FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Verraten und verkauft

0 Kommentare

Das Interessanteste am Bloggen ist nicht der Blog selbst, sondern die Diskussionen, die er auslöst. Heute hatte ich wieder ein solches Erlebnis. Was mich immer wieder wundert, ist die Tatsache, dass einige Leute unter meinen Lesern immer mit der „Korruption in der Ukraine“ ankommen, wenn es in einem Beitrag um die russische Militärintervention in der Ukraine geht. Diese Leute verlinken gern auf RT-Beiträge. Auch RT, das angeblich ja über Russland informiert, bringt sehr gerne und häufig Berichte über die „Korruption in der Ukraine“.

Damit wir uns nicht missverstehen: dieser Beitrag hat nicht zum Ziel, die Tatsachenhaftigkeit von Korruption in der Ukraine zu verneinen. Vielmehr geht es hier über die Funktion des Topos „Korruption in der Ukraine“. Dieser ergibt nämlich in seinem oben beschriebenen spezifischen Kontext eigentlich nur Sinn, wenn man damit etwas anderes erklären will.

Wenn man damit sagen will, die Ukraine habe es nicht anders verdient, oder wenn man darauf hinaus will, die von ukrainischen Stellen erbrachte Evidenz über die russische Militärintervention in der Ukraine zu delegitimieren. So, wie es eine meiner Leserinnen mit Blick auf die MH17-Ermittlungen tut: das ganze Land sei korrupt, sein gesamter Geheimdienst natürlich auch, also könne von dort ja keine wahre Aussage kommen.

Dieselben Leute, die so gerne von der „Korruption in der Ukraine“ reden, finden gleichzeitig viele kluge und weniger kluge Erklärungen für das Handeln der russischen Regierung in der Ukraine. Mal ist es das Bedrohungsgefühl, das die Russen angesichts der NATO-Expansion plage (obwohl der Ukraine der Eintritt in die NATO aus Rücksicht auf Russland verweigert wurde und wird), mal die kulturelle Nähe zwischen Ukrainern und Russen (schlägt man wegen kultureller Nähe seinem Nachbarn den Schädel ein? Oder schlägt man ihm den Schädel ein, um ihn sich – oder sich ihm – kulturell wieder etwas näher zu bringen?), mal die angeblich gefährdeten Menschenrechte der russisch sprechenden Ukrainer (die aber zu größten Teilen dankend darauf verzichten, sich von Putin befreien zu lassen).

Die „Korruption in Russland“ gehört nicht zu dieser Aufzählung möglicher, verständlicher Motive der fortgesetzten militärischen Intervention in der Ukraine. Wohl aber die „Korruption in der Ukraine“.

Diese Wahrnehmung der Verhältnisse zwischen Russland und der Ukraine ist eine nähere Betrachtung wert. Ginge es nämlich um den Grad der Korruption, dann wäre Russland ein ganz heißer Kandidat für eine, sagen wir, fiskal-ethische Militärintervention.

Denn im System Putin sind Korruption, Notwendigkeit des Machterhalts nach innen durch Feinderklärung nach außen sowie Ukraine-Krieg nicht auseinanderzudividieren. Wer nichts an sein Volk zu verteilen hat, weil er alles selber braucht, muss sein Volk auf andere hetzen. Dieser Krieg ist auf dem lebenden Kadaver russischer Korruption gewachsen.

In Russland sind Kriegs- und Sportereignis-Gewinnler, Donbass-Waffenlieferanten, Geheimdienste, Armee, Organisierte Kriminalität, tschetschenische Islamisten, Oligarchenfamilien, Rohstoffkonzerne bis zur Unkenntlichkeit miteinander verfilzt und verquickt. Und alle miteinander sind auf den Präsidenten ausgerichtet. Putin ist sozusagen der Korruptions-Hub des modernen Russland. Über seine Person läuft der Austausch, die Aushandlung der Interessen, die Disziplinierung der Abweichler. Er ist Richter, Henker und Schiedsrichter. Allerdings ein Schiedsrichter, der nach jedem Spiel, das er pfeift, die Siegerprämie selber einsteckt. Das wiederum qualifiziert Russland auf das Vortrefflichste zum Gastgeber der FIFA-WM.

Zu diesem Spiel gehört der Ex-Tschekist so selbstverständlich wie der zum Bauunternehmer emporgekommene Judo-Trainer oder der tschetschenische Teilfürst mit schwerkriminellem Hintergrund. Erst baut man Olympiastadien, dann marschiert man beim Nachbarn ein, dann baut man Brücken, um die Eroberung an sich zu binden. Dann baut man Fußballstadien. Demnächst ist vielleicht wieder mal ein kleiner Krieg dran: nach der WM? Alle sind auf unterschiedlichste Weise am Verbrechen beteiligt, und da alle zusammen hängen würden, wenn einer ausschert, schweigen alle eisern.

Und an den Tentakel-Enden der russischen Korruption grüßen deutsche Figuren, die respektabel tun: ehemalige Stasi-Offiziere im Dienste von Siemens, Benz und Nordstream. Ein seniler Altkanzler mit Kreml-Apanage. Und eine amtierende Kanzlerin, die das Business der letztgenannten in ihrer unnachahmlichen Mischung aus Starrsinn und Prinzipienlosigkeit für eine „rein privatwirtschaftliche Angelegenheit“ hält.

Der Unterschied zwischen dieser ehrenwerten Gesellschaft und der „ Korruption in der Ukraine“ ist: Erstens, das immense Ausmaß der Korruption. Zweitens, die immense kommunikative Energie, die in die Umdefinierung der Korruption zum segensreichen, Stabilität stiftenden Staatszweck gesteckt wird. Drittens, die totale Aushöhlung des Staates durch die Korruption, sodass der Staat die Mafia ist und die Mafia der Staat. Viertens und vor allem: Die hilflos-resignative Akzeptanz, die der staatgewordenen Korruption von seiten der russischen Bürger entgegengebracht wird. Der einfache Russe akzeptiert die Korruption, so wie er auch die Gravitation anerkennt. Schwerelosigkeit? Möglich. Im Kosmos. Eindämmung der Korruption? Auch möglich. Im Kosmos, aber nicht in Russland.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Wer Korruption für abstellbar, für bekämpfbar ansieht, wird von den meisten Russen für verrückt erklärt. Einige dieser Verrückten werden für ihre Verrücktheit daher auch gerne auf offener Straße verprügelt, mal von der Polizei, mal von irregulären Schlägertrupps, die sich in übergriffiger Berufung auf die russische Geschichte als „Kosaken“ bezeichnen, aber in Wirklichkeit den Rollkommandos des russischen Rackets entstammen. Invented traditions, hätte Hobsbawm gesagt.

Was ist dagegen die „Korruption in der Ukraine“? Wie so vieles in der postsowjetischen Ukraine, ein provinzieller und – in diesem Falle zum Glück für die Ukraine – missglückter und ineffizienter Abklatsch russischer Vorbilder. Ach, er hätte es so gern so geordnet wie Vova, unser Petryk. Doch in der Ukraine ist die Korruption multipolar, sie kennt keinen starken Mann, sie entspringt erkennbar dem Privatinteresse widerstreitender Gruppen, die keinen Herrn anerkennen wollen.

Der Präsident würde gern ein russisches System draus machen, aber man lässt ihn nicht. Weder sind die Bürger der Ukraine bereit, Korruption wie ein Naturgesetz hinzunehmen – weswegen die Russen sie für verrückt und verleitet halten – noch können die Korruptionäre in der Regierung so, wie sie gerne wollten. Es wird internationaler Druck auf Kiew ausgeübt. Ohne Maßnahmen – keine Kredite. Es ist bitter für die Ukraine, aber man kann es auch andersherum sehen: die Ukraine krankt nicht am Fluch des Rohstoffreichtums. Der ukrainische Präsident kann sich nicht durch Gasverkäufe retten. Doch das ist auch der Schlüssel zum Wandel in der Ukraine. Nun soll ein unabhängiges, am besten international besetztes Gericht für Korruptionsstraftaten zuständig werden. Die Dinge sind langsam in der Ukraine. Es gibt erbitterten Widerstand, der sich patriotisch geriert. Aber die Dinge sind in Bewegung.

Und genau deswegen ist die ukrainische Korruption in aller Munde. Weil man sie für beendbar hält. Über der russischen Korruption hingegen liegt die Omertà. Von ihr schweigt man, weil man weiß: diese Lage ändert sich schlimmstenfalls nie, und bestenfalls, nachdem Putin mit den Füßen nach vorn aus dem Kreml getragen wird: also so gut wie nie.

Doch wer sich in Deutschland auf diese Omertà einschwören lässt, um umso lauter die heutige „Korruption in der Ukraine“ zu geißeln, während ihm der historische Ausläufer der russischen Korruption in der Ukraine, das weiland System Janukovyč, herzlich egal war, der muss sich von Russen und Ukrainern, die es besser wissen, fragen lassen, ob er den Schuss nicht gehört hat.

25. Mai 2018 // Anna Veronika Wendland

Quelle: Facebook

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 4.8/7 (bei 9 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)-7 °C  Ushhorod1 °C  
Lwiw (Lemberg)-5 °C  Iwano-Frankiwsk-7 °C  
Rachiw-4 °C  Jassinja-4 °C  
Ternopil-7 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)-5 °C  
Luzk-5 °C  Riwne-3 °C  
Chmelnyzkyj-6 °C  Winnyzja-5 °C  
Schytomyr-8 °C  Tschernihiw (Tschernigow)-10 °C  
Tscherkassy-11 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-9 °C  
Poltawa-13 °C  Sumy-16 °C  
Odessa-1 °C  Mykolajiw (Nikolajew)-6 °C  
Cherson-4 °C  Charkiw (Charkow)-20 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-4 °C  Saporischschja (Saporoschje)-4 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-8 °C  Donezk-11 °C  
Luhansk (Lugansk)-16 °C  Simferopol-6 °C  
Sewastopol-6 °C  Jalta-3 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„..... Mir liegen von meinen Eltern unterzeichnete Generalvollmachten in deutscher Sprache vor. ..... Grundsätzlich wirst du mit Vollmachten in deutscher Sprache bei einem ukrainischen Konsulat nicht weit...“

„2016? Das Konsulat ist doch in Hamburg. Warum rufst dort nicht an?“

„Sehr geehrte Damen und Herren, meine Eltern sind ukrainische Staatsbürger und leben seit 2008 mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg. Im Juni 2016 läuft...“

„Hallo an ALLE, ich vermute meine Beteiligung hier entspricht nicht meinen Erwartungen und Hoffnungen. Mein Anliegen war in Erfahrung zu bringen,was ich beachten muss,wenn ich mit einer ukrainischen Frau...“

„Das sind Untermenschen, normale Menschen verhalten sich anders. Slava Ukraine Nachricht von Moderator Handrij volontaer45 wurde für diesen Beitrag verwarnt. Nazisprache ist hier unerwünscht! Un|ter|mensch,...“

„Hallo Lev, habe das im Internet gefunden, Probleme ist wohl die Grenzkontrolle ohne EU Pass, dann wird es eine Warterei von 2h..., Mein Browser hat mir das automatisch auf Deutsch übersetzt.“

„Hat eventuell jemand hier im Forum, Erfahrung mit der neuen Zugverbindung und dem Umstieg in Przemyel ?“

„Zuletzt war ich zweimal kurz hintereinander in Ustyluh/Zosin im Röntgenapparat (Polen), kostet halt jedes Mal auch noch ca. 15 - 20 Minuten..., das nervt. Nach Kiew würde ich ebenfalls die "nördliche"...“

„Kowel-Sarnyj-Korosten-Kiew, weil wesentlich weniger Verkehr als die A4-Route im Süden. Ach die Strecke kann man normal fahren? Da ist nur der Grenzübergang Dorohusk nicht möglich.“

„Das hat sich spätestens erledigt seitdem "die Russen" ein Teil der Russen von damals hinterhältig überfallen hat. Und ein Teil der Russen von damals über "den Russen" von heute genauso denkt. Heisst...“

„In diesem Zusammenhang würde mich ja Mal interessieren welche Rolle E-Autos in UA unter den derzeit herrschenden Bedingungen spielen ?“

„Gerade wir als Deutsche sollten uns jetzt hüten wieder in alte verhängnisvolle Denkmuster gegenüber "den Russen" zu verfallen !“

„Ja das könnte passen. Der stand da mitten im Wald auf der Strasse mit der Kalaschnikow um den Hals. Da waren es noch paar km bis zur Grenze. Hatte da nur den EU-Pass gezeigt, hat er mich durch gewunken....“

„Bin erst 2025 das erste Mal bei Uhryniv über die Grenze, der Blockposten ist Schätzungsweise 7 Kilometer von der Grenze weg. Ansonsten lässt sich noch vermuten ggf. Gibt da was in der Nähe, dass gerne...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn. Uhryniv .... Ist das nicht der wo Armeeposten...“

„"RESPEKT " ist vermutlich das "Fremdwort" schlechthin für einen Russen. Meine Erwartungshaltung wurde " leider " nicht enttäuscht, faschistisches Russenpack, ist bleibt was es ist, ein Haufen voller...“

„Wieso Respekt? Werden die Russenfaschisten mit Absicht gemacht haben - wie kann man auch die Feiertage wie im Westen nutzen ....“

„Ja, das ist interessant, eigentlich sollen ja mit unter, Männer vor der Annäherung zur Grenze abgehalten werden und natürlich dann die Flucht außer Landes. Du hast recht, im Sommer hatte ich in Astey...“

„War über die Feiertage in der Ukraine in Luzk bei der Familie, die Russen sind schon blöde Arschlöcher, Luzk als Stadt zählt meiner Ansicht nach auch eher noch zu den ruhigeren Plätzen im Kriegsgebiet,...“

„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn.“

„Grenzübergang Urgyniw - Dolgobytschuw Wollte in der Nacht von Samstag 3.1.26 auf Sonntag 4.1.26 am Grenzübergang Urgyniw um ca 2 Uhr ausreisen, daraus wurde aber nichts, da wir am "Blockposten" - Kontrollpunkt...“

„Was wohl die Russen davon halten, dass die Ukrainer beinahe schon nach belieben jede Raffinerie erfolgreich angreifen können, Putins Residenz aber so derartig gut gesichert ist, sodass sie angeblich 91...“

„Was wohl die Ausgebombten aus Dnipro oder die Bauern im Kursker Gebiet denken wenn sie erfahren würden daß sich ihre Kriegsherren selbst gegenseitig nur mit Samthandschuhen anfassen ?“

„Also bisher habe ich nichts davon gelesen dass es entsprechende Angriffe gab. Letztes Jahr gab es mal ein Ziel in der Nähe vom Präsidentenpalast. ... denke mal das läuft auf Gegenseitigkeit hinaus...“

„Mal ganz abgesehen davon daß dieses behauptete Ereignis vermutlich nur als Vorwand konstruiert wurde um sich vor ernsthaften Friedensverhandlungen drücken zu können: Putin scheint wohl ein schlechter...“

„Bin am 24.12.25 in Zosin/Ustyluh in die Ukraine eingereist, war das erste und einzige Auto, in ca. 45 Minuten durch gewesen. Ausreise nach Polen, ca. 10 PKW zu der Zeit.“

„Typisch Russenkasper welche vom korrupten Putin und der Machtelite um ihn herum verarscht werden. Zu mehr als zivile Ziele in Städten zu zerstören reicht es nicht.“

„Warum sollten die sich auch trollen?? Für mich ist es immer wieder eine Offenbarung, wenn man mal wieder feststellen kann, mit welch limitierten Fähigkeiten und Qualitäten jene Russlandfans unterwegs...“

„Hallo Hendrij, habe mal ne Frage zu der neuen Zugverbindung Leipzig - Krakau - Przemyel. Wir fahren ja seit vielen Jahren immer mit dem Wohnmobil und im Winter mit dem Bus nach Lwiw. Da wir unweit von...“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.