Über den Krieg: Es gibt drei diskutierte Versionen dessen, was gerade vor sich geht


Version eins: Die Amerikaner drängen die Ukraine zum Krieg.

Nach dieser Version stellt die Amerikaner jeder Ausgang des Krieges zufrieden.

Wenn die Streitkräfte der Ukraine eine Offensive im Donbass beginnen und Russland keine Hilfe erweist und die Ukraine die nicht unter Kontrolle stehenden Territorien zurückholt, dann ist das eine geopolitische Diskreditierung der Russischen Föderation und eine Schande für Putin, ein Untergraben seiner Autorität sowohl innerhalb des Landes als auch in der Welt.

Wenn sich Russland einmischt und die ukrainische Armee zerschlägt, dann ist das für die USA auch nicht schlecht – ein Anlass um maximal harte Sanktionen gegen Moskau zu verhängen und die Deutschen davon zu überzeugen Nord Stream 2 zu stoppen. Und ebenfalls um Nato-Basen in der Ukraine zu errichten. [Die ukrainische Verfassung verbietet die Stationierung ausländischer Truppen in der Ukraine. A.d.Ü.] Unter Berücksichtigung dieser Boni sehen weder die Verluste der ukrainischen Armee, noch der Verlust irgendwelcher neuen Territorien für die Ukraine (daran, dass Russland bis Uschgorod [ukr. Uschhorod] vorstoßen könnte, glaubt man in den USA nicht) oder der Sturz [Präsident] Selenskis [ukr. Wolodymyr Selenskyj] infolge der Protestwelle wegen der Niederlage für die Amerikaner wie ein großes Problem aus.

Ausgehend von dieser Version, ist das Zusammenziehen russische Truppen an den ukrainischen Grenzen ein Signal, dass Moskau im Falle einer Offensive der Streitkräfte der Ukraine handeln wird. Dabei in größerem Umfang, als bei Ilowaisk [ukr. Ilowajsk, ukrainische Niederlage im Sommer 2014, die zum ersten Protokoll von Minsk führte] oder bei Debalzewo [ukr. Debalzewe, ukrainische Niederlage im Februar 2015, die zum konkreteren Friedensplan von Minsk führte] und mit weitaus größeren Folgen.

Und das ist nicht einmal ein Signal für die Amerikaner, sondern in erster Linie für die Streitkräfte der Ukraine und persönlich für Selenski – schlussendlich werden eben sie zu Opfern im Falle des Beginns eines großen Krieges.

Der Moskauer Konzeption nach soll dieses Signal Selenski und die Führung der ukrainischen Armee dazu veranlassen die Befehle der Amerikaner zum Beginn des Krieges zu sabotieren und ihn auf diese Weise verhindern. Was eigentlich die Minimalaufgabe für Russland darstellt (die Maximalaufgaben ist es den Westen und die Ukraine zu bewegen, den politischen Teil der Minsker Vereinbarungen umzusetzen).

Version zwei: Russland will den Krieg.

Dieser Version nach ist die Logik des Moskauer Vorgehens folgende.

Die Verhandlungen sind in einer Sackgasse – die Ukraine will den Donbass nicht zu den Bedingungen der Minsker Vereinbarungen reintegrieren.

Innerhalb der Ukraine werden über die Entscheidungen des Nationalen Rats für Sicherheit und Verteidigung alle Kräfte beseitigt, die für Kompromisse mit Russland eintreten, was einen Kurswechsel des Landes unwahrscheinlich macht. [gemeint sind verhängte Sanktionen gegen Wiktor Medwedtschuk von der Oppositionsplattform für das Leben, mit Kontensperrungen, der Schließung dreier Fernsehsender usw. A.d.Ü.]

Die Ukraine nähert sich schnell der Nato an und die Frage des Auftauchens amerikanischer Basen auf ihrem Territorium nahe der russischen Grenze ist eine Frage der Zeit.

Auf der Krim gibt es Wasserprobleme.

Es werden neue Sanktionen gegen Nord Stream vorbereitet und es gibt eine große Wahrscheinlichkeit dafür, dass sie nicht fertiggebaut werden kann.

Die Beziehungen zwischen dem Westen und Russland sind derart schlecht, dass neue und harte Sanktionen aus jeglichem Anlass unabhängig davon verhängt werden können, ob in der Ukraine ein großer Krieg beginnt oder nicht.

Die Handlungen Russland nach dieser Version können drei Formen annehmen.

Erstens, wie in den Jahren 2014-2015 durch das Zufügen von lokalen, doch spürbaren Niederlagen für die ukrainische Armee im Donbass, mit dem Ziel die Ukraine zum Abschluss gewisser neuer Minsker Vereinbarungen mit ihrer augenblicklichen Umsetzung zu zwingen (die Anerkennung einer weitgehenden Autonomie für den Donbass) und eine Korrektur der Innen- und Außenpolitik.

Zweitens, die Eroberung neuer Territorien der Ukraine – des gesamten Territoriums der Gebiete Donezk und Lugansk [ukr. Luhansk] oder des gesamten Südens des Landes bis nach Transnistrien [in der Republik Moldau]. Dabei zugleich das Wasserproblem mit der Krim lösend und eines der größten Eisenerzvorkommen der Welt im Kriwbass [rus. Kriwoi-Roger-Eisenerzbecken, ukr. Krywbass Krywyj-Riher-Eisenerzbecken] in Besitz nehmend, was es erlauben würde die eingenommenen Territorien selbstfinanzierend zu machen.

Drittens, eine militärische Zerschlagung der Ukraine, ein Wechsel der Regierung in Kiew zu einer für Russland verbündeten.

Version drei: Niemand möchte kämpfen. Alles, was vor sich geht, ist ein Spiel zur Erhöhung der Einsätze und der gegenseitigen Abschreckung.

In der Logik dieser Version (an welche, die Mehrheit der Leute glauben will) wird die Situation von allen Seiten angeheizt, doch ohne die Absicht diese zu einem großen Krieg zu bringen.

Für die ukrainische Regierung ist es vorteilhaft die Spannung an der Front zu halten, um die Möglichkeit zu haben jede Kritik und die Handlungen der Opposition mit Anschuldigungen der „Arbeit für Russland“ zu übertönen. Die ständigen Gespräche darüber, dass Russland im nächsten Augenblick angreift, geben ein Mandat für ein hartes Vorgehen gegen die Gegner Selenskis unter der Losung des „Kampfes mit der fünften Kolonne“. Außerdem gibt die „Vorkriegs“-Atmosphäre einen Anlass, den Westen um die Ausweitung der Unterstützung und die Abmilderung der Forderungen an die Gewährung dieser Unterstützung zu bitten (nun, damit sie nicht fordern, ihnen die Kontrolle über die Gerichte zu geben).

Russland versucht, mit den Muskeln spielend, Kiew und dem Westen zu zeigen, dass die Situation eine ernste ist. Und dass der politische Teil der Minsker Vereinbarungen umgesetzt werden muss, damit es nicht zu einem Krieg kommt. Und gleichzeitig zeigt es dem Westen, dass es besser ist, Nord Stream 2 zu Ende zu bauen, andernfalls „haben wir bereits nichts mehr zu verlieren“.

Die Amerikaner nutzen die Situation, um Europa die Aggressivität Russlands zu zeigen, die Deutschen vom Abschluss des Baus von Nord Stream 2 abzubringen und die militärische Präsenz in der Region zu erhöhen.

Doch dabei will niemand einen realen Krieg.

Doch wenn Nord Stream 2 zu Ende gebaut wird oder der Westen und Russland zu irgendeinem Kompromiss kommen (wenn auch nicht zur Ukraine), dann lassen die Spannungen von allein nach.

Doch das Problem liegt darin, dass im Prozess des „Spieles zur Einsatzerhöhung“ jede Art von Provokation geschehen kann, die zum Anlass für den Kriegsbeginn wird.

Beispielsweise eine massiver Beschuss von Wohnvierteln in Städten des Donbass mit Dutzenden oder Hunderten Toten. Oder eine Serie von Anschlägen und Sabotageakten in Russland, für den die Verantwortung plötzlich irgendeine ukrainische nationalistische Organisation übernimmt. [In Russland wurden in den vergangenen Wochen mehrere angebliche Angehörige einer völlig unbekannten – wohl erfundenen – ukrainischen Neonaziorganisation festgenommen. Allerdings gab es früher bereits Festnahmen zu angeblich vorbereiteten Anschlägen auf der Krim, bei denen Kiew zunächst abstritt irgendetwas damit zu tun zu haben, nach dem Austausch der Festgenommenen sich jedoch herausstellte, dass die russische Version näher an der Wahrheit als die ukrainische war. A.d.Ü.]

Danach werden Journalisten und Historiker viel zu streiten haben, wer dieses Provokationen geordert hat.

Doch offensichtlich ist, dass der Krieg ein großes Geschäft ist. Ein großer Krieg ist ein noch größeres Geschäft. Daher gibt es immer Kräfte unterschiedlicher Seiten, die am Krieg interessiert sind. Sogar wenn die Regierungen dieser Länder diesen nicht wollen, könnte eine Ereigniskette ausgelöst werden, die zu diesem führt.

Derart sind die drei Versionen.

Was vereint sie?

Eines: der Krieg wird auf dem ukrainischen Territorium stattfinden, unser Land zerstören und sterben werden in erster Linie Bürger der Ukraine.

Daher ist die Hauptsache, woran man denken muss, wie man es so machen kann, dass die Chance für diesen Krieg auf null sinkt.

Dafür gibt es nur einen Weg: eine politische Regelung für den Donbass. Verhandlungen, wie einst Selenski sagte, „wenn auch mit dem Teufel“ und das Erreichen der erforderlichen Kompromisse.

Denn man kann viel davon reden, dass „wir nicht planen anzugreifen, wir dieses Problem nicht auf militärischem Wege lösen wollen“, doch wenn dabei nicht auf eine politische Regelung eingegangen wird, dann werden das lediglich Worte sein. Welche die Möglichkeit für einen Krieg in der derzeitigen sehr angespannten Situation nicht ausschließen.

Und das ist die Hauptsache, worüber man gerade reden und was man tun muss.

Uns allen Frieden, Güte und Verstand!

10. April 2021 // Igor Guschwa, Chefredakteur der Nachrichtenseite Strana.ua, seit 2017 im österreichischen Exil

Quelle: Facebookseite

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1317

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