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„Für die Ukraine sind wir Separatisten“: die Ehefrau eines Bergmanns, Unternehmer und eine Staatsangestellte über das Leben unter der Besatzung

„Für die Ukraine sind wir Separatisten“: die Ehefrau eines Bergmanns, Unternehmer und eine Staatsangestellte über das Leben unter der Besatzung

Mich ergreift Angst. Es ist als ob sie über hunderte Kilometer über Telefondrähte übermittelt wird. Menschen, die in den besetzten Donbass geraten sind, fürchten sich. Einige davor, dass ich Daten über sie für die ukrainischen Geheimdienste sammle, andere, dass die eigenen mit ihren Fragen kommen werden. Im Unterschied zu uns ist Öffentlichkeit für sie kein Schutz.

Der Zustand, in dem sie leben, bevorzugen die Bewohner „Einzelner Kreise der Donezker und Luhansker Gebiete“ [Terminus aus den Friedensvereinbarungen von Minsk, A.d.Ü.] nicht als „Besatzung“ zu bezeichnen. Entweder durch die Angst vor der neuen örtlichen „Macht“ oder deshalb, weil sie sich selbst nicht wirklich von Russland als besetzt betrachten.

„Ich möchte nicht, dass man mich auf dem zentralen Platz aufhängt“, so weigerte sich einer meiner potenziellen Gesprächspartner, von dem ich lediglich wissen wollte, wie sich der Alltag seiner Familie seit 2014 verändert hat.

Das erscheint als Unsinn in der modernen Welt. Doch auch das Festhalten in Kellern und die Folter von Kriegsgefangenen hätten so nicht stattfinden dürfen. Doch das ist alles Realität. Ihre Realität. [Geheimgefängnisse, Entführungen und Folter sind laut Amnesty International auch im Regierungsgebiet wiederholt vorgekommen. A.d.Ü.]

Die Ukrajinska Prawda hat die Geschichte von Menschen aufgeschrieben, die sich bereit erklärten über ihr Leben in den besetzten Gebieten des Donbass zu berichten. Alle Namen in diesem Beitrag sind verändert. Zu ihrer Sicherheit haben wir auch die Ortschaften nicht angegeben, in denen die Gesprächspartner leben, doch wir geben das wirkliche Alter, die Art der Tätigkeit und das Gebiet an.

Wiktor und Iryna, 48 Jahre, Unternehmer, Gebiet Luhansk

Iryna: Wir hatten die Wahl: entweder lassen wir alles zurück und beginnen ein Leben von vorn oder wir bleiben. Ich habe seinerzeit auch gehungert, bin während der Bombardements weggezogen. Drei Monate half ich Freiwilligen in Kiew, versuchte Arbeit zu finden, doch das Verhältnis zwischen den Preisen für Wohnungen und den Gehältern war einfach schrecklich.

Mein ältester Sohn versuchte ebenfalls in Kiew zu leben, hatte drei Jobs, um zu überleben. Wir baten befreundete Kiewer, eine Wohnung für uns zu mieten. Mit unserer Lugansker Anmeldung, hätten die Vermieter keinen Mietvertrag abgeschlossen. Am Ende holten wir ihn nach Hause, abgemagert mit hohlen Augen …

Ich konnte mich ebenfalls nicht in Kiew einrichten. Als ich zurückkehrte, sah ich Leute, deren Anblick einem leid tat. Grau-weiße Hautfarbe, gealtert – sie hatten den Sommer in Kellern verbracht. Doch ich verbiete mir, bei ihrem Anblick zu weinen. Ja, wir sind alle angespannt, niedergeschlagen, sogar vor dem Hintergrund der Einwohner Kiews sind wir sofort sichtbar. Und es braucht Jahre, um das zu überwinden.

Ich habe das ganze Leben mein Haus Stein für Stein aufgebaut und ich möchte nicht in einer Hundehütte leben. Viele, die [aus der LNR] wegzogen, sind zurückgekehrt. Denn es gelang ihnen nicht, ihr Leben in der Ukraine einzurichten.

Wiktor: Wir haben in der Stadt eine Sperrstunde von 11 Uhr abends bis 4 Uhr morgens darf man sich nicht auf der Straße aufhalten. Wenn es doch einmal notwendig ist, muss man Dokumente bei sich haben.

Wenn dich in dieser Zeit eine Patrouille bemerkt, dann nimmt man dich aufs Polizeirevier bis zum Morgen für die Klärung der Personalien, der Umstände mit, stellt eine Strafe aus und lässt dich frei. Das Strafmaß geht von drei- bis fünftausend Rubel (etwa 40 – 70 Euro). Wenn jemand das vierte Mal gefasst wird, dann kann er zu Strafarbeiten geschickt werden. Zumindest habe ich das gehört.

Für uns ist die Fortbewegung schwieriger geworden, ich meine außerhalb unserer „Republik.“ Beispielsweise lebten meine Eltern in einem anderen Gebiet. Innerhalb von anderthalb Jahren starben meine Mutter und mein Vater und ich konnte überhaupt nicht helfen. Die Zeit war beschränkt, und wenn ich früher zu ihnen in den Westen der Ukraine innerhalb von 20 Stunden gelangen konnte, dann kann man jetzt allein Tage in der Schlange am Kontrollpunkt stehen.

Einmal schien den Militärs am ukrainischen Kontrollpunkt, dass die Nummernschilder an meinem Auto überstanzt worden seien und die Klärung dieses Moments nahm mehrere Stunden in Anspruch. Das heißt, der Weg kann sich über mehrere Stunden hinziehen.

Iryna: Von Seiten der „Republiken“ ist alles so eingerichtet, dass du in der Schlange am Kontrollpunkt einen ganzen Tag zubringen kannst. Wenn man schneller durch muss, dann muss man zahlen.

Im Gebiet Lugansk beispielsweise ist der Kontrollpunkt Stschastje [Schtschastja] geschlossen. Er funktioniert für der „Regierung“ nahestehende. Über ihn werden Lebensmittel gebracht. Ja, der Schmuggel blüht bei uns.

Wiktor: Bei uns warten viele auf die Ukraine, doch im Stillen.

Iryna: Wer so denkt, kann davon nicht offen sprechen. Verstehen Sie, niemand geht gegen Leute mit Waffen vor.

Wir haben in unserer Stadt noch 2014 jeden Tag friedliche Versammlungen für die Ukraine durchgeführt. Doch jeder fürchtet um sein Leben. Mein Mann und ich fürchten uns nicht mehr, unsere Einstellung kennt jeder in der Stadt seit langem. Man kann sich nicht das ganze Leben fürchten.

Meinen prorussischen Freundinnen sage ich: „Ich bin eine Ukropka.“ [Ukrop = russisch für Dill. Ursprünglich abwertende Bezeichnung für ukrainische Soldaten. Von Ex-Präsident Poroschenko bei einem Besuch in Mariupol propagandatechnisch zu Ukrajinskyj Opir = Ukrainischer Widerstand umgedeutet. A.d.Ü.] Obgleich wir uns treffen, diskutieren wir unsere politischen Ansichten nicht.

Wiktor: Sogar diejenigen, die für die LNR kämpfen gegangen sind, haben die Ohren angelegt. Denn dieses System ist eine Erbin des NKWD [Bezeichnung für den sowjetischen Inlandsgeheimdienst zwischen 1934 und 1946, A.d.Ü.], es schont weder die eigenen, noch fremde. Viele der Kumpanen sind „im Keller“ gelandet.

Neulich gab es da einen Vorfall: in einer Schlange standen Militärs (Kämpfer der LNR) und Omas begannen sie anzuschreien: „Ihr seid ja schlimmer als die Faschisten!“

Iryna: Die örtlichen Einwohner sind für die Besatzer Pöbel und Verräter. Die Besatzer achten die proukrainischen mehr als diejenigen, die vor ihnen herumscharwenzeln.

Wiktor: Ich sage einigen, welche die „Republik“ wollten: „Sogar mein Hund kann mit seinem Pass in der Welt reisen, doch Ihr mit Euren LNR-Pässen könnt wohin fahren?“

Iryna: LNR-Pässe haben unter unseren Bekannten eine stattliche Anzahl von Leuten erhalten. Viele nahmen sie nur aus der Notwendigkeit heraus.

Beispielsweise konnten nicht alle Kinder ins ukrainische Territorium zum Erhalt eines Passes reisen – Gründe hat jeder seine: kein Geld für die Reise, die Eltern fürchten sich oder können nicht mit dem Kind reisen. Und den Leuten mit geringem Einkommen versprach man, dass wenn sie den LNR-Pass erhalten, dann bekommen sie irgendeine soziale Karte und es wird leichter zu leben.

Die Medikamente sind bei uns russische. Wer in der Pharmazie gearbeitet hat, sagte, dass viele Medikamente einfach ein Stück Kreide sind. Gute Ärzte aus dem Krankenhaus sind weggezogen. Nur einzelne der guten Spezialisten blieben aus irgendwelchen Gründen, irgendwie können sie verdienen. Sie fürchten, dass sie sobald sie in die Ukraine wegziehen auch zu einem der Millionen werden.

Alles, was die vorschulische Bildung betrifft, ist höhere Kunst: es gibt viele Entwicklungsmöglichkeiten für die Kinder, Sportzirkel, Englischschule, Tanz. Und das können sich alle Eltern erlauben.

Sobald das Kind in die Schule geht, beginnt die Propaganda – Militärzirkel, „die Hauptstadt meiner Heimat ist Moskau.“ Das neue russische Schulprogramm steht hinter dem ukrainischen zurück. Die Hochschulen sind total im Arsch! Dort gibt es nur Propaganda. Ihnen muss man zeigen, wie die Republik blüht, wie sie die Kultur unterstützen.

Die höhere Bildung ist bei uns nur einfach ein Papierchen. Die Jugend muss wirklich wegziehen. Und bei uns werden wirklich Konzerte durchgeführt, russische „Stars“ werden eingeladen.

Wiktor: Brot und Spiel brauchen die Leute. Nur Brot gibt es zu wenig.

Iryna: Zu Löhnen und Renten sage ich nur eins: die Leute können sich wirklich weniger erlauben.

Wiktor: Die Leute, die sich mit dem Import von Gütern, Ausrüstung beschäftigten, in der ganzen Ukraine handelten, haben ihre Einkünfte verloren. Diejenigen, die kleine Geschäfte hatten, die mit Mangelware spekulieren, können leben, verdienen. Doch anständige Geschäfte wurden den Besitzern, die nach Kiew zogen, für Kopeken abgenommen.

Cafés gibt es. Wenn man Geld hat, kann man hingehen. Wir haben in der Stadt ein Restaurant, in dem örtliche Bosse feiern, ihre Treffen und Gelage mit Delegationen eben jener Pseudo-Republiken abhalten, die OSZE einkehrt.

Weder OSZE, noch die „Volkspolizei“ sind für gewöhnliche Menschen Schutz. Wir haben doch „keine Verbrechen.“ Daher ist es besser, diese „Polizei“ weit zu umgehen.

Um keine Probleme zu haben, muss man alle ihre Regeln befolgen. Bei uns gelten teils ukrainische Gesetze, teils russische.

Iryna: Autos mit Militärs fahren in der Stadt. Verkehrsregeln existieren für sie nicht. In der Stadt laufen Militärs mit Sturmgewehren: sowohl russische als auch örtliche „Landsturmleute.“

Bei uns ist Fotografieren verboten. Einmal hat ein Bekannter eine zerstörte Brücke fotografiert und jemandem in der Ukraine geschickt, wofür er „in den Keller“ gebracht wurde.

Russland kam, alle Stahlwerke, Schächte arbeiten irgendwie. Insgesamt etwa zehn Prozent der arbeitsintensiven Produktion verblieben, führen irgendwelche Bestellungen aus. All diese humanitären Transporte kamen leer und fuhren mit gestohlener Ausrüstung und Metall aus der Produktion weg.

Wiktor: Was hat sich zum besseren gewandelt? Nur die Stimmung der Leute. Sie haben begriffen, dass Russland uns nichts geben wird.

Iryna: Zu Beginn des Krieges gab es Groll dagegen, dass bei uns Kriegshandlungen stattfinden, doch irgendwo sich die Leute amüsieren. Doch das verurteile ich nicht. Ich verstehe: Haben wir uns sehr gesorgt, als in Georgien Krieg war? Hier ist es das Gleiche.

Wir brauchen ukrainisches Fernsehen. Die Hauptmasse ist an russische Sender gewöhnt, ihnen liegt man in den Ohren mit: „Wenn die Ukrainer kommen, werdet ihr alle abgestochen.“

Früher gab es mehr Hoffnungen auf die Ukraine, denn wir begreifen, dass es eine Logik darin gibt, was getan wird im Sinne dieser Sanktionen gegen Russland. Doch das kann sich noch lange hinziehen.

Es gibt eine blasse Hoffnung darauf, dass wir erneut zur Ukraine gehören, mit Bitterkeit, doch es gibt sie.

Zur gleichen Zeit hat die Ukraine meinen Mann als Unternehmer ausgelöscht: die Konten geschlossen, wenn wir ins freie Gebiet reisen, dann gibt man uns keine Kredite. Wir sind für die Ukraine Separatisten, obgleich wir unser ganzes Leben an sie glauben.

Walentyna, 50 Jahre, Lehrerin und Ehefrau eines Bergmanns, Gebiet Donezk

Schwer zu sagen, was sich zum Besseren und was zum Schlechteren gewandelt hat. Wir leben einfach.

Mein Mann ist Bergmann. Ich kann nicht sagen, dass alle Schächte geschlossen werden, doch einige haben wirklich aufgehört zu arbeiten.

Die Bergarbeiterlöhne sind wirklich nicht hoch. In Rubel sind das zwischen 10 und 16.000 [zwischen 135 und 220 Euro], alles hängt davon ab, welche Lohnstufe und ob er in den Schacht fährt.

Anfänglich wurden die Löhne bei uns eins zu zwei umgerechnet. Beispielsweise wenn ich in der Ukraine dreitausend [Hrywnja] erhalten habe, dann in Rubel sechstausend [82 Euro]. Danach begannen sie beständig zu steigen und jetzt erhalte ich 15.000 [205 Euro].

Doch bei Leuten mit anderen Spezialisierungen sind die Löhne niedriger. Besonders schwer haben es die Rentner. Nicht schlecht leben diejenigen, die ausreisen und noch die ukrainische Rente bekommen können.

Es mangelt an Ärzten: die Jugend möchte nicht in die Krankenhäuser gehen.

Die Mehrzahl der Kinder fährt nach Donezk studieren: dort kann man sich jetzt leichter immatrikulieren. Doch es gibt auch diejenigen, die in die Ukraine oder nach Russland ausreisen.

Anfänglich waren die Preise bei uns Moskauer, doch jetzt sind sie niedriger. Beispielsweise kostet das Brot 19 Rubel [26 Cent], Äpfel etwa 60 Rubel für das Kilo [82 Cent]. Wenn man auf die ukrainischen Preise schaut, so unterscheiden sie sich nicht so sehr von unseren.

Auf dem Markt gibt es jetzt viel von unseren Produkten – Früchte, Gemüse. Alles andere wird aus Russland eingeführt.

Was gut ist, sind die kommunalen Nebenkosten. Bei uns sind seit 2014 die Tarife nicht um eine Kopeke angerührt worden.

Ich richtete meine Aufmerksamkeit darauf, dass in den Kirchen sehr viele Leute sind. Die Menschen meinen, dass es in der Welt auch so viel Böses und Brutalität gibt, doch der Krieg wurde uns für unsere Sünden gegeben. Daher begannen die Leute zu begreifen, dass die Orthodoxie unsere Rettung ist. So sagen es auch die Popen.

Wir haben zwei Pässe: den ukrainischen und den DNR-Pass. Wie auch die Autonummernschilder: mit den DNR-Schildern kann man ruhig nach Russland fahren.

Es gab eine Zeit, als den Leuten, die leitende Positionen einnehmen, verboten wurde in die Ukraine zu reisen. Warum? Damit sie nicht angeworben werden, damit niemand irgendwelche Informationen weitergibt. Jetzt ist es damit einfacher. Doch wenn jemand in die Ukraine reisen muss, dann muss er seine Vorgesetzten benachrichtigen.

Mir scheint, dass wir in die Sowjetunion zurückkehren: es wurden die Erste-Mai-Demonstrationen wiederbelebt, beinahe die Pioniere und die Oktoberkinder eingeführt. Ich weiß nicht, ob das schlecht oder gut ist. Und dazu wird noch oft das Thema des Zweiten Weltkrieges vorgebracht. Doch bei Euch erinnert man sich auch oft beispielsweise an Kruty [Zum Nationalmythos ausgebautes Gefecht bei der Bahnstation Kruty im Tschernihiwer Gebiet im Januar 1918 zwischen aus vor allem freiwilligen Studenten bestehenden Einheiten der Ukrainischen Volksrepublik und Einheiten der Bolschewiki, das mit dem Sieg der Bolschewiki und der ersten Eroberung Kiews durch die Bolschewiki endete. A.d.Ü.]

Was meine Arbeit in der Schule anbelangt, so hat sich nichts geändert. Es verblieb so gar die ukrainische Sprache. Ok, sie wird jetzt eine Stunde in der Woche unterrichtet.

Bei uns in der Stadt gab es Kämpfe. Ich erinnere mich daran, wie es über uns flog und pfiff. Ich habe bis heute Angst. Die Hauptsache ist, dass nicht geschossen wird. Bei uns sind damals viele weggegangen, doch jetzt sind sie zurückgekommen.

Interessant ist es ukrainische und russische Nachrichten zu schauen – alles wird genau umgekehrt erzählt. Ich kenne persönlich keine Leute, die kämpfen gegangen sind. Doch bei uns auf dem Friedhof gibt es eine ganze Reihe von Gräbern, auf denen Namen und Decknamen geschrieben sind, das heißt militärische Beisetzungen. Und in Donezk gibt es eine Allee der Engel, zu Ehren der umgekommenen Kinder des Donbass.

Wie der Donbass zur Ukraine zurückkehren soll? Beide Seiten sollen sich an den Verhandlungstisch setzen. Warum wird das nicht getan? Sollen wir ruhig autonom werden, was ist daran schlecht?

Ich beispielsweise liebe die Ukraine, doch bin ich gegen die ukrainische Politik. Mir als einfachem Menschen ist es völlig egal, wo ich lebe. Wir wollen ruhig leben, arbeiten, Lohn erhalten.

Ihr wollt in der Europäischen Union sein, habt einen Staatsstreich durchgeführt, doch als wir mit Russland sein wollten, kamt ihr mit Krieg zu uns. Ich brauche Europa nicht. Nein, ich könnte vielleicht in den Urlaub dorthin fahren, doch meine Wurzeln sind in Russland.

Marharyta, 38 Jahre, Staatsangestellte, Donezker Gebiet

Einmal hörte ich einen Witz: „Ich möchte in der DNR leben, doch nur wie man es im Fernsehen zeigt.“ Sehr viel Potjomkinsche Dörfer, sehr viel bemühter Patriotismus. Wurde eine Veranstaltung durchgeführt, muss diese unbedingt im Fernsehen gezeigt werden.

Doch in Wirklichkeit ist nicht alles so wunderbar.

Beispielsweise gibt es kein Bankensystem. Früher konnten wir etwas per Internet bestellen, per Karte bezahlen. Jetzt ist nur Bargeld im Gebrauch. Einige erhalten ihre Löhne auf die Karte und können sie am Bankautomaten abheben – und das ist das gesamte Bankensystem. Kredite werden übrigens ebenso nicht vergeben.

Die Ausgangssperre ist in unserer Stadt von 11 Uhr abends bis 5 Uhr morgens. Erwischt man dich in dieser Zeit, wirst du aufs Revier zur Klärung der Identität mitgenommen.

Zur Zeit ist es praktisch unrealistisch einen [ukrainischen] Reisepass zu bekommen, dafür muss man in die Ukraine reisen. Das Gleiche, wenn man eine [neue] Fotografie in den Pass kleben muss. Besonders fürchten sich Männer vor der Ausreise, dass man sie in die ukrainische Armee einziehen könnte oder als Verräter ansieht und für Separatismus in den Knast steckt. Obgleich über die Ukraine bereits keine Mythen, Horrorgeschichten mehr im Umlauf sind.

Wohnungen sind billiger geworden. Es gibt sehr wenig Arbeit. Einige Fabriken sind geschlossen, einige arbeiten gerade so – mit Viertagewoche. Dementsprechend sind die Löhne.

Daher gehen die Leute in die Kopanki (illegale Schächte). Dort ist es gefährlich, doch dafür kann man die ganze Zeit gutes Geld bekommen.

Päckchen kann man jetzt nur nach Russland schicken.

Gerade gibt es praktisch überhaupt keine bewaffneten Leute in der Stadt. Anfänglich, 2014, liefen sie mit Waffen, es gab Patrouillen. Das waren unsere, einheimische. Man gab ihnen eine Uniform, Sturmgewehre und schon waren sie harte Kämpfer.

Bei der Stimmung gibt es keine Eindeutigkeit. Es gibt solche, die waren zufrieden, glaubten an die helle Zukunft und jetzt haben sie begriffen und beginnen enttäuscht zu sein. Doch die Hauptmasse der Leute sagt: „Hurra, Russland.“

Die Einwohner des Donbass sagen, wie mir scheint, bereits nicht mehr, dass sie in die Ukraine wollen. Bei den Leuten herrscht jetzt so eine Stimmung: Wozu braucht uns die Ukraine? Produktion gibt es bei uns praktisch nicht, ukrainische Renten werden seit langem nicht gezahlt.

Doch bei mir glimmt noch eine schwache Hoffnung, dass wir dennoch in die Ukraine zurückkehren. Eine sehr schwache.

***

Menschen zu finden, die ehrlich über das Leben in den besetzten Gebieten des Donbass berichten, war wirklich nicht einfach. Fast alle meinen, dass ihre Telefone abgehört werden können, daher ist es bereits zur Gewohnheit geworden, nichts überflüssiges zu sagen. Nach einem Dutzend Absagen gibt es bereits keine Zweifel mehr – diese Menschen sind eingeschüchtert.

12. Juni 2019 // Julija Worona

Quelle: Ukrajinska Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 2812

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