google+FacebookVKontakteTwitterMail

Zum Thema Juden und Nationalismus

Ich werde oft gefragt, wie es dazu gekommen ist, dass ich mich mit Nazis eingelassen habe. Und ich komme einmal auf die Hruschewsky-Straße, wo – wie man alle aus „verlässlichen Quellen“ weiß – sich diese hauptsächlich gruppieren, reiche einem Burschen mit verrußtem Gesicht einen Becher heißen Tee und bekomme als Antwort: „Danke, schöne Frau. Wo bist du her?“ „Ich bin Jüdin“, sage ich, „von hier“.

Das sage ich absichtlich. Ich falle auf das zynische Spiel der bösen Kräfte ein, suche nach einer Selbstbestätigung, überprüfe, beobachte und dann schäme mich dafür.

„Ist dir nicht kalt?“ höre ich gleich, als stände nicht er schon seit zwei Stunden in der Kälte. Als ob wir nicht gerade über Nationalitäten gesprochen hätten. „Setz‘ dich näher zum Feuer!“

Der Platz ist voll von solchen Jungs und Mädchen, Männer und Frauen. Und Tjahnybok (Anm. – einer der Oppositionsführer), der einmal was über die Juden gebrüllt hat, ist weder ein Gewährsmann noch ein Anführer mehr, einfach abgedientes Material. Fackelzüge zum ungünstigen Zeitpunkt, Demolierung der Denkmäler, irgendwelche Idioten, die sich aufs Hotel Premier Palace stürzen – all diese sinnfreien Aktionen sind auf seinem Mist gewachsen, aber sobald es um reale Kampfhandlungen ging, hat er sich gleich in die Hose gemacht. Meiner Meinung nach, hat gerade seine Partei Swoboda (Freiheit) alles daran gesetzt, das Image des Maidans mit Nazis, Radikalen, Extremisten zu besetzen. Gerade die Spitzenkandidaten dieser Partei haben Angst bekommen, als der Kampf ernst wurde. Möglicherweise gibt es in dieser Partei auch gute Leute. Aber ihren Parteichef und seine Einnahmequellen finde ich überflüssig.

Aber zurück zum Platz und zur Realität. Was ich schon lange sagen wollte: Es ist äußerst wichtig, daran zu denken, wer man ist, wo man geboren ist. Wohin die Wurzeln führen. Es ist wichtig, stolz darauf zu sein, dass man aus Kyjiw (Kiew), Donezk, Odessa ist. Diejenigen, die stolz auf ihre Heimatstadt sind, nerven mich nicht. Im Gegenteil, darin gibt es eine gewisse Integrität. Diese Menschen akzeptieren sich, fühlen sich mit der Geschichte verbunden. Sie sind normal. Ein ganz anderes Thema ist der Blick auf die Anderen. Die Nationalität und der Wohnort eines Anderen hat keine Rolle zu spielen. Umso weniger für diejenigen, die über den Fortschritt und Integration in die europäischen Werte reden.

Ich spreche lauter Banalitäten aus. Naive Dinge. Aber ich wiederhole: das sind zwei ganz unterschiedliche Perspektiven, ob man auf sich selbst oder auf einen Anderen blickt. Wollen wir uns das bitte merken! Die physischen Grenzen sind in diesem Land schon gestaltet. Die mentalen sollte man schon längst zerstören. Und neue Grenzen brauchen wir sicher nicht.

03. Februar 2014 // Miriam Dragina, Literaturwissenschaftlerin auf ihrer Facebook-Seite

Übersetzerin: Julia Korsch

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Artikel bewerten:

Rating: 6.0/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Kommentar schreiben

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Was war der fingierte Mord am russischen Journalisten Arkadij Babtschenko?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen

Karikaturen

Andrij Makarenko: Medwedtschuk

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)19 °C  Ushhorod19 °C  
Lwiw (Lemberg)17 °C  Iwano-Frankiwsk16 °C  
Rachiw15 °C  Jassinja14 °C  
Ternopil16 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)16 °C  
Luzk17 °C  Riwne18 °C  
Chmelnyzkyj16 °C  Winnyzja16 °C  
Schytomyr18 °C  Tschernihiw (Tschernigow)18 °C  
Tscherkassy16 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)17 °C  
Poltawa18 °C  Sumy15 °C  
Odessa22 °C  Mykolajiw (Nikolajew)20 °C  
Cherson21 °C  Charkiw (Charkow)17 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)20 °C  Saporischschja (Saporoschje)17 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)17 °C  Donezk17 °C  
Luhansk (Lugansk)14 °C  Simferopol16 °C  
Sewastopol20 °C  Jalta23 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Leserkommentare

«WAS soll denn an dem was der Autor geschrieben hat unfassbar sein? Ich lese da keinen Widerspruch. Wenn du eine solche Phrase...»

«Danke für Ihre Darstellung der Hintergründe der Vertriebenen Gesetze und für die Einordnung der Russlanddeutschen. Es...»

«Schloss Pidhirzi ... DAS Märchenschloss .... so wie ich es mir als Kind immer vorgestellt habe. Verwunschen .... Dornröschen...»

«es war keine gute geste sondern der "vertriebenen gesetz" ermöglichte den russlanddeutschen nach deutschland zu kommen..zum...»

«Weiß nichts über die anderen westlichen Reproduktionskliniken, aber meine Ehefrau und ich haben eine Erfahrung in dem Kinderwunschzentrum...»

«Putin katapultiert sich alleine mit seiner Außenpolitik ins Abseits. Solange das so ist braucht man über ander unwichtige...»

«"Nach dieser Philosophie wird das Schicksal eines Menschen im Moment seiner Geburt festgelegt. Wirst du als Junge geboren,...»

KOLLEGGA mit 150 Kommentaren

Alex Alexandrewitsch mit 60 Kommentaren

Christos Papaioannou mit 29 Kommentaren

Wolfgang Krause mit 28 Kommentaren

Torsten Lange mit 24 Kommentaren

franzmaurer mit 18 Kommentaren

Mario Thuer mit 17 Kommentaren

Poposhenko mit 17 Kommentaren

Anatole mit 17 Kommentaren

Jusstice For All mit 17 Kommentaren