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Donezker Bekenntnisse

Die Wörter „Donbass“ oder „Donezker“ bezeichnen schon lange nicht mehr nur eine Region oder ihre Bewohner. Sie sind zu einer selbstständigen, politischen und ethnologischen Kategorie geworden. Leider gründen sich Meinungen über die „Donezker“ häufig auf Stereotypen, da Leute über sie richten, die mit ihnen in keiner Beziehung stehen. Die Donezker selbst setzen sich selten ans Klavier, um von sich selbst zu erzählen. Der Autor möchte dem Leser hier seine Gedanken zum Urteil über die Sache vorlegen, in der Hoffnung, dass dies die fälschlichen Vorstellungen wenigsten ein bisschen widerlegen und verstehen helfen kann, was wir, die Donezker, für Menschen sind. Es ist für die Ukrainer unabdingbar, einander zu verstehen, denn wir müssen immerhin noch in einem Land leben…

Der Donbass ist das Spiegelbild der ukrainischen Gesellschaft. „Hier, weißt du, muss man auf allen vieren laufen und kommt trotzdem nicht von der Stelle!“ Das menschliche Leben nimmt von Tag zu Tag ein und denselben Lauf, im unaufhaltsamen Zyklus der Produktion.

Alle Kräfte, seine besten Jahre, die Gesundheit, wendet man dafür auf, dass man seinen persönlichen „Murmeltiertag“ überlebt. So kommt man zu der Überzeugung, dass jedwede Veränderung böse wäre. Der Gedanke daran, dass nichts im Leben – besonders nicht die natürlichen Ressourcen – ewig ist, wird hier nicht offen ausgesprochen.

Die Empfänglichkeit für Neuerungen ist verschieden ausgeprägt. Man kann die Fördertechnologien und die Verarbeitung der Bodenschätze verbessern, soviel man will. Aber auf den, der die so sakramentale Frage „Und was wird nach 200, 300, 400 Jahren?“ stellt, wartet das Schicksal eines Boten, der keine guten Nachrichten überbracht hat.

Das System sollte sich fortwährend selbst reproduzieren, und das ist die ideale Organisation der Dinge auf Donezker Art.

Das führt zu einer unnachahmlichen Verbindung von Konservatismus und Nonkonformismus im Donezker Charakter. An den Wendepunkten der Geschichte zeichneten sich die Bewohner des Donbass dadurch aus, dass sie sich länger als andere an die Überbleibsel der Vergangenheit klammerten. Sie taten bis zuletzt so, als wäre nichts geschehen. In den 90er Jahren gingen sie, obwohl sie schon monatelang keinen Lohn erhalten hatten, mit der zaghaften Hoffnung zur Arbeit, dass sich schon alles wieder einrenken würde… Die Bergarbeiter schlugen mit ihren Helmen den einfachen Refrain: „Bezahlen Sie! Bezahlen Sie!“ auf das hauptstädtische Pflaster.

Welches Wort lieben Politiker, Manager und staatliche Handlungsträger Donezker Herkunft besonders? „Stabilität“. Stabilität ist gut. Stabilität bedeutet, dass es nicht schlimmer wird. Stabilität bedeutet, dass alle im einmal vorgegebenen Tempo arbeiten.

Der Donezker Nonkonformismus hat eben jene Natur. Jegliche Versuche, die Stabilität des Systems von außen zu stören, rufen Unwohlsein hervor. Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um die ökonomische Lebensweise. Aber die eine Regel bleibt: jener, der sich einreiht, ist ein Freund und jener, der etwas verändern will, ein Feind.

Im Donbass spricht man selten von „arbeiten“, sondern fast immer von „ackern“. Oder man tauscht dieses Wort gegen irgendein unzensiertes Synonym, welches das gleiche bedeutet. „Ackern“ bedeutet im Donbass, in die Spur zu kommen und stets durchzuhalten. Bis zur Erschöpfung und ohne sich selbst zu bemitleiden. Denn in der industriellen Gesellschaft hängen, im Gegensatz zur patriarchalisch ländlichen, viele von der Arbeit eines einzigen ab.

Es ist häufig davon zu hören gewesen, dass man in anderen Regionen besonders gern Donezker anstellen würde. Sie sind selten krank. Sie treten nie im Streik, auch wenn sie unzufrieden sind. Sie sind bereit, rund um die Uhr zu arbeiten. Das kommt alles aus der tiefen Überzeugung davon, dass „wenn ich nicht meinen Platz einnehme, dann arbeitet das ganze System nicht“. Niemals krank werden, niemals Trübsal blasen und nie vorzeitig anfangen, zu trinken. Man muss seinen Teil der gesellschaftlichen Last tragen und sich selbst opfern. Im Stollen oder in der Fabrik ist die Schwäche des Einzelnen eine tödliche Gefahr für alle. Deshalb muss man durchhalten.

Eben diese Opferbereitschaft gebiert einen besonderen Donezker Snobismus. Es tritt etwas auf, ähnlich dem Stolz, den ein Atlant fühlen müsste, welcher das Himmelsgewölbe auf seinen Schultern trägt. Ja, auch wenn ich täglich meinen Karren ziehe, kein Sonnenlicht sehe, mit stumpfer und schwerer Arbeit beschäftigt bin, so steht und fällt doch alles mit Mir! „Der Donbass ernährt die ganze Ukraine!“, „Nur damit bei euch die Lampen brennen, kriechen wir in Kilometertiefe im Dreck!“ – der Glaube an die eigene Außergewöhnlichkeit erklärt die Selbstaufopferung. Warum auch sonst diese Plackerei?

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Solche Einstellungen sind auch jenen nicht fremd, die eigentlich zur Schwerindustrie keine Beziehung haben. Sowieso schaut jeder Donezker auf die anderen ein wenig herab: Während ihr dort in euren pastoralen Dörfern rumhockt, rackern wir uns ab!

Die Einsicht in die eigene Privilegiertheit erzwingt das Verlangen nach einem besonderen Status, nach Abhebung egal wodurch. Hauptsache es gibt einen Anlass, über sich selbst und seine Heimat sagen zu können, sie wären die Besten. Die höchsten Löhne, die schmutzigste Ökologie, die schönsten Mädchen, das am härtesten arbeitende Volk, die schädlichsten Betriebe… Was auch immer passt. Und wenn man die anderen nur daran erinnert, dass wir aus dem Donbass kommen, was bedeutet, dass wir die Besten sind.

Der Donezker Snobismus hat auch seine andere Seite. Nirgendwo sonst trifft man eine solche Geringschätzung intellektueller, organisatorischer und administrativer Arbeit. Auf den oberen Stufen der bürokratischen Leiter stehen häufig nicht die Besten, Fleißigsten oder Aktivsten. Im Gegenteil. „Kannst du nicht arbeiten, dann geh im Büro Papiere durchsehen“, mit einem Wort, dich mit Blödsinn beschäftigen. Auf den Dachboden schicken, nennt man das in der Armee.

Der Donezker Patriotismus ist auch eine besondere Erscheinung. In den Weiten der Ukraine sind viele Städte zur Heimat verschiedener Völker und Kulturen geworden. Der Unterschied besteht darin, dass die Stammesgenossen dort in geschlossenen Gemeinden lebten und die Bräuche und Traditionen ihrer Vorfahren bewahrten. Es gibt bis heute nicht wenige mononationale Dörfer und Siedlungen, Städte und Viertel.

Der Donbass ist dadurch einzigartig, dass hier alle Völker in einem großen Kessel gemischt wurden. Die Geschichte hat keine Zeit gegeben, um sich in den Ecken zu verteilen und seine eigene kleine Festung zu errichten. Jedoch ist die Selbstidentifikation, wie gerechterweise erwähnt werden muss, beim Menschen nur natürlich. Und jedermann beginnt über sich nachzudenken: Wer bist du und wessen Bruder wirst du sein? Welcher Art sind deine Stammesgenossen?

Aber hier ist es kein Wunder, dass man durcheinander kommt, wenn man in der Genealogie zu kramen beginnt: auch die Ukrainer sind beliebig, wahlweise aus der Sloboschanschtschina, vom rechten Ufer, Russen, andere Vertreter der „Völkerfamilie“ in der UdSSR oder überhaupt aus dem Ausland… Diese Qualen lassen sich entschlossen und einfach beenden: „Ich bin Donezker!“

Wenn man den Donezkern die russische Sprache zum Vorwurf macht, so antworten sie (mit Recht) bissig, dass diese im Donbass die Sprache der internationalen Verständigung wäre. So kam es, dass auch eine internationale Identität nötig wurde. Man muss doch die eigenen irgendwie von den anderen unterscheiden können? Die Sarmaten können doch ihren Stammbaum nicht von den Skythen ableiten? Ja und wo sind diese Skythen? Vorbei geflogen. Nomaden sind eben Nomaden.

Diese Identität ist übrigens reichlich verschwommen. Sie konstruiert sich zu großen Teilen auf Negierungen. Alles, was wir über uns wissen, ist mit dem Präfix „nicht“ verbunden. Nicht-Kiewer, Nicht-Bandera-Freunde …, aber auch Nicht-Russen! Aber wer sind wir dann? Wer weiß das schon… Donezker…

Abgesehen von dem oben gesagten, unterscheiden die Donezker wohl nur zwei charakterliche Besonderheiten. Das ist erstens ein ausgemachter Fatalismus und der Glaube an den Erfolg, allgemein als „Geschick“ bezeichnet. Was will man machen, nicht alle sind über Werbungen des Komsomol in die Stollen und Fabriken geraten. Vielen hat eine ganz andere Behörde den Weg zur „Arbeitsumerziehung“ vorgezeichnet…

Die Natur ist schon an der Oberfläche, in hunderten von Metern Tiefe aber doppelt, ja dreifach, launisch. Deshalb weiß man nie, was man für seine mühsame Arbeit bekommt. So können alle gleich schuften, und du sogar mehr als andere, aber auf die „fette“ Ader trifft die Nachbarbrigade. Die Verdienste, Ehrerweisungen und Schreiben zum Feiertag werden ihnen zukommen. Keine geologische Erkundung kann diese ewige Goldgräberlotterie jemals beenden. Und in der Fabrik ist es dasselbe, obwohl alles Technologie ist, kann niemand erraten, wie die Schmelzung verläuft…

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Deshalb erkennt jeder stillschweigend das Recht des anderen auf Erfolg an; darauf dass jemand für die gleiche Arbeit ein Vielfaches mehr erhält als seine Kollegen. „Ja, warum ist er einer von Euch?“, wundern sich die Nicht-Donezker, wenn im Donbass die Stimmen für Janukowitsch gezählt werden. Eben, weil er einer von uns ist. Er brachte es unter allen alltäglichen Kollisionen, entgegen aller Logik, fertig, so abzuheben. Dass heißt, „Geschick“ jenseits aller Maßstäbe. Und die Stimme für ihn ist der Versuch, auch sich selbst ein kleines Stückchen dieses „Geschicks“ abzuschneiden. Oder vielleicht nicht?

Als die ersten Neureichen auftauchten, die mit kolossaler Geschwindigkeit reich geworden waren, hörte man nur das dumpfe Dröhnen: „Jawohl meine Herren… Jawohl!“. Aber was dieses „Jawohl“ für die anderen bedeutet, nun ja. Nicht über allen scheint die Sonne…

Zweitens ist den Donezkern eine gewisse Verschlossenheit eigen. Man sagt: „Trag alles, was du hast, bei dir“. Oder besser noch in dir. Das unglaubliche Menschengedrängel an den Grenzen der urbanisierten Industrieregion tat sein übriges. Die Menschen hatten keine Möglichkeit auf eigenen Boden, den sie bebauen und ihren Kindern hätten vermachen können. Deswegen trägt jeder sein Gut in der Seele und beschützt seinen eigenen Raum wie ein Heiligtum.

In der Öffentlichkeit sind alle gleich, offenherzige Menschen, eigen, einfach, offen… In Wirklichkeit hat jeder Donezker einen doppelten Boden. Man spricht hier in der Öffentlichkeit nicht über seine religiösen Ansichten, seine Nationalität oder Familie. Auch auf direkte Fragen antwortet man nur unwillig.

Deswegen gibt es auf jegliche äußere Bedrohung nur eine Reaktion – auseinander laufen. Sich verstecken. In den Untergrund gehen. Man sagt über die Ukrainer, dass sie schlecht für ihr Land, aber sehr gut für ihren eigenen Besitz kämpfen würden. Die Donezker wissen ihren Besitz auch zu behaupten, nur liegt dieser Besitz in ihnen selbst, in den Gedanken und Gefühlen. Wen es interessiert, der sollte die Erzählung „Die Uneroberten“ von Boris Gorbatow lesen, welche die Zeit der deutschen Okkupation beschreibt. Nein, keine massenhafte Partisanisierung… Aber es ging auch keiner zur Arbeit in die Fabriken.

In der Neuzeit hat sich diese Tradition erhalten. Keine massenhaften Protestaktionen… Aber auch die Kinohelden sprechen mit leeren Sälen…

Wenn man die Donezker „Sowki“ nennt, möchte man eifrig streiten, bisweilen unter Verwendung eines so gewichtigen Arguments wie einer Ohrfeige. Obwohl darin auch etwas Wahrhaftiges liegt. Wenn am Leninplatz der „Iljitsch-Prospekt“ beginnt, der von Straßen mit den Namen Maria Uljanowas, irgendeines Parteisekretärs oder des soundsovielten Jahrestags der UdSSR gekreuzt wird, dann hinterlässt das natürlich seine Spuren im Bewusstsein. Wenn man täglich vom Budjonowskij-Viertel zur Arbeit ins Woroschilowskij- oder Kalininskij-Viertel fährt, so wäre eine plötzliche Abkehr von diesen Bezeichnungen wie die Erkenntnis, dass das eigene Leben ein großer Fehler war.

Hat überhaupt jemand daran gedacht, dass der Donbass keine Geschichte, außer der sowjetischen, hat? Es gibt keine! Wenn man die Jahre des wilden Kapitalismus vor der Revolution nicht dazu zählen will, welchen Alexander Blok sein Gedicht „Das neue Amerika“ gewidmet hatte. Und wenn die sowjetischen Machthaber bei den anderen das alte Leben zerstört haben, weshalb sie zu „Okkupanten“ wurden, so ist die Sowjetzeit hier eine Schaffensperiode, Jahre des Aufschwungs und der Rekorde. Das ist unser „Goldenes Zeitalter“.

Es muss noch Klarheit in einer Frage geschaffen werden, um die viele Lügengeschichten kreisen. Der Donbass will sich nicht von der Ukraine abspalten! Nach zwanzig Jahren haben wir uns mit Mühe an den Gedanken gewöhnt, dass wir Ukrainer sind. Es sind nur einige nicht so besonders wie andere. Und wenn sich das ganze Land an den Gedanken gewöhnt, dass es bei aller Vielfalt seiner Bewohner auch solche „Donezker Ukrainer“ gibt, so werden wir zu Gesprächen über Abspaltung und Separatismus niemals zurückkehren.

07. August 2010 // Jewgenij Schibalow (Donezk)

Quelle: Serkalo Nedeli

Übersetzer:   Stefan Mahnke — Wörter: 1921

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