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Der Journalist und Publizist, Häftling der „Donezker Volksrepublik“ Stanislaw Asjejew: „Mein Traum ist es, alles zu vergessen“

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Stanislaw Asjejew ist Journalist und Publizist.

2021 erhielt er für seine Textsammlung „In Isolation“ den Schewtschenko-Preis. [Höchste Literaturauszeichnung der Ukraine. A.d.R.]

Ende 2019 wurde er aus der Gefangenschaft der „Donezker Volksrepublik“ entlassen. Er war 31 Monate in Gefangenschaft. Die meiste Zeit verbrachte er im „Isolazija“, wo die Militanten ein Gefängnis errichteten.

Übrigens war „Isolazija“ vor dem Krieg ein wichtiges Kulturzentrum der Stadt Donezk. Davor eine Fabrik für wärmeisolierende Materialien. Jetzt, nach fünf Jahren in Kyjiw, hat sie ihren Standort gewechselt und ist nach Soledar [im Donezker Gebiet] umgezogen.

Nach seiner Freilassung beschrieb Stanislaw Asjejew seine Erfahrungen im Gefängnis, die Einheimischen und ihre Henker in dem Buch „Der helle Weg. Die Geschichte eines Konzentrationslagers“. Es enthält Texte, die während der Gefangenschaft erstellt wurden, es gelang ihm, sie nach der Freilassung aus dem Gedächtnis wiederherzustellen.

Stanislaw Asjejew: "Switlyj schljach" - Verlag Staroho LewaQuelle: starylev.com.ua

Einer der Kontrapunkte dieses Textes ist das „Gebet eines Atheisten“ mit den Worten „Gib Gott, dass ich nicht gleichgültig werde.“

Beginnen wir mit Erinnerungen an die Schewtschenko-Preisverleihung. Das Finale deiner Rede mit den Worten „Ihr habt verloren“ hat mir sehr gut gefallen. Wer hat verloren?

Verloren haben diejenigen, die mich verhaftet und aus ‚Isolazija‘ mitgenommen haben, um eine Videopräsentation des Buches meiner Artikel ‚In Isolation‘ zu zeigen.

Diejenigen, die sagten, dass ich allen in der Ukraine egal bin.

Und diejenigen, die sagten, dass man mit meinem Buch und mir Geld verdient hätte – obwohl das Buch kostenlos verteilt wurde.

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Diejenigen, die sagten, dass mich eine Woche nach meiner Entlassung alle vergessen würden.

Als ich während der Zeremonie auf der Bühne stand, erkannte ich, dass all diese Leute… nein, ich würde nicht sagen, dass sie falsch lagen, denn ich glaube nicht wirklich, dass sie glaubten, was sie sagten – sie sagten das zu jedem. Als ich auf der Bühne stand, dachte ich, dass alle diese Leute verloren haben.

Erzähl uns ein bisschen mehr über dieses Video. Wie war es, was war das für ein Video, wie wurde es dir gezeigt?

Es ist ziemlich ungewöhnlich. Dieselben ‚Geheimdienste‘, die mich verhaftet haben, haben mich von ‚Isolazija‘ ins Zentrum von Donezk zum Gebäude des sogenannten ‚Ministeriums‘ in der Schewtschenko-Straße 26 gebracht.

Sie haben das Internet eingeschaltet und vorher gefragt, ob ich ein Buch ‚In Isolation‘ veröffentlicht hätte. Ich antwortete, nein, ich habe kein solches Buch.

Sie zeigten mir zuerst ein Foto dieses Buches, auf dem auf dem Cover stand: Stanislaw Asjejew ‚In Isolation‘. Da ich nicht verstand, worum es ging, sagte ich, dass ich kein solches Buch geschrieben hätte.

Und dann drehten sie ein Video mit einer Geschichte über seine Präsentation in Kyjiw, bei der Iryna Heraschtschenko [damals für den Gefangenenaustausch zwischen Kyjiw und Donezk/Luhansk verantwortliche Politikerin, A.d.R.], die damalige Botschafterin der USA in der Ukraine, und viele andere Politiker und Menschenrechtsaktivisten anwesend waren.

Dann erklärten sie mir: ‚Dort wurden einige Ihrer Artikel in einer Sammlung gesammelt und werden nun verkauft.‘

Dann wurde mir klar, was für ein Buch das ist. Und ich sagte, dass ich natürlich dieses Buch geschrieben habe – und deshalb sitze ich in der ‚Isolazija‘. Schließlich erhielt ich wegen all dieser schriftlichen Texte die Anklage und die Freiheitsstrafe. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich persönlich an der Erstellung der Veröffentlichung mitgewirkt habe.

Das hat sie sehr getroffen. Sie sagten, dass ich jetzt ein Interview geben werde, bei dem ich sagen muss, dass ich nichts über dieses Buch weiß, dass ich es nie geschrieben habe und ich nicht weiß, ob das wirklich meine Aufsätze sind. All dies geschah nach der Geschichte des Hungerstreiks, also war es notwendig, etwas darüber zu sagen.

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Alles endete mit einem ‚Interview‘ für Sladkow von Rossija24 [russischer staatlicher Nachrichtensender, A.d.R.], in dem ich zumeist nicht über das Buch sprach, sondern darüber, dass ich ein Spion war.“

„Wie hast du dich gefühlt, als du das Video mit der Präsentation gesehen hast?“

„Ich war sehr froh, dass ich nicht vergessen wurde. Und dass die Kampagne für meinen Fall international läuft. Und deshalb bin ich sogar gerne in die ‚Isolazija‘ zurückgekehrt.

Siehst du, jedes Mal, wenn ich zum Verhör genommen wurde, war es eine Freude. Immerhin war es möglich, durch Donezk zu fahren.

Und wenn du dir die Tüte vom Kopf nehmen durftest, schautest du dir sogar mal die Stadt an. Sogar durch die Risse im geschlossenen Transportwagen war etwas zu sehen.

Jedes Verhör dauerte eineinhalb bis zwei Stunden im Büro unter anderen Menschen, die dich bestimmt nicht anfassen.

Deshalb verursachte jede Rückkehr in die ‚Isolazija‘ bei mir Depressionsanfälle. Aber dieses Mal bin ich unglaublich glücklich zurückgekommen. Ich begriff, dass diese Informationskampagne der Schlüssel sein würde, damit ich nicht in diesen Gefängnissen ‚verloren‘ gehe und nicht 10–15 Jahre hier sitzen würde.“

„Es scheint sehr wichtig zu sein, zu erklären, warum es so wichtig ist, dass Gefangene wissen, dass sie nicht vergessen wurden.“

„Es ist psychologisch wichtig. Menschen, die in Gefangenschaft, im Keller, in der ‚Isolazija‘ sind, haben immer den Gedanken an Selbstmord. Sie denkt, dass sich niemand an dich erinnert. Das wird ihnen vom Ministerium für Staatssicherheit ständig gesagt – das ist ihr Leitmotiv.

Vom ersten Tag der Gefangenschaft an wurde mir gesagt, dass sich nur meine Mutter an mich erinnerte und dass sie ein oder zwei Monate hierher kommen würde und dann nicht, weil sie es nicht ertragen könnte. Andere würden mich nicht erwähnen, weil mich niemand braucht.

Wenn man nach Schlägen, Folter und solchen Worten in die Zelle zurückgebracht wird, ist das sehr bedrückend. Stattdessen bietet es einen starken psychologischen Schub zu wissen, dass man sich erinnert und um das um dich gekämpft wird.“

„Ich werde fragen, und du kannst auch einfach nicht antworten. Selbstmordgedanken – ist das etwas, dem du in Gefangenschaft begegnet bist?“

„Natürlich, auch ich hatte sie. Aber nicht nur ich. Mit wem ich auch immer über dieses Thema gesprochen habe, jeder sagte, er habe darüber nachgedacht. Ich denke, dass es unter diesen Bedingungen eine normale Reaktion ist, im Gegensatz zu den üblichen Bedingungen, wenn du frei bist.

Nach vielen Stunden der Folter oder während der Folter, wenn du jede Nacht ein oder zwei Wochen hintereinander gefoltert wirst, kommen natürlich Selbstmordgedanken auf.

Eine andere Sache ist, wie man diese Gedanken in etwas Vernünftiges umwandelt. Was tun, um nicht vom Denken zum Handeln überzugehen.

Die Methode, Texte zu schreiben, hat mir geholfen. Ich begann mit einem Bleistift zu schreiben, den ich unter einem Treppenabsatz im Staatssicherheits-Gebäude fand – zusammen mit einem Papphefter.

Es war irrational zu schreiben – ich wusste nicht, ob ich leben würde oder nicht. Außerdem hätte ich nicht gedacht, dass eines Tages ein Buch dabei herauskommen würde. Aber ich musste alle meine Gedanken rationalisieren und in eine formale Form übersetzen und dann noch einmal lesen, analysieren, nachdenken.

Ich verstehe, dass nicht jeder schreiben kann. Eine andere Möglichkeit ist Sport, so absurd das klingen mag. Auch im Keller, auch nach der Folter, habe ich, nachdem ich mich etwas zurückgezogen hatte, angefangen, Sport zu treiben. Ich begann in der Einzelzelle zu laufen und Liegestütze zu machen. Und das entspannt.“

„Wir werden noch über das Schreiben und das Buch sprechen, und jetzt möchte ich das Thema deiner Rede bei der Preisverleihung beenden.

Ich stand auf der Bühne, hörte deiner Rede zu und ertappte meine eigenen Gefühle bei dem, was ich in deinen Worten hörte – Wut, Verlangen nach Rache…

Sind solche Emotionen deiner Meinung nach beim Nachdenken über Krieg fruchtbar? Um über die Erfahrung der Gefangenschaft hinwegzukommen?“

„Die von dir geäußerten Emotionen sind ein Teil meines Lebens, im Moment stören sie nicht sehr. Aber das Hauptziel meines Lebens ist es, all diese Emotionen und dieses Thema loszuwerden.

Es ist viel einfacher, das Thema loszuwerden. Ich kann mich von ‚Isolazija‘, Gefangenen, dem Thema Menschenrechte lösen und anfangen mich mit Ökologie zu beschäftigen, die ich zunehmend als zukünftiges Mittel der Selbstverwirklichung betrachte.

Aber jeden Tag stoße ich auf dieses Thema in meinem Kopf. Denn ich bin immer noch bei diesem Thema – dem Thema ‚Isolazija‘. Ich verstehe, dass meine Mission noch nicht beendet ist. Meine Mission ist es, ‚Isolazija‘ zu schließen. Dazu muss ich mein Buch in englischer Sprache für die breite Öffentlichkeit veröffentlichen, was noch nicht geschehen ist.

Aber im Allgemeinen sollte sich ein Mensch, wenn er frei sein möchte, so wenig wie möglich an die Gefangenschaft erinnern. Ich minimierte meine Kommunikation mit anderen entlassenen Gefangenen.

Wir kommunizieren nur in einem förmlichen Kontext, da die Prozesse gegen Braschnikow, einen der Angeklagten im Fall von ‚Isolazija‘, begonnen haben.

Mein Traum ist es, das alles zu vergessen.“

„Kann man wirklich vom Thema Gefangenschaft und ‚Isolazija‘ Abstand gewinnen?“

„Heute nicht. Aber im Allgemeinen halte ich es für möglich, wenn du dein Leben radikal änderst oder sogar dein Wohnsitzland für eineinhalb Jahre wechselst.

Das kann man in der Ukraine nicht vergessen, denn es herrscht immer noch Krieg. Selbst wenn ich die Fernsehkanäle zu Hause wechsle, werde ich mich daran erinnern und darüber nachdenken.“

„Du schreibst über den Wunsch nach Rache im Buch ‚Der helle Weg‘. Wenn Rache – dann an welche Adresse?“

„Für mich ist Rache keine Abstraktion. Ich spreche von bestimmten Personen aus der Verwaltung von ‚Isolazija‘. Heute kennen wir ihre Nachnamen. Ich kann fast alle benennen.

Ich spreche nicht von allgemeiner Rache am System oder Wladimir Putin – über sie urteilt die Zeit. Die Geschichte hat gezeigt, dass Diktatoren, die an Kriegsverbrechen beteiligt sind, sehr selten Haftstrafen und Strafen während ihrer Lebenszeit erhalten.

Auf der anderen Seite können gewöhnliche Akteure, die isoliert auf einer horizontalen Ebene stehen, sehr reale Strafen erhalten. Mir ist wichtig, dass diese Leute durch den Informationslärm, den ich erhebe, zumindest einige Probleme haben.“

„Du sagtest, dass du die Kommunikation mit anderen entlassenen Häftlingen einzuschränken bemühst.

Kann man also die Seite einfach umblättern? Ist es überhaupt einfach – so auszuscheiden, sich weniger zu begegnen?“

„Das kann ich nicht beantworten, da ich dieses Ziel noch nicht einmal erreicht habe.

Ich und ‚Isolazija‘ sind im Moment fast dasselbe. Alle meine Interviews in der Ukraine und im Ausland sind dem Thema ‚Isolazija‘, Folter und Kriegsverbrechen gewidmet. Nach meiner Entlassung verschmolz mein Leben mit diesem Thema. Ohne sie existiere ich gewissermaßen nicht.

Wenn man in die Zukunft blickt, kann man zu etwas anderem wechseln und aufhören, dieses Thema zu kommentieren. Du kannst ganz aufhören, mit Leuten zu kommunizieren, die die gleiche Erfahrung gemacht haben…

Wir haben uns kürzlich aus formellen Gründen mit einem der freigelassenen Gefangenen getroffen. Und ich habe erfahren, dass sich einige von ihnen regelmäßig in Kyjiw treffen, gemeinsame Abende verbringen, sich erinnern, wer wie gefoltert wurde. Ich verstehe das nicht und halte es für nicht richtig.“

„Was wäre richtig?“

„Ich weiß nicht. Alles ist sehr individuell.

Jemand wandte sich an einen Psychologen. Einige Leute begannen nach der Gefangenschaft zu trinken – es wurde für sie ein Mittel zur Rehabilitation, obwohl es sehr zweifelhaft ist.

Ich trinke nicht, aber ich war einmal bei einem Psychologen, und das hat mir nicht so gut gefallen, weil mir der Mensch Fragen gestellt hat, die ich im zweiten Studienjahr in Allgemeiner Psychologie gehört habe.

Für mich war die Rehabilitation also ein Buch. Darin habe ich mir die richtigen Fragen gestellt – insbesondere im Abschnitt zur posttraumatischen Belastungsstörung.

Ja, jeder ist anders. Aber aus meiner Erfahrung würde ich empfehlen, aus diesem Bereich wegzugehen und auf andere Aktivitäten umzusteigen – auch im Gespräch, auch mit der Familie.“

„Kürzlich habe ich ein Buch von Mikołaj Grynberg gelesen ‚Ich mache Auschwitz verantwortlich‘, das sich dem Leben der sogenannten zweiten Generation widmet, den Kindern von Holocaust-Überlebenden.

Es beschreibt verschiedene Strategien für den Umgang mit dem Trauma und seinen Folgen, aber es gibt zwei Hauptstrategien – entweder Stille und Verschweige dieser Erfahrung gegenüber den Kindern oder aktives Sprechen, sich als Zeuge zu verstehen, der Zeugnis abzulegen hat. Welche Strategie liegt dir näher?“

„Für zukünftige Generationen und rein politisch korrekt ist die zweite Strategie. Es ist wichtig zu erzählen, was passiert ist, um diese Erinnerung zu bewahren.

Aber für mich persönlich ist die erste Strategie wünschenswerter. Mir scheint, dass Menschen, die ständig über das Trauma sprechen, sich verstecken – während sie noch leben.

Ich finde es nicht angenehm, nach Auschwitz laut über Auschwitz nachzudenken – vielleicht ist es nur eine Katastrophe für die Psyche dieser Leute. Aber wenn sie dies als eine tiefe Bedeutung für zukünftige Generationen sehen und bereit sind, dafür ihr Leben zu opfern…

Eineinhalb Jahre nach meiner Entlassung fühle ich mich schon wie eine Zitrone ausgepresst. Ich weiß nicht, was von mir übrig bleibt, wenn ich mein ganzes Leben so weitermache. Ich glaube nicht, dass ich dazu bereit bin.“

„Wir werden weiterhin über diese Erfahrung sprechen, aber aus der Sicht der Zivilbevölkerung, der sogenannten ‚einfachen‘ und ‚kleinen‘ Bürger. Was ist ihre Rolle und Verletzlichkeit unter der Besatzung [Im Regierungsgebiet werden die unter Separatistenkontrolle stehenden Gebiete als von Russland besetzt bezeichnet. A.d.R.]?“

„Ich hatte gestern gerade ein Interview mit einer belarussischen Journalistin und Bloggerin darüber. Ich sagte ihr, dass die Menschen in den besetzten Gebieten des Donbass bereits die Möglichkeit verloren hätten, zumindest etwas zu beeinflussen.

In diesem Interview sagte ich, dass Belarus langsam in diesen Zustand driftet. Zum Beispiel kann man sich in den besetzten Gebieten des Donbass theoretisch eine Kundgebung auf dem Leninplatz in Donezk von Leuten vorstellen, die mit etwas nicht einverstanden sind.

Eine solche Versammlung wird erstens überhaupt nicht beginnen und zweitens, wenn sie beginnt, wird es im [Verhör-]Keller enden. Es ist unwahrscheinlich, dass eine solche Versammlung groß genug sein wird, dass die örtliche Staatssicherheit sie nicht in den lokalen Waldgürteln verstreuen [heißt vergraben, A.d.R.] kann.

In Donezk und Luhansk ist die Opposition völlig verloren. Der Anteil der pro-ukrainischen Bevölkerung ist sehr gering, er ist ohnehin schon kritisch bedeutungslos und kann auf nichts Einfluss nehmen.

Es gibt entweder pro-russische oder anti-ukrainische Bürger. Dies ist an der Anzahl der dort ausgestellten und empfangenen russischen Pässe zu erkennen.[Der offiziellen Regierungspropaganda nach werden die Pässe den Leuten allerdings aufgezwungen. A.d.R.]

Dies wird auch durch die Zahl der Mitglieder der Armeekorps belegt. Sie behaupten 30.000 – 35.000 Angehörige zu haben, multiplizieren wir diese Zahl mit drei oder vier – mit der Anzahl ihrer Familienmitglieder.“ [Die bewaffneten Einheiten der Separatisten in Luhansk und Donezk wurden in der Kyjiwer Darstellung als zwei gesonderte Armeekorps in die Strukturen der russischen Armee eingegliedert, was die Behauptung unterstreichen soll, gegen die reguläre russische Armee und nicht gegen eigene Staatsbürger zu kämpfen. A.d.R.]

„Kann der Erhalt eines russischen Passes Teil einer Überlebensstrategie in der Besatzung sein und kein politischer oder ideologischer Akt?“

„Die Erlangung eines russischen Passes ist eine ideologische Position.

Niemand wird gezwungen, sich einen russischen Pass zu beschaffen, im Gegensatz zu den ‚DNR-Pässen‘, die jeder, der sogenannte ‚republikanische‘ [=staatliche] Stellen hat, sich besorgen musste.[Faktisch werden die Einwohner sowohl im Luhansker als auch im Donezker Separatistengebiet inzwischen zur Annahme der örtlichen „Staatsbürgerschaften“ gezwungen. A.d.R.]

Stattdessen waren russische Pässe, zumindest bis vor kurzem, nicht erforderlich. Sie gewähren keine besonderen Privilegien, im Gegenteil.

Zum Beispiel muss eine Person mit einem russischen Pass in der russischen Armee dienen. Außer Rentner, sie können möglicherweise eine russische Rente erhalten, aber ich habe von solchen Fällen noch nicht gehört.

400.000 russische Pässe, so lautet die offizielle Statistik. Nicht einmal alle Kämpfer haben die russische Staatsbürgerschaft erhalten, sie werden nicht dazu gezwungen.

Gleichzeitig wurde in den besetzten Gebieten bereits ein ‚Gesetzentwurf‘ ausgearbeitet, der die Rechte von Menschen diskriminiert, die nur die ukrainische Staatsbürgerschaft besitzen.

Insbesondere dürfen sie keine Immobilien verkaufen oder kaufen. Für diejenigen, die in den besetzten Gebieten verbleiben, ist es daher wahrscheinlich, dass bald andere Pässe nötig werden.“

„Was hält deiner Meinung nach die Zivilbevölkerung heute in den besetzten Gebieten? Warum gehen die Leute nicht?“

„Auf diese Frage habe ich eine einfache Antwort. Dies ist die Situation meiner Mutter und vieler unserer Bekannten.

Es gibt Leute, die nur hier, in Donezk oder im Gebiet Luhansk, Verwandte und Bekannte haben. Sie haben niemanden, zu dem sie gehen können.

Auch meine Mutter war an Großmutter gefesselt, die nicht einmal die Wohnung verließ, und es war technisch noch nicht einmal möglich, sie zu transportieren. Meine Mutter hätte sie natürlich nicht verlassen, und blieb in dieser Gegend bis zum Tod der Großmutter.

Selbst wenn Sie 50–60 Jahre alt sind und keine älteren Eltern haben, können Sie eine Wohnung beispielsweise in Makijiwka verkaufen, und Sie bekommen Kopeken, für die es unmöglich ist, eine Wohnung in einer anderen Region zu kaufen.

Die Leute können einfach nirgendwo hin, und ich spreche noch gar nicht vom Mangel an Arbeit und anderen infrastrukturellen Nuancen.“

„Hat sich deine Einstellung zu Donezk in dieser Zeit geändert?“

„Ich würde nicht sagen, dass sich das geändert hat.

Donezk ist für mich ein Bild im Nebel. Eine Stadt, die ich immer mehr vergesse.

Manchmal versuche ich, mich an den Ort zu erinnern, an dem ich vor der Verhaftung gelebt habe, und bis jetzt gelingt mir das. Obwohl ich mich an die Parallelstraßen, in denen es einen Laden und andere Orte gab, zu denen ich gegangen bin, ich mich ohne Google Maps nicht erinnern kann.

Ich habe Donezk nicht mehr gesehen, seit ich gefangen genommen wurde. Ich erinnere mich, dass diese Stadt immer mehr verschwindet. Besonders traurig ist, dass ich auf den Fotos, die mir im Internet begegnen, nicht mehr alle Orte wiedererkenne.

Ich habe nichts gegen die Stadt, das wäre absurd. Aber ich vergesse sie allmählich.“

„Möchtest du eines Tages dorthin zurückkehren und dich selbst davon überzeugen?“

„Nein.

Ich verstehe, dass Donezk keine Geisterstadt sein wird. All jene Menschen, die sich über meine Haft gefreut haben, die das ganze Regime und die Separatisten unterstützt haben, werden dort bleiben. Wenn wir die Flagge der Ukraine an der staatlichen Regionalverwaltung von Donezk aufhängen, werden diese Leute nicht verschwinden.

Es wäre mir unangenehm, durch die Straßen zu gehen und zu erkennen, dass die Leute um mich herum mich und die Ukraine hassen können.“

„Gab es viele solcher Menschen unter deinen Bekannten, Freunden, Kollegen?“

„Sehr viele. Vielleicht habe ich einfach so viel Glück und meine Umgebung kann nicht als repräsentative Stichprobe angesehen werden. Aber fast alle unterstützten die Besatzung und Russland.

Alle meine Altersgenossen, mit denen ich aufgewachsen bin – 21 Leute aus meinem Haus in Makijiwka – traten den Einheiten der Militanten bei oder gingen zu den Kosaken und kämpften gegen die Ukraine.

Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, nach Makijiwka zurückzukehren, wo meine Verwandten leben.

Schon auf dem Weg zum Eingang würde ich auf jeden Fall einen der Nachbarn treffen. Vor der Gefangenschaft sprachen sie mit mir, weil sie meine Ansichten nicht kannten – obwohl sie wussten, dass ich nicht zu den Separatisten ging. Und jetzt kann ich mir nicht vorstellen, wie man sich die Hände schütteln könnte.“

„Kürzlich wurde ein Gesetz über Kriegsverbrechen verabschiedet. Hast du dieses Dokument wahrgenommen? Wird es dazu beitragen, die Straflosigkeit zu überwinden und diejenigen, die Kriegsverbrechen schuldig sind, effektiver zu verurteilen?“

„Ich habe es natürlich wahrgenommen. Seine Verabschiedung ist ein persönliches Verdienst von Olexandra Matwijtschuk und dem Zentrum für bürgerliche Freiheiten, die mit diesem Thema vertraut machten.

Natürlich ist dieses Gesetz sehr wichtig.

Erstens ist es aus technischer Sicht wichtig, weil es 20–30–40 Jahre erlaubt, die Jungs aus ‚Isolazija‘ vor Gericht zu bringen, denn Kriegsverbrechen haben keine Verjährungsfrist. [Die bisher noch von Kyjiw offiziell befürwortete Minsker Abkommen sehen eigentlich eine komplette Amnestie vor. A.d.R.]

Zweitens ist es politisch wichtig zu zeigen, dass die Kollaborateure, die gemeinsam mit Russland Verbrechen begangen haben, zur Rechenschaft gezogen werden und in der Freiheit im ukrainischen Staat keinen Platz haben.

Drittens ist dies in Bezug auf Rache wichtig, weil es erlaubt zumindest jemanden von ihnen zu bestrafen.“

„Wenn wir weiter über die Erfahrung der Gefangenschaft sprechen, ist die Erfahrung, das Durchgemachte in Texte zu verwandeln, unglaublich interessant.

Die Bücher ‚In Isolation‘ und ‚Der helle Weg‘ sind Augenzeugenaussagen, Zeugenaussagen, erlaube mir diese Tautologie. Aber diese Texte sind sehr unterschiedlich. ‚In Isolation‘ sind Kolumnen. ‚Der helle Weg‘ sind persönlichere und künstlerischere Texte über das Durchlebte.

Wie unterscheiden sich diese Texte für dich?“

„In Isolation‘ wurde von einer anderen Person geschrieben. Dieser Mann machte sich immer noch Illusionen über die Menschen. Er machte sich bereits keine Illusionen mehr über Russland, glaubte aber dennoch an eine glänzende Zukunft in diesen Gebieten nach der Befreiung. Aber der Mann glaubte, dass alles gut werden würde. Dies ist eine idealistische Farbe.

‚Der helle Weg‘ ist mein persönliches Gebet. Dieses ganze Buch ist ein Appell an etwas Transzendentes nach allem, was ich gesehen habe. In diesem Moment habe ich bereits alles erkannt, wozu wir Menschen fähig sind. Dieses Buch ist eine unbeantwortete Frage. Ich denke, es ist tiefer und ausdrucksvoller.

„‚In Isolation‘ ist eine Sammlung von Artikeln. Du selbst als Medienmensch gibst mir keine Chance, zu irren: Wir schreiben solche Texte mit dem Gedanken an die Leser, die Konsumenten unserer Medien.

‚Der helle Weg‘ ist ganz anders. Hast du bei der Erstellung dieses Textes an die Leser gedacht, die die beschriebene Erfahrung möglicherweise verstehen oder nicht?

„Nein, habe ich nicht gedacht. Du haben alles richtig gesagt, und deshalb ist das Buch so flehend und ausdrucksstark herausgekommen.

Es hat separate Abschnitte, die wie im Meditationsprozess erstellt wurden. Diese Texte richten sich nicht an Menschen, sondern an die zukünftige Situation.

Bildlich gesprochen ist dieses Buch nicht für Leser gedacht, sondern für Gott… wenn ich an ihn glauben würde.“

„Lesen die Leser des Buches das heraus, was du sagen wolltest? Was hört man in den Rückmeldungen?“

„Wir nähern uns jedem Buch vom Standpunkt unserer eigenen Bildung aus. Menschen, die ‚Der helle Weg‘ lesen, müssen über bestimmte geisteswissenschaftliche Grundlagen verfügen, um zu verstehen, worüber sie sprechen.

Ich meine nicht, dass Sartre oder Kawabata dort erwähnt werden. Nur einige Dinge werden nur denen klar sein, die die europäische humanitäre Tradition kennen.

Dieses Buch ist schon in seiner Struktur eine Auseinandersetzung mit Victor Frankl und seinem Text ‚… trotzdem ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager‘. [EA Wien 1946; NA, Anm. d. Übers.]

Ich habe dieses Buch vor der Gefangenschaft und vor dem Krieg gelesen. Und auch in Gefangenschaft gelesen. Es war etwas Unglaubliches. Am zweiten Tag nach meiner Verhaftung gab mir Walerij Sokolow dieses Buch in der siebten Zelle. Es wurde von allen gelesen, die in ‚Isolazija‘ saßen. Von Zelle zu Zelle weitergegeben. Dieses Buch wurde wie ein Schatz aufbewahrt.

Ja, am zweiten Tag in ‚Isolazija‘ habe ich immer noch nicht verstanden, dass es sich um ein Konzentrationslager handelt. Und in ein paar Monaten war klar, dass ich mit einigen Dingen, die ich bei Frankl lese, argumentieren kann.“

„Erzähle uns über den Schreibprozess. Du hast angefangen, die ersten Seiten in der Zelle zu schreiben, als du einen Bleistift und einen Kartonhefter gefunden hast. Woher hattest du dann das Papier? Gab es genug Bleistifte?“

„Ich begann bereits im [Verhör-]Keller des sogenannten ‚Ministerium für Staatssicherheit‘ zu schreiben, wo ich einen Bleistift und den Hefter fand.

In diesen Texten ging es nicht um ‚Isolazija‘, weil ich damals nicht dort war. Die ersten Texte waren ausdrucksstark, ich schrieb darin nieder, was mich beunruhigte, Verhaftung, Verhör.

Als ich das nächste Mal verhört wurde, fragte ich, ob ich ein Blatt Papier haben und etwas Abstraktes schreiben könnte, nicht über sie, nicht über das ,Ministerium für Staatssicherheit`, ohne Rufnamen. Ich fand heraus, dass ich nachts schreiben und meine Erfahrung irgendwie formalisieren müsse, um nicht verrückt zu werden. Diese ‚Einsatzkräfte‘ interessierten sich überhaupt nicht dafür. Mir wurde gezeigt, wo Papier lag, und ich nahm 15 oder 20 Blatt mit.

Ich erinnerte die Kellerwachen immer wieder daran, dass die ,Ermittler das erlaubt haben`. Also schrieb ich ruhig im Keller.

Als ich in die ‚Isolazija‘ gebracht wurde, nahm ich die Manuskripte mit. Ich hatte nichts als Manuskripte.

Bei Durchsuchungen habe ich ständig daran erinnert, dass ich Manuskripte habe und mir das im ,Ministerium` erlaubt wurde.

In der ‚Isolazija‘ wurde mir gesagt, dass es niemanden interessiert, also nahm ich die Blätter mit in die Zelle.

Drei oder vier Monate später, als ich mich von dem Schock erholt hatte und erkannte, wo ich war, begann ich wieder zu schreiben und sorgfältig zu beschreiben, was in ‚Isolazija‘ passierte – aus psychologischer Sicht. Ich nannte die Rufnamen nicht, ich drückte keine Aggression gegenüber der Verwaltung aus, aber ich beschrieb den psychischen Zustand der Gefangenen nach der Folter und ihre Art, damit in den Zellen zurechtzukommen.

Es dauerte anderthalb Jahre. Ich durfte dies nur tun, um mir bei der nächsten Durchsuchung alles wegnehmen zu dürfen.

Ich weiß, dass sie alles sorgfältig lasen, jedes Wort. Sie haben mir dann meine Texte zitiert.

Ich glaube, sie haben es getan, um in den Texten Gründe zu finden, mich erneut zu schlagen oder in den Keller zu werfen. Aber in den Texten fanden sie nichts dergleichen. Und sie haben mir verboten zu schreiben.

Ich wusste, dass mir diese Texte weggenommen werden würden, also lernte ich sie auswendig und wiederholte sie wie Gedichte, während ich stundenlang von Wand zu Wand ging. Alle Gefangenen gehen stundenlang in die Zelle, es gibt dort keine andere Unterhaltung.

Als mir das Schreiben verboten war, habe ich neue Texte nur gedanklich, in meinem eigenen Kopf, geschaffen. Als ich aus der ‚Isolazija‘ in das offizielle Gefängnis verlegt wurde, übertrug ich all dies innerhalb von zwei Tagen in ein normales Heft in der Untersuchungshaftanstalt.

Dann brachte ich dieses Heft in die Straf-Kolonie.

Und dann habe ich diese Texte für alle Fälle in Briefen von Bohdan Pantjuschenkos Frau versteckt, die mit mir in der 32. Straf-Kolonie in Makijiwka war. Dank Bohdan habe ich es geschafft, die Texte herauszubringen.“

„Ich habe auf deiner Social-Media-Seite einen Beitrag gesehen, in dem du jemandem eine Seite deines Manuskripts zum Zeichen der Erinnerung gegeben habst. Was war das für eine Geste? Was für ein Manuskript? Warum verschenkst du es?“

„Es war keine Geste, sondern eine Ausnahme. Ich habe nur 14 Manuskriptblätter – jeder Brief ist beidseitig beschrieben.

Auf beharrliche Bitten gab ich ein Blatt einem Kyjiwer Museum.

Das zweite Blatt überreichte ich dem Präsidenten von ‚Radio Svoboda‘, weil er, wie das gesamte ‚Radio Svoboda‘, eine große Rolle bei meiner Entlassung gespielt hat.

Übrigens habe ich genau das Blatt hergegeben, auf dem sich ein Text befindet, der in englischer Übersetzung veröffentlicht wurde.

Ich habe nicht vor, jemandem andere Blätter zu geben.“

„War es schade, ein solches Artefakt herzugeben?“

„Ja, schade. Aber es war notwendig für einen guten Zweck. Ich hoffe, die anderen Blätter bleiben bei mir, sie sind mir sehr wichtig.

Ich bin sehr besorgt über das Schicksal der Manuskripte, die ich in Gefangenschaft im Keller auf einem Papphefter angefertigt hat. Sie wurden mir weggenommen… Unter den Bedingungen, in denen ich mich damals befand, war solches Schreiben ein echter Akt für mich. Ich fand die Kraft, einen Bleistift und eine Mappe zu finden und zu schreiben.

An diese Texte erinnere ich mich nicht. Also für mich ist es ein wirklich großer Verlust.

Ich hoffe, diese Leute haben meine Manuskripte nicht weggeworfen. Vielleicht bekomme ich sogar eines Tages ein Angebot, ein Lösegeld zu zahlen für die Gelegenheit, diese Texte zu bekommen.“

„Worum ging es in diesen Texten? Erinnerst du dich an ihre Stimmung oder andere Merkmale?“

„So etwas wie ein Gebet in Prosa. Ich überlegte, ob es sich lohnte, in den besetzten Gebieten zu bleiben.

Vor meiner Gefangenschaft war ich dort zwei Jahre als Journalist und Publizist tätig. Und was habe ich davon gehabt? Ich dachte auch an meine Mutter. Ich wusste nicht, ob sie noch lebte.“

„Hast du heute eine Antwort auf die Frage, hat es sich gelohnt zu bleiben?“

„Nein. Um ehrlich zu sein, ist dies eine der Hauptfragen, obwohl sie weiter gefasst ist als die Frage, ob es sich gelohnt hat, zu bleiben.

Es stellt sich die Frage, ob alles vorbei ist – für mich persönlich und für die Menschen, die ‚Isolazija‘ nicht überlebt haben.

Wenn mir gesagt wird, dass ich nach der Gefangenschaft Auszeichnungen bekommen habe, Respekt in der Gesellschaft, jetzt jeder mich kennt, so ist alles wahr.

Aber auf der anderen Seite stehen die Menschen, die in der Zelle zurückgeblieben sind, die irgendwo unter den Abraumhalden in namenlosen Gräbern begraben wurden.

Man kann nicht sagen, dass Gefangenschaft eine positive Erfahrung ist, nach der man ein Buch veröffentlichen und den Schewtschenko-Preis erhalten kann. Es gibt immer Leute, die nichts tun konnten. Sie wurden wie Hunde getötet.

Ich habe also keine Antwort, ob ich diese Erfahrung brauchte.“

„Gibt es Dinge, die du nach der Erfahrung der Gefangenschaft nicht mehr ertragen hast?“

„Es gibt keine solche Sache. Im Gegenteil, es gibt Dinge, denen ich weniger Aufmerksamkeit schenkte, von denen ich weniger genervt wurde.

Ich achte zum Beispiel weniger darauf, wo ich wohne und auf das Drumherum. Ich habe sozusagen nur einen Löffel zu Hause. Ich habe genug, obwohl ich keine Gäste mit Borschtsch bewirten kann.

Ich lebe weiterhin asketisch und pragmatisch – wie die Menschen in Gefängnissen. Alles zur Hand ist funktional und hat eine bestimmte Bedeutung. Es liegt nichts ohne Grund im Regal. Obwohl es manchmal zu den absurden und lustigen Situationen kommt.“

„Nach deiner Entlassung wurdest du herzlich empfangen – gab es genug Unterstützung und Hilfe für den Start in ein neues Leben?“

„Von Verwandten und Freunden natürlich.

Ich wurde sehr stark von den Kollegen von ‚Radio Svoboda‘ unterstützt, sie gaben mir ein Notebook, mieteten mir für die ersten Monate eine Unterkunft… Unterstützt wurde ich von engen Freunden, die 2014 von Donezk nach Kyjiw gingen, Jehor Firsow, Olexij Mitassow…

Und natürlich meine Mutter. Trotz eines Gehalts von 8000 Rubel [circa 93 Euro] und trotz der Tatsache, dass zwei weitere Großmütter unterhalten werden mussten, brachte meine Mutter immer riesige Säcke mit Lebensmitteln zu ‚Isolazija‘, die mich aber fast nie erreichten.

Außerdem hat es meine Mutter all die Jahre geschafft, Geld zu sammeln, um all dieses Geld nach meiner Freilassung nach Kyjiw zu bringen.

Ich habe, wie alle anderen auch, nach wenigen Monaten 100.000 Hrywnja [circa 3.050 Euro] an finanzieller Unterstützung vom Staat erhalten. Ich habe es auch privat geschafft, eine Wohnung zu bekommen, dies ist eine Ausnahme, kein System staatlicher Unterstützung.

Zuerst, während des Treffens, hat mir Selenskyj dies versprochen, und dann, während des Treffens mit Jermak habe ich ihn daran erinnert – sonst hätte sich niemand an diese Wohnung erinnert.“

„Du hast bereits gesagt, dass du in Zukunft auf ein anderes Thema eingehen möchtest – das Thema Umweltschutz.
Wie siehst du dein zukünftiges Leben im Allgemeinen? Ich verstehe, dass die Frage abstrakt klingt. Aber vielleicht hast du dir schon einige ‚Flaggen‘ gesetzt.“

„Mit der Zukunft hat es bei mir nicht geklappt.

Das Ministerium für Staatssicherheit hat nur das getan, dass es die Zukunft aus uns herausgeprügelt hat, indem er uns überzeugt hat, dass wir keine Zukunft haben. Deshalb fällt es mir schwer, weitsichtige Pläne zu schmieden.

Aber ich interessiere mich für Umweltfragen, weil sie nicht egoistisch sind. Unsere Zukunft und der Zustand der Umwelt hängen davon ab, wie jeder von uns täglich handelt.

Dies ist ein Thema, das gut zeigt, wie unser persönliches Leben vom Leben anderer abhängt und wie diese anderen Leben beeinflusst werden.“

8. Juni 2021 // Iryna Slawinska, Produzentin von Radio Kultura, speziell für Ukrajinska Prawda Schyttja

Quelle: Ukrajinska Prawda Schyttja

Anmerkung des Übersetzers:

Der Band „In Isolation“ erschien Ende 2020 in der Übersetzung von Claudia Dathe und Sophia Onufriw bei edition.FOTOTAPETA, der Band „Der helle Weg“, dessen Titel Ältere an den maoistischen „Sendero Luminoso / Der Leuchtende Pfad“ erinnern könnte, wenn die Straße in Donezk nicht eher nach dem Lied „Brüder zur Sonne zu Freiheit, Brüder zum Licht“ benannt wurde, erschien unter dem minimal abgeänderten und stärker ironischen Titel „The Torture Camp on Paradise Street“ soeben in Lwiw ausschließlich für Diplomaten, übersetzt von Nina Murray und Zenia Tomkins. Die deutsche Übersetzung, an der hauptsächlich Martina Steis gearbeitet hat, wird bis spätestens November vorliegen im Verlag ibidem. Unter guten Bedingungen wird es im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse vielleicht eine Präsentation der beiden westeuropäischen Ausgaben geben können.

Übersetzer:    — Wörter: 5250

Christian Weise trägt seit 2014 übersetzend und gelegentlich schreibend bei zu den Ukraine-Nachrichten. Im Oktober 2020 erschienen von ihm zwei literarische Übersetzungen: Vasyl’ Machno, Das Haus in Baiting Hollow. Leipziger Literaturverlag und Yuriy Tarnawsky, Warme arktische Nächte. Ibidem, Stuttgart. Im Januar 2020 bereits erschien seine Übersetzung des Bandes Verfolgt für die Wahrheit. Ukrainische griechisch-katholische Gläubige hinter dem Eisernen Vorhang. Ukrainische katholische Universität, Lwiw.

Mit ukrainischen Themen ist er seit 1994 vertraut, als er erstmals Kiew und Lemberg besuchte und sich zunächst mit kirchengeschichtlichen Fragen beschäftigte. Wenn nicht Pandemien hindern, bereist er etwa fünfmal im Jahr die Ukraine.

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„Sowas hatte ich anfangs auch vor aber das hat sich einfach nicht gelohnt. Alte Kisten wollen sie in der Ukraine auch nicht haben, also Schadstoffklasse sollte stimmen. Und Zoll war damals auch sehr teuer....“

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„Wieso sollte Dorohusk besser sein? Das sind 200km mehr. Nach Odessa fährt man ja auch nicht bis Kyjiv sondern direkt nach Uman, also über Ternopil. je nach Tageszeit schlägt google und tomtom vor über...“

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„Hallo Robin, insoweit stelle doch mal präziser die Frage zu den angebotenen Routen, was wird vorgeschlagen und welche Varianten als Strecken werden empfohlen, dann kann man diskutieren und Dir aufgrund...“

„Hallo Frank, kenne die Strecke-/en nach Odessa nicht! Stellungnahme war nur zum Grenzübergang Dorohusk. Also bist Du definitiv der richtige Ansprechpartner wenn es um die Strecke geht.“

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