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Die Sollbruchstelle Europas

Für einen Vortrag in Kyjiw skizziert der US-Amerikanische Historiker Timothy Snyder die letzten 100 Jahre europäischer Geschichte als Abfolge von Integration und Desintegration. Die politischen Implikationen seiner Ausführungen für die Ukraine bleibt Snyder seinem Publikum weitgehend schuldig – möglicherweise aufgrund der Empathie des intellektuellen Fürsprechers gegenüber dem leidgeprüften Land.

Am vergangenen Samstag lud das Zentrum für Visuelle Kultur in seine neuen Räumlichkeiten am äußersten Rande des Kyjiwer Stadtteils Podil. Es war zwar nicht der erste, jedoch der erste freiwillige Umzug für den 2008 an der Kyjiw-Mohyla-Akademie begründeten interdisziplinären Zusammenschluss von kritischen Akademikern, Künstlern und Aktivisten.

Im Februar 2012 kam es zu einem Streit zwischen dem damaligen Universitätspräsidenten und heutigen Bildungsminister Serhij Kwit und den Anhängern des Zentrums. Gegenstand der Kontroverse war eine vom Zentrum für Visuelle Kultur organisierte Kunstausstellung unter dem Titel „Ukrainischer Körper“. Wenige Tage nach ihrer Eröffnung wurde die Ausstellung wieder dichtgemacht – mit dem Vorwurf, dass es sich dabei um Pornografie handele. „Das ist keine Ausstellung. Das ist Mist“, soll Kwit damals über die Ausstellung gesagt haben. Im Zuge dieser Auseinandersetzung löste sich das Zentrum für Visuelle Kultur von seiner akademischen Schirmherrschaft.

Durch die strenge Funktionalität der neuen Wirkungsstätte fällt der massive Andrang umso deutlicher ins Auge – kurz vor Beginn der Lesung des Yale-Professors sind sämtliche Stuhl-, Wand- und Fußbodenplätze restlos belegt, an die 150 Menschen wollen den Ausführungen ihres unprätentiösen Helden lauschen.

Neue Sprache, alte Politik

Snyder bedankt sich auf Ukrainisch für die Einladung und erntet dafür wohlwollenden Beifall. Der Fachmann für Osteuropäische Geschichte steht wie kein zweiter für den kleinen, aber äußerst reichweitenstarken Zirkel von gelehrten Ukraine-Kennern dies- und jenseits des Atlantiks, die den publizistischen Kampf gegen selbsternannte Osteuropa-Experten aufgenommen haben. Diese erinnern mit ihrem plötzlichen Erscheinen in der Medienwelt bisweilen an die Pilze, die von einem Tag auf den anderen in den tiefen Herbstwäldern Osteuropas aus dem Erdreich hervorbrechen: manche davon sind ungenießbar, andere gar gefährlich.

Eröffnet wird die Veranstaltung von dem Direktor des Zentrums, Wassyl Tscherepanin, der die Notwendigkeit einer neuen politischen Sprache fordert – gewissermaßen als poststrukturalistische und damit milieuspezifische Reaktion auf die Maidan-Revolution.

Doch weder Tscherepanin, der Ende September von einem rechtsextremen Mob überfallen und krankenhausreif geprügelt wurde, noch Snyder folgen an diesem Abend dieser Devise. Es scheint, als ob sich die politische Wirkungslogik der Ereignisse in der Ukraine seit der Revolution auf dem Maidan nur in Ansätzen von den Erwartungen der Anhänger eines traditionell-realistischen Politikverständnisses abhebt – einer Weltsicht, wie sie im saturierten und alten Europa lange verdrängt, im neuen und osterweiterten Europa hingegen überbetont wurde. Ein neues Vokabular braucht es hierfür indes nicht.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass Snyder für seinen Vortrag tief aus dem Sprachfundus der Geopolitiker des ausgehenden 19. und heraufziehenden 20. Jahrhunderts schöpft: Land- und Meeresimperien, Kolonisierung, Balkanisierung – Mackinder, Mahan und Co. lassen grüßen. Das ist konsequent, besteht doch die Denkübung an diesem Abend in einem Vergleich zwischen dem Jahr 1914 und der heutigen Zeit.

Die Balkanisierung Europas

Nach Ansicht des prominenten Redners lassen sich die vergangenen 100 Jahre mit den unversöhnlichen Kategorien der Integration und Desintegration fassen. Einer Integration auf der einen Seite stehe eine Desintegration auf der anderen Seite gegenüber. Ein Schelm, wer dabei an EU und Eurasische Zollunion denkt.

Nicht die Zäsur des Ersten Weltkrieges markiere dabei den Anfang vom Ende der Landimperien (vulgo des Deutschen Kaiserreichs, Österreich-Ungarns sowie des Osmanischen Reichs) und somit den Beginn der inneren Dekolonialisierung Europas, sondern bereits die 1912 beginnenden Balkankriege. An diesem Jahr macht Snyder denn auch den Wendepunkt für das weitere Schicksal Europas fest.

Symptomatisch für die Dekolonialisierung sei der erfolgreiche Kampf nationaler Unabhängigkeitsbewegungen gegen ganze Imperien. Die Staatswerdung Serbiens sei schnell zu einem Modell für andere Unabhängigkeitsbestrebungen geworden – und damit im historischen Rückblick betrachtet von größerer Bedeutung als die Französische Revolution, die nicht zum Vorbild getaugt habe. Allerdings benennt Snyder zwei schwerwiegende Geburtsfehler der abtrünnigen Gebiete: erstens sei es den Imperien unmöglich, die jungen Nationen als souveräne Staaten zu akzeptieren; zweitens stehe jeder Nationalstaat aufgrund seiner inhärenten Dysfunktionalität vor wirtschaftlichen Problemen. Die Lösung liegt in der Erhöhung der Staatseinnahmen, die ganz im machttheoretischen Duktus durch die Ausweitung des Staatsgebietes erfolgt – und ohne Krieg nicht zu haben ist.

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Nach dem Ersten Weltkrieg habe sich die Tendenz zur Dekolonialisierung Europas verstärkt; Selbstbestimmung hieß das Gebot der Stunde. Zahlreiche Staatsgründungen in Osteuropa, von Polen, der Tschechoslowakei über die baltischen Staaten bis hin zur Ukraine bestätigen die These. Ein wenig polemisch klingt der von Snyder hierfür verwendete Ausdruck von der „Balkanisierung Europas“.

Die beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts bringen dann unter denkbar schlechtesten Vorzeichen einen neuen Versuch der Kolonialisierung Europas mit sich. Hierin erkennt Synder, den einige Kollegen der inhaltlichen Nähe zu nivellierenden Totalitarismustheorien bezichtigen, eine der größten Gemeinsamkeiten zwischen Hitler und Stalin. In dieser Hinsicht komme der Ukraine in den Plänen beider Diktatoren eine Schlüsselrolle zu; als „Lebensraum“ und als „Brotkorb“, der nationale Autarkie verspreche und dadurch die Unzulänglichkeiten des verhassten Nationalstaates überwinden könne.

Folgerichtig fügt Snyder die Nachkriegsgeschichte ebenfalls in jenes Spannungsfeld zwischen De- und Rekolonialisierung: „EU-Integration beginnt dort, wo der alte Imperialismus endet“, so die steil anmutende These. Der Wunsch nach Frieden sei mitnichten handlungsleitend gewesen, vielmehr müsse die EU-Integration als Reaktion auf die Dekolonialisierung seit dem Ersten Weltkrieg verstanden werden. Als Argument verweist der Historiker auf das postimperiale Wesen derjenigen Staaten, die unter das supranationale Dach schlüpften: Frankreich, Italien, Westdeutschland. Die Entwicklung der EU nach der Desintegration der Sowjetunion nimmt in dieser Hinsicht eine Sonderrolle ein: Seit der Osterweiterung bestehe das Projekt EU sowohl aus postimperialistischen als auch aus postimperialisierten Staaten wie etwa Polen oder Ungarn.

Staat. Nation. Kapital. Scheiße?

Welche Implikationen birgt das alles für die heutige politische Lage der Ukraine? Die Antwort des Akademikers fällt ernüchternd knapp aus: Wieder liege die Ukraine genau an der Sollbruchstelle zwischen Integration und Desintegration, zwischen Europäischer Union und der eurasischen Alternative. Das Konzept der Nation reduziert sich dadurch zu einem bloßen Übergangsphänomen, zu dem kurzen Augenblick der Ruhe vor dem nächsten Pendelschlag.

Die russische Außenpolitik begreift Snyder dabei als Ausdruck eines strategischen Relativismus. Dieser beruhe auf dem Wissen um die eigene Schwäche und der Direktive, dass sich Stärke nur durch die Zerstörung des Anderen gewinnen lasse – auf sämtlichen Ebenen. Die Zivilgesellschaft im eigenen Land, die Nationalstaaten in der Nachbarschaft und auf globaler Ebene das „dekadente“ Europa, wie der Außenminister und knallharte Diplomat der Russischen Föderation, Sergej Lawrow, den Feind im Westen mittlerweile öffentlich bezeichnet.

Leider hält Snyder zu stoisch an der strikten Dichotomie seines Konzepts fest – und weist damit nur in Ansätzen auf die eigentliche Stärke der EU hin, die sich seiner dargestellten De- und Rekolonialisierungslogik entzieht und der Ukraine überdies einen Ausweg aus dem nationenkritischen Dilemma weist: „Die Ukraine wird in dem Moment ein vollwertiger Nationalstaat, in welchem sie der EU beitritt.“

Ein wenig mehr wissenschaftlicher Duktus und eine Definition der Begrifflichkeiten hätten dem Vortrag in diesem Punkt gutgetan. So versäumt es Snyder etwa, auf die grundlegenden Unterschiede im Wesen von Imperien hinzuweisen, die sich vor allem in der Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie bemerkbar machen. Der britische Historiker Geoffrey Hosking notierte dazu einst: „Britain had an Empire, but Russia was an Empire“ – eine pointierte Aussage, die auf die Probleme Russlands mit der Objektivierbarkeit seiner Selbst und damit auf sein Verhältnis zu den ehemaligen Sowjetrepubliken hinweist. Unbeantwortet bleibt damit auch die Frage nach der imperialistischen Beschaffenheit der EU. Das lässt unnötigen Freiraum für eine Radikalkritik – etwa im besten (oder schlechtesten, je nach Standpunkt) Arendtschen Sinne: Kapitalismus gleich Imperialismus gleich Faschismus. In diesem Licht betrachtet scheint das neoliberale Projekt EU fast schon so kritikwürdig, wie Russland es die Welt glauben machen möchte.

In der abschließenden Fragerunde reicht die Luft im Veranstaltungsraum kaum mehr zum Atmen, die Temperaturamplitude gegenüber der Außenwelt ist stark angestiegen. Vielleicht reicht die Kraft deshalb nur noch dazu aus, dem Gastredner einige tagespolitische Statements abzuringen. In Erinnerung wird sicherlich die Antwort Snyders auf die Frage nach den innenpolitischen Gründen der Intervention in der Ukraine bleiben, die gerade durch den berufsbedingten Blickwinkel des Historikers überzeugt: Putin treibe die Frage um, als welcher Staatsmann er in das kollektive Gedächtnis Russlands eingehen werde. Bleibt zu hoffen, dass er in 50 Jahren nicht als Krim-Eroberer und Sieger über das dekadente Europa gefeiert wird.

Autor: Johann Zajaczkowski

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„Inzwischen hat sich ja auch die Tagesschau etwas eingehender mit diesem Thema befaßt. Demnach seien indirekte Geldflüsse zum Kreml der Grund für das erfolgte Verbot der Serie. Ich schätze jedenfalls...“

„ Ist die Meldung überhaupt aktuell, die "Welt" schrieb offenbar schon 2023 über genau dieses Thema ?


„Kennt jemand vielleicht die Hintergründe dafür ? Soweit ich das sehe handelt es sich doch um eine völlig harmlose Kinderserie ohne jede Spur von Propaganda oä ?“

„ Was meint "erneut" ??
Bislang glaubte ich daß man sich als Reisender zumindest in unmittelbarer Grenznähe sicher fühlen konnte ?


„Bei Ankunft am Blockposten im Internet (nakordoni.eu) 4h Wartezeit und 40 PKW am Grenzübergang, einen Teil der Wartezeit sitzt man am Blockposten ab, die halten die PKW Warteschlange von dem eigentlichen...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ich dachte z.B. Krakovetz hat diese Spur nicht, jedenfalls bin ich in 2025 mit allen anderen bei den Ukrainern durchgeschleust worden, anschließend bei den Polen EU Spur..“

„ Hallo julib77,

Bzgl. Ausreisen mit PKW nach Polen möchte ich Dir deutlich widersprechen, ich weiß nicht woher Du Deine Informationen beziehst.

Schau einfach hier einmal Thread nach "An welchem Grenzübergang geht's am schnellsten? Da musst Du nicht suchen, der steht derzeit auch immer weit oben. Auch wenn wir da, nur über die Abläufe und die Wartezeiten berichten, findest Du nicht einen Kommentar darüber, dass Ukrainer schlecht behandelt werden. (2025 bis heute, ca. 25 Ein- und Ausreisen)

Ich kann nur sagen, ich beobachte keinerlei Repressalien, ganz im Gegenteil, die Ukrainer werden respektvoll behandelt, ist stelle keinen Unterschied zu mir als Deutschen fest. Das einzig berichtenswerte ist, dass die meisten Ukrainer-Innen fotografiert werden, bei der Ein - und Ausreise. Dieser Vorgang läuft professionell ab, ich kann dabei keine "Erniedrigung " beobachten, es wird gelacht und gescherzt dabei und die Frauen richten ihre Haare etc. Damit es ein 'schönes" Bild gibt.

Bzgl. Ungarn kann ich nur von einer Einreise berichten in 2025 (noch unter Orban), an dem mir sehr gut bekannten Grenzübergang "Lushanka" (Berehove HU), die Ausreiseseite kann man beobachten, ich kann nichts berichten, d.h. für mich normale Abläufe bei der Ausreise, wie auch bei der Einreise. Normale PKW Schlange, ganz im Rahmen. Kurz um, mir ist damals nichts aufgefallen. Alles war SICHER, wie die letzten 70 Mal, als ich den Grenzübergang von 2004 an bis 2025 überquert habe. Ein- und Ausreise.


„Ich werde am Sonntag ca. 12 Uhr auch wieder in Uhryniw Ausreisen. Dazu mal eine Frage, in Uhrnyiw gibt es ja die besagte EU-Spur, die ja durchweg bei den Ukrainern und den Polen die Ausreisezeit doch erheblich...“

„Auch wenn ich diese Verbindung toll finde, hätte ich ehrlicherweise Angst, von Polen aus in die Ukraine zu reisen. Die Polen werden immer gewaltsamer gegen Ukrainer und ukrainische Projekte. Außerdem...“

„Ups, ja. Irgendwie war zwar die Rede von einem durchgängig buchbaren Fahrschein, aber das bedeutet in der Tat wohl nicht auch zugleich eine unterbrechungsfreie und bequeme Fahrt mit der Bahn. Schade“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„Ja auf dem Papier sieht das wohl alles sehr einfach aus. Offenbar hat Leo da den Mund etwas zu voll genommen, scheint übrigens typisch für die private Verkehrsbranche zu sein. Soweit ich sehe hat sich...“

„ Obwohl der Leo-Express angeblich seit Juni den Betrieb auf dieser Strecke aufgenommen hat wird die "Bahnfahrt" über Przemysl nach UA wohl noch lange Zukunftsmusik bleiben.
Wie zu lesen ist gibt es noch nichtmal für das polnische Streckennetz eine Zulassung so daß derzeit dort wohl noch mit Bussen gefahren wird.


„изображение.png изображение.png Da muß man wohl mit den Daten etwas herumspielen ... Da wird wohl noch nicht täglich gefahren. Trotzdem Danke.“

Der Link zum Anbieter ist ja da.
Ist korrekt, aber ich finde man hätte trotzdem im Text gleich darauf hinweisen können.
War aber nicht "böse" gemeint ...
Bis jetzt sind die Tickets auch noch nicht auf der Webseite buchbar - warum auch immer ...
Hab´s versucht - bekomme aber immer angezeigt "auf dieser Strecke fahren wir nicht" :-([smilie=dntknw.gif]

„Man sollte aber explizit dazu schreiben, daß es ein Zug von LeoExpress ist - und nur auf deren Webseite kann man die Fahrkarten kaufen. Zumindest ist es die erste Umsteigefreie Verbindung von Deutschland...“

„Vielen Dank, mit einem Briefchen meiner Frau im Gepäck gab es keine Probleme“

„Am besten wäre natürlich, wenn die Frau mit dabei ist. Alleinreisende Männer stehen schließlich immer unter Verdacht.“