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„Die Ukraine wird nie so werden, wie sie sich die Galizier vorstellen“ - Gespräch mit dem Kunstkurator und Diplomaten Jerzy Onuch

Jerzy Onuch

Anfang Oktober fand in Lwiw der großangelegte Kulturkongress „Übergang 1989“ statt, an dem anerkannte Künstler und Intellektuelle aus der Ukraine und dem Ausland teilnehmen. Ein wichtiger Gast des Kongresses ist der Künstler, Kurator moderner Kunst und Diplomat Jerzy Onuch, der früher das Polnische Institut in New York und dann in Kyjiw geleitet hat. ZAXID.Net hat sich mit Jerzy Onuch unterhalten über die Lage der ukrainischen Politik und Kultur, außerdem über die Gründe Lwiws, den Status einer „Kulturhauptstadt“ in Anspruch zu nehmen.

Der Lwiwer Kulturkongress „Übergang 1989“ ist dem Zusammenbruch des sozialistischen Blocks vor 30 Jahren in Europa gewidmet, speziell dem Fall der Berliner Mauer. Sagen Sie bitte, wie Sie diese Ereignisse wahrgenommen haben. In welchem Kontext soll man sie reflektieren?

Über die Vergangenheit nachzudenken ist für uns deshalb wichtig, weil sie uns beeinflusst und uns erschaffen hat. Lassen Sie uns jedoch etwas Abstand nehmen und ruhig bewerten, was passiert ist. 1989 ist mir wichtig, obwohl ich damals nicht mittendrin war. Ich verließ 1986 Polen, lebte dann in Toronto und verfolgte die Ereignisse im Fernsehen.

Der Fall der Berliner Mauer ist ein mächtiges Symbol. Es wurde sehr sichtbar, da die Ereignisse in Deutschland stattfanden. Deutschland ist das mächtigste Land Europas. Deshalb zählen wir bei dem Fall des Totalitarismus in Europa ab den Ereignissen in Berlin. Obwohl in Wirklichkeit alles 1981 in Polen mit dem Aufkommen der Solidarnosc begann. Ohne die Solidarnosc und ihren Kampf, der fast zehn Jahre dauerte, wäre nichts passiert. Aber die Ereignisse in Berlin sind zu einem Point of no Return geworden. Ab da wurde erkannt, dass es kein zurück mehr geben wird.

Sie erwähnten Ihre Ausreise aus Polen in die USA und nach Kanada. Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt nicht das Gefühl, dass das Regime bald schwach werden und aufhören würde zu existieren?

Gar nicht. Zu dieser Zeit schien es, als würde das Regime noch Jahrzehnte dauern. Vielleicht in einer etwas weicheren, weniger aggressiven Form. Die Auflösung des Regimes wurde jedoch definitiv nicht diskutiert. Es sei denn, einige professionelle Revolutionäre glaubten an einen nahen endgültigen Sieg, aber dies waren wenige. Solche Ereignisse sind mit einem gewissen Zeitabstand erst wirklich besser zu verstehen. Die unmittelbaren Reaktionen der Künstler auf politische und gesellschaftliche Ereignisse sind in der Regel oberflächlich und nur für das lokale Publikum verständlich. Kunst muss aber auf die Metaebene gehen und eine universelle Sprache sprechen.

Es gibt die Idee, dass nach dem Fall der Berliner Mauer allmählich neue sichtbare und unsichtbare Grenzen und Schranken in Europa entstanden sind. Die Ukraine wurde auch mehr als einmal als geteiltes Land bezeichnet, obwohl diese Binnengrenze sich als beweglich erwies und ständig nach Osten verschoben wurde. Stimmen Sie dieser Wahrnehmung dieser bereits historischen Ereignisse zu?

Es ist wichtig, dass solche Interpretationen konstruktiv sind. Der Glaube, dass wir uns auf der besseren Seite der Grenze befinden, führt nicht zu einer Lösung der Probleme. Es ist notwendig, die Mauern in den Köpfen der Menschen einzureißen. Die Metapher der Wand sollte ein Symbol für unsere Stereotypen und Ängste bleiben.

Die Ukraine ist wirklich kompliziert und deshalb interessant. Sie wird nicht das sein, was sich die Galizier oder Diasporaleute vorstellen. Um eine solche Version der Ukraine zu erstellen, müsste alles abgeschnitten werden, was nicht damit übereinstimmt. Die Ukraine wird erst dann vorankommen, wenn wir anfangen, über die Kategorien von Mauern oder Grenzen hinauszudenken. Es gibt schon keine klaren Grenzen, sie sind fließend. Selbst in Galizien gibt es keine Grenze, die etwas Postsowjetisches von rein Ukrainischem unterscheidet. der Osten hat seine Gopniks [jugendliche Schlägertypen aus dem Prekariat, Anm. d. Übers.] und hier hat man seine Rahulis [Dorfdeppen, Anm. d. Übers.]. Der einzige Unterschied ist, dass sie Ukrainisch sprechen. Aber in diesem Fall ist Sprache ein technisches Kommunikationsmittel.

Vor den Präsidentschaftswahlen hat sich die Rhetorik der ukrainischen politischen Elite darauf beschränkt, dass wir die Ostgrenze Europas sind. Wir sind eine Bastion, ein Außenposten gegen die Invasion aus Russland. Wie produktiv sind diese Metaphern für die Entwicklung des Landes und wer sollte der Gesellschaft eine neue Vision des Landes bieten?

Eine solche Vision sollten die ukrainischen Eliten anbieten. Dies kann mit dem Kneten des Teigs verglichen werden. Jetzt ist es in Mode, so ein Brot aus verschiedenen Getreidesorten, aus verschiedenen Mehlsorten herzustellen. Die Ukraine erinnert mich an solch ein Brot. Es muss nur gebacken werden.

Meiner Meinung nach ist das Ergebnis der Wahlen in der Ukraine sehr interessant. Wir müssen verstehen, was passiert ist. Zu diesem Schluss bin ich nach einem langen Gespräch mit meiner Tochter gekommen, die Professorin für Politikwissenschaft an der Universität Manchester ist. Sie untersucht Proteste. Und schon vor der Wahl erklärte sie, dass der Slogan [Poroschenkos, Anm. d. Übers.] „Armee! Sprache! Glaube! „ nicht funktionieren wird.

Die Stabsmitarbeiter von Poroschenko, Politikwissenschaftler und öffentlichen Intellektuellen vermochten jedoch nicht nur die Ergebnisse der Forschung nicht sehen und nicht die richtigen Fragen stellen. Sie waren später schockiert über das Ergebnis und erklärten 73 Prozent der Wähler für „Halbdebile“, die nichts verstehen. Zuerst sollte man aber an den eigenen Fehlern arbeiten.

Also haben die sogenannten Experten ihr Missverständnis und ihre Verantwortung für ihre Niederlage auf andere übertragen?

Ganz genau. Es kann nicht sein, dass in einer Gesellschaft 73 Prozent „Idioten“ und eine kleine Gruppe aufgeklärte Menschen sind. Die sogenannten „Experten“ erarbeiten fiktive Szenarien und Erzählungen für die Politiker. Es gibt viele solcher Beispiele. Nach einer kürzlichen Reise nach Odessa wollte ich, dass einer der Autoren des Gesetzes über die Sprache mir erklärt, wie dieses Gesetz in Odessa umgesetzt werden kann. Das ist nicht realistisch! Warum also ein solches Gesetz schreiben? Dies nivelliert das Thema Sprachpolitik ebenso wie die Verwendung dieses Themas vor der Wahl.

Und jetzt werden einige versuchen, dieses Gesetz zu ändern, während andere protestieren werden. Ich glaube, dass die Opposition in der Ukraine an dem zugrundeliegenden Bedeutungsinhalt und Produktivität der Strategie arbeiten muss. Wenn diese Strategie nur auf Konfrontation und Konflikten aufbaut, endet es genauso wie in Polen. Wenn nach fünf Jahren an der Macht die PiS (die Regierungspartei in Polen, Prawo i Sprawiedliwość – Anmerkung des Autors) wieder gewinnt, weil die Opposition nur auf Konflikten und Protesten baute.

Können die Intellektuellen ihre „Elfenbeintürme“ verlassen, Schlussfolgerungen aus den Fehlern ziehen und beginnen, die Realität zu analysieren, anstatt sie zu vor den Kopf zu stoßen?

Tatsächlich sind Intellektuelle marginal. Zuvor waren sie marginal im positiven Sinne, und jetzt wird dieser Status negativ. Solche Eliten sind immer marginal, aber wenn sie nicht in der Lage sind, das Geschehen zu diagnostizieren und sich mit der Gesellschaft zu solidarisieren, ist dies kein Weg. Sie marginalisieren sich selber.

Ich finde es schade, dass sich viele meiner Freunde in der Ukraine in diese Situation gestürzt haben. Sie beschweren sich, dass sie keinen Einfluss haben, weil niemand sie liest. Das Paradoxe ist, dass diese Intellektuellen im Ausland mehr Nachfrage und Einfluss haben als im Inland. Nach ihrer Ansicht besteht Nachfrage in europäischen Publikationen.

Das Problem der Politikwissenschaft in der Ukraine besteht darin, dass es sich lediglich um eine Reihe privater Meinungen handelt, die auf Informationslärm beruhen oder bestimmten Interessen dienen sollen. Es gibt nur sehr wenige Forscher auf diesem Gebiet. Ich habe auch meine eigenen Ansichten oder Sympathien, aber sie sollten die Interpretation der Realität nicht beeinträchtigen.

In diesen wenigen Jahren haben wir staatliche Kulturinstitutionen gegründet. Wie beurteilen Sie ihre Arbeit? Hängt die schmerzhafte Reaktion der ukrainischen Künstler auf die politischen Veränderungen mit der Angst zusammen, Chancen zu verlieren?

Das Problem bei all diesen Institutionen ist, dass sie von Anfang an politisiert wurden. Ich wollte als Person mit Erfahrung auf diesem Gebiet helfen. Ich sagte: „Nehmt mein Wissen und nutzt es.“ Der Kulturminister hat mich in den Aufsichtsrat des Ukrainischen Kulturfonds eingeladen. Ich lehnte ab, weil es bereits zwei Leute gab, von denen ich wusste, dass sie korrupt sind. Einer von ihnen hat einmal Geld von mir verlangt. Ich konnte eine solche Institution nicht legitimieren.

Ein weiteres Problem ist, dass Maryna Poroschenko zur Vorsitzenden dieses Fonds ernannt wurde. Ich bin Frau Maryna sehr dankbar, dass sie sich solch einer Sache widmen wollte. Ich denke, sie ist eine anständige Person. Die Institution selbst wird man jedoch ambivalent wahrnehmen. Ein weiteres Beispiel ist der Beirat für die Entwicklung des Kunst-Arsenals [in Kyjiw, Anm. d. Übers.], dem ich angehöre. Es wird von Borys Loschkin [2014 – 2016 Präsidialverwaltungschef unter Poroschenko, A.d.R.] und Maryna Poroschenko geleitet und im gleichen Rat ist Ihor Hryniw [Chef des Wahlkampfstabes von Poroschenko, A.d.R.]. Alle diese Menschen haben sich anständig verhalten, aber die Bürger wissen das nicht und nehmen nicht nach Namen wahr. Darüber hinaus ist dies alles der Staatsverwaltung unterstellt, was Einflussmöglichkeiten bietet. In der gleichen Reihe ist die Situation mit der Entlassung von Wolodymyr Wjatrowytsch [vom Posten des für die Geschichtspolitik der Ukraine verantwortlichen Instituts für Gedächtnis, A.d.R.], der für die Poroschenko-Partei kandidierte. Es überrascht nicht, dass die neue Regierung eine solche Entscheidung getroffen hat. Das ist Politik.

Ein weiteres Beispiel ist Derschkino, das Staatskino [staatliche Agentur für das Kino, Anm. d. Übers.]. Als Pylyp Illjenko zurücktrat, fragte ich meinen Freund, einen Filmverleiher: „Ist das gut oder schlecht?“ Er antwortete: „Für einige ist es gut, für andere ist es schlecht.“ Von Insidern habe ich gelernt, wie das Pitching funktioniert. Man wandte sich anscheinend an das Derschkino, um Unterstützung für ein Projekt zu erhalten. Man erhielt eine Million Dollar. Das ist die Hälfte der Unterstützung, aber Du sagst, Du hast bereits eine Million privater Investitionen gefunden. Der Film geht in den Verkauf und spielt 800 Tausend ein. Alles wurde für eine Million geschaffen, und es wurden in Wirklichkeit keine Investitionen getätigt. Und dann gehen dieselben Leute, die das unrentable Projekt durchgeführt haben, erneut zum Pitching. Sie bekommen wieder Geld. In Polen funktioniert die Gesetzgebung anders. Dort gibt es eine echte Investition. Der Erfolg des Projekts beeinflusst, ob seine Autoren weiterhin auf der Prioritätenliste der öffentlichen Finanzierung stehen.

Lwiw wurde aus der Verzögerung aus den 90er Jahren zur „Kulturhauptstadt“ der Ukraine erklärt. Gibt es wirklich Gründe in der Stadt, diesen Status in Anspruch zu nehmen?

Ich glaube, dass Lwiw [Lemberg] die ukrainische Touristenhauptstadt ist. Es entstehen ständig neue Restaurants und Hotels. Das ist gut, aber der kulturelle Prozess ist abgesunken in die Festivalisierung. Es ist notwendig, zuerst neue Bedeutungen zu schaffen und dann ein Festival auf dieser Basis zu machen. Andersherum geht es nicht. Festivals generieren keine zugrunde liegenden Bedeutungsinhalte. Hier haben wir das Kunstprojekt „Obabitsch“ [von beiden Seiten, A.d.R.] im alten Straßenbahndepot, das jetzt Lem Station heißt, eröffnet. Und dort an der Fassade hing ein Banner des Kaffeefestivals, das schon vorbei ist. Aber dieser Ort soll rein künstlerisch, kreativ bleiben. Solange es kein Verständnis dafür gibt, warum das benötigt wird, geht immer noch alles in Richtung Festivalisierung.

9. Oktober 2019 // Andrij Drosda

Quelle: Zaxid.net

Übersetzer:   Christian Weise — Wörter: 1776

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