FacebookTwitterTelegramVKontakteMail

Tituschki

0 Kommentare

Es gibt viele Phänomene im ukrainischen Alltag, die man einem Ausländer nur schwer erklären kann. Eine Bekannte hat mir eine Geschichte über ihren französischen Gast erzählt, der über viele Sachverhalte verwundert war und diese erläutert haben wollte. Das war oft nicht einfach oder gar unmöglich, so hat sich meine Bekannte für alle Fälle einen Standardspruch ausgedacht: „Das ist unsere Tradition“. Nachdem der Franzose zum dritten Mal so eine Antwort bekommen hatte, meinte er mit einem verdüsterten Gesicht: „Wissen Sie, Ihre Traditionen sind einfacher Korruption sehr ähnlich“

Seit einigen Tagen überlege ich, wie ich Ausländern erklären soll, wer genau „Tituschki“ sind. Manchmal wird in unseren Zeitungen folgender Ausdruck verwendet: „sportlich aussehende junge Männer“; diese Bezeichnung hält keiner Kritik stand – nicht alle Sportler sind „Tituschki“ und nicht alle „Tituschki“ sind Sportler. Naja, und die Geschichte von einem Jungen namens Wadym Tituschko aus dem Ort Bila Zerkwa, der durch die Verprügelung von Journalisten bei einer Demonstration im Mai 2013 „berühmt“ geworden ist, wird man den Europäern oder den Amerikanern doch nicht erzählen. Eigentlich hat es „Tituschki“ auch schon früher gegeben, selbst bevor dieser Ausdruck entstanden ist. Ich kann mich noch gut an das Jahr 2004 in Mukatschewe erinnern (damals war der besagte Wadym Tituschko noch in der Schule), als die örtliche Wahlkommission von einer großen Gruppe sportlich gekleideter jungen Männer umzingelt wurde, um das Resultat der Präsidentenwahlen zu beeinflussen. Die Journalisten hatten Angst vor ihnen, der Oberst der Miliz schüttelte ihnen dagegen die Hände. Schon damals wollten sie uns verprügeln – die Menschen in der Uniform gemeinsam mit den „Adidas“ tragenden Jungs, was ihnen damals nicht gelang.

Und jetzt ist es wieder soweit. Hunderte, Tausende von sportlich gekleideten, finsteren jungen Männern tauchen auf den Straßen unserer Städte auf. Meistens in der Nacht – ihre Zeit ist die der Horrorfilme „From dusk till dawn“. Die Nacht auf den 21. Januar war unruhig – wobei es derzeit in Kyjiw (Kiew) keine ruhigen Nächte gibt. Diejenigen, die nicht am Majdan standen, konnten im Minutentakt im Netz die Informationen über die Aufstellungen dieser „Tituschki“, die bald in Zentrum, bald außerhalb Autos mit ukrainischen Symbolen zerschlagen, verfolgen. Die Miliz hat natürlich nicht einmal auf die Anzeigen der Betroffenen reagiert.

Ich als Journalist bin es nicht gewohnt, unverifizierte Information zu publizieren. Alle wissen davon, alle verstehen diese Zusammenhänge zwischen den Kriminellen und den sogenannten Rechtsverteidigern, aber es gibt keine Beweise dafür. Aber nach dem Video aus Dnipropetrowsk, wo man eindeutig sieht, wie gerade die Miliz den „Tituschki“ den Befehl erteilt, auf friedliche Demonstranten mit Schlagstöcken loszugehen, gibt es keine Zweifel mehr.

Also, am 21. Januar agierten diese „Tituschki“ in Kyjiw. Ein Paar Kilometer von meinem Zuhause, im Stadtteil Podil (Podol), waren es einige Hundert. Ich rutschte nervös vorm Computer hin und her, während ich auf einen Freund wartete, um gemeinsam mit ihm zum Majdan zu fahren. Und dann, plötzlich, ging es los. Gewöhnliche Einwohner von Kyjiw begannen, sich zu zehnt, zu hundert in ihren Autos zusammenzuschließen, um sich gegen die Banditen zu verteidigen. Irgendwer hat das witzigerweise als „Tituschki“-Safari bezeichnet. Man begann, sie zu umzingeln und zu fangen – wie die Fische im Netz. Manche schafften es, zu flüchten. Mein Kumpel und ich sahen eine solche Gruppe im Stadtteil Podil – sie schauten ziemlich erschrocken aus der Tür eines illegalen Spielelokals heraus. Aus der Nähe habe ich sie erst später einmal gesehen – da standen sie – wie schlechte Schauspieler – auf der Bühne des Majdans murmelten eine Entschuldigung. Ich schaute sie an und traute meinen Augen nicht. Die schrecklichen „Tituschki“, mit denen die lokale Presse der Bevölkerung Angst gemacht hatte, waren gar nicht so beängstigend. Ja, sie hatten irgendwelche Hämmer oder andere Waffen, und als Horde hatten sie wirklich beängstigend gewirkt. Aber einzeln wirkten sie…. hm, wie soll ich das beschreiben – irgendwie erbärmlich. Die Hälfte – offenbar noch nicht einmal 20 Jahre alt (auf den ersten Blick wirkten sie wie Ausreißer aus dem Kinderheim). Die Restlichen – klein gewachsen, hinkend, mit Beeinträchtigungen am Gesicht….

Ein Paar Stunden war ich schockiert und konnte mir keinen Reim darauf machen — bis mir klar wurde, dass es sich bei denen um lauter Kleinkriminelle handelte. Gewöhnliche Klientel der ukrainischen Miliz, die bei einem Diebstahl oder bei einer kleinen Schlägerei erwischt oder einfach ohne Grund aufgegriffen und festgesetzt worden war. Man hatte sie aus ihren Gefängniszellen direkt auf die Straßen losgelassen. Um die Menschen einzuschüchtern, wurden sie in großen Gruppen zusammengetan. Nur hatte sich aus irgendeinem Grund ganz einfach niemand von ihnen einschüchtern lassen…

Während ich überlegte, wie ich den Europäern den Begriff „Tituschki“ erklären solle, hatten diese es schon selber verstanden. Inzwischen ist der ukrainische Ausdruck „Tituschki“ zu einem juristischen Terminus der EU geworden. In der Resolution des europäischen Parlaments werden bezüglich der Ukraine „Tituschki“ erwähnt – als Kleinkriminelle, die von der Regierung kontrolliert werden.

10. Februar 2014 // Oleh Kryschtopa, Schriftsteller und Reporter

Quelle: Facebook-Eintrag

Übersetzung: Julia Korsch

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Telegram, Twitter, VK, Facebook, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.3/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Wie war das erste Jahr unter Präsident Wolodymyr Selenskyj für die Ukraine?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)17 °C  Ushhorod15 °C  
Lwiw (Lemberg)15 °C  Iwano-Frankiwsk16 °C  
Rachiw16 °C  Jassinja15 °C  
Ternopil19 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)17 °C  
Luzk17 °C  Riwne17 °C  
Chmelnyzkyj16 °C  Winnyzja17 °C  
Schytomyr16 °C  Tschernihiw (Tschernigow)17 °C  
Tscherkassy20 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)20 °C  
Poltawa19 °C  Sumy17 °C  
Odessa24 °C  Mykolajiw (Nikolajew)23 °C  
Cherson24 °C  Charkiw (Charkow)22 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)21 °C  Saporischschja (Saporoschje)22 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)23 °C  Donezk26 °C  
Luhansk (Lugansk)21 °C  Simferopol23 °C  
Sewastopol26 °C  Jalta26 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Wer Glück hat wohnt dann noch in Bayern wo der Test nix kostet (Aussage Gesundheitsamt).“

„Korrektur: Russisch wird im Westen sogar manchmal verpönt.“

„Der Donbass ist sowohl Russland als auch die Ukraine. Fast genau halbe halbe. Auf gut deutsch hält die Region den Westen der Ukraine am kacken. Sorry, aber so reden wir im Ruhrpott. Ich bin seit 13 Jahren...“

„Ich sehe allerdings zum 1. Mal dass er auf sein Geschäft verweist. Meist beantwortet er wenn man es so nennen will uneigennützig einfach die Fragen hier im Forum“

„Spezialisierte Juristische Dienstleister bieten sowas an. Das geht dann wesentlich schneller. Ach, wie nett, der Herr Ahrens wittert ein Geschäft und schon ist er zur Stelle - natürlich völlig "uneigennützig"!“

„Na ja, wer auf solche Flyer. angehoften mit Reißzwecken an irgendwelche Wände, hereinfällt, dem ist nicht mehr zu helfen. Auch verstehe ich nicht, wie man eine KREDITVERSICHERUNG abschließen kann oder...“

„Theoretisch war es doch so dass die Reisekrankenversicherung doch eigentlich schon immer kontrolliert wurde. Nö, bei mir wurde die noch nie kontrolliert, außer bei Beantragung eines RUS-Visums, da muß...“

„Ich finde das Unfug.Das eine hat doch theoretisch mit dem anderen nicht direkt was zu tun. Wahrscheinlich soll dann wohl neben der russischen Krym auch die "Volksrepubliken" anerkannt werden... Ich gebe...“

„Sollte ich die Gelegenheit haben, es online anschauen zu können, bin ich mal gespannt, was die Sendung bietet, vor allem aber, in welche Richtung die polit. Propaganda der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten...“

„"drittstaatsangehörige Familienangehörige, die zum Familiennachzug oder zu Besuchsreisen aus dringenden familiären Gründen einreisen" Das wäre eine Option und ob eine Verlobung ausreicht, habe ich...“

„Hat jemand Informationen (Quelle), ob eine Einreise aus der Ukraine für Ukrainerin zur Verlobung möglich ist ? Eigentlich wollten wir das auf Grund des Alters meiner Mutter in Deutschland tun. Familienfeier...“

„Natürlich macht es doch mehr Sinn, die 60 € für den Test abzudrücken. Derzeitig sollte man ohnehin einen finanziellen Puffer für solche Eventualitäten dazuplanen. Egal ob nun in die Ukraine oder...“

„Handrij: Danke für Info. Nun bin ich ja mal gespannt, wann "mein" Grenzübergang ( Uhryniw/Dołhobyczów ) wieder öffnet ...“

„Also ersten erzählt mir meine Schwiegermutter keinen Mist, und zweitens wäre dann ja auch das Paket nicht angekommen und drittens kannst du davon ausgehen, dass ich weiß was ich schreibe und immer sehr...“

„P.S. Ein normaler Brief, also kein EINSCHREIBEN lieber Handij, ist niemals nachverfolgbar“

„Kann ich nur bestätigen. Ich habe letztmalig in der Vorweihnachtszeit ein Päckchen nach Odessa auf den Weg gebracht. Päckchen haben ja keine Sendungsverfolgung und WEG, verschwunden. So wie auch alle...“

„"EU-Staatsangehörige können im Flughafentransit ohne zusätzliche Verpflichtung (d.h. ohne Verbalnote oder Kontaktierung einer regionalen Hygienestation) im Transit durch Tschechien durchreisen, unabhängig...“

„Mal eine Frage bucht man Flug mit Czech Airlines Kiew-Prag-Frankfurt. Ist Transit möglich in Prag als Deutscher? Die Passkontrolle vom Schengenraum wäre ja theoretisch dann in Prag oder? In Frankfurt...“

„Naja um 1 Uhr nachts werden wohl die Simkartenanbieter am Flughafen alle schlafen.“

„Uber fand ich angenehmer als andere, da Uberfahrer nicht dauernd anrufen und schien immer einen Tick günstiger. Kreditkarte oder Bar ist beides kein Problem. Ich empfehle außerdem eine SIM-Karte am Flughafen...“

„Verlangen die Grenzbeamten in der Ukraine ein Rückflugticket, da ich kurzfristig ein Rückflugticket in der Ukraine buchen will nach Deutschland?“

„Wie sind da die Taxis drauf haben die Festpreis? Oder bescheißen die zu krass kein bock um 1 Uhr Nachts ewig zu verhandeln.“

„Wie komme ich am billigsten von Kiew-Schuljany Airport in die Innenstadt? Problem ist lande erst um 1 Uhr morgens?“

„Bekannter ist heute früh mit dem Auto die 1200 km gefahren und jetzt schon am Zielort. Hätte ich so schnell nicht gedacht. Korczowa/Krakowez ging schnell und ohne Probleme.“

„Die "Drittländer" werden ja alle 14 Tage neu bewertet. Je nachdem wann Du zurückkehrst, könntest Du den Test ja auch erst 1 - 2 Tage vorher kaufen, wenn feststeht, daß UKR Risikogebiet bleibt. Hi,...“

„@Axel3: Ergibt Sinn was du sagst. Hat keiner Erfahrung wo man in Kiew einen PCR Test innerhalb von ungefähr 24 Stunden machen kann? Das gibt's doch nicht das da sowas nicht gibt.“

„Danke Handrij, eine gute und wichtige Information wenn es um sicheres versenden geht.“

„In 3 Tagen kann man auch online schauen Auf Phönix wird es am 11./12.7. auch noch gesendet. ...“

„Die Sendezeiten sind bezeichnend für die Einschätzung der Medien hier. Das Thema ist so wichtig, dass man sich den Bericht nicht entgehen lassen sollte. Danke für den Hinweis!“

„Übrigens hat man auf der Karte in der Ansicht "Deutschland" die Ukraine aufgeschlüsselt nach Oblast. Man muss die nur rüber schieben.“

„Natürlich haben die geschlossen wenn ich lande. Mist! Die "Drittländer" werden ja alle 14 Tage neu bewertet. Je nachdem wann Du zurückkehrst, könntest Du den Test ja auch erst 1 - 2 Tage vorher kaufen,...“

„Moin, zusammen: Der Deutschlandfunk hätte ruhig eine Tabelle mit Neuinfektionen / Zeit rausrücken können, geschlüsselt nach "Gesamtgebiete" und die im Bericht besonders erwähnten "umkämpften Ostgebiete"....“