Das goldene Brot [gemeint ist Wiktor Janukowitsch, in dessen Residenz ein vergoldeter Brotlaib gefunden wurde – Anm. d. Ü.] hinterließ bei den Bergleuten einen bleibenden Eindruck – Janukowitsch wird hier so gehasst, wie man es nur im Donbass möglich ist. Auf Erwachsenenart.
Im Donbass ist Frühling. Nur ist es kein „russischer“ Frühling, wie er zurzeit häufig genannt wird, auch wenn überall die russische Sprache zu hören ist. Es ist ein ganz eigener Frühling.
Der Duft der Gräser und die Blüte der Apfelbäume mischte sich mit dem erkalteten Koks „drei zu eins“. Einheimische scherzen: „Es duftet die ganze Mendelejew-Tabelle [Periodensystem der Elemente]. Mit einem Mal.“
Der Weg nach Slawjansk. Einige Regierungsblockposten hintereinander: Barrikaden aus Beton, MP-Schützen. Nach der Weggabelung herrscht gähnende Leere und wir fahren in Ruhe weiter, nur das gleichmäßige Klopfen der „Betonstraße“ unter den Rädern begleitet uns.
Ein erdrückendes Gefühl – wir fahren zu bewaffneten, unberechenbaren Menschen, die bereit sind, für die bloße Erwähnung von Kiew zu töten. Der Fahrer hält einen halben Kilometer vor dem Blockposten der „Separatisten“ an. Weiter möchte er nicht fahren, er hat Angst.
Wir verabschieden uns und gehen den letzten Teil des Weges mit unseren Rucksäcken zu Fuß. Unsere Herzen schlagen mit aller Kraft, wir sind nervös. Wir nähern uns vorsichtig, winken zum Gruß. Sofort kommen uns einige „Separatisten“ entgegen.
Von weitem könnte man sie mit Vertretern der Selbstverteidigung verwechseln oder mit den „grünen Männchen“ von der Krim – Tarnfarben, kugelsichere Westen, Masken… Aus der Nähe stechen sofort die orange-schwarzen Bänder, der Dreitagebart, die regelwidrige Uniform ins Auge.
Im Wind weht die blau-rot-schwarze Flagge der „Donezker Republik“.
Mittlerweile ist es Tag geworden. Die Sonne steht am höchsten Punkt. Die „Separatisten“ blinzeln und stellen misstrauisch Fragen, sie rufen ihre Vorgesetzten. Ernste Gesichter, der Versuch, offiziell auszusehen. Zu unserer Verwunderung sind sie mit Fotos einverstanden.
Wir sind 50 Kilometer von Slawjansk entfernt. Hier ist das „Regimeobjekt“, aber der Blockposten ist ruhig, die ganze Aufmerksamkeit ist jetzt auf Slawjansk und Kramatorsk gerichtet.
Wir sind seit zwei Wochen die ersten Journalisten. Daher werden wir, nachdem das erste Misstrauen verflogen ist, wie teure Gäste empfangen. Man bietet uns trockene Kekse aus Schachteln und vom Regen mitgenommenen Zucker an, Brennholz wird gemacht, auf einem Eisenfass wird ein Teekessel angeheizt.
Die Sonne brennt schon sommerlich vom Himmel. Der Blockposten befindet sich auf einer Brücke, daneben verlaufen Eisenbahnschienen. Die Lokomotive mit Donezker Kohle kriecht langsam auf diese Seite der Grenze.
Wir beobachten.
Blockposten sei eine Bezeichnung. Zwei Reihen Reifen, rührend mit Klebeband verbundene Paletten. Ikonen sind mit demselben Klebeband auf die Stützpfeiler der Hütte geklebt. Das krächzende Taschenradio hängt an einer Schnur von der Decke der Hütte und spielt klimpernde Gitarrenmusik. Alle warten auf Neuigkeiten.
Das alles gab es schon einmal. Vor gar nicht langer Zeit, auf der Krim.
In der Ferne umreißt der Himmel ein weißes, tief fliegendes Flugzeug. Alle wechseln Blicke, ziehen instinktiv den Kopf zwischen die Schultern und sehen ihm nach.
- „Wie es aussieht, ein Passagierflugzeug…“, winkt der „Separatist“ Serjoscha ab, alle sinken erleichtert zusammen.
- „Ja, er wird nicht noch einmal vorbeifliegen. Das Benzin ist aus! Er hat den ganzen Diesel verheizt!“, der daneben stehende Witja lacht lauthals.
- „Wo hast du bitte Kampfjets mit Diesel gesehen, eh? Blamier dich nicht vor den Leuten.“ Sergej knufft den Freund mit einem Rundholz in die Seite und fügt schuldig hinzu: „Er fliegt mit Kerosin. Das ganze Kerosin haben sie verbrannt, er wird nicht mehr vorbeifliegen. Woher nimmt unsere Armee nur so viel Kerosin?“
- „Was ist vorbeigeflogen?“, frage ich.
- „Ja, es flog hier ein …“, antwortet Serjoscha widerwillig.
- „Ja wie? Angst?“
- „Nein, wir haben vor nichts Angst! Wir sind bereit, bis zum Ende hier zu stehen. Sollen sie uns nur…“, ergänzt Witek mit einem bösen Feuer in den Augen.
Es ist ein bewegendes Thema. Sie umstellen uns sofort von allen Seiten.
- „Wir sind also – für den Frieden stehen wir hier. Damit die Kinder in den Kindergarten gehen. Damit keine Panzer auf den Straßen fahren! Keiner vom Prawyj Sektor“ [Rechter Sektor – radikal nationalistische, paramilitärisch auftretende, ukrainische Gruppierung]!
- „Wir stehen hier, damit man uns hört!“
- „Wir wollen, dass unsere Kinder besser leben! Um uns ist es nicht schade, um sie ist es schade.“
- „Wir sind keine Nationalisten! Wir wollen nicht, dass man uns hier umbringt!“ Sergej tritt zur Gruppe, alle schweigen und überlassen ihm das Wort. „Wir wollen besser leben. Sie bestehlen uns, aber wie viel kann man hinnehmen? Die Armee ist ja unsere, sie ist ukrainisch, ich bin auf die Krim zu den Meinen gefahren und es habe gesehen – sie ziehen Leute ein…“
- „Anrufen muss man, damit die Armee fünf Rubel [gemeint sind fünf Hrywnja, A. d. R.] kriegt!“, unterbricht Witek.
- „Sie haben dort weder Waffen, die in Ordnung sind, noch Ausrüstung, sie haben alles verloren… muss das so sein? Das schmerzt mich! Mich als Donezker schmerzt es für unsere ukrainische Armee! Dort haben sie alle eine Datscha, aber was gibt es bei uns? Gäbe jeder Abgeordnete je einen Lohn, so wäre die Versorgung der Armee für ein Jahr gesichert.“
- „Ja, aber was reden wir alle von der Armee?“, regt sich ein Dritter, Kolka, auf. „Schließlich werden sie kommen und uns umbringen.“
- „Ja, das schmerzt mich, scheiße.“ Sergej spuckt aus und geht zur Seite. Nervös, verbittert hebt er die Axt und hackt Holz.
Ich versuche, herauszufinden, wer denn alle bestohlen hat – von allen Seiten werden um die Wette Familiennamen genannt. Sie lieben sie hier offensichtlich alle nicht. Das goldene Brot hinterließ bleibenden Eindruck im Bewusstsein der Bergleute – Janukowitsch wird hier so gehasst, wie man es nur im Donbass vermag. Auf Erwachsenenart eben.
Uns wird Tee eingeschenkt, wider alle Vorwarnungen enthält er weder schwere noch leichte Betäubungsmittel. Es gibt nur Kondensmilch und säuerliche Warenje [eingemachte Früchte].
Ein brauner „Fiat“ hält an, irgendein Einheimischer lädt zwei Kisten mit Nudeln aus. Er verteilt unter den sichtbar erfreuten „Separatisten“ Zigaretten der Marke „Priluki“. Das ist nichts für die Kamera.
Während wir Tee trinken und rauchen, räume ich die Kamera weg, alle nehmen erleichtert die Sturmhauben ab und reiben den Schweiß von den Gesichtern. Im Sommer ist es heiß unter einer Sturmhaube. Sie haben sich bereits an uns gewöhnt, sie entspannen sich. Sie liegen auf den Matratzen und blasen den Rauch in die Luft oder lehnen sich an ihre mit Klebeband fixierten Barrikaden.
Du blickst in die Gesichter und verstehst: Dort draußen auf der Straße sind sie Widerstandskämpfer. Aber hier sind sie einfach Menschen. Vom Leben eingeschüchterte Menschen. Auch sie haben Mama und Papa und sind nicht von irgendwo aus der Gegend um Woronesch eingeflogen. Sie sind echte Einheimische.
Wir sprechen über den Maidan. Der „Separatist“ Kolja – ohne Sturmhaube – schöpft Mut, nicht für die Kamera überlädt er seine Rede mit Kraftausdrücken und fuchtelt mit den Händen herum.
- „Arbeitsplätze haben sie gekürzt – wir sind alle ohne Arbeit geblieben. Nun also stehen wir hier. Aber diese Arschlöcher sagen nie die Wahrheit. Wir glauben dem Fernseher sowieso nicht, auch den Zeitungen nicht. Wir haben unsere Quellen, vertrauenswürdige Quellen (er zeigt auf ein Telefon mit dem eingeschalteten Chat-Programm Zello) In Kiew haben sie unseren Donezker Jungen von der Brücke geworfen und umgebracht. Und was jetzt, werden sie zu uns kommen und uns dafür umbringen, dass wir Russisch sprechen?“
- „Sie sind dort am Maidan gestanden – und sie sind Helden. Und wir hier sind aus irgendeinem Grund Terroristen. Terroristen sind wir, verfickte Scheiße. Und die vom Rechten Sektor sind keine Terroristen?!“ Witja spuckt zur Seite aus.
- „Sie haben dort alles ohne uns entschieden. Und was sind wir – keine Menschen? Uns hört niemand, sollen sich doch alle in Kiew zum Teufel scheren! Sollen sie nur wissen, dass wir hier die Macht sind. Wir können uns zusammentun und wir fürchten niemanden.“
- „Würde nur einmal einer von ihnen zu uns kommen!“ Begehrt ein vierter, jüngerer „Separatist“ auf. „Warum kommt nie jemand? Warum sprechen sie nicht mit dem Volk?“
Ich lenke das Gespräch auf Russland. Und ich entdecke einen für mich überraschenden Standpunkt: Es zeigt sich, nicht alle Donezker „Separatisten“ wollen nach Russland. Vielmehr verurteilt der eine oder der andere offen ihre „Fachkollegen“, die die russische Flagge schwenkten.
- „Wir wollen nicht nach Russland, das lügen doch alle“, sagt Sergej. „Wir wollen unsere eigene Republik haben. Eine freie.“
Geht es um die Selbstbestimmung ist hier ohnehin alles sehr schwer. Sie wollen ihre Republik. Was aber eine solch eigene Republik ist, womit sie sie ernähren – Vorstellungen darüber liegen im Dunkeln. Sie holen – aus irgendeinem Grund aus einem emaillierten Kochtopf (anscheinend für die Sicherheit) – ihr Manifest. Der Text ist hinreißend.
In einer halbseitigen Aufzählung wird alles erwähnt, angefangen bei Homosexuellen, bis hin zu Wahlmanipulationen. Um es auf jeden Fall nicht zu vergessen, werden auch Kinderprostitution und chemische Waffen erwähnt.
All das wird es in der „Republik“, wie sie ihr künftiges Land stolz nennen, nicht geben. Aber es wird viele Arbeitsplätze, eine gute Pension, ein grünes Gärtchen vor dem Haus und einen klaren Himmel über den Köpfen geben.
Der „Separatist“ Kolja schneidet einen Apfel in Spalten. Im Radio spielt die „Gruppa Krowi“ [Blutgruppe]. Irgendwer möchte es lauter schalten. Wir sprechen über das Leben. Nachdem er sein Messer an den Tarnhosen abgewischt hat, schneidet der „Separatist“ Kolja ein paar „Kolorado-“Bänder [schwarz-orange Bänder; in der Ukraine wird der Kartoffelkäfer Kolorado-Käfer genannt, der schwarz-orange gefärbt ist und als Bezeichnung für die Separatisten verwendet wird] auf Vorrat, mit der ganzen Feierlichkeit des Moments überreicht er sie uns, als Erinnerungsmedaille.
Je länger wir mit ihnen sprechen, umso mühsamer wird es. Immer deutlicher ist zu spüren, dass sie alle große Kinder sind. Das ganze Leben wurde für sie vorbestimmt, alles war klar und verständlich… Von Lohntüte zu Lohntüte, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Jetzt ist ihre gewohnte Welt ins Wanken geraten.
Hier träumen sie vom Guten. Jeder für sich. Für sie ist ganz plötzlich alles schrecklich, ihre Angst kaschieren sie mit Aggression. Es schmerzt sie, weil dort, irgendwo in Kiew alles ohne sie beschlossen worden ist.
Aber man will doch so gern ein Weilchen ein Held sein. Wenn auch nur in den Augen der Freundin oder des Nachbarn, die je fünf Griwna auf die Flasche der vierzigprozentigen Freude für jene abziehen, die Ausgang haben.
Und während sie Tee mit Kondensmilch auf Holz zubereiten, für drei Nudeln im Teekessel kochen, lauschen sie mit Sorge und Hoffnung dem rauschenden Radio und hoffen, dass ihnen irgendjemand eine glückliche Zukunft bringt.
29. April 2014 // Cristian Jereghi
Quelle: Ukrainskaja Prawda
Fortsetzung: „Frühling im Donbass“: Scheidung auf Ukrainisch


Forumsdiskussionen
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