Staatsanwaltschaft gibt Materialien zur Ermordung Georgi Gongadses zur Einsicht frei


Gestern konnten die Betroffenen in der Angelegenheit Pukatsch damit beginnen sich mit den Materialien des Strafverfahrens auseinanderzusetzen, welche mehr als 100 Bände umfassen. Der ehemalige Major der Leibwache/Staatsschutzes, Nikolaj Melnitschenko, erklärte, dass es in der Angelegenheit, außer seinen Angaben „keine unbestreitbaren Beweise“ für die Schuld des zweiten Präsidenten Leonid Kutschma und des damaligen Präsidialamtsleiters, Wladimir Litwin (heute Parlamentssprecher), gibt. Kutschma seinerseits ist überzeugt davon, dass hinter der Organisierung des Verbrechens ausländische Geheimdienste stecken.

Die in der Angelegenheit der Ermordung des Journalisten Georgij Gongadse und der Entführung des Journalisten Alexej Podolskij Betroffenen und ihre Vertreter gingen gestern an das Studium der Materialien der Ermittlungen. Den Angaben des Leiters des Pressedienstes der Generalstaatsanwaltschaft, Jurij Bojtschenko, nach zählen diese mehr als 100 Bände. „Das ist keine einfache Frage – den ehemaligen Innenminister mit einem solch schweren Verbrechen zu beschuldigen. Sie wissen, dass hinter Krawtschenko (der ehemalige Innenminister) hochgestellte lebende Personen standen. Und nichtsdestotrotz sind die Ermittler überzeugt, dass eben er dieses Verbrechen verübte“, erklärte Bojtschenko.

Zur Erinnerung: In dieser Woche verkündete die Generalstaatsanwaltschaft offiziell den Abschluss der Ermittlungen in der so genannten Angelgenheit Pukatsch, in welcher der ehemalige Leiter der Fahndungsabteilung des Innenministeriums, Alexej Pukatsch, des Mordes an Georgi Gongadse und der tote Innenminister Jurij Krawtschenko als Auftraggeber beschuldigt werden (siehe “Kommersant-Ukraine“ vom 14. und 15. September).

Mit den Materialien des Ermittlungsverfahrens machen sich die Betroffenen und ihre Vertreter in Kiew vertraut, im Gebäude der Hauptverwaltung Generalstaatsanwaltschaft für Untersuchungen von besonders schwerwiegenden Fällen auf der Borissogelbskaja Straße. Den Worten der Vertreterin von Miroslawa Gongadse, der Witwe von Georgi Gongadse, Walentina Telitschenko nach belaufen sich die Materialien auf 132 Bände von denen etwa 20 den Vermerk „geheim“ tragen. Bemerkenswert ist, dass die Angaben von Alexej Pukatsch in den Bänden enthalten ist, die keine Staatsgeheimnisse sind. „Bislang kann ich sagen, dass es viele Materialien sind und ich benötige einige Monate, um diese gründlich zu studieren“, erzählte Telitschnko dem “Kommersant-Ukraine“.

Der ehemalige Major der Leibwache, der im November 2000 Audioaufzeichnungen veröffentlichte, die im Kabinett des damaligen Präsidenten Leonid Kutschma gemacht wurden, bekräftigte gestern, dass er vor Gericht in dieser Sache keine Angaben machen werde: „Ich stehe in keiner Beziehung weder zu Pukatsch, noch zur Außenüberwachung. Ich stehe nur in Beziehung zu Kommentaren zu den Verbrechen von Kutschma und Litwin. Und soweit diese nicht angeklagt werden, gibt es keine juristischen Grundlagen um mich als Zeugen vorzuladen“. Dabei betonte Melnitschenko, dass europäische Experten, für die von ihm gemachten Audioaufzeichnungen keine hundertprozentige Bestätigung ihrer Echtheit gaben: „Pukatsch machte Angaben, die deutlich auf Kutschma und Litwin hinweisen – das ist die Wahrheit. Doch dafür, um sie zur Verantwortung zu ziehen, benötigt man unwiderlegbare Beweise ihrer Schuld. Außer meinen Aufzeichnungen, gibt es diese Beweise nicht“.

Derweil trat Leonid Kutschma selbst mit Kommentaren zur Angelegenheit der Ermordung von Georgi Gongadse auf. Er ist überzeugt davon, dass Jurij Krawtschenko keinen Befehl gab den Journalisten zu ermorden, da er dafür keine Motive hatte. Gestern erklärte Kutschma in Tschernigow, dass hinter der Organisierung des Verschwindens von Georgi Gongadse ausländische Geheimdienste standen: „Das ist eine internationale Provokation, die darauf abzielte, die Ukraine zu kompromittieren. Fünf Jahre ließ man weder mich, noch die Ukraine in Ruhe“.

Bleibt anzumerken, dass die Version, dass in die Sache der Ermordung des Journalisten ausländische Geheimdienste verwickelt sind, immer populärer unter denen wird, die vor zehn Jahren die Regierung verkörperten und dies auch jetzt wieder tun. Als erster untersuchte die „amerikanische Spur“ der Generalleutnant der Miliz und Parlamentsabgeordnete, Wassilij Grizak (Partei der Regionen), der erklärte: „Ich meine, dass dies (die Ermordung des Journalisten) ein rein amerikanisches Szenario zur Beseitigung des gesetzlich gewählten Präsidenten Kutschma ist. Die gesamte Geschichte ist von transatlantischen Geheimdiensten geplant worden“.

Jelena Geda

Quelle: Kommersant-Ukraine

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 613

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