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Sowjetheinis, die uns zu leben hindern

In letzter Zeit bekomme ich oft zu hören: Die Sowjetunion wäre zurückgekehrt; Man wolle die Ukraine wieder in die Sowjetunion verwandeln; Die Sowjetheinis würden hier regieren und es wäre unsere Bestimmung bis ans Ende unserer Tage als Sowjetheinis zu leben; die amtierende Regierung würde angeblich die Sowjetisierung des Landes durchführen.Im Übrigen gab es ausreichend Gespräche über die Sowjetheinis, die unseres Leben versauen, noch bevor Janukowitsch zum Präsidenten gewählt wurde.

Es gibt so eine herrliche Wortfügung – „Sowjetische Mentalität“. Man ruft irgendeinen Experten an, um sich ein Kommentar zu einem Artikel zu holen, und bekommt sofort zu hören: „Das ist doch die sowjetische Mentalität, die an allem schuld ist!“ Und ist es egal, worum es sich dabei handelt: ob um die ökologischen Probleme (die Sowjetheinis verschmutzen die Umgebung und denken nicht an die Zukunft), um politische (mit den Sowjetheinis kann man doch keinen demokratischen Staat bauen), um die herrenlosen Tiere (ausschließlich sowjetisches Problem!) oder um die neue Kollektion eines ukrainischen Designers (sehen Sie, es kann keine Haute Couture im Lande der Sowjetheinis geben).

Kurzum, während der Jahre meiner journalistischen Tätigkeit stellte ich fest welche Bedeutungen die Wortfügung „Sowjetische Mentalität“ für die mehr oder minder geachteten Menschen in diesem Land hat. Das sind – Schäbigkeit, Geschmacklosigkeit, Habgier, das Nicht-an-die-Zukunft-denken, Befangenheit, Schüchternheit, primitive Denkweise und alle anderen Unzulänglichkeiten, die den Menschen eigen sind.

Zum Teil bin ich mit den Rednern einverstanden. Schäbigkeit, Schüchternheit und primitive Denkweise – das ist tatsächlich gerade das, was uns schadet und uns stört beim Errichten eines wundervollen und gütigen Staates. Es bleibt nur noch die Sowjetunion, die schon seit 19 Jahren nicht mehr existiert, aus diesem Diskurs zu entfernen, und auch das nicht ganz für einen Bürger ohne geisteswissenschaftliche Bildung verständliche Wort „Mentalität“.

Aber nein, die sprechenden Köpfe gönnen der UdSSR keine ewige Ruhe. Die Nekrophilie ist im Anmarsch. Ich lese gerade bei einem populären Sozialnetzwerk einen Artikel eines jungen Mannes, der von Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Jugend- und Studentenvereinigungen handelt. Jugend! Studenten! Was glauben Sie nannte er als Grund für barsches Benehmen der feindlichen Gruppierung. Selbstverständlich „sowjetische Mentalität“. Ich weiß nicht, ob der Autor selbst in der Sowjetunion geboren wurde, aber die meisten Studenten von heute beobachteten die UdSSR durch die Kinderwagenketten, sowjetischen natürlich, vielleicht beeinflussten gerade sie die Mentalität der Säuglinge so negativ.

Die Medaille hat auch andere Seite. Während die einen Bürger in sich selbst und in ihren Mitbürgern die sowjetische Mentalität eifrig suchen, denken die anderen nostalgisch an die beste Extrawurst aller Zeiten und an die italienischen Stiefeln, die man im Jahre 1981 glücklicherweise vor dem 8. März kaufen konnte, zurück. Es spielt dabei keine Rolle, dass sie heutzutage keine Seltenheit sind, ohne Warteschlangen und ohne Mangel an solche Waren haben sie ihren Reiz verloren. Diese zwei Gruppierungen schlagen einander ihre virtuellen Nasen blutig, während sie zu beweisen versuchen, dass es die Golodomoropfer weniger, mehr oder gar nicht gab, oder Stalin besser oder schlechter darzustellen als er tatsächlich war. Interesse an Geschichte ist zweifelsohne lobenswert, aber man gewinnt den Eindruck, dass man sich in der Ukraine für Stalin mehr interessiert als für Harry Potter. Nein im Ernst, Iosif Stalin ist eine reale amtierende politische Person in der gegenwärtigen Ukraine. Wie man es so schön sagt: lebendiger als die Lebenden. Logischerweise sehen alle in den Handlungen der amtierenden Regierung die Rückkehr der UdSSR. Sie erwarten einfach diese Rückkehr. Sogar diejenigen, welche die Sowjetunion und alles, was mit ihr zu tun hat, hassen. Gerade diejenigen erwarten die Rückkehr der Sowjetunion mehr als alle anderen, damit sie ein Hassobjekt haben. Wie lange kann man noch die Ereignisse, die sich vor 70 Jahren abspielten, ablutschen? Gerade diese Gruppe (sie nennen sich „Nationalisten“, obwohl ich glaube, dass Nationalismus Liebe und nicht Hass bedeuten soll) schreit am häufigsten über die Rückkehr des großen Landes der Sowjetheinis.

Ich sehe mich um: Weder Kolchosen noch das mächtige Proletariat noch Ideologie. Im Kindergarten lernen Kinder nicht mehr Lenin zu lieben, so wie ich das gelernt habe. In den Schulen gibt es keine „Oktjabrjata“, „Pioniere“ und keine Schuluniform mehr. Schon in der Grundschule lernen die Kinder Grundlagen des Kapitalismus. Das Land regiert das Geld, der Pluralismus gedeiht schneller als der Schimmel, in den Nachrichten: Die Bewegung „Stoppt die Zensur!“ und die nackten Titten der Pseudofeministinnen. Russifizierung – ja, kann sein, aber nicht in so großem Ausmaß, und außerdem Russifizierung ist nicht gleich Totalitarismus.

Vielleicht besteht das Problem darin, dass ich die Rückkehr des Landes der Sowjetheinis nicht will? Das einzige, was ich will, das ist das Leben in einem Land, wo man nicht ständig an die Tyrannen aus der Vergangenheit denkt, wo man nicht die qualvoll gestorbenen Ahnen in ihren Gräbern umdreht, ich wünsche mir, dass man an die Vergangenheit denkt aber nicht sein Versagen durch sie rechtfertigt. Gerade hinter diesem Mitgefühl gegenüber der eigenen Nation, genauso wie hinter dieser wollüstigen Nostalgie nach DER Extrawurst sehe ich die „sowjetische Mentalität“. Ich weiß nicht nach wie vielen Generationswechseln der Kinderwagenketten wir endlich anfangen in der Gegenwart zu leben, ohne an die Rückkehr des Landes der Sowjetheinis zu denken.

10. November 2010 // Wiktoria Gerasimtschuk

Quelle: Lewyj Bereg

Übersetzerin:   Halina Pyrtko  — Wörter: 903

Halina Pyrtko stammt aus Lviv (Ukraine). Seit fast zehn Jahren lebt sie in Wien und studiert derzeit Germanistik und Slawistik an der Wiener Universtität. Nebenbei arbeitet sie als Übersetzerin und Kursleiterin für Russisch und Ukrainisch und will Literaturübersetzerin werden.

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