufsicht” befinden und den Regierungsauftrag umsetzen).

Dabei bildet sich bei der Bevölkerung mit ihrer “gelenkten” Meinung eine vollständige Illusion darüber aus, dass die Regierung eine Politik umsetzt, welche die Erwartungen des Volkes widerspiegelt. Ein Rezept, welches nicht erst heute oder gestern erdacht wurde.

In der Ukraine, einem schwer regierbarem Land mit krisenanfälliger Staatlichkeit, kann die Regierung intuitiv (oder wenn begrenzte, zeitweilige Interessen zusammenfallen) eine gewisse nationale “Notwendigkeit” verspüren. Doch sie ist nicht in der Lage diese zur Allgemeinheit zu machen oder dem negativen, informationellen Einfluss von Seiten des benachbarten Staates Widerstand zu leisten (besonders in den an Russland grenzenden Regionen).

Dazu kommt noch, dass die “Saat” der nachbarlichen Propaganda auf den fruchtbaren Boden der Unzufriedenheit mit der eigenen Regierung und einem Hang zu einer starken Regierung fällt.

Der erwähnte Algorithmus der Formung der russischen Außenpolitik lässt sich vollständig und klar am Beispiel der Befragungen die von dem Unternehmen GlobeScan im Auftrag der BBC-World in der Russischen Föderation durchgeführt wurden nachvollziehen.

Demnach stieg in den letzten Jahren die Gewissheit der Russen in Bezug auf den guten Einfluss ihres Landes auf die Vorgänge in der Welt, ungeachtet der Abkühlung in den Beziehungen zu Europa und den USA, spürbar an.

Die Ergebnisse zeigten: 66% glauben, dass man in der Welt ihr Land als globale “Kraft des Guten” sieht und 82% denken, dass Russland auf die Welt einen positiven Einfluss ausübt. Während einer analogen Umfrage 2005 gab es 69% dieser Optimisten.

Derweil zeigte eine analoge Befragung in 20 anderen Ländern, dass man in der Welt den “Glauben” der Russen bezüglich der Rolle der Russischen Föderation überhaupt nicht teilt.

42% der Befragten Ausländer erklärten, dass sie eine negative Einstellung zu Russland haben.

“Die Befragung verwunderte, wie es scheint, sogar die an alles gewöhnten Journalisten und Soziologen. Es war zu erwarten, dass in Verbindung mit den letzten internationalen Ereignissen sich das Verhältnis zu Russland in der Welt verschlechtern, doch das sie gleich um 8% “fallen”, wurde für viele zur Überraschung”, konstatieren Experten der BBC.

Symptomatisch ist auch die Tatsache, dass es in der Vorstellung der Russen nicht ein einziges Land in der Welt gibt, welches sie bedingungslos als Freund Russlands sehen würden. “Freunde” der Russischen Föderation sind der Meinung der Russen nach: Weißrussland – 38%, Kasachstan – 23%, China – 14%, Deutschland – 13%, Frankreich – 11%, Indien – 4%, Venezuela – 4%, die USA – 3%. Für 12% gibt es keine Verbündeten.

In Russland macht diese Situation offensichtlich niemanden stutzig. Und das ist
vorbehaltlos der Erfolg der Propagandamaschine des Kremls.

Obgleich es logisch wäre zu fragen, was das für ein Land ist, welches eindeutig der Welt das Gute bringt, doch welches kein einziges Land hat, das es als aufrichtigen Verbündeten Russlands bewerten würde?!

Auf den ersten Blick ist das Unsinn. Doch wenn man nachdenkt, dann ist es in Wirklichkeit das ausgezeichnete Ergebnis der Manipulation des öffentlichen Bewusstseins.

“Das ist das Ergebnis des Informationskrieges gegen uns”, erklärte der Außenminister der Russischen Föderation, Sergej Lawrow, die Ergebnisse der Befragung kommentierend. “Doch es gelang nicht die konstruktive Rolle Russlands in der Weltpolitik im Ganzen zu diskreditieren”.

Geben wir zu, das ist ein seltsamer Informationskrieg der “äußeren Feinde” gegen Russland. Dabei kommt heraus, dass die Russen im Umfeld Russlands nicht einen einzigen Freund sehen, also weshalb sollte sie jemand in ihrem Umfeld lieben?

Das Paradox des “Informationskrieges”, der angeblich gegen Russland geführt wird, beobachten wir am Beispiel der Ukraine. Gemäß den Ergebnissen einer Befragung die Anfang April 2009 vom Allrussischen Zentrum für Erforschung der gesellschaftlichen Meinung durchgeführt wurde, sehen jetzt bereits 21% der Russen die Ukraine als feindlichen Staat, wo es 2007 lediglich 7% der Russen waren.

Als Feind Nummer eins nannten die Russen die Vereinigten Staaten von Amerika und als Feind Nummer zwei – Georgien. Die Ukraine belegte den dritten Platz in der Liste der den Russen verhassten Staaten.

Die Resultate einer analogen Umfrage, die vom russischen “Lewada-Zentrum” und dem KMIS durchgeführt wurde, zeigte weitaus schlechtere Resultate. Insbesondere erklärten 62% der Befragten ein negatives Verhältnis zur Ukraine zu haben.

Paradoxerweise verhalten sich die Ukrainer, die von den Russen als Feinde gesehen werden, zu den Russen sehr freundlich. Gemäß der gleichen Umfrage vom “Lewada-Zentrum” und des KMIS, äußern sich 91% der Ukrainer positiv über Russland.

Seltsame Menschen: sie werden nicht gehasst, sie werden geliebt …

Tatsächlich erklärt sich dieser “Masochismus” der Ukrainer mit dem erwähnten Unterschied in den Mechanismen der Formierung der Außenpolitik der beiden Staaten.

Bei allen ihren Unzulänglichkeiten garantiert die Ukraine ihren Bürgern den Zugang zu objektiven Informationen, indem sie deren Auswahl nicht durch ideologisierte staatliche Ressourcen einschränkt, die propagandistische Aufträge erfüllen (solche gibt es in der Ukraine nicht).

In Russland herrscht ein vollkommen anderes Bild vor. Noch im September des letzten Jahres konstatierten Spezialisten des “Lewada-Zentrums” eine starke Verschlechterung des Verhältnisses der Russen zu den USA, der EU, der Ukraine und Georgien. Das “Lewada-Zentrum” berechnete regelmäßig einen Beziehungsindex der Russen zu unterschiedlichen Ländern. Zu den USA seit März 1997, zur EU seit Dezember 2003, zu Georgien und der Ukraine seit 2001. Im September 2008 haben alle vier ein historisches Minimum erreicht. Mit anderen Worten, die Russen haben sich noch nie so schlecht auf diese Länder bezogen.

Dabei bilden sie ihr Urteil über Ereignisse auf der Grundlage von Informationen, die sie aus dem “Fernsehen” erhalten haben, hauptsächlich aus den wenigen landesweiten Sendern (2/3 der Bevölkerung liest nicht regelmäßig Zeitung, lediglich 15% benutzen das Internet wenigstens einmal am Tag).

Es gibt wenige Informationsquellen. Sichtweisen, die sich von der offiziellen unterscheiden, sind nicht hörbar.

Die russische gesellschaftliche Meinung im Ganzen ist gewohnheitsmäßig mobilisiert und konsolidiert – gegen den Feind und solidarisch mit den russischen Führern. Die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung ist von der Richtigkeit der russischen Führung überzeugt. Und “wer nicht mit uns ist, ist gegen uns”.

Dabei ist es schwer zu glauben, dass im Fall der Ukraine die “orange Revolution” mit ihrem “amerikanischem Auftrag” und den bekannten Folgen zum Anlass der wachsenden Feindseligkeit der Russen wurde.

Nachfolgend die Daten eben jenes “Lewada-Zentrums”, dessen Befragungen die Russen ausreichend hoch vertrauen. Es ist das führende unter allen Meinungsforschungsinstituten Russlands. Auf ein und dieselbe Frage: “Welches Verhältnis haben Sie derzeit zur Ukraine?“ antworteten die Russen folgendermaßen.

“Welches Verhältnis haben Sie derzeit zur Ukraine?*

-06/200110/200206/200302/200403/200503/200603/200703/200803/2009
sehr gut/hauptsächlich gut716478677153585541
hauptsächlich schlecht/ sehr schlecht232717252237323349
keine Antwort695781011139

Daten vom “Lewada-Zentrum”

Derart, hat sich das Verhältnis der Russen zur Ukraine nach der “orangen” Revolution nicht besonders geändert, verschlechternde Sprünge gab es in der Zeit der Verschärfung der “Gaskriege”, als die russischen Führer mit ernsten Beschuldigungen gegenüber Kiew begannen und die russischen Massenmedien sich in das Spiel mit ihren Vorgaben einschalteten.

Folge der Arbeit der propagandistischen Maschine des Kremls ist der hinreichend gefährliche Effekt, den wir heute beobachten und die charakteristische Propaganda überhaupt.

Im Bewusstsen der Russen wird die ukrainische Führung, unabhängig von den getroffenen Entscheidungen, vollständig mit der Ukraine und deren Volk assoziiert. Entsprechend haben beliebige Konflikte Kiews mit Moskau Folgen für die allgemeine Feindseligkeit der Russen gegenüber den Ukrainern.

Im Falle der Ukrainer herrscht ein entgegengesetztes Bild vor. Unsere Landsleute, verspüren freundschaftliche Gefühle zu Russland und den Russen, obgleich sie nicht immer diese oder andere Schritte des Kremls gutheißen.

Doch im Bewusstsein des Ukrainers existiert eine deutliche Trennung zwischen der momentanen russischen Regierung und der Bevölkerung Russlands. Dies ist eine qualitative Schutzvorrichtung beim Übergang vom negativen Verhältnis zur russischen Regierung zu einem pathologischen Hass gegenüber dem russischen Volk. Bei den Russen gibt es diese Schutzvorrichtung nicht.

Auf diese Weise sind wir Zeugen eines hinreichend gefährlichen Experiments, welches von der russischen Regierung den eigenen Ambitionen zuliebe gegenüber dem eigenen Volk durchgeführt wird.

Durch Erziehung an den Idealen einer “starken Regierung” und die Enttäuschung über die misslungenen demokratischen Prozesse in ihrem Lande in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, für die sie sich als absolut nicht vorbereitet erwies, ist die russische Gesellschaft heute ein fruchtbarer Grund für informationelle Einflüsse, die vom Staatsapparat ausgehen.

Welches unter diesen Bedingungen, bei Beibehaltung derartiger Tendenzen, das gesellschaftliche Bewusstsein in Russland bereits in einigen Jahren sein wird und ob man überhaupt von irgendeinem zivilisierten Dialog zwischen Russland und der Ukraine vor dem Hintergrund des bei den Russen faktisch erzeugten Hasses gegenüber den Ukrainern reden können wird, das ist eine große, große Frage.

07. Mai 2009 // Dmitrij Tymtschuk ist Leiter des Zentrums für militärpolitische Forschungen

Quelle: Ukrajinska Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1564

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