Präsidentisches Theater


Am Theaterstück „Antigone“ erklärte Jean Anouilh den Unterschied zwischen Tragödie und Drama.

Bei einer Tragödie geht es immer um etwas Unausweichliches. Man kann sie nicht abwenden. Sie ist vorab entschieden und unumgänglich. Was man auch tut, der Ausgang ist unveränderlich. Das erbarmungslose Schicksal, das sich unaufhörlich auf die Helden stürzt und sie unter sich begräbt, ungeachtet ihrer Anstrengungen.

Bei einem Drama geht es immer um eine Entscheidung. Im Unterschied zur Tragödie ist hier nichts vorab entschieden – das Finale wird durch Entscheidungen und Taten bestimmt, nicht vom Fatum. Der dramatische Held kämpft, weil er die Hoffnung hat, sich zu retten. In einer Tragödie rettet sich niemand.

All das steht unmittelbar in Zusammenhang mit der ukrainischen Realität. Unter anderem deswegen, weil der sechste Präsident des Landes direkt von der Bühne in die Politik gekommen ist.

Ein Jahr nach seinem Wahlsieg klagt Wladimir Selenski [ukr. Wolodymyr Selenskyj] über personelle Lücken. Er spricht von einem Mangel an Leuten. Halb im Scherz schlägt er Journalisten vor, im Ministerkabinett zu arbeiten.

Allerdings wären die Reporter wohl kaum das Allheilmittel für sein Team – jeder Präsident braucht in erster Linie Leute, die verstehen, wie der bürokratische Apparat funktioniert.

Die wissen, wie man die schwerfällige Staatsmaschine lenkt. Die „Dienstklasse“ ist im Land nicht sonderlich groß und teilt sich historisch in mehrere Lager.

Ein Teil sind die Bürokraten, die sich nach Moskau orientieren. Ihre Blütezeit begann in der Epoche von Wiktor Janukowitsch [ukr. Wiktor Janukowytsch] und endete zugleich mit seiner Flucht. Das Lustrationsgesetz verhindert ihre Rückkehr in den Dienst. Möglicherweise hören wir gerade deswegen von Überlegungen seiner Abschaffung.

Der zweite Teil der „Verwaltungsklasse“ orientiert sich nach Europa. Ein nicht geringer Teil dieser Leute schaffte es in Pjotr Poroschenkos [ukr. Petro Poroschenko] Regierungszeit an die Macht.

Nach Beginn des Krieges wurde der Westen zum alternativlosen Geber für die Ukraine – und das Geld bekam Kiew im Gegenzug zu Reformen. Aber an einer Zusammenarbeit mit dem Team von Poroschenko wird von Wladimir Selenskis persönlicher Abneigung gegenüber seinem Vorgänger verhindert.

Es gibt auch solche, die Reformen und europäische Integration wollten, sich aber mit dem fünften Präsidenten des Landes zerstritten. Die meisten von ihnen hat Selenski schon ernannt und wieder entlassen.

Das frühere Ministerkabinett flößte vielen mit seiner prowestlichen Haltung vorsichtigen Optimismus ein, aber seine kurze Epoche ging im März 2020 zu Ende.

Andrej Jermak besiegte Andrej Bogdan, um danach die von ihm zusammengestellte Regierung zu zerschlagen. [Jermak löste Bogdan als Chef des Präsidentenbüros ab. A.d.R. Ukr. Andrij Jermak und Andrej Bohdan]

Tatsächlich zeigte sich aber in diesem Moment, dass es einfacher ist, Leute zu entlassen, als Nachfolger für sie zu finden.

Selenskis Kaderbank blieb leer. Prorussische Bürokraten kamen wegen der Lustration nicht in Frage. Proeuropäische waren nach Intrigen verjagt worden.

Dem Präsidenten blieb eine einzige Option – Manager der Finanz- und Industriegruppen.

Und so sehen wir, wie das neue Ministerkabinett eine bunte Mischung von Menschen ist, die früher als Zugführer auf Oligarchenlokomotiven fungiert haben.

Derweil setzt die Machtelite die Suche nach Menschen fort, die bereit sind, den Mitarbeiterbunker selbstlos zu verteidigen. Das Problem ist nur, dass die Erfahrung des vorherigen Ministerkabinetts sich als so bezeichnend erwies, dass kaum jemand auf diese Aufrufe reagiert.

Im Prinzip schlägt man den potenziellen Reformatoren vor, ihre eigene Reputation aufs Spiel zu setzen. Was nicht wie ein ehrliches Geschäft aussieht in einer Situation, da der Präsident „Nebel im Kopf“ [Zitat des geschassten Regierungschefs Olexij Hontscharuk, A.d.R.] und unverständliche Bewertungskriterien hat.

Führungspersonen aus dem „prowestlichen“ Lager standen vor einem ethischen Dilemma. Das in der fundamentalen Frage beruht, was genau gerade im Land abläuft. Eine Tragödie oder ein Drama.

Die erste These formulierte Sergej Schadan [Der Schriftsteller Serhij Schadan, international als Serhij Zhadan vermarktet. A.d.R.]. Er ist extrem einfach. Die jetzige Regierung ist die Besatzung der „Titanic“, die das Schiff auf Riffs lenkt. Die Situation ist hoffnungslos, ihr Ausgang vorab entschieden.

Es ist sinnlos, ihnen zu helfen, vor einem Kapitänswechsel lohnt es sich nicht, irgendwelche qualitativen Veränderungen zu erwarten. Eine Zusammenarbeit mit der Führungselite ist ein klarer Verlust an Zeit und Reputation, jedwede Veränderungen zum Besseren werden erst nach einem Wechsel der jetzigen Vertikale möglich.

Das ist die Philosophie der klassischen Tragödie, wie Jean Anouilh sie beschreibt. Die Ereignisse werden ihren Lauf nehmen. Die Zukunft ist nicht zu ändern.

Die Katastrophe passierte schon 2019 – und jetzt muss jeder seinen Kelch bis zur Neige austrinken. Die Naturgewalt betrifft alle und Korrekturen welcher Art auch immer werden erst möglich, wenn das Stück zu Ende gespielt worden ist.

Die zweite These ist die Philosophie des Dramas. Gerade des Dramas, in dem die Zukunft das Ergebnis unserer permanenten Anstrengungen sind. Im Unterschied zur Tragödie lässt das Drama Zwischentöne zu.

Der Ausgang des Dramas wird von den persönlichen Entscheidungen jedes seiner Helden bestimmt. In ihm gibt es keine Vorbestimmung und deswegen ist niemand zum Abgrund verdammt. In ihm hängt alles von dir und deiner Entscheidung ab.

Die ganze Diskussion über die Zusammenarbeit mit der jetzigen Führungselite ist ein Streit über das Genre unseres Szenarios.

Wenn sich eine Tragödie abspielt, ist es sinnlos, den Lauf der Ereignisse ändern zu wollen.

Wenn rundherum ein Drama tost, kann man versuchen, die Kaderbresche mit der eigenen Reputation und eigenen Anstrengungen zu schließen.

Diese These teilte die früheren Kampfgefährten der „Majdanpartei“. Ein Teil will weiterhin an der Macht bleiben und erklärt das damit, dass ihre Ablösung schlimmer wäre. Ein anderer Teil wirft den früheren Freunden Kollaboration und Wendehalsmentalität vor.

Erstere sagen, der Ausgang sei offen und es lohne sich zu kämpfen. Letztere sind überzeugt, die Katastrophe sei schon eingetreten und der Ablauf vorgegeben.

Man kann die einen wie die anderen verstehen. Der sechste Präsident des Landes beherrscht perfekt die Fähigkeit, dem Publikum zu gefallen – und sich nicht zu schämen, Imageschwächen auf sein Team zu schieben.

Seine Prioritäten werden durch Meinungsumfragen festgelegt und sein Weltbild von seinem engsten Umfeld. Vom Dunning-Kruger-Effekt wird er kaum gehört haben – und das macht das moralische Dilemma nur noch größer für die, die wissen, worum es geht.

Im Moment ist der Staat nur er, und jeder, der sich dazu entschließt, die Institutionen zu retten, wird sich Vorwürfen stellen müssen, er versuche, die Führungselite zu retten.

Wir sind nun aber nicht die ersten, die versuchen, dieses Dilemma zu lösen. Schließlich schrieb Jean Anouilh das Stück „Antigone“ in Paris. Im Jahr 1943.

31. Mai 2020 // Pawel Kasarin

Quelle: Ukrainskaja Prawda

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