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Der Fußball meiner Kindheit

Es hat sich so ergeben, dass meine Kindheit in Lwiw eine fußballerische war. Schließlich ging das auch der Mehrheit der in den 1960er Jahren geborenen Kindern so. Fußball spielten damals alle – von Jungen bis hin zu Schnurrbart tragenden Jünglingen. Überall jagten wir dem Ball nach, auf dem großen Hof vor dem Gleisdepot beim [Kulturpalast der Eisenbahner] Roks, kickten die Kugel auf den glühenden Plätzen des FK Lokomotive, im „Käfig“ neben der Fabrik für Funkausrüstung, sogar in den Einfahrten vor den Häusern.

28. Juni 1969: Aus der Luft attackieren Wolodymyr Danyljuk und Janosch Habowda das Tor von Tschornomorez Odessa. Quelle: http://www.footclub.com.ua28. Juni 1969: Aus der Luft attackieren Wolodymyr Danyljuk und Janosch Habowda das Tor von Tschornomorez Odessa. Quelle: http://www.footclub.com.ua

Denn zu jener Zeit war Fußball nicht einfach nur Sport, nicht einfach Fiebern vor dem Fernseher, er war Handeln und Verbindung mit den „eigenen“. Und Sieg gegen die „anderen”. Ein eigentümlicher Akt der Initiation für Jugendliche. Guten und erfahrenen Spielern war mehr erlaubt als anderen, sie bekamen die Mädchen, sie hatten den Respekt der Erwachsenen.

Aber alle unsere Fußball-Adeligen waren nicht zu vergleichen mit einem Ausflug in das Stadion Druschba [Freundschaft] in unserer Heimatstadt Lwiw! Neidisch schauten wir jeden unserer Freunde an, dessen Eltern ihn mitnahmen zu Spielen unserer geliebten Karpaty.

Zu meinem großen Glück vergaß mein Papa mich nicht und nahm mich häufiger mal mit. Das war unvergesslich!

Schon am frühen Morgen saß unter dem Kirschbaum der „schwarze Rat” der Eisenbahner zu Tisch, die nach starken Zigaretten Marke Awrora oder Pamir rochen, Schyhuliwske-Bier tranken und in scharfen Worten über den Kader für das heutige Spiel diskutierten. Durch ihre hohlen Stimmen, die es gewohnt waren, Walkie-Talkies auf Lokomotiven und Lautsprechern am Bahnhof anzuschreien, waren der Tisch und die Köpfe der Schreier ganz mit weißen Kirschblüten bedeckt.

Ich konnte zu Hause an keiner Stelle bleiben, weil ich das Spiel einfach nicht erwarten konnte und immer wieder auf den Hof rannte, um damit zu anzugeben, dass nun zum Fußball gehen würde! Dann, zwei Stunden vor Spielbeginn, machte sich unsere Familie auf zum Stadion. Zunächst mit der Straßenbahn von der Prywoksalna-Straße zum Prus-Platz (den damals alle Iwan-Franko-Platz nannten). Dort konnte man in die Straßenbahnlinie 4 umsteigen, aber das war eigentlich sinnlos, weil der menschliche Fluss bereits die Straße füllte auf dem Weg ins Druschba-Stadion (das jetzt Ukrajina heißt), und an den Straßenbahnen Bündel von Fans hingen.

Die Schüssel des Stadions befand sich günstig gelegen in der Mitte eines Parks, wohin man einen ziemlich steilen Abhang hinauf steigen musste. An den Seiten des Wegs wurden geröstete Sonnenblumen- und Kürbiskerne verkauft, alle Arten von Pyrischky [Teigtaschen] mit verschiedenen Füllungen und Lutschern – zuckerne Hähne und Bärchen auf dem Stil. Und auch: Holzratschen, deren Klang Tote aus ihren Gräbern treiben konnte.

Bereits oben auf dem Hügel achtete Papa darauf, ein Plätzchen zum Sitzen für uns auf dem Rasen finden, denn schon begann die Ouvertüre zum Fußballfest. Rings herum auf der Wiese hatten Hunderte von Gruppen bereits ihre Lager aufgeschlagen, ausgestattet mit verschiedensten Speisen und Getränken, vom Park stieg von all den gegrillten Würstchen und Schaschliks ein dichter Rauch auf, und lange Schlangen standen vor Verkaufsständen mit Imbiss und Bier.

Irgendwo dort hatte schon jemand von den Eisenbahnern nach Papa gerufen, und so konnte Mama dann die Picknickdecke zwischen Bekannten ausrollen. Übrigens ging man oft mit der ganzen Familie zum Fußball, mit den Ehefrauen und Freundinnen. Es war eine Veranstaltung für alle, ohne Parteizwang und Ideologie.

Nach einer Weile kam dann Papa mit Würstchen und Senf zurück und kaufte den Kindern Limonade Djusches / Duchess und Eis. Was war das für ein Glück! Teil dieser Menschenmenge zu sein, die eine Familie war, die Düfte von Delikatessen einzuatmen und zu spüren, wie die Kohlensäurebläschen im Hals zerplatzten …

Später dann, bevor das eigentliche Spiel begann, als dann eine riesige Menge Menschen durch den Gang ins Stadion sickerte, stieg plötzlich über all dem großen Stimmengewirr ein Lied auf:

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Wieder hört man die Stimme des Kuckucks im Wald,
Schwalben haben im Strohdach ein Nest gebaut.
Der Schäfer führt die Schafherde den Weg entlang
Hat das Lied der Nachtigall gesungen
Überall blüht die Wildkirsche
Der Schneeball in ein Brautkleid gehüllt
Im Garten, in einer gemütlichen Ecke, auf den Schäfer
wartet sein Mädchen…

„Wildkirsche”! Dieses Lied spielten sie häufig im sonntäglichen Wunschkonzert im Radio, und alle kannten es. Und alle liebten es. Es hatte etwas vorsowjetisches, sehr galizisches, etwas uns ureigenes. Obwohl es keine Hymne war, kein Kampflied – schließlich war es doch ein lyrisches Liebeslied! – aber wenn es von Tausenden Menschen gesungen wurde, dann tanzten die Ameisen auf der Haut!

Damals fasste das Stadion mehr als 40.000 Zuschauer und war selten leer. Der Komfort war allerdings ziemlich überschaubar – auf Betonsockel genagelte Bänke mit nummerierten Plätzen. Jeder Fan hatte gerade mal einen halben Meter. Das war alles in Ordnung, solange auf der Bank schmale Fans saßen. Wenn aber auch nur ein Dicker dabei war, konnte es passieren, dass die am Rand einfach herunter fielen.

Mit dem Pfiff des Schiedsrichters begann das Stadion nervös zu summen, über das Amphitheater stiegen Wolken von Zigarettenrauch auf, die aufgeregtesten waren bei jedem Angriff der eigenen Mannschaft auf den Zehenspitzen und schlugen anderen mit zusammengerollten Zeitungen auf die Köpfe, weil sie die Sicht behinderten.

Zu jener Zeit waren Karpaty in Lwiw Götter – die Mannschaft erkämpfte sich den Pokal der Sowjetunion, und davon wurde jedem Lwiwer warm ums Herz. Im Stadion war nur zu hören „wie die unseren die Moskowiter verprügelt haben!“ Die Spieler waren wie Familienmitglieder, denn fast alle von ihnen waren Produkte des westukrainischen Fußballs. Tatsächlich waren Karpaty sozusagen die Nationalmannschaft der Westukraine. Und sie wurden wie verrückt verehrt.

Für fast alle im Stadion war jeder Pass, jeder Schuss, jedes Tor wie eine persönliche Niederlage oder Sieg. Von den Tribünen hörte man Anweisungen:

– Edsyk (Eduard Kosynkewytsch), spiel nach außen! Nach außen!
– Janosch (Habowda), nimm, nimm – das ist Dein Ball!!!
– Kulya (Ihor Kultschynskyj), schieß!
– Wlodka (Wolodymyr Danylyuk), auf die Kiste, sei nicht schüchtern!

Nach dem Spiel, vor allem einem siegreichen, überflutete ein dicker menschlicher Fluss alle Verkehrsmittel und blockierte die Straßen. Papa nahm mich oder meinen Bruder auf die Schultern, so dass ich diesen unaufhaltsamen Strom glücklicher Menschen sehen konnte. Dann sang Papa mit seinen Brüdern:

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Wo die blauen Berge sind, wo die Karpaten sind
Steigt der Nebel im Tal auf.
Nah und fern, schlank wie eine Fichte
Lebt die geliebte Huzulin…
Rosa Dunst, jungfräuliche Morgendämmerung
Weit, weit weg treibt der Wind in den Bergen.
Dich, mein Heimatland, liebe ich bis in den Tod,
Für immer hast Du mich gefangen.

Danach ließen für einige Tage auf dem Hof die Gespräche über die Fußballschlacht nicht nach, und mein Bruder und ich waren Helden, weil wir mit den Erwachsenen beim Spiel gewesen waren. Fußball zu jener Zeit … Streng wie jene Zeit, leidenschaftlich und lebendig. Wie auch die Erinnerungen an ihn.

11. März 2021 // Bohdan Marzynjak Woloschyn

Quelle: Facebook

Der Text wurde zuerst bei Karpaty Lviv Nachrichten veröffentlicht.

Übersetzer:    — Wörter: 1115

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