Die Bolschewiki mochten Fjodor Dostojewskijs Werk nicht. Für gewisse Zeit war es sogar verboten, ihn zu lesen. Wie hätte man auch dieses schwierige, destruktive Genie Dostojewski mögen können, den politischen Dissidenten in der Jugend, der Jahrzehnte später Reue zeigte und „Die Dämonen“ schrieb. Dies war aufrichtig gemeint, er schrieb diesen Roman nicht auf Anweisung und auch nicht auf „Empfehlung“ aus den Reihen der Gendarmerie. Es war nun mal ein verhältnismäßig weiche Epoche; sie erlaubte es allmählich und ohne äußeren Zwang, die eigenen Meinungen und Überzeugungen zu ändern.
Und dann schließlich, in dem ruhmreichen Jahr 1919, kurz nach der Revolution, finden wir in den „Geltenden Grundlagen des Strafrechts der UdSSR“ ganz ungeniert folgende Formulierung: „Das Recht ist ein System (eine Ordnung) der gesellschaftlichen Beziehungen, das den Interessen der herrschenden Klasse und seiner zu beschützenden Organisationsmacht dient.“ Einfach, klar und hart. Und dies, wie sich herausstellte, für lange Zeit. Sogar jetzt, ein Jahrhundert später, in einem völlig neuen, zuvor nicht denkbaren Staat, der Ukraine, leben wir eben nach diesem Ordnungsprinzip. Uns geht es nicht gut damit und daher beginnen uns von diesem schriftlich verankerten Rechtsprinzip (Gesetzgebung) zu befreien. Wir ändern das Gesetz, führen eine Justizreform durch. Doch ob das hilft…?
Zu den vorgeschlagenen Neuerungen gehört auch das Geschworenengericht. Es handelt sich um eine prinzipielle Neueinführung, da es von der Sowjetmacht komplett ausgemerzt worden war. Wie wäre es auch möglich gewesen, in einem Land Geschworenengerichte zu haben, in dem durch die aus Mitgliedern der sowjetischen Geheimpolizei bestehende „Gerichtstroika“ reihenweise Erschießungsbefehle erteilt wurden für verhaftete Personen, ohne dass sie diese überhaupt je gesehen haben. Und so kehren wir zu den Wurzeln, in die zivilisierte Welt zurück. Aber ich, von Natur aus ein Zweifler, bin auch hier skeptisch: kann in der heutigen posttotalitären Ukraine die Institution des Geschworenengerichts überhaupt zu fairen Gerichtsentscheidungen führen?
Das Urteil erfolgt letztendlich durch gewöhnliche Bürger. Ihre Meinung zählt mehr als die der hauptamtlichen Richter. Genau wie beispielsweise in der Schweiz, in Frankreich, in den USA. Aber wir leben in der Ukraine. Wo die überwiegende Mehrheit der Bürger im reifen Alter ein sehr spezifisches Rechtsbewusstsein hat, ein sehr spezifisches sowjetisches Rechtsbewusstsein. Der (oder die) Durchschnittsukrainer(in) wird also in den schwerwiegendsten Strafrechtsfällen urteilen, wird Entscheidungen fällen, die für das Gericht bindend sind. Dabei stellt sich die Frage, wer diese Personen sind, welche Rechtseinstellung und welches Verständnis von Gerechtigkeit sie haben.
Gesetzlich ist die Möglichkeit vorgesehen, eine Einigung zu erzielen, d.h. einen Vertrag zwischen dem Staatsanwalt und dem Verdächtigen zu schließen, oder auch zwischen dem Geschädigten und dem Verdächtigen. Dadurch verkürzt sich die Ermittlungsdauer in einem Straffall erheblich. Viktor Janukowitsch
Im Jahr 1974 bestellte ich mir in das politische Straflager, in dem ich saß, ein Taschenbuch mit grünem Einband. Ein äußerst aufschlussreiches Werk mit dem Titel „Rechtskultur und Fragen der Rechtserziehung“. Es handelt sich um eine Sammlung von Aufsätzen, in der ich unter anderem auch folgenden Aufsatz fand: „Die Charakteristik des Rechtsbewusstseins verschiedener Bevölkerungsgruppen“. In diesem Buch mit geringer Auflage, aber höchst behördlichem Charakter war auch eine recht interessante Statistik veröffentlicht. Einige Gedanken dieses Artikels lohnen sich auch heute, im Jahr 2012, kurz vor der Einführung des Geschworenengerichts in der Ukraine, zu bedenken.
“Aus Artikel 14 der Strafprozessordnung geht hervor, dass im Falle des Zweifels an der Schuld, d.h. bei Mangel an sicheren Schuldbeweisen, ein Freispruch erfolgt (Präsumtion der Unschuld/Unschuldsvermutung). Inwieweit sich die Bürger ihres Rechts (oder das Ihrer Umgebung) auf Schutz vor unbegründeten Angriffen auf Ehre und Freiheit bewusst sind, schätzen wir als Indikator für die Einhaltung dieser Grundsatzbestimmung ein, also als Indikator für die reale Existenz dieses Prinzips der Präsumtion der Unschuld. Es gab zur Überprüfung dessen eine gesonderte, in abstrakter Form gestellte Frage. Eine diesem Prinzip entsprechende Einstellung zeigte nur eine geringe Mehrheit der Befragten (57%)“. Wobei man nicht vergessen darf: es wurden nur Menschen in Moskau befragt. Zweifelsohne hätte die sowjetische Provinz, darunter auch die Ukraine, ein anderes Ergebnis erwarten lassen, d.h. noch weniger Übereinstimmung mit dem Prinzip der Unschuldsvermutung.
Ich möchte ein weiteres Zitat anführen. In einem der Fragebögen wurde die folgende Situation beschrieben: „In einem Bus wurde einem der Passagiere eine goldene Uhr gestohlen. Wenn sofort eine Durchsuchung aller Passagiere stattfände, würde die Uhr sehr wahrscheinlich gefunden werden. Was denken Sie dazu?“. Die Befragten gaben folgende Antworten: Die Hälfte (51,5%) äußerten eine positive Einstellung zu Massendurchsuchung, am meisten wurde sie in der Gruppe der Beschäftigten geduldet (59%), am wenigsten unter den Studierenden und Auszubildenden (44%). Wie würde eine derartige Befragung in der heutigen Ukraine aussehen, wo es nunmehr einen nicht geringen Anteil an Menschen mit persönlichem Besitz gibt, die zu vielem bereit sind, um ihren „hart erarbeiteten Besitz“ zu verteidigen? Wer weiß, ich habe eine derartige Untersuchung jedenfalls nicht finden können.
Niemand kann von der moralischen Verantwortung für die Mithilfe an einem Verbrechen enthoben werden, nur weil er zu der intellektuellen Überzeugung gelang ist, dass dieses Verbrechen ohnehin stattfinden würde. Semjon Glusman
Und noch ein Untersuchungsergebnis. Bei dem Vergleich von verallgemeinernden Indikatoren zu der Frage, inwieweit die Bürger das Strafgesetz befürworten im Vergleich zum Untersuchungsverfahren im Prozessrecht wurde festgestellt, dass die Kennzahlen bezüglich dem Befürwortung des Strafrechts um ein Vielfaches höher sind. Sogar um mehr als das Zehnfache höher. Offensichtlich schreibt das Bewusstsein der Masse der repressiven Seite des Gesetzes eine größere Signifikanz zu als der garantierenden. Die gesetzestreuen Bürger versetzen sich leichter in die Situation des Opfers als des Täters. Daher entsteht in einer Reihe von Fällen das Phänomen des „Prozessnihilismus“, wie z.B. eine negative Einstellung zum Recht des Angeklagten auf Verteidigung oder zur Unschuldsvermutung.
Bei all dem handelt es sich um soziologische Betrachtungen. Eine genaue Diagnose des Rechtsbewusstseins der sowjetischen Bürger begann in den 70-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Wie sehr haben wir uns seit dem verändert? Sind wir heute in der Lage, die Rechtsinstitute zu übernehmen und anzuwenden, die in anderen Ländern längst gebräuchlich sind? Zu meinem Bedauern fand ich in der ukrainischen Fachliteratur, weder in der soziologischen noch in der rechtswissenschaftlichen, keinerlei Verweis auf Studien ähnliche der oben angeführten. Ich fürchte bei uns hat wenig Veränderung stattgefunden. Genau deswegen, glaube ich, jede in der Ukraine eingeführte Reform, die nicht die Besonderheiten der ukrainischen Mentalität berücksichtigt, ist zum Scheitern verurteilt. Und genau deswegen glaube ich auch, ist jede Verfassungsreform zum Scheitern verurteilt, die uns ein absolut europäisches, demokratisches Modell zur Wahl des Staatspräsidenten durch das Parlament offeriert. Wir Ukrainer haben es immer noch nicht gelernt, die Parlamentswahlen ernst zu nehmen.
Wir sind durch und durch sowjetisch. Sogar unsere Jugend, die in der postsowjetischen Zeit aufgewachsen ist. Es sind erst 20 Jahre vergangen der 40, die für die Freiheit notwendig sind. Das ist keine Tragödie, damit kann und muss man leben. Es ist nun mal so. Es geht nur darum: Jede Reform sollte auch diese Realia berücksichtigen, die Realia des postsowjetischen Bewusstseins.
17.02.2012 // Semjon Glusman, Arzt und Mitglied des Kollegiums des Staatlichen Medizinischen Dienstes im Justizvollzug der Ukraine
Quelle: Lewyj Bereg




Forumsdiskussionen
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Bei Ankunft am Blockposten im Internet (nakordoni.eu) 4h Wartezeit und 40 PKW am Grenzübergang, einen Teil der Wartezeit sitzt man am Blockposten ab, die halten die PKW Warteschlange von dem eigentlichen...“
Frank in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Ich dachte z.B. Krakovetz hat diese Spur nicht, jedenfalls bin ich in 2025 mit allen anderen bei den Ukrainern durchgeschleust worden, anschließend bei den Polen EU Spur..“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„ Hallo julib77,
Bzgl. Ausreisen mit PKW nach Polen möchte ich Dir deutlich widersprechen, ich weiß nicht woher Du Deine Informationen beziehst.
Schau einfach hier einmal Thread nach "An welchem Grenzübergang geht's am schnellsten? Da musst Du nicht suchen, der steht derzeit auch immer weit oben. Auch wenn wir da, nur über die Abläufe und die Wartezeiten berichten, findest Du nicht einen Kommentar darüber, dass Ukrainer schlecht behandelt werden. (2025 bis heute, ca. 25 Ein- und Ausreisen)
Ich kann nur sagen, ich beobachte keinerlei Repressalien, ganz im Gegenteil, die Ukrainer werden respektvoll behandelt, ist stelle keinen Unterschied zu mir als Deutschen fest. Das einzig berichtenswerte ist, dass die meisten Ukrainer-Innen fotografiert werden, bei der Ein - und Ausreise. Dieser Vorgang läuft professionell ab, ich kann dabei keine "Erniedrigung " beobachten, es wird gelacht und gescherzt dabei und die Frauen richten ihre Haare etc. Damit es ein 'schönes" Bild gibt.
Bzgl. Ungarn kann ich nur von einer Einreise berichten in 2025 (noch unter Orban), an dem mir sehr gut bekannten Grenzübergang "Lushanka" (Berehove HU), die Ausreiseseite kann man beobachten, ich kann nichts berichten, d.h. für mich normale Abläufe bei der Ausreise, wie auch bei der Einreise. Normale PKW Schlange, ganz im Rahmen. Kurz um, mir ist damals nichts aufgefallen. Alles war SICHER, wie die letzten 70 Mal, als ich den Grenzübergang von 2004 an bis 2025 überquert habe. Ein- und Ausreise.
“
Bernd D-UA in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Ich werde am Sonntag ca. 12 Uhr auch wieder in Uhryniw Ausreisen. Dazu mal eine Frage, in Uhrnyiw gibt es ja die besagte EU-Spur, die ja durchweg bei den Ukrainern und den Polen die Ausreisezeit doch erheblich...“
julib77 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“
Awarija in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Ups, ja. Irgendwie war zwar die Rede von einem durchgängig buchbaren Fahrschein, aber das bedeutet in der Tat wohl nicht auch zugleich eine unterbrechungsfreie und bequeme Fahrt mit der Bahn. Schade“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“
Awarija in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“
Awarija in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„ Obwohl der Leo-Express angeblich seit Juni den Betrieb auf dieser Strecke aufgenommen hat wird die "Bahnfahrt" über Przemysl nach UA wohl noch lange Zukunftsmusik bleiben.
Wie zu lesen ist gibt es noch nichtmal für das polnische Streckennetz eine Zulassung so daß derzeit dort wohl noch mit Bussen gefahren wird.
“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„изображение.png изображение.png Da muß man wohl mit den Daten etwas herumspielen ... Da wird wohl noch nicht täglich gefahren. Trotzdem Danke.“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„
Ist korrekt, aber ich finde man hätte trotzdem im Text gleich darauf hinweisen können.War aber nicht "böse" gemeint ...
Bis jetzt sind die Tickets auch noch nicht auf der Webseite buchbar - warum auch immer ...
Hab´s versucht - bekomme aber immer angezeigt "auf dieser Strecke fahren wir nicht"
“
MHG1023 in Berichte und Reisetipps • Re: Mit dem Zug in die Ukraine
„Man sollte aber explizit dazu schreiben, daß es ein Zug von LeoExpress ist - und nur auf deren Webseite kann man die Fahrkarten kaufen. Zumindest ist es die erste Umsteigefreie Verbindung von Deutschland...“
Eric in Recht, Visa und Dokumente • Re: Deklaration gebrauchter Kleidung beim Zoll
„Vielen Dank, mit einem Briefchen meiner Frau im Gepäck gab es keine Probleme“
Anuleb in Recht, Visa und Dokumente • Re: Seit Anfang des Jahres haben die Zollbeamten Verstöße im Wert von fast 11 Milliarden aufgedeckt
„Am besten wäre natürlich, wenn die Frau mit dabei ist. Alleinreisende Männer stehen schließlich immer unter Verdacht.“
Frank in Recht, Visa und Dokumente • Re: Seit Anfang des Jahres haben die Zollbeamten Verstöße im Wert von fast 11 Milliarden aufgedeckt
„Kein Zoll. Du musst an sich nur sagen dass das privat ist und du nicht damit handeln willst. So lange das nicht Originalverpackt ist und ersichlich das nicht neu sollte es keine Probleme geben“
Eric in Recht, Visa und Dokumente • Deklaration gebrauchter Kleidung beim Zoll
„Hallo Leute, ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin mit meiner Anfrage. Ich möchte 4 Umzugskartons mit gebrauchter Straßen Kleidung bei der Einreise in die Ukraine mitnehmen. Es ist gebrauchte Kleidung...“
lev in Berichte und Reisetipps • Re: An welchem Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine geht es am schnellsten?
„Wir sind mit unserem Wohnmobil, wie geplant am Montag 15.6. in Krakovets rüber. Sehr zeitig los gegen 5 Uhr in der Früh. Mit sehr sehr wenig Verkehr, super bis zur Grenze. Nur 8 PKW vor der Schranke....“