Wohin der Glaube verschwindet: Wie man im wichtigsten Dorf der Altgläubigen in der Ukraine lebt


Im Gebiet Tschernowzy an der Grenze zu Rumänien steht das Dorf Belaja Kriniza, vor langer Zeit weltbekannt als das „Mekka“ der Altgläubigen. Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurden hier einzigartige Architekturdenmäler gebaut, Kirchen, Kathedralen, Klöster. In das Dorf kamen Altgläubige aus einer Vielzahl von Ländern. 1945 wurde das Gebiet Teil der Sowjetunion. Die Bolschewiken zerstörten die religiösen Bauwerke und die Menschen begannen aus dem Dorf zu fliehen. 70 Jahre später, schon in der unabhängigen Ukraine, hat sich die Situation nicht sonderlich geändert. Der Ort, der ein weiteres touristisches Ziel der Westukraine hätte werden können, ist heute fast menschenleer.

„Ukrainskaja Prawda. Schisn“ hat sich auf den Weg nach Belaja Kriniza gemacht, um zu verstehen, wie moderne Altgläubige leben und warum das Dorf verfallen ist.

Der Weg aus Tschernowzy (Czernowitz) nach Belaja Kriniza ist eine Herausforderung. Es fährt nur ein Bus am Tag dorthin, nur einer zurück. „Du kannst bis zum benachbarten Dorf Bagrinowka fahren. Ich lasse dich an der Kurve raus, dann läufst du noch zwei Kilometer – frische Luft, Grenzsoldaten-Kavaliere“, erklärt der junge Fahrer des benachbarten Kleinbusses mit besonderem bukowiner Akzent, beim letzten Satz zwinkernd.

Man fährt etwa zwei Stunden nach Belaja Kriniza. Die Entfernung ist nicht groß, 40 Kilometer, aber der alte „Pasik“ (sowjetischer Kleinbus, A.d.R.) hat es auf der kaputten Straße schwer: Wenn er Geschwindigkeit aufnimmt, dann springt er so über die Schlaglöcher, dass sich die Passagiere schmerzhaft die Köpfe stoßen, während sie das Bild der Jungfrau Maria betrachten, das am Anfang des Fahrgastraumes hängt.

Der Fahrer setzt mich wie versprochen an der Kurve ab und erinnert mich noch einmal an die „Kavaliere vom Grenzregiment“. Die Straße teilt sich in zwei Richtungen, eine führt in das ehemals große Dorf Bagrinowka, die andere nach Belaja Kriniza. Bis zur rumänischen Grenze sind es hier nur noch ein paar Kilometer.

Am Eingang des Dorfes steht ein etwas schiefes grünes Kreuz. Ein Schild mit dem Namen gibt es nicht. Davon, dass dies Belaja Kriniza ist, zeugt nur die Aufschrift auf der kaputten Haltestelle ein Stück weiter.

Es ist heiß und still. Entlang der Straße stehen halbzerfallene Häuser, die einen starken Kontrast zu gepflegten Backsteingebäuden bilden. Von den letzteren gibt es ehrlich gesagt wenige. Etwas weiter steht die Cosmas-und-Damian-Kirche und ein kleines blaues Kirchlein.

„Sie sind wohl Fotoreporterin?“ Zum Kirchlein kommt eine Frau von fünfzig Jahren, bekreuzigt sich dreifach mit zwei Fingern, verbeugt sich und schaut mich aufmerksam an: „Ich habe Sie gesehen. Sie sind aus dem Bus ausgestiegen und losmarschiert.“

Die Frau stellt sich als Galja vor, sie wohnt in Tschernowzy. Nach Belaja Kriniza ist sie gekommen, um ihre achzigjährige Mutter zu besuchen.

„Sind Sie auch altgläubig?“

„Natürlich“, sagt sie, „hier sind alle altgläubig.“

Wir gehen an der Mariä-Entschlafens-Kathedrale vorbei. An der Tür hängt ein Schild mit Benimmregeln für die Kathedrale.

Männer dürfen nicht in kurzen Hosen oder kurzen Ärmeln eintreten.

Frauen ist es verboten während der Menstruation (Monatsblutung, wie an der Tafel steht) am Gottesdienst teilzunehmen und Ikonen zu küssen, wenn das Gesicht geschminkt ist. Der Eintritt ist nur in langem Rock und mit bedecktem Kopf erlaubt.

„Sie gehen besser zu Jekaterina Wenediktowna, sie ist die Vorsitzende unserer Kirchengemeinde. Sie können auch in die Kathedrale hineingehen.“ Sich vor der Kathedrale bekreuzigend und verbeugend bewertet Galja meinen vorausschauend angezogenen bodenlangen Rock. Dann bleibt ihr Blick an meinen grünen Haaren hängen. „Haben Sie ein Tuch? Ohne Tuch lässt man Sie nicht ein.“

„Nein, ich habe kein Tuch.“

„Na, macht nichts. Gehen Sie zu Jekaterina Wenediktowna, sie erzählt Ihnen alles. Ach nein, kommen Sie mit mir mit.“

Jekaterina Wenediktowna wohnt in einem Backsteinhaus neben der Kathedrale. Sie kommt nicht gleich heraus – sie hat Fisch fürs Mittagessen geputzt und war auf Besuch nicht vorbereitet.

Sie ist fast 60, sieht aber nicht so alt aus, Falten und graue Haare hat sie nur wenige. Über den Hof laufen die Enkel, helfen im Haushalt, solange sie zu Besuch sind. Die Kinder Jekaterina Wenediktownas leben weit verstreut: einige zogen nach Tschernowzy, ein Sohn dient in der Anti-Terror-Operation, eine Tochter ist beim Militär in Mukatschewo.

Junge Menschen hält es nicht in Belaja Kriniza. Im ehemals großen Dorf sind hauptsächlich Alte übrig geblieben, und auch das sind nicht mehr als achtzig Menschen.

Vor sich selbst fliehen

Ende des 18. Jahrhunderts flohen die russischen Altgläubigen (oder Lipowaner) in die Bukowina.

Nach der Spaltung der orthodoxen Kirche unter Patriarch Nikon und Zar Alexej Michailowitsch lebten die Altgläubigen noch eine Weile in Russland. Aber mit der Machtergreifung Peter I. begannen für die Lipowaner schwere Zeiten.

Nun gut, wenn der Zar nur befohlen hätte, die Bärte abzurasieren, was nach dem Kanon verboten ist. Die Altgläubigen mussten aber auch doppelt Steuern zahlen. Und für die „Verleitung im Glauben“ drohte die Todesstrafe.

Die Bukowina war zu dieser Zeit menschenleer und die österreichisch-ungarische regierung gab den Lipowanern gern Land. So wurde Belaja Kriniza zum Zentrum der Altgläubigen.

Man kam aus verschiedenen Ländern hierher, deshalb entstand hier eine besondere Mundart, eine Mischung aus Russisch, Deutsch und belarussischer Sprache, erzählt Jekaterina Wenediktowna. Sie selbst spricht Russisch wie gedruckt mit kaum hörbarem Akzent.

„Unsere Vorfahren kamen aus Russland hierher und begannen zu bauen“, erinnert sich die Frau. „Das waren wohl unsere Urururgroßväter. Sie begannen Kirchen zu bauen, die erste rissen sie ein, dann bauten sie die Kathedrale und Klöster.

Jekaterina Wenediktowna zeigt ein Album mit Fotografien von Belaja Kriniza von Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf einigen sind Diener und Dienerinnen des Männer- und des Frauenklosters abgebildet.

Heute gibt es hier keine Mönche, und es sind auch nur drei Kirchen übrig geblieben, die Klöster existieren nicht mehr.

„Früher waren hier sehr viele Menschen. Ein Haus stand am Anderen. Es war laut, ein Stimmengewirr, fröhlich. Und dann, 45, kam die sowjetische Führung, zog eine Grenze (zu Rumänien), später gaben sie Pässe aus, Bescheinigungen. Und die Leute begannen wegzugehen.“

Bis zur Ankunft der Sowjetmacht war hier die größte Ansiedlung von Altgläubigen. Nach der Grenzziehung verblieb ein Teil der Siedlung in Rumänien. Dort leben hauptsächlich Bjespopowzuj – Altgläubige, die die Priesterschaft nicht anerkennen.

Von vielen sind Verwandte im anderen Land geblieben, wie es in solchen Fällen immer passiert. Jekaterina Wenediktowna erinnert an ihre Großmutter, die eine Schwester in Rumänien hatte. Mit über neunzig Jahren beschloss sie, zu ihr zu Besuch zu fahren, aber die Grenzer ließen sie ohne Pass nicht durch.

„Wir baten sie, lassen Sie uns für eine Stunde, das Haus ist faktisch an der Grenze, nur da hinab gehen und schon ist man da. Man ließ uns nicht. So starb die Schwester und ein paar Jahre später auch meine Großmutter.“

Das Dorf leerte sich schrittweise aber schnell. Jekaterina zog aus Belaja Kriniza Ende der 70er Jahre zu ihrem Mann in den Donbass.

In der Sowjetzeit arbeiteten die Dorfbewohner für wenig Geld im Kolchos. Jekaterina Wenediktinowa erinnert sich daran, wie sie 1983 mit ihrem Mann zu ihren Eltern zu Besuch kam. Diese sagten am Tisch: „In diesem Monat haben wir guten Lohn bekommen. Für uns beide zusammen waren es 70 Rubel.“ Ein Bergarbeiter im Donbass bekam zu dieser Zeit etwa 700 Rubel.

Die Frau kehrte nach zwanzig Jahren nach Belaja Kriniza zurück. Sie sagt, dass sie nachts vom Garten träumte und vom Geruch der blühenden Birnbäume. Sie hatte Sehnsucht nach Zuhause.

„Ich habe immer gesagt dass ich, wenn auch nur im Alter, auf jeden Fall zurückkomme. Es ergab sich etwas früher. Mein erster Mann starb, ich nahm meine fünf Kinder und kam hierher.“

Im Moment sucht sie Arbeit in den umliegenden Siedlungen oder in der „Wache“, am Grenzübergang. „Wadul-Siret“ ist nicht weit. Jekaterina arbeitete dort bis zur Pensionierung als Köchin, ihr zweiter Mann arbeitet dort im Winter als Heizer.

Gewöhnliche Altgläubige

Daran, dass Belaja Kriniza einst das Zentrum der Altgläubigen war, erinnert heute fast nichts mehr.

Früher kamen hier Touristen her aus Moldawien, Belarus und vor allem Russland. Heute kommt kaum jemand, und schon gar keine Russen.

„Sie haben vielleicht Angst. Obwohl, wovor denn? Die Schwiegermutter eines meiner Kinder lebt im Donbass, sie hatte auch Angst herzukommen, aber dann hat sie es doch riskiert. Wir haben gescherzt: „Na was, haben sie dich auf dem Weg nicht gefressen?“ Sie ist nämlich so eine etwas Füllige. Sie hat abgewunken.

Jekaterina Wenediktowna sprich beleidigt davon, dass ihr Glaube nicht geschätzt wird, obwohl er doch der „Älteste“ und „Richtigste“ ist.

„Es ist schade um das Dorf. Ich wünschte mir so, dass alles wieder kommt, wiedergeboren wird. Die Nikonianer bauen Kirchen, sie haben Gemeinden, aber unser Glaube gerät in Vergessenheit.

Vielleicht fällt es ihnen so leichter. Ich habe Priester gefragt, warum es so ist“, überlegt die Frau. „Sie sagen, in jenem Glauben ist es leichter, da kann der Mann sich scheiden lassen und ein zweites Mal heiraten. Es ist da freier. Bei uns ist das nicht erlaubt.“

Die Lipowaner sprechen immer etwas verächtlich über die Nikonianer – so nennen die Altgläubigen die heutigen Orthodoxen. Der Glaube der Altgläubigen ist fester und strenger.

„Der Mann hat das Recht seine Frau zu verlassen, wenn sie ihn betrogen oder verlassen hat. Die Frau nur bei Betrug. Und dann soll sie sieben Jahre lang allein leben, außer, wenn der Mann gestorben ist. Die erste Fastenwoche ist bei uns streng. Auf der Wache haben die Kerle gesagt: nun, ich habe die erste Woche gefastet und schon kann ich am Abendmahl teilnehmen. Wenn sie bei uns so sprechen würden! Unsere Großmütter sitzen in dieser Woche bei Wasser und Brot. Und am Karfreitag nehmen sie auch Brot und Wasser nicht in den Mund. Sie beten den ganzen Tag. Mittwochs und freitags essen wir das ganze Jahr nichts reichhaltiges. Beten muss man Zuhause und in der Kirche. Und nur dann darf man am Abendmahl teilnehmen.“

„Haben Sie Ihre Kinder auch in diesem Glauben erzogen?“

„Ja, aber sie nehmen das alles schon nicht mehr so an. Uns hat man so erzogen: morgens bist du aufgewacht, hast dich gewaschen, gebetet, dann bist du essen gegangen. Bevor du dir etwas zu Essen nimmst oder Wasser trinkst, musst du dich bekreuzigen. Aber unsere Kinder schämen sich, kann sein… Und überhaupt, wird sich ein Soldat an der Frontlinie bekreuzigen, bevor er Kaffee trinkt?“

Nach dem Kanon der Altgläubigen darf man weder Strom noch moderne Technik nutzen. Aber es stehen Straßenlampen im Dorf und Jekaterina Wenediktowna hält ein Mobiltelefon in der Hand.

„In Kathedralen nutzen wir Kerzen“, sagt sie. „Strom nur im äußersten Notfall. Die Großmütter haben nur ein elektrisches Lämpchen, aber sonst nicht mal einen Kühlschrank.“

„Und Sie?“

„Oh, bei uns Zuhause gibt es Strom. Das verbietet uns der Glaube natürlich. Aber wie soll man heute ohne das alles auskommen? Und so… Es kommt vor, dass du einen Bissen isst, und dich dann daran erinnerst, dass du dich nicht bekreuzigt hast. Die Altgläubigen, die noch nach den Gesetzen der letzten Jahrhunderte leben, sind sehr wenige“, beteuert Jekaterina. „Sie wohnen entweder in den Bergen oder im tiefen Wald.

Auf eine solche Ortschaft stießen einmal junge Altgläubige von der Krim, die durchs Land fuhren und Menschen ihres Glaubens suchten.

„Sie kamen an, aber dort war alles kaputt, alles war mit Unkraut überwuchert“, erzählt die Frau. „Die Menschen wichen zurück. Sie fanden ein Kirchlein, begannen Gottesdienst zu feiern. Da sehen sie, langsam kommen alle heraus. Insgesamt haben sie zwölf Menschen gezählt, alle, die dort lebten. Einen Priester hatten sie nicht, die Menschen sangen selbst, wenn jemand starb. Sie baten die jungen Menschen zu bleiben. Doch diese blieben eine Woche und fuhren dann weiter.“

Übrigens gibt es auch in Belaja Kriniza nicht viel Zivilisation, keine Geschäfte, keinen Gemeinderat, keine Schule, nur eine Arztpraxis, aber die hat nicht immer geöffnet. Zweimal in der Woche wird Brot geliefert, einmal wöchentlich andere Lebensmittel. Die im Dorf verbliebenen Kinder – aber davon gibt es nicht mehr als zehn – fahren zur Schule im Nachbardorf. Aber der Bus kommt nicht immer.

„Früher war der Kreis für uns verantwortlich. Aber dann kam diese Dezentralisierung. Jetzt hängt alles am Gemeinderat. Aber woher soll das Dorf Geld nehmen? Man muss Diesel kaufen, einen Fahrer bezahlen. So kommt es, dass der Bus auch mal nicht kommt“, sagt Jekterina Wenediktowna.

Sie empfiehlt Maria Wassiljewna zu besuchen. Früher, als es in Belaja Kriniza noch eine Schule gab, war sie dort Direktorin. Aus dem Nachbarhaus wird ein Jugendlicher, der sich als Nikita vorstellt, herbeigerufen um mich zu begleiten. Er ist schlank, dunkelhaarig, schon mit sichtbarem Flaum über den Lippen, ausgesprochen höflich und zuvorkommend. In seiner Hand hält er ein Tablet.

„Ihr habt Tablets, das sollt ihr doch dem Glauben nach nicht haben?“

„Ach, nur Fanatiker verzichten auf alles“, antwortet Nikita kategorisch. „Aber ich spiele keine Spiele, lese nur Bücher. Ich nutze es wie ein Lehrbuch. Zurzeit lese ich etwas über die Geschichte der Kiewer Rus.“

„Und du hast keine Lust zu spielen?“

„Ich bin ja schon erwachsen. Früher wollte ich Trickfilme sehen und spielen. Jetzt muss ich meine Willenskraft ausbilden.“

„Wie alt sind Sie?“

„Fünfzehn. Ich bin ein gewöhnlicher altgläubiger Jugendlicher.“

Der „gewöhnlich altgläubige Jugendliche“ geht in die Schule, wenn der Bus kommt oder der Priester ihn in seinem Auto fährt. Bisher hat er noch nicht entschieden, was er werden will, aber er sagt, dass er eher zum Ingenieurs-Beruf neigt. Wahrscheinlich zieht er nach Tschernowzy. Und nach Belaja Kriniza wird er nur zu Besuch kommen.

Auf der Suche nach Zivilisation

Maria Wassiljewna winkt bei Anblick der Korrespondentin zunächst ab, aber dann beginnt sie zu schimpfen. „Ich will Ihnen gar nichts erzählen“, antwortet sie brüsk durch das Tor. „Mit tut die Seele weh wegen des Dorfes, aber was sollen die Journalisten? Sie verdrehen alles, lügen alles zurecht. Gehen Sie, ich werde nicht mit Ihnen sprechen!“

Im benachbarten, fast zerfallenen Haus arbeitet eine Frau im Garten. Im Gegensatz zu Maria Wassiljewna ärgern sie Journalisten nicht. Die Frau stellt sich als „Tante Ksenia“ vor.

„Es gibt hier keine Geschäfte! Wie in der Wildnis“, beschwert sich Tante Ksenia im Gehen mit brüchiger Stimme und reibt sich mit den vom Garten schmutzigen Fingern die Augen. „Im Sommer ist es noch gut. Aber im Winter weht es die Straßen zu, der Bus fährt nicht. Das Dorf hat keinerlei Perspektive.“ Sie wohnt hier mit ihrem Mann in ihrem alten Elternhaus. Wie alle Einwohner des Dorfes ist sie Russin, ihre Vorfahren sind aus Sibirien geflohen.

In ihrer Jugend zog sie nach Tschernowzy, lebte dort. Aber dann kamen die Neunziger. Ihr Mann und sie verloren die Arbeit. Die Eltern waren zu dieser Zeit schon tot und sie kehrte nach Hause zurück. Sie sagt, dass viele wenn sie alt werden zurückkommen. Es zieht sie.

„Das was man über uns sagt, das Gerücht, dass wir rückständig sind, das ist alles Quatsch! Ich schaue auch Fernsehen und wir haben ein Smartphone. Es kamen zu uns Emigranten aus Bolivien, glaube ich. Solche Analphabeten! Können nicht lesen, wissen nicht, wie alt sie sind. Haben sich dort einen Bauernhof gebaut und leben für sich. Die Kinder gehen nicht einmal in die Schule.“

Tante Ksenia würde auch andere Bequemlichkeiten nicht ablehnen, aber im Dorf gibt es kein Internet, keinen Bankautomaten. Sie beschwert sich, dass niemand etwas mit ihnen zu tun haben will.

Darüber spricht auch Jekaterina Wenediktowna. Kürzlich begann die Gemeinschaft Unterlagen zu sammeln, um die im Dorf verbliebenen Kirchen in ihre Obhut zu nehmen. Aber der Prozess läuft schleppend. Nach dem Gesetz sind die Kathedrale und die Kirchen Architekturdenkmäler und unterstehen dem Staat.

„Aber was heißt hier „der Staat“, regt sich Jekaterina Wenediktowa auf, die mich zufällig an der Haltestelle bemerkt. „Diese Kirche haben wir selbst von unserem eigenen Geld saniert. Es tropfte durchs Dach. Wir haben die Bauarbeiter umsorgt, aber sie haben alles nur schlampig gemacht. Wir mussten neue suchen, aber das kostete nicht nur tausend Hrywnja! Der Staat hat nicht einen Finger krumm gemacht, aber wenn man sie der Gemeinde übergeben soll, dann ist es Eigentum des Staates!“

Im Übrigen glaubt sie, dass das Dorf wiederbelebt wird und der Glaube wieder zurückkommt.

Um zwei Uhr mittags fährt an der Haltestelle der Bus nach Tschernowzy vor, und wenn du den nicht erreichst, kommst du nicht mehr weg. Es bleibt dir nichts übrig, als dich zu Fuß auf den Weg nach Staryj Woltschinjez zu machen. Von dort kann man versuchen in die Stadt zu kommen.

Zur Haltestelle kommt ein Mütterchen. Aus der Stadt soll man ihr Medikamente mitbringen. In den umliegenden Dörfern bekommt man die nicht.

„Ach was bist du denn für ein Mädchen?“

„Ich bin Journalistin.“

„Ah Journalisten, das ist gut. Sie schreiben alle über uns, als ob wir Wilde wären“, lächelt das Mütterchen.

Sie ist in ein schwarzes Tuch gewickelt und trägt ungeachtet der Hitze einen warmen Strickpullover. Sie schaut aufmerksam.

„Sie selbst sind ohne Kreuz.“

„Wissen Sie, ich bin nicht gläubig.“

„Komm zum Glauben, Kind, wo doch nur noch so wenig Zeit verbleibt.“

30. August 2017 // Juliana Skibizkaja

Ukrainskaja Prawda – Schyttja

Übersetzerin:   Anja Blume  — Wörter: 2770

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