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Der Zweite Kalte Krieg

zweiter Kalter Krieg
Vor 70 Jahren, am 24. Juni 1948, begann die Blockade West-Berlins durch die UdSSR. Damit setzte eine der ersten großen Krisen des Kalten Krieges ein.

Alle Land- und Wasserverbindungen, die Berlin mit den westlichen Besatzungszonen bis dahin verbunden hatten, wurden abgeschnitten. Als Reaktion darauf trafen die Westalliierten eine beispiellose Entscheidung – die Stadt mit ihren zwei Millionen Einwohnern sollte per Luftbrücke versorgt werden.

Elf Monate lang wurden lebensnotwendige Güter von amerikanischen und britischen Fliegern in das blockierte Berlin gebracht. Alle drei Minuten landeten Flugzeuge mit Lebensmitteln, Kraftstoff und Medikamenten auf dem Berliner Flughafen Tempelhof. Und so überstand die Bevölkerung West-Berlins letztlich sämtliche Belastungen und Entbehrungen, die ihr durch die Blockade des Kremls aufgebürdet wurden.

„Wir werden Berlin nicht verlassen. Ende!“, verkündete Präsident Truman damals. Und der regierende Bürgermeister Ernst Reuter rief in seiner berühmten Rede vor dem Reichstag aus: „Ihr Völker der Welt! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!“

Gespannt verfolgte die freie Welt in diesen Monaten die Nachrichten aus West-Berlin, voller Mitgefühl mit den Bewohnern und mit großer Freude über den letztendlichen Erfolg der Luftbrücke. Und in ebendieser Rolle würden die zivilgesellschaftlich aktiven Ukrainer heute wohl gerne auch ihr Land sehen.

Als eine Bastion der Freiheit, auf die sich die Augen der Weltöffentlichkeit richten. Als Symbol einer schicksalhaften Konfrontation zweier Systeme. Als Vorposten der westlichen Zivilisation, den es um jeden Preis zu verteidigen gilt. Ja, die Ukraine würde in den Augen der Welt gerne als ein neues West-Berlin erscheinen.

Doch dafür müsste die Welt anerkennen, dass auf den ersten Kalten Krieg nach einer kurzen Unterbrechung der zweite Kalte Krieg folgte. Eine neue Runde im Kalten Krieg ausspielen zu können, das würde viele von uns Ukrainern freuen – und genau in diesem Umstand spiegeln sich unsere Wünsche auf seltsame und verstörende Weise mit den Träumen der Russen.

Die Idee eines „Zweiten Kalten Krieges“ ist für die russische Gesellschaft ebenso attraktiv wie für die ukrainische.

Sowohl für uns Ukrainer als auch für die Russen ist der erste Kalte Krieg mit einem Gefühl der Unzufriedenheit, der Ungerechtigkeit und der verpassten Möglichkeiten verbunden. Während es für die Russen aber der Ausgang jener globalen Konfrontation ist, mit dem sie nicht zufrieden sind, ist es für uns Ukrainer der Status unseres Landes während dieser Konfrontation, der uns nicht behagt.

Das reaktionäre Russland leidet nach wie vor unter seiner Niederlage im Kalten Krieg. Unser nördlicher Bruder führt diese Niederlage jedoch nicht auf objektive Gründe zurück, sondern ausschließlich auf einen hinterhältigen Stoß in den Rücken des sowjetischen Imperiums.

Aus dieser Perspektive betrachtet scheint es, als würde es sich lohnen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, und schon könnten alle Verräter unschädlich gemacht und der heimtückische Westen erniedrigt werden.

Die progressive Ukraine hingegen bedrückt etwas gänzlich anderes – nämlich die Dissonanz zwischen ihrer Weltanschauung und ihrer neuesten Geschichte.

Von der Mentalität her identifizieren wir uns mit dem Westen, der aus dem Kalten Krieg als Sieger hervorging. Uns liegt der westliche Lebensstil nahe und uns imponieren die westlichen Staatenlenker, die das sowjetische Imperium des Bösen zerschlagen haben.

Physisch jedoch hat die Ukraine den gesamten Kalten Krieg im anderen Lager verbracht. Nicht an der Seite Ronald Reagans und Margaret Thatchers, sondern an der Seite stumpfsinniger Bonzen im Kreml.

Nicht mit westlichen Werten und Technologien, sondern hinter dem Eisernen Vorhang, auf der Seite des von uns verachteten sowjetischen Daseins.

Unsere Väter und Großväter waren im besten Fall Geiseln des sowjetischen Staates, im schlimmsten Fall waren sie dessen treue Diener.

Und nach Ende des Kalten Krieges wurde die Ukraine vom Westen weiterhin als Teil der ehemaligen UdSSR wahrgenommen.

Im Gegensatz zu Osteuropa und zum Baltikum wurden wir aber nicht als befreiter Satellitenstaat, sondern als organischer Teil des untergegangenen Imperiums betrachtet.

Viele Jahre lang ist die Ukraine mit dem Label „The Former USSR“ versehen worden, von dem wir uns doch gerade mit allen Kräften zu lösen suchten. Und darauf wird auch unsere ganze Entkommunisierung beschränkt.

Die Russen würden den Kalten Krieg gerne wiederholen – im Geiste des Revanchismus.

Die Ukrainer hingegen würden den Kalten Krieg gerne wiederholen, um sich diesmal auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs zu befinden.

Um sich als Teil der westlichen Welt zu fühlen, der für die richtige Sache kämpft. Um diesmal auf der hellen Seite an dieser epochalen Konfrontation teilzunehmen – an der Seite von Kennedy, Adenauer und Churchill.

Um die historische Ungerechtigkeit zu korrigieren und um das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Entgangene und Verpasste nach- und aufzuholen.

Das Problem dabei besteht jedoch darin, dass der „Zweite Kalte Krieg“ die Teilnahme eines Schlüsselspielers erforderlich machen würde – des Westens als Kollektiv. Im Gegensatz zu Russland und zur Ukraine gibt es für Europa und die USA jedoch keine Gründe, den Kalten Krieg zu wiederholen.

Der Westen möchte weder zurück ans Ende der 1940er Jahre, noch an den Anfang der 1980er Jahre, sondern am liebsten zurück ins friedliche Jahr 2013. Zurück in eine Zeit, in der Russland ein respektiertes Mitglied der G8 war, in der es im Osten der Ukraine keinen Krieg gab und niemand an irgendwelche Annexionen auch nur hätte denken können.

Die Möglichkeit, den damaligen Status Quo wiederherzustellen, scheint, so illusorisch sie auch sein mag, verführerisch. Wenn man nämlich der Logik eines neuen Kalten Krieges folgen würde, dann müsste Russland als Reinkarnation der UdSSR betrachtet werden – und der Weg zurück ins Jahr 2013 wäre für immer versperrt. Für die Mehrzahl der westlichen Politiker ist dies heute nicht akzeptabel.

Die ukrainische Gesellschaft war von Anfang an bereit für einen „Zweiten Kalten Krieg“, doch die Position, die der Westen eingenommen hat, hat sich für uns als größte Enttäuschung der vergangenen Jahre erwiesen.

Wir operieren in den Kategorien der 1940er und 1980er Jahre, während der Westen in den Kategorien der Nullerjahre des 21. Jahrhunderts denkt und handelt.

Wir sehen Russland als das wieder zum Leben erweckte Imperium des Bösen, als Sowjetunion 2.0, während der Westen Russland als abtrünnigen Handelspartner betrachtet, den man nur wieder umerziehen muss. Der Westen glaubt daran, dass eine solche Umerziehung möglich ist.

Wir glauben, dass die Annexion der Krim eine weitaus größere Sünde darstellt, als die sowjetische Intervention in Afghanistan, während der Westen heute keine Bereitschaft zeigt, die Fußballweltmeisterschaft in Russland, gewissermaßen nach den Gesetzen des Kalten Krieges, zu boykottieren, so wie man es mit der sowjetischen Olympiade in Moskau 1980 getan hat.

Wir können uns ärgern, wir können uns aufregen und wir können dem guten alten Onkel Reagan und der guten alten Tante Thatcher hinterhertrauern – über einen wirklichen Hebel zur Beeinflussung der westlichen Politik verfügen wir Ukrainer nicht.

Unser Nachbar im Norden hingegen verfügt über genau diese Hebel. Wie wir Ukrainer, so denken auch die Russen in den Kategorien des „Zweiten Kalten Krieges“. So wie wir, möchten auch sie die Geschichte noch einmal durchspielen. So wie wir, betrachten auch sie ihr Land als wieder zum Leben erweckte UdSSR und möchten den ganzen Planeten von ihrer Macht überzeugen.

Trotz der Bomben in Syrien, der Einmischung in die amerikanischen Wahlen, trotz des Falls Skripal – die Illusion einer möglichen Umerziehung Russland hat der Westen noch immer nicht gänzlich aufgegeben. Sollte Moskau allerdings weiterhin in diesem Geist agieren, dann wird auch dem Westen kein anderer Ausweg bleiben, als den Neuen Kalten Krieg anzuerkennen.

Die Ukrainer können den russischen Revanchisten im Grunde nur wünschen, noch mehr Eifer an den Tag zu legen. In dieser paradoxen Situation erweist sich unser Gegner dann als situativer Verbündeter.

Kiew hat in der Tat die Chance, für die zivilisierte Welt ein neues West-Berlin zu werden. Doch dafür muss die Russische Föderation zunächst ihren geliebten Traum verwirklichen und vor den Augen der Welt zur neuen Sowjetunion werden.

24. Juni 2018 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Patrick Will — Wörter: 1373

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Leserkommentare

«Ich finde den Kommentar des Übersetzers nicht ganz glücklich, da er dazu einlädt, Dinge zu "vereinfachen". Ob die Antwort...»

«Würden sich die Menschen der Ukraine doch auf die Machnobewegung besinnen, die ganze Welt könnte Hoffnung schöpfen. Der...»

«WAS soll denn an dem was der Autor geschrieben hat unfassbar sein? Ich lese da keinen Widerspruch. Wenn du eine solche Phrase...»

«Danke für Ihre Darstellung der Hintergründe der Vertriebenen Gesetze und für die Einordnung der Russlanddeutschen. Es...»

«Schloss Pidhirzi ... DAS Märchenschloss .... so wie ich es mir als Kind immer vorgestellt habe. Verwunschen .... Dornröschen...»

«es war keine gute geste sondern der "vertriebenen gesetz" ermöglichte den russlanddeutschen nach deutschland zu kommen..zum...»

«Weiß nichts über die anderen westlichen Reproduktionskliniken, aber meine Ehefrau und ich haben eine Erfahrung in dem Kinderwunschzentrum...»

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