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ELB-MAIDAN: Antiwestliche Komparatistik aus der Volxküche

Telepolis: Hamburg und der Maidan in Kiew
Es wurde eigentlich schon aller Schwachsinn über die Krawalle von Hamburg gesagt – aber noch nicht von jedem.

Nun kommt also ein gewisser Florian Rötzer mit der rechten linken Gesinnung und behauptet mit Krokodilstränchen im Knopfloch, der einzige Unterschied zwischen dem Schanzenviertel und dem Kiewer Majdan sei der, dass die vermummten Majdan-Gewalttäter von westlichen Regierungen unterstützt worden seien, während die Gewalttäter in Hamburg mit ihrem Protest auf sich gestellt seien – „auch die russische Regierung“ unterstütze sie nicht.

Unheiliger Sankt Florian, schütze unser besetztes Haus, zünd andre dafür an. Ich will mich gar nicht lange mit den eklatanten Unsinnigkeiten dieser Gleichsetzung aufhalten; es genügt, darauf zu verweisen, dass die mit Bauarbeiter- und Motorradhelmen, Holzschilden und Latten Bewaffneten auf dem Majdan sich diese Montur zulegten, NACHDEM Dutzende Regierungsgegner durch Polizei-Prügel schwerstverletzt, in Wälder bei Kiew verschleppt, nackt ausgezogen und gefoltert wurden, oder aus Krankenhäusern abgeholt wurden, um sie in Polizeirevieren derselben Behandlung zuzuführen.

Es genügt, auf die Nuance hinzuweisen, dass die westlichen Regierungen auch damals jede Gewaltanwendung verurteilten und hohe Politiker zur Vermittlung nach Kiew entsandten, aber außerstande waren, die bereits entfesselte Dynamik zu stoppen.

Es genügt, daran zu erinnern, dass auf unbewaffnete Demonstranten scharf geschossen wurde. Unter ihnen waren einige Dutzend ukrainische Benno Ohnesorgs, die ihren Uni-Schreibtisch, ihre Arztpraxis, ihr Ingenieursbüro, ihre Hörsaalbank aus Protest gegen eine Prügelperser-Kleptokratie verlassen hatten, welche dabei war, das ukrainische Staatsvermögen auf offshore-Konten zu privatisieren.

Vielleicht sollte man auch daran erinnern, dass die Kiewer Revoluzzer keine Supermärkte, Sparkassen und Drogerien plünderten, sondern dass Kiewer Omas ihr Sparkonto plünderten, um in den Supermärkten und Drogerien Lebensmittel und Hygieneartikel zu kaufen und diese an die Demonstranten zu verteilen. Na, fällt der Groschen?

Aber gerne können wir natürlich auch, wenn schon von Regierungssympathien für gewalttätige Protestbewegungen die Rede ist, auf die Rolle der „russischen Regierung“ zu sprechen kommen. In diesem Falle sollte unser Florian seinen feind-fixierten Blick von der Roten Flora einmal nicht nach Kiew, sondern in den Donbass schweifen lassen.

Dort hat nämlich die „russische Regierung“ vorexerziert, wie man es richtig macht, und hat sozusagen die Schwarzblock-Lehre von Hamburg antizipiert. Diese Lehre besteht aus zwei Aussagen und funktioniert folgendermaßen:

  1. Eine zu allem entschlossene kleine Minderheit von 1000-2000 Gewalttätern kann das zivilisierte Gemeinwesen eines urbanen Raums binnen Stunden in einen rauchenden Aschehaufen verwandeln. Die Voraussetzung dafür ist, dass die ansässige Bevölkerung diesem Treiben keinen Widerstand entgegensetzt, sei es aus begründeter Angst, sei es aus Opportunismus; ferner, dass die Polizei, aus welchen Gründen auch immer, die ihr zur Verfügung stehenden Machtmittel nicht ausschöpft.
  2. Wenn dieser zu allem entschlossene Haufen von Gewalttätern außerdem von einem Außenakteur mit Kriegswaffen ausgestattet wird, kann er die Staatsgewalt stürzen und sein Terrorregime zum Alltag machen.

Und genau dies ist im Donbass geschehen: Die russische Regierung hat die Gewalt in die Städte am Ostrand der Ukraine injiziert, indem sie einheimische, gewaltsam protestierende Gruppen unterstützte und mit Kriegsgerät versorgte. Mehr noch: sie hat aus dem eigenen Land in Gestalt von Söldnern und regulären Truppen Verstärkung geschickt.

Sogar einen schwarzen Block gab es: nur heißt so was in Russland und der Ukraine černosotency, „Schwarzhunderter“. Gemeint sind jene Rechtsextremisten aus vor-1917-Tradition, welche ihre Pogromgewalt mit Ikonen, Zarenbannern, Fantasieuniformen und antisemitischen Parolen gegen die „Judenregierung“ in Kiew garnieren. Nebenbei auch mit Folterzentren in den Kellern von Fabriken, in Kasernen, Turnhallen und Universitäten. Wie aus dem Lehrbuch der Pinochets und Videlas – oder sollen wir sagen, der Dzeržinskijs und Berijas?

Was deutsche Linke, auch im Parlament vertretene, nicht daran hindert, die „Volksrepubliken“ am Ostrand der Ukraine, die mit Volk und Republik genauso wenig gemein haben wie die Hamburger autonomen Volxküchen mit Volk oder Küche, als antifaschistisches (weil antiwestliches) Projekt zu euphemisieren, teilweise sogar zu hofieren. Einer der wenigen Punkte übrigens, wo sich unsere Linken mit der AfD einmal einig sind. Kommt ein Krim-Urlaub dabei heraus, ist man in der Lage, auch mal ein Auge zuzudrücken.

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Und hier schließt sich auch der Kreis zu unserem Möchtegern-Komparatisten Rötzer. Ein Gewaltakteur und -entrepreneur, der gegen die Westernisierung kämpft, kann allemal auf klammheimliche Freude – und Freunde – im linken Salon rechnen. Ob Elbe, ob Dnjepr.

8. Juli 2017 // Anna Veronika Wendland

Quelle: Facebook

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