FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Eine Blume auf dem Grab des Patriarchen

0 Kommentare

Ich bin selten in der Nähe der Sophienkathedrale. Sehr selten. Jetzt entschloss ich mich vorbeizuschauen. Nicht beim Tomos, sondern beim Grab des alten Strafgefangenen Wassilij Romanjuk, der durch die Macht des Schicksals nur kurz ukrainischer Patriarch wurde; der erste.

Wassyl Romanjuk - Patriarch Wolodymyr

Wir haben uns nicht im Lager getroffen. Er verbüßte seine Strafe in Mordwinien, ich im Ural. Wir lernten uns erst hier kennen, in Kiew, in den ersten Jahren unserer Unabhängigkeit. Jewgenij Alexandrowitsch Swerstjuk [ukrainischer Dissident und Schriftsteller 1928-2014, A.d.R] stellte uns einander vor. Wir schafften es, gemeinsame Bekannte in sowjetischen Straflagern auszumachen. Ein längeres Gespräch kam wegen der Fülle seiner Verehrer und Freunde rundum nicht zustande. Die Menschen wollten zur nächsten Versammlung gehen…

Ich bin kein Kirchenhistoriker. Vielleicht kenne ich die Einzelheiten nicht. Das Wichtigste ist: der ehemalige Strafgefangene Romanjuk wurde zum Patriarchen gewählt. Obwohl sich jemand anderes für diesen Posten vorbereitet hatte, ein obrigkeitshöriger ehemaliger Offizier des KGB, der sich mit dem höheren Moskauer Kirchengesinde plötzlich überworfen hatte [Glusman meint hier den nunmehrigen „Ehrenpatriarchen“ der Orthodoxen Kirche der Ukraine Filaret (Michail Denissenko), der jahrelang die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats leitete, A.d.R.]. Darüber schrieb man, darüber sprach man, so waren die Zeiten.

Heute denke ich, dass der Zweite, der nicht Patriarch wurde, den Kanon besser kannte als Romanjuk, eine bessere kirchliche Ausbildung genossen hatte. Der mehrfach einsitzende Strafgefangene hatte gar nicht diese Möglichkeiten in seinem bitteren Leben.

1995 verstarb der ukrainische Patriarch plötzlich. Er war krank, die Jahre in Gefangenschaft hatten seinen Körper zerstört, aber nicht seine Seele. Ja und sein Patriarchen-Leben war auch nicht einfach, worüber, wie ich hoffe, sich irgendwann die Kirchenhistoriker zu schreiben wagen…

Man begrub ihn traurig, grässlich, widerlich. Die politischen Extremisten unter der Führung eines weit bekannten Hochstaplers versuchten damals aggressiv und grob, den Sarg in die Sophienkathedrale zu bringen und ihn dort beizusetzen. Aber da die Sophienkathedrale damals nicht in konfessioneller Verwaltung war, ließ die ukrainische Führung die jungen Leute mit dem Sarg nicht ein. Ich weiß nicht, ob noch Videoaufzeichnungen von Polizei und ukrainischen Spezialkräften von diesem abscheulichen Aufstand mit dem Sarg auf den Schultern und Händen vorhanden sind. So begann das kirchliche Leben in der bereits unabhängigen Ukraine.

Ich verstehe, dass viele Jahre vergangen sind. Viele Teilnehmer und Zeugen der Ereignisse sind in die andere Welt hinüber gewechselt. Aber man sollte unbedingt etwas darüber wissen. Ich überdecke nicht mit milden Worten unseren ganz und gar nicht einfachen Beginn des Staates.

Und nun stehe ich hier an der Sophienkathedrale. Wo man gestern dem Volk den noch nicht unterschriebenen Tomos vorführte.[Inzwischen ist die Urkunde in Istanbul vom ganzen Synod unterzeichnet worden, A.d.R.] Wie schon früher liegt der ukrainische Patriarch, ein glänzender Mensch, anderthalb Meter von der Mauer entfernt, wie ein großer Sünder und Selbstmörder. Hunderte Leute gehen in die Kathedrale hinein, entweder in den Gottesdienst oder ins Museum, hunderte kommen heraus. Und ich stehe schweigend am Grab des Lagerinsassen Wassilij Romanjuk und lege eine Blume auf die Grabplatte. Eine Blume, eine frische, für die ich vorher den Schnee mit den Händen wegschiebe.

Grab von Patriarch Wolodymyr an der Sophienkathedrale

Vom Wasser und der Zeit zerstörte Buchstaben zerbröckeln, die ehemals leuchteten. Gestern war hier ein Fest des noch nicht unterzeichneten Tomos, ein Feiertag für Pjotr Alexejewitsch Poroschenko, nicht des Märtyrers Romanjuk.

Niemand bleibt stehen und ich verstehe, dass sie nicht wissen, dass ganz in ihrer Nähe ein Grab ist. Sie wissen nichts über Romanjuk selbst, über den verborgenen Widerstand gegen „Nummer zwei“, der es damals nicht schaffte, oberster Geistlicher zu werden, über den Haushaltsstreit, über den demütigen Umgang mit dem „Untermieter“…

So war es.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

14. Januar 2019 // Semjon Glusman, Dissident, Psychiater

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Anja Blume — Wörter: 602

Anja Blume ist Sozialpädagogin und übersetzt - zwischen eigener poetischer Tätigkeit - auch immer wieder Märchen und Lieder aus dem Russischen ins Deutsche. Ehrenamtlich ist sie im Bereich der internationalen Jugendarbeit tätig.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.0/7 (bei 1 abgegebenen Bewertung)

Kommentare

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)22 °C  Ushhorod19 °C  
Lwiw (Lemberg)16 °C  Iwano-Frankiwsk17 °C  
Rachiw15 °C  Jassinja17 °C  
Ternopil15 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)22 °C  
Luzk19 °C  Riwne19 °C  
Chmelnyzkyj17 °C  Winnyzja21 °C  
Schytomyr19 °C  Tschernihiw (Tschernigow)19 °C  
Tscherkassy19 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)22 °C  
Poltawa20 °C  Sumy18 °C  
Odessa24 °C  Mykolajiw (Nikolajew)26 °C  
Cherson26 °C  Charkiw (Charkow)20 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)25 °C  Saporischschja (Saporoschje)24 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)23 °C  Donezk22 °C  
Luhansk (Lugansk)22 °C  Simferopol22 °C  
Sewastopol21 °C  Jalta21 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Bin am Montag 15.6.26 um 8 Uhr in Urgyniw ausgereist, das erste Mal an einem Montagmorgen ca. 15 Fahrzeuge vor mir, bin sonst der Erste oder Zweite, egal, nach ca 20 Minuten wurde dann die nächste Welle...“

„Derzeit, ist es überall sehr voll an den Grenzen Ukraine/ Polen. Zb. Krakovets 100 PKW ca. 10 h Wartezeit. Wollen Montag rüber, versuchen es sehr früh.“

„Haben noch vor der Grenze im Wohnmobil geschlafen. 600 km am Stück mit 90 km/h, da wollten wir nicht noch stundenlang an der Grenze stehen. War am Abend voll 55 PKW, laut Info. Am Montag früh gegen 10...“

„Der Blockposten zwischen Ustyluh und Urgyniw an der Oblastgrenze hat mich, das war jetzt aber nur einmal, auch nach 23 Uhr passieren lassen, lässt für mich den Schluss zu, auch hier ist 24/7 passierbar.“

„Kann nur zum Blockposten vor USTYLUH sagen, der ist geöffnet 24/7 und der Blockposten vor URGYNIW schließt von 23.00 Uhr bis 04:00 Uhr. (Fahrtrichtung Grenze/Ausreise); Wer in Richtung Landesmitte fährt,...“

„Ja, der Grenzübergang in Ustyluh ist echt toll geworden, ich habe letztens den Spaß gemacht und angedeutet, dass wohl jetzt die Polen eifersüchtig sind auf diese Arbeitsplätze. Die Zöllnerin hat zustimmend...“

„Fahre am Sonntag nach Lwiw und will noch am späten Abend einreisen. Hat da jemand Erfahrung wegen der Wartezeiten und ist dann die Weiterfahrt wegen der Sperrstunde nicht möglich ?“

„Montag letzte Woche 11 Uhr, komplett, von Schranke zu Schranke in 21 Minuten, optimal. Ansonsten für diesen Zeitpunkt 30 bis max 40 Minuten einplanen“

„Ich schau immer bei ... ... , finde es nicht schlecht, liegt meiner Meinung nach nie KRASS daneben, DIE gemeldeten Zahlen kann man zumindest für eine seriöse Entscheidungsfindung heranziehen.“

„Hallo Handrij, Bin letzten Freitag am Abend um 22 Uhr ausgereist. In 40 Minuten total, am Freitag! Ich schildere nochmals den Ablauf, damit der optimale Ablauf nachvollziehbar wird. Ankunft vor dem Grenzübergang,...“