Zwei Jahre Prophezeiungen


Das Land hat den zweiten Jahrestag des Aufenthalts von Wladimir Selenski [Wolodymyr Selenskyj] auf der Bankowaja [Präsidentensitz] begangen. Zurück liegen zwei Jahre an Siegen und Niederlagen – und gleichzeitig Vorhersagen darüber, wie die Gewinne und Verluste des Präsidenten aussehen werden.

Das Genre der politischen Prophezeiungen genoss zu allen Zeiten Erfolg, doch im stürmischen XXI. Jahrhundert wurde es besonders leicht und angenehm Prophezeiungen zu machen.

Über den zeitgenössischen Konsumenten bricht täglich ein Berg an Inhalten herein, die Nachrichtenlage ändert sich mit schwindelerregender Geschwindigkeit und jede ausgesprochene Meinung verschwindet sehr schnell unter frischen Informationsschichten.

Unter diesen Bedingungen definiert sich der Erfolg einer öffentlichen Prognose nicht durch deren Zuverlässigkeit, sondern lediglich der Entsprechung dessen, was das Zielpublikum gerade jetzt hören will.

Sag das Gewünschte voraus und dir ist beständiger Beifall garantiert.

In dem Moment, in dem die verlautbarte Vorhersage eintreten soll, ist diese oft genug bereits vergessen. Das Ausgraben der einen oder anderen Prophezeiung aus den Informationstrümmern hängt gewöhnlich vom Willen des Autoren selbst ab.

Und aus verständlichen Gründen erinnert er an die seiner eigenen Prognosen, denen es beschieden war einzutreten. „Und ich habe es gesagt“, „und ich schrieb“, „und ich wusste“ kommen ans Licht, gleich den Trumpfkarten aus dem Ärmel des Betrügers.

Zur gleichen Zeit fallen die unglücklichen Vorhersagen dem Vergessen anheim. Auf diese Art kann sich jeder öffentliche Mensch wie ein neuer Nostradamus fühlen – und sich vor dem Publikum in dieser vorteilhaften Form paradieren.

Dagegen gibt es wenig Chancen für unseren Zeitgenossen ein schlechter Prognostiker zu sein. Dafür braucht es besondere zusätzliche Bedingungen.

Erstens kann man etwas komplett kurioses vorhersagen, was sich nicht nur leicht merkt, sondern auch die Gegner zu regulärem Spott über den Unglücks-Propheten anregt.

Sagen wir davon berichten, dass nach dem Sieg Selenskis die ukrainischen Rentner und Büroarbeiter nach Sibirien deportiert werden.

Zweitens kann man kurzfristige Prognosen verlautbaren, diese mit öffentlichen Wetten verstärken. Beispielsweise am Vorabend des neuen Jahres 2019 erklären, dass Selenski nicht bei den Präsidentschaftswahlen antreten wird und bereits im Januar im Studio als Charlie Chaplin auftreten. [Episode um den clownesken Parlamentsabgeordneten Olexij Hontscharenko/Alexej Gontscharenko von Poroschenkos Partei Europäische Solidarität, A.d.Ü.]

Oder drei Tage vor den Stadiondebatten schreiben, dass diese nicht stattfinden werden und dann ehrlich für seinen Fehlschlag mit Kognak bezahlen. [So dem Journalisten Pawlo/Pawel Kasarin geschehen. A.d.Ü.]

Derartige Präzedenzfälle wirken wie eine Ausnahme von der Regel. Doch wenn wir nicht versuchen würden, uns selbst zu betrügen, wären sie die Regel. Denn im Fall von Wladimir Alexandrowitsch Selenski erwiesen sich die seherischen Talente der Ukraine als offensichtlich nicht auf der Höhe der Zeit.

Bei den Vorhersagen, die mit der Figur von Se verbunden waren, gab es von Anfang an unzureichend Rationales und übermäßig viel Emotionales.

Im Frühling 2019 ließ der gestrige Komiker auf der Bankowaja sehr wenige gleichgültig und das leidenschaftliche Publikum gab gern das Gewünschte für das Wahrscheinliche aus.

Die Anhänger Selenskis projizierten auf den sechsten Präsidenten all das, was ihren subjektiven Erwartungen entsprach.

Eine baldige friedliche Regelung [für die Ostukraine], eine Ausmerzung der Korruption, der Abschied von der Armut, komfortable Bedingungen für kleine Unternehmen – das und vieles andere wurde nicht deswegen prognostiziert, weil Wladimir Alexandrowitsch irgendwelchen Anlass für derartige Einschätzungen gab, sondern lediglich deswegen, weil es das Land wollte.

Den Erfolg der Se-Präsidentschaft prognostizierend, versuchte die siegreiche Seite ihrem übertriebenen Optimismus eine logische Grundlage zu geben.

Es mag so aussehen, als ob das verlierende Lage im Gegenteil mit Selenski das unerwünschte und angsteinflößende verband: Kapitulation, prorussische Revanche, ökonomischer Zusammenbruch.

Doch tatsächlich war das psychologische Trauma der Besiegten derart groß, dass viele von ihnen nach der schlechtesten Entwicklung der Ereignisse dürsteten.

Das Streben dem beschränkten und undankbaren Plebs eine Lehre zu erteilen, erwies sich als stärker, als die Sorge um das Schicksal der Heimat. Und das trieb zum Auskosten der verschiedenartigen apokalyptischen Prognosen.

Leider hat sich teilweise lediglich eine von ihnen bewahrheitet: anlässlich der Visafreiheit und deren faktischem Einfrieren. Doch das ist ein interessanter Fall, wenn die Vorhersage nicht dank der Weitsichtigkeit des Wahrsagers eintritt, sondern trotz seiner Blindheit.

Und die Covid-19-Pandemie hat nun wirklich keiner der pessimistischen Prognostiker vorhergesehen. Derweil wurde eben das Coronavirus zum Hauptlieferanten von Katastrophischem in den Jahren 2020/2021. im globalen Maßstabe und in weitaus größerem Grade als der Showman auf der Bankowaja.

Andere apokalyptische Vorhersagen – vom Staatsbankrott bis zur Abwertung der Hrywnja von der Kreml-Revanche und dem Zusammenbruch der ukrainischen Staatlichkeit – erwiesen sich als falsch.

Und jetzt wird versucht, diese mit allgemeinerer Kritik von Se als Staatsführer zu ersetzen: sozusagen, wie wir auch vorhersagten, erwies sich der Clown als schlechter Präsident.

Doch ist das Bild des „schlechten Präsidenten“ dehnbar und die Hasser von Selenski haben die Planke der negativen Erwartungen übermäßig hoch gehängt und Wladimir Alexandrowitsch wirkt jetzt fast wie ein Engel.

Besonders in den letzten Monaten als das Staatsoberhaupt sich demonstrativ dazu entschloss, Moskau und die prorussische fünfte Kolonne zu bekämpfen.[Gemeint sind damit vor allem Sanktionen gegen Wiktor Medwedtschuk und dessen Umfeld ohne Gerichtsbeschluss, die unter anderem zur Schließung von drei TV-Sendern führten. A.d.Ü.]

Die Unterstützergruppe Selenski versucht ihrerseits, fremde Fehlschläge als eigene Weitsichtigkeit zu interpretieren. Sozusagen wurden wir mit der unvermeidlichen Kapitulation vor Putin eingeschüchtert, doch gibt es diese nicht!

Und wurde von der Rückgabe der PrivatBank an Kolomoiski [Die PrivatBank von Ihor Kolomojskyj und dessen Geschäftspartner Hennadij Boholjubow wurde 2016 verstaatlicht. A.d.Ü.] erzählt, doch ist die Bank an Ort und Stelle! Uns wurden Staatsbankrott und ein Dollarkurs von 1:100 versprochen, doch nichts derartiges ist eingetreten!

Das heißt, dass wir komplett recht hatten, Wladimir Alexandrowitsch hat unsere Erwartungen gerechtfertigt und seine Pflichten ausgezeichnet erfüllt!

Eine derartige Logik wird aktiv sowohl von angestellten, als auch freiwilligen Fürsprechern der Bankowaja benutzt.

Und vor diesem Hintergrund geraten komplett konkrete positive Prognosen in Vergessenheit – ökonomische, soziale, politische, die mit der Präsidentschaft Selenskis verbunden wurden, doch trotzdem nicht eintraten.

Diese alle aufzuzählen wäre ermüdend und eine undankbare Tätigkeit: zu viele erwarteten vom derzeitigen Verfassungsgaranten zu viel, aber erhielten nichts.

Wenn man ohne Umschweife redet, dann haben die vergangenen zwei Jahre die einheimischen Nacheiferer von Nostradamus und Wanga [bulgarische Hellseherin 1911-1996] überhaupt nicht erfreut.

Unsere Binnenpolitik hat sich nie durch Vorhersagbarkeit hervorgehoben und zusammen mit den globalen Katastrophen und den subjektiven Besonderheiten der Se-Präsidentschaft wurde das Vorhersagbare noch weniger.

Im Frühling 2019 konnte niemand die heutige ukrainische Tagesordnung vorhersehen: weder den Hausarrest für Medwedtschuk noch das Versagen bei der Impfung gegen das Coronavirus.

Und jetzt wird niemand sagen, wie die Ukraine und die umgebende Welt am Ende der Amtszeit von Wladimir Selenski leben werden.

Nur eines steht außer Zweifel: im Frühling 2024 wird die einheimischen Propheten nichts daran hindern post factum über ihre Weitsichtigkeit Bericht zu erstatten.

23. Mai 2021 // Michail Dubinjanski

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1113

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