Sprache und Ghetto


Am 16. Januar trat eine weitere Norm des Gesetzes „Zur Gewährleistung des Funktionierens der ukrainischen Sprache als Staatssprache“ in Kraft.

Das hat eine neue Diskussion um die alten Fragen zur Folge, die in der Ukraine bereits dreißig Jahre diskutiert werden.

Können Ukrainisch, Russisch und der Surschik [Mischsprache aus Ukrainisch und Russisch] in einem Land existieren? Wie radikal sollte der Kurs auf die Ukrainisierung sein und mit welchen positiven und negativen Effekten geht er einher?

Wird die zukünftige Ukraine Züge eines klassischen Nationalstaates erlangen – eines einsprachigen und monokulturellen?

Möglicherweise muss damit begonnen werden, dass die Sprache im Verlaufe von 30 Jahren Unabhängigkeit nicht die politische Rolle gespielt hat, die ihr die engagierte Intelligenz zugesprochen hat.

Welche Leidenschaften in der Ukraine auch entfacht wurden, welche Spaltungslinien unser Land auch geteilt haben mögen, war die Sprachzugehörigkeit niemals die Hauptlinie.

Es existierte keine harte Bindung der politischen Position an die Sprache. Sprecher des Ukrainischen, Russischen und des Surschiks waren auf beiden Maidanen und bei der Antiterroroperation [Bezeichnung für den Militäreinsatz in der Ostukraine zwischen 2014 und 2018, A.d.Ü.] dabei.

Sprecher verschiedener Sprachen wählten [die Präsidenten] Krawtschuk und Kutschma, Poroschenko und Selenski.

Sprecher verschiedener Sprachen waren in der Wählerschaft der führenden Parlamentskräfte: von Nascha Ukraina [Nascha Ukrajina/Unsere Ukraine] und Batkiwschtschina [Batkiwschtschyna/Vaterland] bis Sluga Naroda [Sluha Narodu/Diener des Volkes].

Eine totale Segregation nach der Sprachzugehörigkeit war nicht einmal dann der Fall, als das Politikum danach strebte.

Ukrainischsprachige Konformisten konnten die regierende Partei der Regionen [Regierungspartei unter Präsident Wiktor Janukowytsch, A.d.Ü.] unterstützen und russischsprachige Nationalisten brachten es fertig für Swoboda [Freiheit, ukrainische Neonazipartei, A.d.Ü.] zu stimmen.

Obgleich wir uns keiner kulturell-sprachlicher Homogenität rühmen können, war und bleibt unser politischer Raum ein gemeinsamer.

Natürliche Hindernisse auf dem Weg zur Bildung einer politischen Nation gab und gibt es nicht. Und das unterscheidet die Ukraine von vielen anderen Ländern mit gemischter Bevölkerung.

Sagen wir, das offiziell zweisprachige Belgien ist ein Muster für einen Staat, der tatsächlich durch die Sprache geteilt ist. Ein Staat, dessen Binnenpolitik sehr stark an den ethnolinguistischen Faktor gebunden ist. Von der Sache her gibt es dort ein einheitliches Politikfeld einfach nicht.

Französischsprachige stimmen nicht für die Nieuw-Vlaamse Alliantie oder den Vlaams Belang. Die Flamen stimmen nicht für das Mouvement Réformateur und das Centre Démocrate Humaniste

Die Frankophonen, die von ökologischen Probleme bewegt werden, unterstützen Ecolo. Flamen mit den gleichen Sorgen unterstützen Groen. Die Frankophonen haben ihre sozialistische Partei und die Flamen ihre, die Spaltung fand bereits Ende der 1970er statt.

Und Politiker, die sowohl um die flämischen als auch um die französischsprachigen Wähler kämpfen, sind für Belgien eine seltene Ausnahme.

Es scheint so, als ob die segregierte belgische Gesellschaft als abschreckendes Beispiel für Zweisprachigkeit und als Argument für eine forcierte Ukrainisierung dienen könnte.

Doch, Ironie des Schicksals, ein ähnliches Bild bietet auch ein Land, das unsere Nationalpatrioten oft als Beispiel anbringen: Lettland.

Im Bewusstsein vieler von uns hat sich die Situation von Anfang der 1990er konserviert, als die Norm über die Nichtbürger es erlaubte faktisch die russischsprachige Bevölkerung aus dem lettischen politischen Leben auszuschließen.

Jedoch sind seitdem drei Jahrzehnte vergangen und die Mehrheit der ehemaligen Nichtbürger und ihre Nachkommen sind bereits seit langem gleichwertige Bürger Lettlands.

Sie beherrschen fließend das Lettische, nutzen die Staatssprache in den gesetzlich ausbedungenen Fällen, doch dabei – Überraschung – setzen sie damit fort sich als Russischsprachige zu identifizieren.

Und, was wichtig ist, verbinden sie ihre politische Wahl mit der sprachlichen Zugehörigkeit.

Von der Sache her ist das Land in zwei abgegrenzte ethnolinguistische Ghettos geteilt. Bereits zehn Jahre führt bei den Wahlen zum lettischen Saeima unverändert die Partei Soglassije [Harmonie], für welche die Letten nicht stimmen.

Diese politische Kraft wird als gemäßigt angesehen: radikalere Russischsprecher wählen die Russische Union Lettlands.

Die Letten haben ihrerseits ihre eigenes Parteien-Set, für das die Russischsprechenden nicht stimmen: von der radikalen Nationalen Vereinigung bis zu gemäßigteren Varianten – Neue Einigkeit, Neue konservative Partei, Union der Grünen und Bauern.

Und Politiker, die sowohl um Letten als auch Russischsprachige werben sind für Lettland eine seltene Ausnahme.

Der lettische Fall widerlegt den populären Gedanken darüber, dass eine harte humanitäre Regierungspolitik der Schlüssel zu sprachlicher und kultureller Homogenität sei. So war es in alten Zeiten, doch im 21. Jahrhundert ist alles anders: Die Informationsrevolution hat alle Spielregeln geändert.

Die Sphären, die der staatlichen Kontrolle unterliegen – der bürokratische Apparat, die Schule, Fernsehen, Printprodukte – sind bereits nicht mehr in der Lage eine vollwertige kulturell-sprachliche Assimilation zu gewährleisten.

Man kann die Lehre in die Staatssprache überführen, doch das Selbstverständnis der heranwachsenden Generation hängt wesentlich mehr vom Internet und den sozialen Netzwerken ab.

Man kann Quoten bei den Radiostationen einführen, doch dabei findet sich in den Top-10 von YouTube nicht ein Lied in der Staatssprache.

Man kann die Produktion von russischsprachigen Inhalten in der Ukraine einschränken, doch das hindert nicht daran den Inhalt zu konsumieren, der in der Russischen Föderation hergestellt wurde.

Unser Zeitgenosse ist frei sich im gewünschten Kulturraum unabhängig vom Aufenthaltsland und dessen Gesetzen zu befinden und derartiges findet zum ersten Mal in der Geschichte statt.

Die neue Informationsrealität hat faktisch die Erfahrung der Nationalstaaten der Vergangenheit entwertet.

Die Instrumente, die es in der Vergangenheit erlaubten die Mitbürger zu assimilieren, haben nicht mehr den gleichen Effekt. Das heißt jedoch nicht, dass sie keinerlei Effekt haben.

Der Staat ist wie gehabt in der Lage, die Nutzung der Sprache in bestimmten Bereichen zu reglementieren: Jedoch kann er diese Sprache nicht in jede Familie bringen.

Der Staat ist fähig die Sprache zu einem wichtigen politischen Symbol zu machen: Jedoch wird das Symbol kein allgemeines werden.

Durch hartes und radikales Handeln ist der Staat in der Lage die sprachliche Zugehörigkeit an erster Stelle zu setzen: Im Ergebnis erweist sich jedoch die Bevölkerung in verschiedenen Ecken.

Also besteht die Frage nicht darin, ob die Ukraine heterogen bleibt und ob Millionen unserer Mitbürger russisch sprechen und russischsprachige Inhalte konsumieren werden.

Es ist klar, dass sie es werden. Dabei werden sie es in jedem Fall, egal welchen Kurs der Staat in dem Bereich auch verfolgen mag.

Die Intrige besteht in etwas anderem: Wird sich die Rolle der Sprache als politischem Marker verändern? Und hier sind wirklich Varianten möglich.

Entweder bleibt in der Ukraine das bisherige Modell bestehen, bei dem Sprecher verschiedener Sprachen ein und dieselben Projekte unterstützen, die im politischen Leben des Landes dominieren.

Oder die Ukraine nähert sich den Realitäten Belgiens und Lettlands an, in denen ein gemeinsames politisches Feld fehlt und die Bürger sich in einem kulturell-sprachlichen Ghetto mit der entsprechenden Wahl von Parteien und Politikern einschließen.

Hypothetisch ist die Ukraine, die dem zweiten Pfad folgt, nicht schwer vorstellbar. Auf der einen Seite die angenommene Oppositionsplattform für das Leben [Wahlverein um den Ex-Präsidialamtschef Wiktor Medwedtschuk, A.d.Ü.], die sich die Russischsprachigen untertan macht.

Auf der anderen Seite die angenommene Europäische Solidarität [Wahlverein von Ex-Präsident Petro Poroschenko, A.d.Ü.], die den Patriotismus untrennbar an die Ukrainischsprachigkeit bindet. Auf beiden Polen tauchen auch alternative Kräfte auf, die größere Radikalität oder Mäßigung beanspruchen.

Doch zwischen den beiden Polen ist Leere und gleichzeitig mit den Sprechern verschiedener Sprachen und Kulturen zu arbeiten, versucht beinahe niemand.

Was charakteristisch ist, dass diese politische Segregation sowohl Wiktor Medwedtschuk aus auch Pjotr Poroschenko und ihre möglichen Nachfolger komplett zufriedenstellen würde. Doch werden die übrigen 40 Millionen Bürger sich auf die Teilung des Landes in zwei Ghettos einlassen?

16. Januar 2021 // Michail Dubinjanski

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1226

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