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Entmachtung der „Noworossija“-Befürworter

Während die ukrainische Führungsspitze besorgt zur russischen Grenze schaut und von einer Zunahme russischer Militärtechnik in den „Volksrepubliken“ Donezk („DNR“) und Luhansk („LNR“) spricht, verschärft sich in den selbsternannten Republiken nach den Wahlen am 2. November der Konflikt zwischen den „Autonomen“ und den Befürwortern von „Noworossija“ – der Schaffung eines zu Russland gehörenden Staates auf dem gesamten Gebiet der süd-östlichen Oblaste der Ukraine.

Die „neugewählten Führungsspitzen“ versuchen mit allen Mitteln, die wichtigsten Kriegsfürsten, die immer noch eine eigenständige politische Rolle spielen wollen und mit einem „Einfrieren“ des Konflikts im Donbass nicht einverstanden wären, entweder gefügig zu machen oder gänzlich aus dem Spiel zu nehmen.

In den von den Separatisten kontrollierten Gebieten des Donbass werden die Noworossija-Befürworter zunehmend aus dem öffentlichen Raum verdrängt.

Den Noworossija-Befürwortern gelang es nicht, bei den Wahlen am 2. November in den selbsternannten Republiken „DNR“ und „LNR“ einen eigenen Kandidaten zu stellen. So wurde die Partei „Noworossija“ von Pawel Gubarew, der Igor Girkin, dem ehemaligen „Verteidigungsminister der DNR“ nahesteht und den radikalen Flügel der Anhänger „des Kampfes um Noworossija“ repräsentiert, von der Zentralen Wahlkommission der „DNR“ von der Wahl ausgeschlossen, da ihr Vertreter bei der konstituierenden Sitzung der Partei nicht anwesend gewesen war.

Zu den Wahlen des neuen „Regierungschef der DNR“ wurde mit Alexander Kofman, einem Mitarbeiter von Oleg Zarew und dem ersten stellvertretenden Vorsitzenden des „Parlaments Noworossija“, lediglich ein Repräsentant des gemäßigteren Flügels der „Noworossija-Befürworter“ zugelassen.

Dieser erreichte bei den Wahlen am 2. November lediglich 10,03 Prozent. In der „LNR“ nahmen die lokalen „Noworossija“-Befürworter überhaupt nicht an den Wahlen teil. Auf die zunehmende Marginalisierung der „Noworossija“-Befürworter deutet auch die Kräfteverteilung im neuen „Ministerrat der DNR“ hin.

Von den insgesamt 17 Ministerposten bekamen die „Noworossija“-Befürworter lediglich einen Posten: „Außenminister der DNR“ wurde Alexander Kofman, dem Verbindungen zur Supermarktkette Varus sowie Parfümeriekette EVA nachgesagt werden und der zumindest öffentlich keine nennenswerten radikalen Ideen vertritt. „Sekretär des Sicherheitsrates der DNR“ wurde der frühere Kommandeur des Bataillons „Wostok“, Alexander Chodakowskij, der im Vorfeld nicht selten mit „Noworossija“-Befürwortern, die diesem Verbindungen zum Oligarchen Rinat Achmetow sowie die Absicht, den Donbass preisgeben zu wollen, unterstellt hatten, in Konflikt geraten war.

Im Zusammenhang mit den jüngsten Misserfolgen der „Noworossija“-Befürworter wurde das mysteriöse Verschwinden von Igor Besler (Spitzname „Dämon“), einem der bekanntesten Kriegsfürsten der Republik, in den letzten Tagen zu einer Aufsehen erregenden politischen Affäre (Besler hat sich inzwischen in einer Videobotschaft zurückgemeldet, A.d.R.).

Am 7. November erklärte der Berater des Verteidigungsministers, Alexander Daniljuk, dass „Dämon“ seinen Informationen zufolge vom russischen Geheimdienst liquidiert worden sei – „wegen seiner Weigerung, sich dem russischen Militärkommando unterzuordnen“.

Dem Berater des Ministers zufolge werde die Liquidierung Beslers mit seiner Absicht, das von ihm kontrollierte Gebiet Gorlowsko-Makejewskaja „öffentlich als Territorium der Ukraine anzuerkennen“ sowie seinem Appell an die Führungsspitzen der übrigen bewaffneten Separatistengruppierungen „einen Kompromiss mit der ukrainischen Führungsspitze zu finden“ in Zusammenhang gebracht.

Dass „Dämon“ seine Truppen so plötzlich verlassen haben soll, dass selbst seine Untergebenen erst aus den Medien vom Verschwinden ihres Anführers erfuhren, lässt die Situation noch seltsamer erscheinen.

Allerdings wirft dies angesichts der Biografie Beslers, der nach Informationen des ukrainischen Geheimdiensts SBU aktiver Offizier der Hauptverwaltung Aufklärung des Generalstabs des russischen Verteidigungsministeriums sowie aktiver Gegner der ukrainischen Führungsspitze ist, Zweifel auf.

Direkt darauf erklärte der „Ministerpräsident der DNR“, Alexander Sachartschenko, dass „Dämon“ am Leben sei und lediglich zu einer „Dienstreise abgereist war“, während Quellen aus dem näheren Umfeld Beslers eilig hinzufügten, dass der Kriegsfürst bereits lange vor den Wahlen in der „DNR“ auf die Krim gefahren sei.

„Dämon“ selbst solle gemäß kurzen Kommentaren in russischen Medien erklärt haben, dass seine Entscheidung, die „DNR“ zu verlassen, mit „politischen Motiven“ zusammenhänge. Besler reiht sich entsprechend ein in die Liste der mehr oder weniger bekannten und zuvor geförderten Separatistenführer, die durch ihre Popularität nicht mehr kontrollierbar sind und nun nach und nach aus der Öffentlichkeit verschwinden.

So erklärte auch Alexander Borodaj, der ehemalige „Premierminister der DNR“, am 7. August – dem Höhepunkt der Kampfhandlungen – seinen Rücktritt, und am 14. August – im für die „DNR“ und „LNR“ kritischsten Moment – reiste der „Verteidigungsminister der DNR“, Igor Girkin („Strelkow“), ohne weitere Erklärung nach Russland ab. Beide galten als überzeugte Befürworter von „Noworossija“ und forderten die Fortsetzung der Kampfhandlungen „bis zum sieghaften Ende“.

Am selben 14. August legte ebenso unerwartet Walerij Bolotow sein Amt als „Gouverneur der LNR“ nieder und gab in Moskau eine entsprechende Erklärung ab. Generell scheinen vor allem zwei Personengruppen dazu zu neigen, frühzeitig „in den Ruhestand“ zu gehen: russische Bürger, die bereits im Frühjahr zur Organisation der separatistischen Bewegung in den Donbass gekommen waren und zumeist als Befürworter eines „Noworossijas“ gelten, sowie Führungsspitzen aus lokalen Separatistengruppierungen, die mit ihren Aktionen irgendwie den Unmut Moskaus hervorgerufen hatten. Nach dem Sieg bei den Wahlen am 2. November haben die Staatschefs der „DNR“ und „LNR“, Alexander Sachartschenko und Igor Plotnitzkij klar das Ziel ausgegeben, die zahlreichen bewaffneten Gruppierungen unter einer Führung zu bündeln.

Wenn aber Kriegsfürsten auf der einen Seite ermöglicht wird, die einzelnen „Streitkräfte“ der Republiken faktisch problemlos zu vereinen, werden auf der anderen Seite andere, wie die, die vormals Igor Girkin nahestanden bzw. noch immer die Idee eines „Noworossija“ unterstützen, vor ein Ultimatum gestellt, ein Ultimatum, das mit einer deutlichen Reduzierung ihrer Truppenstärke einhergeht.

Vereinzelten Informationen aus den vor kurzem noch Igor Besler unterstellten Truppenverbänden zufolge schlugen Alexander Sachartschenko und der „Verteidigungsminister der DNR“, Wladimir Kononow, Mitte Oktober „Dämon“ vor, die ihm unterstellten Truppenverbände in die „Streitkräfte der DNR“ zu integrieren, um so aus mehreren Einheiten eine motorisierte Schützenbrigade zu formieren. Besler allerdings, wenngleich nicht gegen eine solche Idee, solle eine Reihe von Änderungswünschen hinsichtlich der geplanten Stärke der Brigade, der Art der Unterstellung unter die Führungsspitze der „DNR“ sowie Taktik und Strategie zukünftiger Militäraktionen hervorgebracht haben. Nach kurzen Verhandlungen legte man ihm nahe, sein Amt niederzulegen, was er auch tat.

Den Hauptgrund für den Rücktritt von „Dämon“ offenbart anscheinend sein ehemaliger Kommandant Igor Girkin. „Im Charakter von Besler lässt sich eine unauslöschliche und sehr gewichtige „anarchistische“ Komponente ausmachen. Er versuchte immer selbstständig zu sein und konnte es nicht ertragen, sich irgendjemandem unterzuordnen. Sobald ihm ein eigener Versorgungskanal zur Verfügung stand, hatte er aufgehört, auf mein Kommando zu hören. Hinzu kam sein Bestreben, die eigene Macht auszuweiten. Dies führte dazu, dass er mit seinen Truppen nicht die Waffen- und Ausrüstungslager von Artjomowsk und Soledar einnahm, sondern die Garnisonen von Makejewka sowie andere, zu der Zeit faktisch rückwärtige Ortschaften“, kommentierte Igor Girkin den Rücktritt seines früheren Unterstellten.

Gemäß Girkin geriet „Dämon“ nicht selten mit den Kommandanten der „Kosakischen Nationalgarde“, Nikolaj Kositzyn, sowie Alexander Sachartschenko von „Oplot“ und Alexander Chodakowskij von „Wostok“ in Konflikt. Ähnliche Probleme hatten jüngst auch zwei weitere bedeutende Kriegsfürsten und „Noworossija“-Befürworter.

So sagte vor Kurzem einer der engsten Mitarbeiter Igor Girkins und der „stellvertretende Verteidigungsminister der DNR“ für Aufklärung, Sergej Petrowskij (Spitzname „Finster“), dass die Führungsspitze der „DNR“ beabsichtige, ihn loszuwerden, indem der von ihm geführte „Geheimdienst des Verteidigungsministeriums der DNR“ abgeschafft und das dazugehörige Personal gekürzt wird.

Mit Alexej Mosgowoj, dem Kommandeur der mechanisierten Brigade „Prisrak“, beschloss ein weiterer Mitarbeiter Girkins seinen Konflikt mit der Führungsspitze der „LNR“ in die Öffentlichkeit zu tragen, um sich nicht in den Truppenverbänden der „DNR“ auflösen zu müssen. „Vor einigen Tagen war eine gesamte Delegation aus dem Verteidigungsministerium bei uns.

Das Gespräch drehte sich darum, dass wir in den neu zu schaffenden Korpus eingehen sollen (vereinte Truppenverbände der „LNR“ – Insider). Der Vorschlag ist eigentlich mehr als vernünftig, aber angeblich können wir nicht als Brigade integriert werden, sondern lediglich als einzelne Einheiten, zur Komplettierung anderer Truppenteile. Und dies bedeutet eigentlich nur eins – vollständige Auflösung der Brigade! Da werde ich nicht mitmachen! Niemand aus der Truppe wird einen solchen Vorschlag unterstützen“, erklärte Mosgowoj gegenüber russischen Medien und merkte darüber hinaus an, dass gerade sämtliche Infanterieeinheiten zu ihm überlaufen würden.

Die Girkin-Schützen unterstützen zudem den „lebhaften und talentierten“ Mosgowoj im Kampf gegen den „grauen und unverständlichen“ Plotnitzkij. Es ist nicht auszuschließen, dass der Konflikt bereits in naher Zukunft in die „heiße“ Phase übergehen wird. Quellen von Insider im Innenministerium und SBU der Oblast Luhansk gehen davon aus, dass angesichts der inneren Spannungen und ökonomischen Probleme zunächst kein unter den Führungsspitzen der „DNR“ und „LNR“ gebündelter Angriff zu erwarten ist.

„Faktisch kämpft momentan keine „geeinte Armee der LNR“ gegen uns, sondern einzelne Truppenverbände, die zum jetzigen Zeitpunkt immer noch den Befehlen ihrer jeweiligen Kommandeure und nicht der Führungsspitze der „LNR“ gehorchen. Daher ist mit keiner größeren koordinierten Offensive von dieser Seite zu rechnen“, vermutet ein Gesprächspartner von Insider aus dem Innenministerium der Oblast Luhansk.

„Im von den Separatisten kontrollierten Gebiet häufen sich von Tag zu Tag die ökonomischen und sozialen Probleme – Verwüstung, Arbeitslosigkeit, massive Abwanderung der Bevölkerung, nicht ausgezahlte Gehälter und Renten. Hinzukommt möglicherweise Hunger, der die schwächsten Bevölkerungsschichten treffen wird – Rentner, Invalide, alleinerziehende Mütter. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung, insbesondere in den Industriegebieten, in denen früher Bergwerke und Fabriken zuverlässig arbeiteten, wächst. Die Führungsspitzen der Separatisten werden früher oder später erkennen, dass die wichtigste Front momentan nicht die äußere, nicht die gegen die Ukraine ist, sondern die innere, die sie durch ihre Handlungen selbst geschaffen haben“, vermutet der Gesprächspartner von Insider aus der Verwaltung des SBU der Oblast Luhansk.

Was die Rolle Moskaus bei den jetzigen Ereignissen im Donbass betrifft, so liefert Moskau vor allem Waffen an „seine“ Kommandeure, d.h. diejenigen, die in den offiziellen Strukturen der „DNR“ und „LNR“ aufgingen. Den „Staatsaufbau“ und die Schaffung eines Finanzsystems in der „DNR“ und „LNR“ übernehmen Berater und Spin-Doktoren aus Russland. Wie bereits früher operieren auch weiterhin auf russischem Territorium und unweit der Grenze (para)militärische Ausbildungslager.

Zudem verhindert die Russische Förderation weder den Grenztransit von russischen Freiwilligen, die im Donbass kämpfen wollen, noch den von auf russischem Territorium ausgebildeten Kämpfern.

Was die Ansammlung und den Transit russischer Militärtechnik betrifft, von welchen regelmäßig von offiziellen Stellen berichtet wird, so ist laut Angaben der lokalen Bevölkerung in den Schluchten südlich von Luhansk und in der Rajon Perewalska tatsächlich Ausrüstung und Militärtechnik vorhanden, allerdings ohne Kennzeichnung und Identifikationsnummern. Niemand wird in die Nähe gelassen, darüber hinaus konnten vorerst keine größeren Ansammlungen bemerkt werden. Gemäß der lokalen Bevölkerung ist nicht auszuschließen, dass diese Technik zur Verteilung unter den bewaffneten Truppenverbänden in der „LNR“ und „DNR“ vorgesehen ist.

„Die Kämpfer tragen oft russische Uniformen, russische Abzeichen, sagen sie. Das überrascht nicht – immerhin wird deren Versorgung fast ausschließlich vom russischen Territorium aus realisiert.“

Der Mitgeschäftsführer des Programms Außenpolitik und Internationale Sicherheit des Rasumkow-Zentrums, Alexej Melnik, hält eine Zuspitzung der Kampfhandlungen dennoch auch in nächster Zeit für denkbar.

„Hierzu wurden die erforderlichen Voraussetzungen geschaffen, das alles kann sich jeden Moment entzünden. Eine Eskalation der Spannungen im Donbass käme der erpresserischen Einschüchterungstaktik entgegen, die nicht selten und zumeist erfolgreich vom russischen Präsidenten Wladimir Putin verfolgt wird. Die Ziele bleiben immer dieselben: Implementierung Russlands als politischer Global Player, Blockade des Integrationsprozesses der Ukraine in die EU, Signal an die übrigen ehemaligen Sowjetrepubliken, dass ihnen bei den ersten Anzeichnen von Autonomie dasselbe Schicksal wie der Ukraine droht, sowie Festigung der eigenen Macht innerhalb Russlands“, erzählt Melnik INSIDER.

Wenngleich ukrainische Armeevertreter erklären, dass wir zu einem umfassenden Krieg mit Russland nicht bereit sind, haben die Monate des Waffenstillstands der ukrainischen Armee die Möglichkeit gegeben, sich umzustrukturieren und die eigenen Truppen zu erneuern.

14. November 2014 // Wjatscheslaw Chripun

Quelle: The Insider

Übersetzerin:    — Wörter: 1872

Jahrgang 1978. Yvonne Ott hat Slavistik und Wirtschaftswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg studiert. Seit 2010 arbeitet sie als freie .

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