Am 2. Oktober 1976 schrieb ich im Arbeitslager WS 389/36 im Ural das Gedicht „Abschied von Russland“. Für mich war das damals ein ernstzunehmender Wendepunkt, sich von einer weiteren Illusion im Leben zu verabschieden. Mich schmerzte das, sogar sehr. Mit solch einem Schmerz das Leben verlassen zu müssen. Allerdings verabschiedete ich mich nicht von meinen russischen Freunden Wolodja Bukowskij, Wladlen Pawlenkow, Walerij Rumjanzew. Auch nicht von Tjutschew, Puschkin, Bulgakow und Platonow. Damals, 1976, schrieb ich den für mich sehr wichtigen Text „Filofejs Welt“, in dem ich rigoros und direkt mein Verhältnis zu den zwei Zweigen der Zivilisation beschreibe: zur russischen und europäischen.
Fast 40 Jahre sind mittlerweile vergangen. Vieles hat sich in meinem Land und in meinem Leben verändert, radikal verändert. Aber ich bin derselbe geblieben. Ein skeptischer Einzelgänger, dem jede Ideologie fremd ist, der Sachen direkt und auch auf Russisch anspricht. Ich lebe schon lange. So lange, dass ich nun sogar die merkwürdigen und unerwarteten Zeiten miterlebe, in denen unehrliche und sittenlose Menschen – für die ich als Bürger und Wähler gestimmt und sie damit in die höchsten Ämter des Landes gehoben habe –, laut und ernsthaft von einer europäischen Wahl sprechen. Klar, für die, die weder Tjutschew noch Platonow kennen, ist die Wahl einfach. Sie, die lebensfrohen, vom Volk isoliert lebenden Pragmatiker, werden dabei eine einfache und leicht nachvollziehbare Entscheidung treffen: Sie werden dort leben wollen, wo ihr Geld arbeitet (beziehungsweise auf welcher Bank es schlummert).
Ich möchte sehr gern in Europa leben. In einem satten, ruhigen und stabilen Europa. Ich möchte das, auch wenn ich weiß: So ein Europa existiert nicht. Was soll’s, ich bin bereit all die ernsten und tiefsitzenden Probleme auf mich zu nehmen, mit denen „Großmütterchen“ Europa , das von zwei schrecklichen Formen des Totalitarismus, dem deutschen und russischen, geprägt worden ist, heute konfrontiert wird. Ja, gerade von dem russischen. Das imperiale Böse des Nationalsozialismus war nicht nur deutsch. Deutschland hatte ideologische, politische und kriegerische Verbündete. Solche Verbündete hatte auch das stalinistische Russland. So etwas muss ausgesprochen werden, laut und oft. Das ist der einzige Weg, um vom russischen postimperialen Trauma geheilt zu werden. Leider macht die gegenwärtige Führungsspitze Russlands gerade das genaue Gegenteil, öffnet frische Wunden, die beklemmende Phantomschmerzen hervorrufen.
Ich weiß, auch dort in diesem Europa werde ich ein Fremder sein. Fraglich, ob ich das freudige Erwachen in einer europäischen Ukraine überhaupt miterleben werde. Das kann noch seine 150 bis 200 Jahre dauern. Diese Frist hat uns ein bekannter britischer Experte gegeben, der unsere Vergangenheit und unsere Gegenwart gut kennt. Weil ich in die Zukunft meine russische Sprache mitnehme und Saltykow-Schedrin, Lermontow, Bulgakow und Platonow, Tjutschew und Fetom, weiß ich eines: Wir teilen mit Russland dieselbe Vergangenheit. Was soll’s, im Leben gehen nun mal nicht nur Menschen sonder auch Länder auseinander. Eine Scheidung bedeutet ja nicht gleich Feindschaft oder Hass.
Mir gefällt das Mythologisieren der ukrainischen Vergangenheit nicht. Für das bedrückende, blutige Böse in unserer Geschichte sind nicht nur Juden, Russen, Tataren und Kalmyken verantwortlich. In den Arbeitslagern beispielsweise waren ethnische Ukrainer nicht nur die Gefangenen. Nicht nur sie waren beim KGB. Noch heute sehe ich das sadistische Goldzahn-Lächeln des MWD-Hauptmanns Rak vor mir, das teilnahmslose Gesicht von MWD-Oberleutnant Tschajka, dem braven Autor erlogener Berichte, die allseits bekannten und unverblümten Lügen des KGB-Hauptmanns Utyro. Auch der Verwalter unserer Gesetze, General Fedortschuk, war ein ethnischer Ukrainer. All das muss in Erinnerung bleiben. Auch, dass das UdSSR-Imperium die Nachfolgerin des bitteren, russischen und schrecklichen Zaren-Russlands war.
Auch vor 20 oder 30 Jahren bin ich nicht nach West-Europa abgehauen. Obwohl sich mir beneidenswerte Möglichkeiten boten. Nach Russland bin ich auch nicht abgehauen, wo mir romantisch eingestimmte, ehrliche Menschen (ja, die gab’s auch) aus dem Kreise Jelzins einen Direktoren-Posten an einem Moskauer Forschungsinstitut anboten. Schon damals hatte ich Angst vor dem zukünftigen Russland. Leider Gottes rückt es immer näher. Es ist schrecklich, sich die gegenwärtigen Filme anzugucken oder die TV-Nachrichten. Mir tun meine vielen russischen Freunde leid, die heute Fremde sind im eigenen Land.
21. Oktober 2013 // Semjon Glusman
Quelle: Lewyj Bereg



Forumsdiskussionen
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Gestern Freitagnacht auf Samstag, 2 Uhr Kiewzeit, habe ich bei Zosin/Ustyluh ins Klo gegriffen, ca. 12 bis 15 PKW und pro Einlas nur 5 PKW..., der weitere Ablauf bei den Polen, unerträglich langsam, das...“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Meine derzeitige Ein- und Ausreisestrategie sieht wie folgt aus, Einreise am Grenzübergang in Ustyluh, zuletzt beide Grenzen in 18 Minuten passiert, Lichtgeschwindigkeit. 1 Uhr in der Nacht (Kiewzeit)...“
Anuleb in Recht, Visa und Dokumente • Re: Verlängerung ukrainischer Reisepässe bei gesundheitlicher Einschränkung
„..... Mir liegen von meinen Eltern unterzeichnete Generalvollmachten in deutscher Sprache vor. ..... Grundsätzlich wirst du mit Vollmachten in deutscher Sprache bei einem ukrainischen Konsulat nicht weit...“
kasamb in Recht, Visa und Dokumente • Re: Verlängerung ukrainischer Reisepässe bei gesundheitlicher Einschränkung
„2016? Sorry, ich meinte 2026“
Frank in Recht, Visa und Dokumente • Re: Verlängerung ukrainischer Reisepässe bei gesundheitlicher Einschränkung
„2016? Das Konsulat ist doch in Hamburg. Warum rufst dort nicht an?“
kasamb in Recht, Visa und Dokumente • Verlängerung ukrainischer Reisepässe bei gesundheitlicher Einschränkung
„Sehr geehrte Damen und Herren, meine Eltern sind ukrainische Staatsbürger und leben seit 2008 mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg. Im Juni 2016 läuft...“
YbborNhurg in Hilfe und Rat • Mit ukrainischer Frau unter einem Dach
„Hallo an ALLE, ich vermute meine Beteiligung hier entspricht nicht meinen Erwartungen und Hoffnungen. Mein Anliegen war in Erfahrung zu bringen,was ich beachten muss,wenn ich mit einer ukrainischen Frau...“
volontaer45 in Ukraine-Nachrichten • Re: Wegen des Starts einer russischen MiG wurde in der gesamten Ukraine ein Luftalarm ausgerufen
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Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Hallo Lev, habe das im Internet gefunden, Probleme ist wohl die Grenzkontrolle ohne EU Pass, dann wird es eine Warterei von 2h..., Mein Browser hat mir das automatisch auf Deutsch übersetzt.“
lev in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Hat eventuell jemand hier im Forum, Erfahrung mit der neuen Zugverbindung und dem Umstieg in Przemyel ?“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Zuletzt war ich zweimal kurz hintereinander in Ustyluh/Zosin im Röntgenapparat (Polen), kostet halt jedes Mal auch noch ca. 15 - 20 Minuten..., das nervt. Nach Kiew würde ich ebenfalls die "nördliche"...“
Frank in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Kowel-Sarnyj-Korosten-Kiew, weil wesentlich weniger Verkehr als die A4-Route im Süden. Ach die Strecke kann man normal fahren? Da ist nur der Grenzübergang Dorohusk nicht möglich.“
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: Wegen des Starts einer russischen MiG wurde in der gesamten Ukraine ein Luftalarm ausgerufen
„Das macht ihn noch lange nicht zu einer Art Untermenschen.“
Frank in Ukraine-Nachrichten • Re: Wegen des Starts einer russischen MiG wurde in der gesamten Ukraine ein Luftalarm ausgerufen
„Das hat sich spätestens erledigt seitdem "die Russen" ein Teil der Russen von damals hinterhältig überfallen hat. Und ein Teil der Russen von damals über "den Russen" von heute genauso denkt. Heisst...“
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: Im vergangenen Jahr haben die Ukrainer ab 2022 eine Rekordzahl neuer Autos gekauft
„In diesem Zusammenhang würde mich ja Mal interessieren welche Rolle E-Autos in UA unter den derzeit herrschenden Bedingungen spielen ?“
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: Wegen des Starts einer russischen MiG wurde in der gesamten Ukraine ein Luftalarm ausgerufen
„Gerade wir als Deutsche sollten uns jetzt hüten wieder in alte verhängnisvolle Denkmuster gegenüber "den Russen" zu verfallen !“
Frank in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Ja das könnte passen. Der stand da mitten im Wald auf der Strasse mit der Kalaschnikow um den Hals. Da waren es noch paar km bis zur Grenze. Hatte da nur den EU-Pass gezeigt, hat er mich durch gewunken....“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Bin erst 2025 das erste Mal bei Uhryniv über die Grenze, der Blockposten ist Schätzungsweise 7 Kilometer von der Grenze weg. Ansonsten lässt sich noch vermuten ggf. Gibt da was in der Nähe, dass gerne...“
Frank in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn. Uhryniv .... Ist das nicht der wo Armeeposten...“
Bernd D-UA in Ukraine-Nachrichten • Re: Wegen des Starts einer russischen MiG wurde in der gesamten Ukraine ein Luftalarm ausgerufen
„"RESPEKT " ist vermutlich das "Fremdwort" schlechthin für einen Russen. Meine Erwartungshaltung wurde " leider " nicht enttäuscht, faschistisches Russenpack, ist bleibt was es ist, ein Haufen voller...“
Frank in Ukraine-Nachrichten • Re: Wegen des Starts einer russischen MiG wurde in der gesamten Ukraine ein Luftalarm ausgerufen
„Wieso Respekt? Werden die Russenfaschisten mit Absicht gemacht haben - wie kann man auch die Feiertage wie im Westen nutzen ....“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Ja, das ist interessant, eigentlich sollen ja mit unter, Männer vor der Annäherung zur Grenze abgehalten werden und natürlich dann die Flucht außer Landes. Du hast recht, im Sommer hatte ich in Astey...“
Bernd D-UA in Ukraine-Nachrichten • Re: Wegen des Starts einer russischen MiG wurde in der gesamten Ukraine ein Luftalarm ausgerufen
„War über die Feiertage in der Ukraine in Luzk bei der Familie, die Russen sind schon blöde Arschlöcher, Luzk als Stadt zählt meiner Ansicht nach auch eher noch zu den ruhigeren Plätzen im Kriegsgebiet,...“
Obm100 in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Interessant, Blockposten gibt es an den anderen Grenzorten schon lange nicht mehr. Zumindest nicht in Budomierz oder Korczova, Astey, Kosun, Richtung Ungarn.“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Grenzübergang Urgyniw - Dolgobytschuw Wollte in der Nacht von Samstag 3.1.26 auf Sonntag 4.1.26 am Grenzübergang Urgyniw um ca 2 Uhr ausreisen, daraus wurde aber nichts, da wir am "Blockposten" - Kontrollpunkt...“
Anuleb in Ukraine-Nachrichten • Re: WSJ: US-Geheimdienst dementiert den Angriff auf Putins Datscha
„Was wohl die Russen davon halten, dass die Ukrainer beinahe schon nach belieben jede Raffinerie erfolgreich angreifen können, Putins Residenz aber so derartig gut gesichert ist, sodass sie angeblich 91...“
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: WSJ: US-Geheimdienst dementiert den Angriff auf Putins Datscha
„Was wohl die Ausgebombten aus Dnipro oder die Bauern im Kursker Gebiet denken wenn sie erfahren würden daß sich ihre Kriegsherren selbst gegenseitig nur mit Samthandschuhen anfassen ?“
Frank in Ukraine-Nachrichten • Re: WSJ: US-Geheimdienst dementiert den Angriff auf Putins Datscha
„Also bisher habe ich nichts davon gelesen dass es entsprechende Angriffe gab. Letztes Jahr gab es mal ein Ziel in der Nähe vom Präsidentenpalast. ... denke mal das läuft auf Gegenseitigkeit hinaus...“
Awarija in Ukraine-Nachrichten • Re: WSJ: US-Geheimdienst dementiert den Angriff auf Putins Datscha
„Mal ganz abgesehen davon daß dieses behauptete Ereignis vermutlich nur als Vorwand konstruiert wurde um sich vor ernsthaften Friedensverhandlungen drücken zu können: Putin scheint wohl ein schlechter...“