FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Wir müssen hier leben

0 Kommentare
Euromaidan

Vor fünf Jahren beschuldigte man den Majdan, dass die Protestierenden die Entscheidung der Wähler mit den Füßen träten. Man sagte: „Wartet auf die Wahlen“ und „Janukowitsch ist ordentlich gewählt.“

Man schimpfte auf den Majdan, dass er das Prozedere missachte, dass man den Präsidenten durch Wahlen austauschen muss, und dass das Staatsoberhaupt über zwölfeinhalb Millionen Stimmen verfügt, die er im zweiten Wahlgang erhalten hat. Man sagte: „Siegt in den Wahllokalen, nicht auf den Straßen!“

Allerdings zählten die Argumente nicht. Die im Jahr 2010 gesammelten Stimmen halfen nicht. Und das Gespräch über die eigene Legitimität musste Wiktor Janukowitschs bereits auf den Rostower Presse-Konferenzen fortsetzen.

Man kann lange die Natur des Majdans erörtern, darüber streiten, was er war – eine Revolution oder ein Aufstand. Man kann über den Unterschied zwischen Legalität und Legitimität diskutieren. Doch weitaus wichtiger ist etwas anderes: Für die Protestierenden hatten alle Ermahnungen, dass Janukowitsch vom Volk gewählt sei, keine Bedeutung.

Yuval Noah Harari schrieb, dass der Mensch die Ergebnisse demokratischer Wahlen nur dann anerkennt, wenn er irgendwelche Gemeinsamkeiten mit der Mehrheit der Wähler sieht. „Wenn mir die Erfahrungen und das Erleben der anderen Wähler fremd sind, und wenn ich überzeugt bin, dass sie meine Gefühle nicht verstehen und meine Lebensinteressen missachten, dann können gegen meine eigene Stimme hundert stehen, aber ich habe keinerlei Veranlassung, dieses Urteil anzuerkennen“, versicherte der Professor der Hebräischen Universität.

Genau das passierte im Winter 2013/2014. Letztendlich gab es bei diesem Widerstand unterschiedliche Bewertungen, die Partei der Regionen gegen die parlamentarische Opposition, die Straße gegen „Berkut“, der Majdan gegen den Antimajdan.

Wenn man das Jahr 1991 als Bezugspunkt nimmt, da hatte die „Ukraine des Antimajdan“ das zahlenmäßig größere Gewicht. In den folgenden zweieinhalb Jahrzehnten wurde sie kleiner und verschwand. Die „Ukraine des Majdans“ weitete sich im Gegensatz dazu aus und wurde Realität. Ihr Plan für die ukrainische Zukunft verdrängte das nostalgische Weltbild der prosowjetisch eingestellten Leute.

Der Widerstand auf der Straße betraf nicht nur „Janukowitsch“. Es war der Kampf zweier ethischer Systeme.

Die, die den Protest unterstützten und die, die auf dessen Zerschlagung hofften, hatten ziemlich wenige Berührungspunkte. Sie hatten die gleichen Pässe, aber damit endeten die Gemeinsamkeiten und begannen die Unterschiede. Sie hatte verschiedene Beschreibungen der Vergangenheit und unterschiedliche Träume für die Zukunft.

Für die Einen war Europa das „gelobte Land“ und für die Anderen das Königreich der seelenlosen Wüstlinge. Für die Einen war Russland das Gefängnis der Völker und für die anderen eine neue, verbesserte UdSSR 2.0.

In ein und dieselben Worte legten diese Menschen unterschiedliche Gedanken, für dieselben Dinge dachten sie sich unterschiedliche Beschreibungen aus.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Das, was für den Majdan wichtig war, hatte keinerlei Wert für den Antimajdan. Und weil es für die Protestierenden keinen einzigen Grund gab, die Meinung derer zu schätzen, die Janukowitsch die Macht 2010 gaben, taten sie dies auch nicht, in voller Übereinstimmung mit der Formel Hararis.

Der Majdan bestätigte nur: im Jahr 2014 lebten im Land jene, für die die Ukraine wertvoll war, und jene, für die sie nur ein Fakt war. Diese zwei Gruppen hatten ohnehin nicht viele Berührungspunkte und nach dem Eindringen Russlands wurden es noch weniger, genauso wie die Versuche, sich gegenseitig zuzuhören.

Die Annexion der Krim und die Okkupation des Donbass strichen aus der Wählerschaft des Landes ein paar Millionen prosowjetisch gestimmter Bürger.

In ihrem Versuch die Ukraine zu halten, zerstörte Moskau die langjährige Parität zwischen den Lagern. Das Übergewicht erwies sich auf der Seite derjenigen, die vor fünf Jahren auf den Barrikaden standen.

Im Ergebnis wurde das prosowjetische Lager marginalisiert. Ja, ihre Wortführer kandidieren als Präsidenten. Ja, ihre Ideen erklingen in einigen Medien. Ja, ihre Wähler tauchen weiterhin in den Umfragen auf. Aber die Dynamik ist ziemlich vielsagend.

Noch vor zehn Jahren kamen prosowjetische Politiker ohne viel Arbeit in den zweiten Wahlgang. Ihre Programme wurden von den meisten der üblichen Kanäle vorgestellt. Und ihre Wähler verwandelten die Ukraine in Buridans Esel, der zwischen zwei Heuhaufen erstarrt ist, nicht in der Lage, irgendeine Entscheidung zu treffen.

Heute kann man sich noch nicht einmal einen Majdan vorstellen, wo auf der einen Seite der Barrikaden die Befürworter der Europäischen Union stehen und auf der anderen Seite die der Eurasischen Union. Aber das heißt nicht, dass die Risiken verschwunden sind.

Denn wir könnten auf ein neues Problem stoßen, im Rahmen derselben Formel, die Harari beschrieben hat.

Je näher die Wahlen rücken, desto heißer wird der Streit und umso schärfer die Beschuldigungen. Jedes Lager behandelt diese Wahlen als „die letzte entscheidende Schlacht“. Das Lager des Präsidenten als den Kampf der Ukraine gegen den Kreml. Im Lager Timoschenkos als Wahl zwischen Genozid und Erblühen. Im Lager Selenskijs als Kampf der „alten Eliten“ gegen die „neue Volksmacht.“

Die Wahlen beginnen an ein Referendum über die Zukunft zu erinnern. Und die Hauptfrage ist, wie gerade die Angehörigen jedes Lagers ihre Gegenspieler anerkennen werden.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Es ist eine Sache, wenn sie bereit sind, die Wahl derer anzuerkennen, die für einen anderen Kandidaten stimmen. Wenn sie zulassen, dass deren Entscheidung ein Recht auf Existenz hat.

Und es ist etwas ganz Anderes, wenn sie grundsätzlich alle dämonisieren, die nicht so abstimmen wie sie selbst.

Man kann planen seine Stimme für den amtierenden Präsidenten abzugeben, aber nicht unbedingt alle, die das nicht tun wollen, zu den Befürwortern des Kremls zählen.

Man kann für Julia Timoschenko stimmen wollen, aber bestimmt nicht unbedingt alle anderen für bezahlte Provokateure und für korrupt halten.

Wahlen sind eine hervorragende Möglichkeit Reibereien in der Gesellschaft zu beenden, aber nur in dem Fall, in dem die Wähler sowieso den gleichen Blick auf fundamentale Fragen für das Land haben.

Aber wenn sich das Land in einer Situation der Entmenschlichung der Gegner befindet, wenn die Träger anderer Meinungen als Feinde betrachtet werden, dann muss man nicht darauf warten, dass die Wahlen eine legitime Grundlage für das Geschehen der nächsten fünf Jahre werden. Der Verlierer kann immer diese Prozedur anfechten wollen; vor Gericht oder auf der Straße.

Der Majdan taucht nicht dann auf, wenn Studenten geschlagen werden. Er tritt auf, wenn die Zäune im Inland höher als die äußeren Festungsmauern werden.

17. Februar 2019 // Pawel Kasarin

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzerin:   Anja Blume — Wörter: 1006

Anja Blume ist Sozialpädagogin und übersetzt - zwischen eigener poetischer Tätigkeit - auch immer wieder Märchen und Lieder aus dem Russischen ins Deutsche. Ehrenamtlich ist sie im Bereich der internationalen Jugendarbeit tätig.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 4.7/7 (bei 6 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)16 °C  Ushhorod17 °C  
Lwiw (Lemberg)14 °C  Iwano-Frankiwsk17 °C  
Rachiw13 °C  Jassinja14 °C  
Ternopil16 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)19 °C  
Luzk14 °C  Riwne14 °C  
Chmelnyzkyj16 °C  Winnyzja16 °C  
Schytomyr13 °C  Tschernihiw (Tschernigow)9 °C  
Tscherkassy18 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)18 °C  
Poltawa15 °C  Sumy12 °C  
Odessa22 °C  Mykolajiw (Nikolajew)20 °C  
Cherson19 °C  Charkiw (Charkow)16 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)19 °C  Saporischschja (Saporoschje)18 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)18 °C  Donezk19 °C  
Luhansk (Lugansk)16 °C  Simferopol18 °C  
Sewastopol19 °C  Jalta21 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Inzwischen hat sich ja auch die Tagesschau etwas eingehender mit diesem Thema befaßt. Demnach seien indirekte Geldflüsse zum Kreml der Grund für das erfolgte Verbot der Serie. Ich schätze jedenfalls...“

„ Ist die Meldung überhaupt aktuell, die "Welt" schrieb offenbar schon 2023 über genau dieses Thema ?


„Kennt jemand vielleicht die Hintergründe dafür ? Soweit ich das sehe handelt es sich doch um eine völlig harmlose Kinderserie ohne jede Spur von Propaganda oä ?“

„ Was meint "erneut" ??
Bislang glaubte ich daß man sich als Reisender zumindest in unmittelbarer Grenznähe sicher fühlen konnte ?


„Bei Ankunft am Blockposten im Internet (nakordoni.eu) 4h Wartezeit und 40 PKW am Grenzübergang, einen Teil der Wartezeit sitzt man am Blockposten ab, die halten die PKW Warteschlange von dem eigentlichen...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ich dachte z.B. Krakovetz hat diese Spur nicht, jedenfalls bin ich in 2025 mit allen anderen bei den Ukrainern durchgeschleust worden, anschließend bei den Polen EU Spur..“

„ Hallo julib77,

Bzgl. Ausreisen mit PKW nach Polen möchte ich Dir deutlich widersprechen, ich weiß nicht woher Du Deine Informationen beziehst.

Schau einfach hier einmal Thread nach "An welchem Grenzübergang geht's am schnellsten? Da musst Du nicht suchen, der steht derzeit auch immer weit oben. Auch wenn wir da, nur über die Abläufe und die Wartezeiten berichten, findest Du nicht einen Kommentar darüber, dass Ukrainer schlecht behandelt werden. (2025 bis heute, ca. 25 Ein- und Ausreisen)

Ich kann nur sagen, ich beobachte keinerlei Repressalien, ganz im Gegenteil, die Ukrainer werden respektvoll behandelt, ist stelle keinen Unterschied zu mir als Deutschen fest. Das einzig berichtenswerte ist, dass die meisten Ukrainer-Innen fotografiert werden, bei der Ein - und Ausreise. Dieser Vorgang läuft professionell ab, ich kann dabei keine "Erniedrigung " beobachten, es wird gelacht und gescherzt dabei und die Frauen richten ihre Haare etc. Damit es ein 'schönes" Bild gibt.

Bzgl. Ungarn kann ich nur von einer Einreise berichten in 2025 (noch unter Orban), an dem mir sehr gut bekannten Grenzübergang "Lushanka" (Berehove HU), die Ausreiseseite kann man beobachten, ich kann nichts berichten, d.h. für mich normale Abläufe bei der Ausreise, wie auch bei der Einreise. Normale PKW Schlange, ganz im Rahmen. Kurz um, mir ist damals nichts aufgefallen. Alles war SICHER, wie die letzten 70 Mal, als ich den Grenzübergang von 2004 an bis 2025 überquert habe. Ein- und Ausreise.


„Ich werde am Sonntag ca. 12 Uhr auch wieder in Uhryniw Ausreisen. Dazu mal eine Frage, in Uhrnyiw gibt es ja die besagte EU-Spur, die ja durchweg bei den Ukrainern und den Polen die Ausreisezeit doch erheblich...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ups, ja. Irgendwie war zwar die Rede von einem durchgängig buchbaren Fahrschein, aber das bedeutet in der Tat wohl nicht auch zugleich eine unterbrechungsfreie und bequeme Fahrt mit der Bahn. Schade“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„ Obwohl der Leo-Express angeblich seit Juni den Betrieb auf dieser Strecke aufgenommen hat wird die "Bahnfahrt" über Przemysl nach UA wohl noch lange Zukunftsmusik bleiben.
Wie zu lesen ist gibt es noch nichtmal für das polnische Streckennetz eine Zulassung so daß derzeit dort wohl noch mit Bussen gefahren wird.


„изображение.png изображение.png Da muß man wohl mit den Daten etwas herumspielen ... Da wird wohl noch nicht täglich gefahren. Trotzdem Danke.“

Der Link zum Anbieter ist ja da.
Ist korrekt, aber ich finde man hätte trotzdem im Text gleich darauf hinweisen können.
War aber nicht "böse" gemeint ...
Bis jetzt sind die Tickets auch noch nicht auf der Webseite buchbar - warum auch immer ...
Hab´s versucht - bekomme aber immer angezeigt "auf dieser Strecke fahren wir nicht" :-([smilie=dntknw.gif]

„Man sollte aber explizit dazu schreiben, daß es ein Zug von LeoExpress ist - und nur auf deren Webseite kann man die Fahrkarten kaufen. Zumindest ist es die erste Umsteigefreie Verbindung von Deutschland...“

„Vielen Dank, mit einem Briefchen meiner Frau im Gepäck gab es keine Probleme“

„Am besten wäre natürlich, wenn die Frau mit dabei ist. Alleinreisende Männer stehen schließlich immer unter Verdacht.“