Ukraine: Eine Suche nach den Fehlern ihrer Architekten


Vor 20 Jahren nahmen mehrere Architekten, die verschiedene Ziele anstrebten, am Projekt „Errichtung der Ukraine“ teil. Die stärksten außenpolitischen Architekten wie Russland und die USA verfolgten ihre eigenen entgegengerichteten Ziele.

Die USA erhofften, den Kern der UdSSR durch territoriale, demographische und Ressourcenreduktion zu schwächen. Russland (wie mehrmals der Politologe Serhij Kurhinan betonte) beabsichtigte, alleine nach Europa zu gelangen und versuchte dabei andere Republiken auf diesem Weg zu beseitigen.

Laut dieser Hypothese wurden sogar Nationalbewegungen in den Republiken auf Initiative vom sowjetischen KGB ins Leben gerufen. Wir können diese Ereignisse als hypothetischen Plan von Jurij Andropow verwerfen, die Realität können wir aber nicht bestreiten, denn alle Republiken verließen auf gleiche Weise das sozialistische Lager.

Mit diesem Modell wurde ein physisches Ereignis hervorgerufen, das die Protestaktionen in einer oder anderen Republik stärkte. Sie fanden in Prag, Timișoara, Riga, Vilnius, Tbilissi statt. Als die Protestaktionen vorbei waren, konnte man nicht herausfinden, wer geschossen hat und wer gestorben ist.

Dieses Modell wiederholte sich in Moskau 2003, als sich die Explosion in der Fernsehanstalt ereignete. Die Explosion fand im Inneren statt, die Menschen allerdings wurden draußen erschossen.

Die Innenarchitekten verfolgten auch verschiedene Ziele: Einige strebten nach einem kommunistischen, andere nach einem demokratischen Staat. Noch bis heute versuchen sie das Rad der Geschichte für sich zu drehen.

Es ist auch klar, dass dieser kurvige Weg nicht so schnell zu einem Resultat führen wird. Und nicht selten stehen wir an einer Kreuzung und fahren nicht weiter, weil wir nicht entscheiden können, wohin wollen wir eigentlich. Die Richtung, die uns gefällt, ist verboten. Die Richtung, die für uns offen steht, gefällt uns nicht.

Welcher Mittel bedienten sich die Architekten am Anfang? Projekte eines neuen Staates sollen immer auf der Sprache, Geschichte, Kultur als Basis der Unterscheidung von den anderen beruhen, wodurch sich die Mentalität einer Gesellschaft bildet.

Im Fall der Ukraine funktioniert die Sprache als Grundlage ihrer eigenen Welt und als Barriere zu dem Außen nicht. Einerseits sind sich die ukrainische und die russische Sprache ähnlich und jeder Ukrainer versteht sie. Anderseits hat Russland so einen starken Informationsraum, dass die Sprache keine Rolle mehr spielt. Starken Inhalten gelingt es, diese Barriere durchzudringen und man muss hier auch zugeben, dass die russischen Inhalte stärker als die ukrainischen sind.

Als Ausgangspunkt in der Geschichte gilt meistens ein symbolträchtiger Moment. Die Stimmenabgabe der Abgeordneten oder Beteiligung des Volkes an Referendum gilt nicht als eine Heldentat. Allen ist bekannt, dass das Ergebnis der Abstimmung nicht immer gleich ausfällt: heute stimmt man so ab, morgen anders.

Die Abstimmung ist in diesem Fall ein bürokratischer Schritt, der kaum zu einem Symbol wird. Selbst in der Sowjetunion geschah der Sturz des Zarenregimes durch den Sturm auf Winterpalais.

Der Moment der Befreiung ist ein wichtiger Bestandteil der Symbolisierung, der als eine Grundlage für weitere Projektarbeit im virtuellen Raum dient und der in der Literatur, Kunst und im Film seine Realisierung findet. Diesen Moment in der Ukraine gab es nicht, der in Denkmälern und Gedenkstätten verewigt werden könnte.

Auf einer fremden Geschichte lässt sich nichts Neues errichten. Sie ist so ausgewählt und geschrieben, dass am Ende eine Kalaschnikow herauskommt, wie es in einer bekannten Anekdote heißt.

Somit gaben Sprache und Geschichte nicht das erforderliche Fundament und darum haben wir zwei oder auch mehr politische Nationen. Die Kultur ergab sich auch nicht als Fundament: Die hohe Kultur ist für alle, die Massenkultur dagegen hat keinen nationalen Beigeschmack.

Lieder, die unsere Popsänger singen, kann man in jedem Restaurant singen, sie haben keine nationale Schattierung, d.h. dass, die hohe Kultur sowie auch die Massenkultur keine Voraussetzungen für die nationale Vereinigung sind.

Wir haben auch keine Aufmerksamkeit und Achtung davor, was uns prägt. Man sollte die Aufmerksamkeit jedes Kindes in die richtige Richtung lenken, was aber nicht getan wurde. Das Einzige, was sich im Laufe dieser zwei Jahrzehnte geändert hat, ist eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen und Nachrichten der Nachbarn, die wir während der Sowjetzeit hatten.

Heute kennen wir keine russischen Gouverneure, keine modernen russischen Schriftsteller. Obgleich wir das Showbusiness weiter gut kennen. Sowohl bei den Nachrichten,. als auch beim Showbusiness funktioniert das Fernsehen als Träger, doch warum haben wir das eine gewählt und nicht das andere.

Die Gegenwart hat für uns auch keine Anziehungskraft, weil wir vielleicht das einzige Land auf der Welt sind, wo der Premier in einem amerikanischen Gefängnis sitzt und der Präsident von der Generalstaatsanwaltschaft vernommen wird. Man hat auch vor, den anderen Präsidenten zu vernehmen, weil ihm vorgeworfen wird, seine eigene Vergiftung vorgetäuscht zu haben.

Die Premierministerin wird auch verhört. Bill Clinton z.B. stand auch vor dem Amtsenthebungsverfahren und der israelische Premierminister wurde zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Dabei ist aber zu betonen, dass dies nicht wegen dienstlicher, sondern wegen privater Angelegenheiten geschah.

Sprache, Geschichte und Gegenwart gaben keine Möglichkeit eine Schutzschicht zu schaffen, auf Basis derer man einen Staat errichten kann. Das Einzige, was noch anzubieten ist, ist die Erweiterung eines Bestandteiles durch Verringerung eines anderen.

Es geht nicht um den Kampf gleichartiger Bestandteile, da ein solcher Kampf an sich nicht möglich ist. Es ist auch fraglich, ob es jemandem gelingen würde, die ukrainische Sprache durch Einschränkung der russischen zu verbreiten.

Die Bücher sind nicht so gefragt, wenn das Internet da ist. Die Neigung zu Russland wird auch nicht so stark sein, wenn wir neue Errungenschaften in Raumschifffahrt, in Medizin oder in Bildung erreichen.

Das heißt, wenn wir in Raumschifffahrt besser werden als Russland, dann wird sich die Sprache auch entwickeln.

Zu demselben Ergebnis gelangen wir, wenn auf den Markt ein ukrainisches Handy oder ein Auto kommt. Oder wenn das ukrainische Internet stärker als das russische wird. Bis heute haben wir es nicht geschafft, den besten Horilka/Wodka weltweit zu produzieren.

Die Entwicklung der Ukraine ist nur dann möglich, wenn ein konkreter Bereich gefördert wird. Alle wissen, dass auf Kuba die Medizin gut ist. Indische Programmierer sind auch allen bekannt. Das Wirtschaftswachstum von China beeindruckt und das finnische Nokia ist allen bekannt.

Solange die Ukraine in diesem Kontext nicht erscheint, braucht man auch nicht zu warten, das Vertrauen der Bürger für sich zu gewinnen.

Die Sowjetunion führte ein ähnliches Experiment durch. Sie hat alle Bürger mithilfe der Geschichte vereint (beispielsweise hat sie alle zu Bürgern des Landes von Jurij Gagarin gemacht), wodurch es möglich war die niedrigen materialen Standards auf einem anderen Niveau zu halten.

Mit anderen Worten: wenn die Entwicklung nicht materieller Werte stark genug ist, ermöglicht sie es materielle Werte zur Seite zu schieben. Und der Sowjetunion, indem sie ihre eigenen Regeln diktierte, ist diese Strategie auch gelungen.

Menschen waren sowieso glücklich. Das Materielle macht den Menschen glücklich, doch nur bis zu einer bestimmten Grenze. Die Kombination von materiellen und nicht materiellen Werten eröffnet neue Möglichkeiten.

Die Ukraine sollte lernen, mit ihren Ressourcen umzugehen. Ihr wird es nicht gelingen, die Welt nach deren Regeln einzuholen. Die Ukraine sowie auch Russland, sind nicht imstande, ein Handy, einen Fernseher oder einen Computer von hoher Qualität herzustellen. Wir müssen aber etwas, was uns gehören wird, schaffen.

Die Esten haben Skype erfunden. Und es reicht auch, um bekannt zu werden. Wenn wir es schaffen würden die Phrase zu vervollständigen „Die Ukraine hat …. erfunden“, dann bekommen wir Anerkennung von Innen sowie auch von Außen.

Ein soziales System ist wie ein Pendel, das immer seine Ausgangsposition annimmt, was auch Juschtschenko zeigte: er nahm wieder seine marginale Position ein, nachdem er seinen Posten verloren hat.

In gesellschaftlichen Systemen versucht man, die Rückbewegung zu stoppen, um den Effekt eines Bumeranges zu vermeiden. Deshalb wiederholte Gorbatschow mehrfach, dass es für die Perestroika keine andere Alternative gibt. Eine Alternative gibt es immer, die will man aber uns nicht verraten.

5. Mai 2011 // Heorhij Potschepzow

Quelle: Ukrajinska Prawda

Übersetzerin:   Ljudmyla Melnyk  — Wörter: 1267

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