Motorola – Ein Nekrolog ohne Trauer: Zum Tod eines Autowäschers



Trotz ihrer unverhohlenen Ergebenheit dem Bösen gegenüber haben die Regisseure des Projektes Donbass so etwas wie Humor. Der Tod des Terroristen Motorola – des Russen Arsen Pawlow (im Text fälschlicherweise Arsenij A.d.R.) – ist ein klares Signal an all jene, die hofften, das Glück zwischen den Abraumhalden der Gruben des Donbass zu finden. Die Glocken des Kremls schlagen zwölf: Ein Dreispänner verjagt ein Rudel Ratten, die Kutsche verwandelt sich in einen Kürbis und die Uniform des Offiziers ins speckige Camouflage mit den Zeichen einer nicht-existenten Armee. Das Märchenland „Noworossija (Neurussland)“, in dem die Träume lebten, wird zum unbrüderlichen Grab für all jene, welche dem letzten Grabredner glaubten.

Arsen Pawlow war in Neurussland das, was man in der Marketingwelt als Gesicht einer Marke bezeichnen würde. Es lohnt sich nicht, über die Regisseure des Kremls zu lachen, die kein präsentableres Personal fanden als einen klumpfüßigen Zwerg aus Uchta (Stadt in der Republik Komi in der Russischen Föderation, A.d.R.). Sie haben die Situation immerhin aufs Beste gelöst: seine Rolle hat Motorola bestens gespielt. Und seine Rolle war einfach: Zu zeigen, dass Noworossija der Ort ist, an dem sich die Träume einfacher Jungen aus der komatösen russischen Provinz erfüllen. Das ganze Leben Motorolas im Donbass war eine Realityshow. „Ein Junge ging zum Erfolg“, faktisch eine Reklame des Krieges im Donbass für potenzielle Kämpfer der dortigen „Volkswehr“.

Motorola – das ist so eine Art Aschenputtel der Donezker Volksrepublik. Was hatte Arsen Pawlow in Russland? Eine nicht mehr ganz junge Frau und einen kleinen, schmutzigen Sohn – die klassische Grundlage für ein graues Leben ohne besondere Perspektiven. Irgendwo weit zurück liegt die Erinnerung an die Armee und den Krieg in Tschetschenien, aber vorne nur der Ausblick auf Öde und Langeweile. Als man Arsen – schon als Krieger der Donetzker Volksrepublik – fragte, wie es ihn in die Ukraine verschlug, gab er ganz offen an: „Ich habe mich in den Zug gesetzt und bin hergefahren. Mehr habe ich nicht nachgedacht.“ Es hatte sich gelohnt, zum Gewehr zu greifen und zu beginnen, Ukrainer umzubringen. Das Leben änderte sich, als ob jemand einen Zauberstab geschwenkt hätte.

Von irgendwoher nahm man sich teure Autos, Wohnungen, ging in gehobene Restaurants und hatte plötzlich eine neue, hübsche Frau an seiner Seite – und außerdem den Respekt von harten Jungs, ein paar Orden und einen Offiziersrang. Auf was hätte der Stellvertreter eines Kommandeurs sonst zählen können? Feuer löschen, Grabsteine gestalten oder Autos waschen – das waren Wegmarken Pawlows bis zu seiner Ankunft im Donbass gewesen. Und jetzt kannten Millionen seine Sommersprossen! „Täler stürzen ein und umschmiegen die Beine/ Es winden sich die Böen, entfernen sich Berge/ unser federnde Schritt trifft mit stöhnendem Gehorsam/unserer Wege harte Erde“ schrieb Oleh Olschytsch. Nur das anstelle der Berge im Falle Pawlows die Grubenhügel des Donbass standen – und anstelle des Säbels eine Kalaschnikow.

Ein paar Missgünstige wussten, dass Pawlow eine Medienperson war, dessen Heldentum vor allem aus Posen vor der Kamera und in Misshandlungen von Gefangenen bestand. Für tausende russischer – und ukrainischer – Männer freilich wurde Motorola ein lebendes Beispiel dafür, dass man in Noworossija vor den Problemen der Welt abtauchen und im wahrsten Sinne des Wortes ein neues Leben erhalten konnte und sogar eine neue Persönlichkeit. Urteilt man davon ausgehend, welche Anzahl Versager aus dem Donbass und aus Russland sich den Reihen der Volkswehr anschloss, verlief die PR-Kampagne erschreckend effektiv.

Als die Annexion der Ukraine von Charkiw nach Odessa scheiterte, entschied man sich im Kreml, eine schmutzige Bombe auf die Ukraine zu schmeißen – allerdings keine atomare, sondern eine soziale. Dazu richteten sie im Donbass eine Art Getto ein, in welches sie destruktive, soziale Kräfte pumpten. Igor Girkin („Strelkow“) etwa zählte zu diesen nicht allzu zahlreichen Typen neurotischer Romantiker und Abenteurer und geriet selbst ganz durcheinander angesichts seiner Verwandlung. Konfrontiert mit der bedauerlichen Realität des Krieges, flüchtete er dann einfach aus der Ukraine und nahm lieber Platz an irgendwelchen runden Tischen fernab der Front. Arsen Pawlow hingegen richtete sich gut in der neuen Realität ein – wie auch tausende anderer.

Die Regisseure des Kremls haben in Noworossija ideale Bedingungen geschaffen, um hierher „Pilger“ aus dem gesamten postsowjetischen Raum zu locken.

„Doch im Himmelsreich werden die Ersten die Letzten sein und die Ersten die Letzten“ – lesen wir im Neuen Testament. Weil der Teufel immer nur ein Nachahmer Gottes ist, haben die Kommunisten dieses Formel nicht verändert. In der „Internationalen“ singen sie: „Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger. Alles zu werden, strömt zuhauf!“ (wörtlich aus der ukrainischen Version: „Wer ein Niemand war, der wird alles.“) Was daraus wurde, ist allgemein bekannt. Daher entschied man im Kreml, nicht das Rad neu zu erfinden und richtete in verschiedenen Gebieten des Donbass ein Rezidiv des Bolschewismus ein. Im Jahr 2014 konnte sich jeder Dahergelaufene ans Steuer einer solchen Republik aufschwingen und sich einen Ministertitel besorgen. Jene, die sich nicht wagten, einer der Banden beizutreten, realisierten ihre Fantasien in den Reihen der Volkswehr, wo einige so aktiv waren, dass die Separatisten sie töten mussten.

Im Kreml blieben sie damit zufrieden. Eine depressive Region in eine gesetzlose Gegend verwandelt zu haben und sie mit Waffen zu versorgen – damit schenkten sie der Ukraine ein riesiges Problem. Freilich gelang es, die Epidemie mit den übermenschlichen Anstrengungen der ukrainischen Freiwilligen zu lokalisieren und einzudämmen: Im Juli 2014 waren die Kräfte der ATO bereits auf Sichtweite an Luhansk herangerückt und Motorola bereitete sich vor, in sein persönliches Tmutrakan zu fliehen. Der Plan der sozialen Intoxikation der Ukraine wurde allerdings mit Nachdruck verfolgt: Der Kreml schickte reguläre Truppen und errichtete in Luhansk und Donezk Militärdiktaturen. Wäre es der Ukraine nicht gelungen, diese Gefahr einzugrenzen, wäre Noworossija heute wahrscheinlich eine Art europäisches Somalia – und die Welt wäre nicht nur wegen einer Boeing bekümmert.

Heute steht das Projekt Noworossija vor dem Ende. Der soziale Aufzug, der zwei Jahre lang Autowäscher aus Rostow zu den Höhen eines zweifelhaften Ruhms führte, ist angehalten. Das, was Motorola in – genau – einem Aufzug getötet hat, ist eine durchsichtige – sich dem Scharfsinn nicht entziehende – Andeutung dessen. Wohin Russland jetzt seine Horden noch lebender Motorolas schickt, lässt sich nur vermuten. Vielleicht benutzt man sie jetzt in Syrien oder irgendwo anders. Und anstelle Pawlows wird sich ein anderer Autowäscher finden, der die Hammelherde zum höchsten Opfergang für den Kreml führt.

17. Oktober 2016 // Maksym Wichrow

Quelle: Zaxid.net

Übersetzer:   Markus Pöhlking  — Wörter: 1041

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