Haben wir eine Zukunft?


In einer Ausgabe des Auswanderer-Journals „Kontinent“ las ich folgende bittere Worte: „Um die Kultur eines Landes und Volkes zu vernichten, muss man nur den größten Meister jeder Profession loswerden, den besten Bäcker, besten Schriftsteller, besten Schlosser, besten Künstler, Maurer, Komponisten, Maler. Heute haben wir in unserer Kultur in der Heimat eben diese Situation…“ Das ist von 1980 aus der UdSSR.

Es scheint, wir wiederholen uns. Irgendwie ziemlich bald. Die Ukraine verliert ihre Ersten. Auf verschiedene Weise. In die Emigration, die natürliche, aber unvollendete, die Bitterkeit des Alkoholismus. Das sage ich über Strahlende, Kluge, Gebildete. Leider hat sich die Ukraine, als sie den Staat aufstellte, nicht die Zeit genommen, die Besten zu erhalten, die nicht vorher von Moskau eingesammelt wurden. Zuerst kamen Ideologen und Romantiker an die Macht, vor allem Humanisten. Sie haben es nicht verstanden, wollten die große Wissenschaft nicht bewahren, die Großindustrie. Auf ihren Rücken ritten Banditen und Räuber in ihre süße Zukunft. Viele von ihnen setzten schnell die Masken professioneller Patrioten auf.

Heute gehen potenzielle Führende weg. Sie ziehen es vor, hundertste dort zu sein, wo man ihre Fähigkeiten braucht. Nicht im Parlament der Ukraine, und auch in der Ukraine gibt es keine Vordenker. Und wenn es welche gibt, dann sind sie nicht sichtbar, tief versteckt. Kleinere Skandale unter unseren Gesetzgebern und Beamten unterstreichen ihre Kleinheit und durchscheinende Art. Einzig ihre von Journalisten festgehaltenen Kurznachrichten bezeugen Vieles.

Kann ein Staat ohne Vorreiter überleben? In der modernen Welt geht das nicht. Selbst der in seinen Mitteln völlig freie Tyrann Stalin musste aus den Lagern einige Führende befreien, in Anerkennung der Tatsache, dass man den Krieg gegen Deutschland ohne diese talentierten Konstrukteure und Kriegsstrategen nicht gewinnen kann. Er hat sie befreit, wir haben gewonnen.

In der Stalin’schen UdSSR waren die obersten Beamten, die sogenannte Nomenklatur, nur Ausführende eines fremden Willens, ohne jegliches eigenes Bestreben. Überhaupt nicht so funktionierte das zaristische Russland, wo die Bestechlichkeit überall blühte. Zu weitgehende Beamte, besonders wenn sie sich auf Kosten des Staates bereicherten, bestrafte man, indem man ihr Einkommen kürzte oder sie vorzeitig pensionierte, aber fast nie, indem man sie anklagte. Der moderne ukrainische Kommentator, insbesondere einer von denen, die pathetisch patriotisch gestimmt sind, könnte bemerken, dass diese Nichtbestrafung der Korruption im zaristischen Russland eine Folge des Fehlens von Nationalem Antikorruptionsbüro, Spezialisierter Antikorruptionsstaatsanwaltschaft, Geheimdienst,… im Imperium war. Tatsächlich war alles etwas schwieriger. 1916 warnte die Abteilung Polizei und Geheimpolizei die Regierung des russischen Imperiums vor einer bevorstehenden Revolution. Die Regierung reagierte nicht darauf.

Der Inlandsgeheimdienst und die in ihren kommerziellen Tätigkeiten fortfahrenden Nationales Anti-Korruptionsbüro und Spezialisierte Anti-Korruptionsstaatsanwaltschaft warnen die ukrainische Regierung nicht vor herannahenden Unannehmlichkeiten. Sie sind hauptsächlich mit anderen, für sie selbst wichtigeren Dingen beschäftigt, nicht für den Staat. Übrigens zeugen unsere beiden Majdane genau von diesem Umstand.

Historiker behaupten, dass der Apparat des KGB in der Sowjetunion zu Breschnews Zeiten Informationen über das Land bedrohende zerstörerische Folgen schlechter Staatsführung hatten. Aber.. eine Initiative war damals strafbar und gefährlich. Als Beispiel kann ich eine Geschichte weitererzählen, die mir mein Lagerkamerad Sergej Adamowitsch Kowaljow erzählt hat.

Am Übergang Ende der 60er, Anfang der siebziger Jahre schlug der Vorsitzende des KGB Andropow den Mitarbeitern des Analytischen Zentrums des KGB vor, eine Analyse der Lage der sowjetischen Wirtschaft durchzuführen und ihre Perspektiven zu bewerten. In die Gruppe der Analytiker wurden zwei ausländische Experten eingeladen, von denen einer ein enger Freund Kowaljows war. Nachdem sie alle vorgelegten Dokumente, darunter auch geheime, studiert hatten, übergaben die Experten ihre Schlussfolgerungen an Andropow. Dieser ließ sofort über seine Untergebenen ausrichten: ??„Diese Ergebnisse kann ich den Mitgliedern des Politbüros nicht vorstellen! Ihr müsst unbedingt andere, optimistischere Schlussfolgerungen machen!“
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Jetzt erleben wir in der Ukraine etwas Ähnliches. Soweit ich weiß, bemühen sich die Analytiker, die mit [Präsident Wladimir] Selenski arbeiten, ihm die Wahrheit zu sagen. Im Unterschied zu den Leuten aus seiner Umgebung und seinen Parlamentsvertretern, die in nichts Experten sind. Er, Selenski, ist bei uns so etwas wie das sowjetische Politbüro. Aller Wahrscheinlichkeit nach zeigt ihm der Inlandsgeheimdienst nicht das wahre Bild. Weil er es nicht kennt, er ist mit anderem beschäftigt. Wie mir ein Kenner des Systems zuflüsterte, gibt es im Inlandsgeheimdienst auch keine Vordenker. Man ist gewohnt, sich mit den Zweit- und Drittbesten bis hin zu den siebzehntbesten abzugeben.

Der Imperator Nikolaj II. hat die Informationen von seinen Kräften erhalten. Aber er hat sie ignoriert. Das hat eine Revolution hervorgerufen. Es wird doch nicht etwa…

10. Februar 2020 // Semjon Glusman, Dissident, Psychiater

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Anja Blume  — Wörter: 741

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