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Basisseminar Zeitgeschichte für Friedensgrüne

Heute: Dekolonisierung und Nationalismus

Vor kurzem stieß ich auf diese Statusmeldung von Robert Zion, der sich darüber empörte, dass grüne Parteifreunde wie Rebecca Harms, Marieluise Beck und Ralf Fücks die Freilassung der ukrainischen Pilotin Savčenko gefeiert hätten.

Zitat: „[Savčenko] hat soeben im ukrainischen Parlament eine Rede gehalten. Zunächst hat sie die Nationalfahne über das Rednerpult ausgebreitet, dann begann sie mit dem alten Schlachtruf der Bandera-Nationalisten („Slavia Ukraina!“), sagte, dass für die Nation das Leben aller geopfert werden müsse und endete mit dem Absingen der Nationalhymne.
Nichts an Russland, was man zurecht kritisieren muss und auch sollte, macht dies besser. Denn dieser Krieg ist dabei, die schlimmste Form zu erreichen, den ein Krieg überhaupt annehmen kann, ein Krieg, der sich nur noch selbst weiter hervorbringt, wo Tod nur noch mit Tod vergolten wird. Die Grünen waren einmal Gegner des Krieges.“

Ich habe Robert Zion bereits mit einem kleinen Kommentar geantwortet, aber dann ging mir auf, dass seine Einlassung eigentlich viel mehr bedeutet – sie ist ein Symptom für den nicht totzukriegenden Doppelstandard jener linken Grünen, die glauben, sich gegen den „Bellizismus“ positionieren zu müssen, und dabei ständig am falschen Faden ziehen, um das Knäuel aus Nationalismus und Krieg im Osteuropa zu entwirren. Offensichtlich fehlt ihnen aber auch das Handwerkszeug, das unsereins so seinen Studis beibringt: Quellenkritik, Kontextualisierung, Analyse. Das Land, über das man spricht, sollte man zumindest aus Büchern kennen, von seiner Geschichte sollte man schon mal etwas gehört haben, und die Sprache, aus der man zitiert, im Original lesen können.

Robert Zion kann ausweislich des Quatschs, den er da zitiert, weder das eine noch das andere noch das dritte oder vierte – muss er ja auch nicht, denn er ist ja kein Geschichtswissenschaftler. Gleichwohl glaubt er Bescheid zu wissen, und wie viele linkksliberale und linksgrüne Deutsche weiß er Bescheid über den „Nationalismus“. Den deutschen, russischen oder polnischen natürlich nicht – aber dafür umso besser über den ukrainischen.

Ich schrieb bereits über diese Art Spezialistentum, das sich aus irgendeinem Grunde gerne an der Person von Frau Savčenko austobt (Ukrainische Pilotin im deutschen Friedenstaubenschlag), offenbar weil sie nicht ins Klischee der osteuropäischen Frau passt, das sich in Deutschland immer noch auf der Linie „gute Köchin – macht sich noch gerne schön für Ihn – Stammpersonal im Puff des Vertrauens“ bewegt. Denn Savčenko ist kurzhaarig, Soldatin, laut, hält rabiate Reden und nicht die Klappe, wie die meisten Frauen, die still zusammenflicken, was Männer so anrichten.

Aber ad fontes. Robert Zion zitiert weder aus dem Original und nicht im Kontext, und er kann keine slavischen Sprachen. Es heißt nämlich nicht „Slavia Ukraina“ – eine für slavische Ohren scheußliche Verballhornung. Es heißt Slava Ukraïni. „Slavia“ ist ein Fußballverein irgendwo auf dem Territorium der ehemaligen böhmischen Krone, mit bis in die tschechische Nationalbewegung zurückreichenden Wurzeln.

Ich weiß, richtig zitieren ist Nebensache bei osteuropäischen Kleinstvölkchen und ihren komischen unaussprechbaren Sprachen und nationalistischen Obsessionen. Fakt ist, dass das „Slava Ukraïni“ lange vor Bandera als Kampfruf etabliert war – übrigens als säkularer Ersatz für den frommen Gruß der westukrainischen Bauern, „Slava Jisu“, Gelobt sei Jesus Christus.

Damit wurde das Aufkommen der Nationalidee als Zivilreligion markiert, aber anders als in anderen nationalen Botschaften, so jenen der Deutschen und Russen ging es hier nicht um den Nationalismus derjenigen, die sich im internationalen Rattenrennen des Hochkapitalismus stets als Erniedrigte, Beleidigte und (gerne: vom Juden) Übervorteilte inszenierten, sondern um die Botschaft der kolonialen Underdogs, die als Landlose und Kleinbauern unter polnischen und russischen Grundherren sowie österreichischen wie russischen Beamten lebten – sozial, wenn auch nicht emotional am nächsten waren ihnen noch die armen Landjuden, die ihr Leben als kleinst-städtische Handwerker und Händler fristeten und als Mittlerschicht zwischen Großgrundbesitz und Bauern, Stadt und Land fungierten.

Slava Ukraïni war also, bevor es in Banderas Mund kam, ein Kampfruf in einem, Linke würden sagen, antiimperialistischen Befreiungskrieg, und wie mein Kollege John-Paul Himka zutreffend bemerkte, Befreiungsbewegungen können sich aller möglicher Ideologien bedienen, sozialistischer, stalinistischer, maoistischer, agrarsozialistischer, integral-nationalistischer und faschistischer – und in den Augen der einfachen Bevölkerung doch Befreiungsbewegungen bleiben, so viel Blutzoll in den eigenen und „fremden“ Reihen das auch kostet. Das gefällt uns nicht? Aber so geht Kolonialkrieg in den bloodlands dieser Welt.

Gerade deutsche Linke , die sich in Fällen wie Nicaragua, Peru, Kolumbien, Chiapas und dem notorischen Palästina immer als Sympathisanten des meist blutigen Volkskriegs und seiner Parolen gezeigt haben – Parolen, die immer nationalistisch und häufig auch antisemitisch waren, wenn es um den Gegner US-Imperialismus ging – sollten also kapiert haben, dass es postkoloniale Kriege mit gar nicht so internationalistischen Befreiungsparolen gibt – und dass es diese auch in den osteuropäischen Weltgegenden gibt, wo man immer dachte, hier seien die Guten und die Bösen sauber sortiert, hier Antifaschisten und irgendwie auch die Sowjetunion, also die „Russen“, dort die Kollaborateure, die Banderas, sprich die „Ukrainer“. Dass der russische Geheimdienst Stalins lang zuvor, nämlich seit den 1930er Jahren, bereits fast die gesamte agrarsozialistische, sozialrevolutionäre und kommunistische ukrainische Linke aus Sowjet- wie Westukraine in Lagern und Gefängnissen per Genickschuss aus dem Weg geräumt hatte – das wissen die deutschen Linken in der Regel nicht, auch weil sie vermutlich weder Vassilij Grossman noch Manès Sperber gelesen haben.

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Laut Robert Zion rief Savčenko dazu auf, dass „für die Nation das Leben aller geopfert werden müsse“. Die Ukraine also auf dem Weg zum kollektiven Selbstmord, oder, noch schlimmer (oder besser für das Ukraineklischee), auf dem Weg zum Genozid an ihren Gegnern?

In Wirklichkeit hat Savčenko das gar nicht gesagt. Sie sagte, mit Bezug auf „diejenigen, die wir hier auf den Sesseln des Parlaments sitzen“, die Ukraine zu verteidigen stünde höher als die Leben „dieser Abgeordneten“, ihr eigenes eingeschlossen. Sie gehört eher zur Fraktion derjenigen, die sagt: natürlich darf man einer Sache ein Menschenleben opfern. Aber nur das eigene.

Das mag uns in Sicherheit lebenden Hedonisten, die den Frühsommerabend auf dem Balkon oder der Terrasse unseres photovoltaik-veredelten Öko-Hauses beim Weißwein genießen, extrem fremd und anmaßend vorkommen. Vor dem Hintergrund der ukrainischen Erfahrung seit 2014 ist es Alltag. Savčenko schloss daran den Aufruf an, diejenigen Namenlosen und Nichtprominenten nicht zu vergessen, die momentan an der Front stehen oder in Gefangenschaft sind.

Ich war seinerzeit gegen den NATO-Einsatz gegen Belgrad und halte die Abtrennung des Kosovo für einen Kapitalfehler des Westens, der nun als russischer Bumerang immer wieder zurückkehrt. Genau seit diesem Zeitpunkt wähle ich nicht mehr grün, und die Schröder-Fischer-Zeiten sind mir aus vielen Gründen ein Greuel. Aber in diesem Falle liegt die Sache anders und genau hier schere ich aus der Bellizismuskritik aus.

Denn anders als Robert Zion es darstellt, ist hier kein Krieg im Gange, der „beide Seiten“ brutalisiert und ins Unrecht setzt, sondern Angegriffene in einem souveränen Staat verteidigen sich gegen eine Intervention, die von einem Nachbarstaat ausgeht. Natürlich ist das blutiger, als wenn sich die Angegriffenen überrollen und friedlich besetzen lassen. Dieser Krieg bringt sich auch nicht „aus sich selbst hervor“, wie Zion in altbewährter „Gewalt-ist-keine-Lösung“-Diktion jammert – er hat einen Anfang, und er hat eine Adresse, die ihn ursächlich hervorbringt: Präsidialamt der Russischen Föderation, Rossija, Moskva, Kreml.

Auch die Polen haben im September 1939 – gegen Deutsche und Sowjets, die ihr Land unter sich aufteilten – nicht kampflos ihre Stellungen geräumt, und sie haben gelernt, Deutsche und Russen zu töten und – zu hassen. Und ich kann den Friedensgrünen als Osteuropahistorikerin versichern: unter diesen kämpfenden Polen, auch später in der Untergrundarmee und in den Exilarmeen, waren schätzungsweise 50% rabiate polnische Nationalisten, die sich als ganz normale Patrioten sahen – die aber in der Zwischenkriegszeit ihren eigenen Minderheiten, Juden, Ukrainern und Weißrussen, das Leben schwer bis unerträglich gemacht hatten. Auch so ein kleiner Grund für den Erfolg einer gewissen Terrorgruppe OUN unter damaligen, heute würde man sagen, „aufgrund ihres Hintergrundes benachteiligten“ westukrainischen Jugendlichen, und für den Starkult um den damals schon einsitzenden Stepan Bandera. Aber niemand würde wagen, „die Polen“, weil Nationalisten unter ihnen kämpften, auf eine Stufe mit dem Aggressor zu stellen.

Genau das machen aber Leute vom Schlage Robert Zions immer wieder – mit den Ukrainern. Es sind Leute, die den Stab über die angegriffenen Ukrainer wegen des „Bandera-Nationalismus“ schon 2014 gebrochen haben, weil eine speziell auf deutsche Publika zugeschnittene russische Propaganda sehr erfolgreich den gesamten Majdan als „faschistischen Putsch“ diffamierte, in dem „Bandera-Nationalisten“ die führende Rolle spielten.

Auf Deutschland heute bezogen hieße das, was unsere Friedensgrünen und andere Linke mit der Ukraine tun, die AfD mit Deutschland gleichzusetzen, und ich garantiere Herrn Zion, dass in mehr Köpfen in Deutschland ein bandera-artiger Nationalismus wütet als in Köpfen in der Ukraine. Trotzdem wird das Lied vom Bandera-Nationalismus als angeblicher ukrainischer Leitkultur immer wieder gesungen. Und am lautesten in unserem geliebten Schland, das in zwei Wochen wieder dem kollektiven Nationaltaumel anheimfallen wird, in dessen Verlauf viele, viele Nationalfahnen nicht auf Rednerpulten liegen werden, sondern auf verschwitzten deutschen Volkskörpern, ganz zu schweigen vom Absingen der Nationalhymne.

Aber quod licet Iovi, non licet bovi. Die ukrainischen Ochsen sind unseren friedensbewegten Jupitern einfach nicht sympathisch, obwohl sie dieselben Befreiungsparolen brüllen wie vor ihnen Millionen anderer Dekolonisierungskrieger – ohne dass ich dort je Leute wie Zion beim Protestieren gegen die pathetische und immer gegen irgendeinen Nationalgegner, meist die USA, gerichteten Rhetorik erwischt hätte. Eher das Gegenteil, ich vermute, sie waren sogar auf etlichen „Soli-Demos“ für diese oder jene Befreiungsbewegung.

Daher ein Tipp vom Profi: wenn Sie Ihre hehren historisch-politischen Maßstäbe anlegen, legen Sie sie doch bitte an jeden Nationalismus gleichermaßen an, vor allem, wenn der eine sich als ursächlich für das Aufleben des anderen erweist. Was dem einem die CIA, der Massenmord an indigenen Bauern durch Obstkonzerne und extraktive Industrie, das Abwerfen von politischen Gegnern aus Hubschraubern über dem Atlantik und die Contras, ist für die anderen die stalinistische Zwangskollektivierung mit Millionen durch Hunger getöteten ukrainischen Bauern und kasachischen Nomaden, das sind die Gefängnisse von NKWD und KGB, die sibirischen Lager – und die russischen Paramilitärs, die im Keller irgendeiner ostukrainischen Universität oder Fabrik Zivilisten zu Tode foltern. In jedem Falle Zustände, gegen die es sich an jedem Ende der Welt zu kämpfen lohnte und lohnt.

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Stellen Sie sich also einfach vor, dass Savčenko wohl bei sich zu Hause auf dem Sofa das Deutschland-Ukraine-Spiel anschauen würde, statt Reden im Parlament zu schwingen, wäre da nicht der bestens gerüstete großrussische Nationalismus und sein riesiger Stiefelabdruck im Nachbarland Ukraine. Wenn Sie also die historische Verantwortung der Deutschen gegenüber Osteuropa ernst nehmen, dann messen Sie folglich mit Ihrem Maßstab zunächst den Nationalismus des Angreifers und Expansionisten. Würden Sie die Reden, die seit 2014 mit Bezug auf die Ukraine in der russischen Staatsduma gehalten wurden, der selben skrupulösen Analyse unterziehen wie den Auftritt einer Frau, die gerade aus zwei Jahren russischer Haft zurückkehrt – Sie würden aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen und Ihren Doppelstandard-Zollstock ganz schnell wieder einklappen.

5. Juni 2016 // Anna Veronika Wendland

Quelle: Facebook

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