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Über "unseren" und "ihren" Sieg

Unabhängigkeitstag – dies ist in erster Linie ein Fest ehemaliger Kolonien. Klassische Imperien haben es ein solches Fest nämlich nicht. Die Russen hätten eine Ausnahme sein und ihren Unabhängigkeitstag ihrem Kalender hinzufügen können (Anm. d. Übers: der Tag der Deklaration der staatlichen Unabhängigkeit Russlands am 12. Juni 1990 wird in Russland als “Russlandtag” und eben nicht als “Unabhängigkeitstag” gefeiert). Jedoch scheint unter dem neuen Führer das Feiern der “größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts” (Anm. d. Übers: Zitat Putin) eher unangebracht.

Ukrainer feiern diesen Tag auf verschiedene Arten – im öffentlichen Raum ziemlich laut und lebhaft, im privaten jedoch kaum wahrnehmbar. Pathetische Artikel und Reden in den Massenmedien mischen sich mit skeptischen Kommentaren und ärgerlichen Bemerkungen. Das Verständnis der ukrainischen Unabhängigkeit war zu Beginn viel zu verschiedenartig, heute hingegen sind die Erfahrungen der verschiedenen Menschen mit ihren Ergebnissen viel zu verschieden.

Oleksandr Irvanets, möglicherweise der witzigste ukrainische Parodist, veröffentlichte vor einem Jahr eine kitschige, dem Unabhängigkeitstag gewidmete “Ode” unter dem bezeichnenden Titel “unser Sieg”. Die beiden Wörter des Titels haben eine besondere Bedeutung und werden in dem Gedicht mit dem für den Autor charakteristischen Mittel der Verfremdung regelrecht seziert. Der Autor, oder besser gesagt, sein Erzähler, spielt wie seinerzeit Voltaires Candide den Narren und dichtet eine Ode zur Ehre der Unabhängigkeit, in der die für dieses Genre charakteristischen nationalistischen und sozialistisch-realistischen Klischees aufgereiht werden. In diesen “heroischen” Text eingearbeitet sind die Namen heutiger ukrainischer Politiker, als ob sie es gewesen wären, die für die Unabhängigkeit gekämpft hätten:

Alle unsere Führer werden es bestätigen
Die Vorsehung ist nicht blind
Lasst uns erinnern, wie alle sie 1991
Rangen gegen das GKTschP (Anm. d. Übers.: Staatliches Komitee für den Ausnahmezustand, Putsch gegen Gorbatschov)

“Jeder von uns wird sterben im Kampf für dieses!” (Anm. d. Übers.: hier zitiert Ivanets ein sowjetisches Kampflied, in dem natürlich für die sowjetische Macht gekämpft wurde)
Der Gesang erschallte und in einer Reihe
Gingen vorwärts Azarov, und Akhmetov,
Kolesnikov, Lukyanov und Tsushko.

Um dem Moskauer Henker den Weg zu durchkreuzen
Vereint, ohne Widersprüche
Der noch junge Nestor (Anm. d. Übers.: Schufrytsch) und der auch junge Horoschkovski
Standen Hand in Hand für die Ukraine

Sorgfältig jeden Schritt planend
Den Verlauf zukünftiger Ereignisse vorhersehend
Leitete persönlich Viktor Janukovitsch
Seine Wagenkolonne in die Schlacht!

In diesem Kampf wurde die Partei der Regionen geboren!
Die Untergrundkämpfer vom Donbass
Hissten auf der Bergehalde
Unsere geliebte gelb-blaue Flage.

Als sich die Moskauer Horde zurückzog
Wurde aus dem Weinen ein triumphierendes Lachen,
(Anm. d. Übers.: hier spielt Ivanets auf das Igorlied an)
Als Bohatyryova, Herman und Bohoslovska
Ihren glorreichen Ritter begrüßten (…)

Jeder, der auch nur ein wenig mit der ukrainischen politischen Szene vertraut ist, wird sofort einen tiefen Sarkasmus in diesem Gedicht von Ivanets finden, da er natürlich weiß, dass niemand von den hier genannten und nicht genannten derzeitigen politischen Führern jemals in seinem Leben für auch nur irgendeine “freie Ukraine” gekämpft hat. Genaugenommen haben sie nicht einmal jemals an derartige Häresie gedacht, stattdessen waren einige sogar Teil des damaligen kolonialen Systems, das “Khokhly”, “Svidomisty” und “Bandery” (Anm. d. Übers.: abfällige Bezeichnungen für Ukrainer) in Unterwerfung hielt. Die bittere Ironie bei der ukrainischen Situation liegt in der Tatsache, dass jene Menschen, die immer schon die Ukraine und Ukrainer tief verachteten, die Hauptnutznießer der gewonnenen Unabhängigkeit waren. Sie wurden Eigentümer der sorgfältig privatisierten Gebiete der ehemaligen ukrainischen Sowjetrepublik und ihrer mehreren 10 Millionen nicht vollkommen ausgerotteter oder assimilierter Ureinwohner mit jener komischen “Kälbersprache” (Anm. d. Übers.: hier bezieht sich Ryabchuk auf den Polizisten aus Odessa, der die ukrainische Sprache als “Kälbersprache” bezeichnet hatte).

Der “Sieg” wurde somit “ihrer” und nicht “unserer”, und war somit nicht wirklich ein Sieg – die konsequente Zerlegung des einen Wortes führte damit unweigerlich zur Zerlegung des anderen.

In der Zwischenzeit veröffentlichte Lina Kostenko anlässlich des diesjährigen Unabhängigkeitstages ein Essay, in dem sie ebenfalls sarkastisch eine ähnliche Frage nach dem Wesen des “Sieges” stellte und – noch wichtiger – der “Sieger”. Ihrer Meinung nach hätte man in Kyiv statt der üblichen Militärparade einen Karneval der Repräsentanten des Staates, korrupter Funktionäre, Richter, Staatsanwälte, Abgeordnete, Oligarchen, Gangster und Polizisten abhalten sollen, die das Land in den letzten 20 Jahren ausgeraubt, moralisch zugrunde gerichtet und kompromittiert haben. Abnehmer dieser Parade wären alle vier Präsidenten der Ukraine gewesen, jeder mit einem Schild um den Hals, auf dem stünde, wer in diesen 20 Jahren was weggegeben und verraten hatte – Flotte und Atomwaffen, die Industrie, strategisch wichtige Objekte, die orangene Revolution.

Der Wochenspiegel feierte das Jubiläum durch mehrere Artikel mit charakteristischen Titeln – “20 Jahre der Einsamkeit”, “20 Jahre der Unzufriedenheit” sowie eine Liste nackter Tatsachen, internationale Ratings, statistische Berichte, die keine weiteren Kommentare benötigen. Nach diesen Daten belegt die Ukraine weltweit den ersten Platz in Kinder-Alkoholismus und der Ausbreitung von HIV in der erwachsenen Bevölkerung, den zweiten in Schulden beim IWF, den vierten unter den Ländern mit den schlechtesten Volkswirtschaften (nach Forbes), den fünften aller Länder mit den größten Zahlen an Auswanderern (6.6 Mio Ukrainer, also fast 15% der Gesamtbevölkerung haben seit der Unabhängigkeit ihre Heimat verlassen). Die Ukraine hält einen ruhmvollen fünften Platz im Verbrauch von Alkohol pro Kopf, den siebten Platz in Computer-Piraterie, den zehnten für die Zahl der Menschen im Gefängnis pro 100.000 Einwohner (33), den 69 von 169 Länder im Human Development Index, Platz 73 (zwischen Namibia und Botswana) in Bezug auf die Lebensqualität, 110 (von 177 Ländern) auf Reichtum, 131 in Bezug auf Redefreiheit, 134 (von 180) in Bekämpfung der Korruption, 164 (von 179) für die Freiheit wirtschaftlicher Entwicklung, 181 (von 183) für die Einfachheit des Steuersystems. Durch die Anzahl von Steuern und Abgaben (135) hat die Ukraine einen absurden Rekord aufgestellt und befindet sich auf dem letzten Platz. Im Durchschnitt verbringen ukrainische Unternehmer 657 Stunden pro Jahr mit dem Ausfüllen von Steuerunterlagen. Wenn man berücksichtigt, dass während der eineinhalb Jahre der Regierung von Viktor Janukowytsch die Einstufung der Ukraine in nahezu allen Rankings und Indizes sich deutlich verschlechtert hat, können die in der Zeitung veröffentlichten Daten gut als ein bösartiger Kommentar verstanden werden zu dem von Janukowytsch unterzeichneten Artikel mit dem pathetischen Titel 20 Jahre Ukraine: Unser Weg ist erst am Anfang. In diesem Artikel lernen wir vor allem, dass die letzten 20 Jahre “nicht einfach” waren, dass die “harten Realitäten die Hoffnung auf eine schnelle Verbesserung der Lebensbedingungen und den schnellen Aufbau einer freien und wohlhabenden Gesellschaft und einen Rechtstaat ruinierten”. Natürlich erwähnt der Präsident nicht, wer der Hauptschöpfer dieser mythischen und mit keiner realen Person verbundenen Realität war und ist. Er erwähnt auch nicht, dass diese geheimnisvolle “Realität” seine Bürger auf sehr selektive Art ruinierte. Weder Viktor Janukovytsch, noch seine Kumpel, die in diesen 20 Jahren konsequent die Kontrolle über die Ukraine an sich gerissen haben, mussten unter dieser bösartigen “Realität” leiden, im Gegenteil, alle ihre Hoffnungen auf eine schnelle Verbesserung ihrer Leben wurden im vollsten Umfang wahr – dank der “Unabhängigkeit”.

Aus dem Artikel des Präsidenten erfahren wir auch, dass unsere Gesellschaft jahrzehntelang das sowjetische Erbe überwand. Über seine eigene Rolle bei der Bewältigung dieses “Erbes” schweigt der Präsident bescheiden. Er erwähnt weder seine Unterschrift unter dem entscheidenden Erlass über die Rückkehr der roten Fahnen in den amtlichen Gebrauch, noch die konsequente Resowjetisierug der Lehrbücher an Schulen durch seinen ukrainophoben Minister, noch die faktische Rückkehr der KGB-Praktiken in den ukrainischen Sicherheitsdienst, noch die verschiedenen Benennungen von Straßen, Orten und Denkmäler nach bolschewistischen Vampiren, die in Janukovytschs Amtszeit nicht weniger wurden – zu zahlreichen Lenins kamen noch Stalin und andere Werwölfe hinzu.

Falls Viktor Janukovytsch die Reden seiner Schreiber unterzeichnet, ohne sie zu lesen, ist das natürlich schlimm. Wenn er sie aber liest und dennoch unterzeichnet, ist es noch viel schlimmer. In diesem Fall versteht er entweder überhaupt nichts und lebt in einer parallelen “Mezhyhirska” Realität (Anm. d. Übers.: Mezhyhirya ist J.‘s prachtvolle Residenz in der Nähe Kyivs), oder er betrachtet die hypothetischen Leser dieser Texte als Einfaltspinsel und dankbare Opfer, die gehorsam diesen Teller von Unsinn wie “der Weg der Reform”, “Überwinden der Korruption”, “Europäische Werte” als “Fundament unserer Entwicklung”, leerzuessen haben. Zum Glück leben Ukrainer nicht in Nordkorea und können bislang noch ganz gut unterscheiden zwischen “Kampf gegen die Korruption” und Rache gegen unzählige politische Gegner, dem “Weg zur Reform” und der Verbesserung der Lebensbedingungen der heutigen Oligarchen auf Kosten der Bevölkerung oder “Europäischen Werten” und denen, die Janukovytsch und sein Team täglich – und vor allem nächtlich – leben.

Es scheint, als ob nur Ausländer einen vorsichtigen Optimismus bezüglich der Entwicklung der Ukraine in ihren Artikeln anlässlich der ukrainischen Unabhängigkeit zum Ausdruck bringen. Allerdings tun sie das nicht, weil sie an die zusichernden Kommentare von Janukovytsch, den Mitarbeitern und Propagandisten seiner Administration sowie den zensierten Kanälen glauben, sondern weil sie die Ukraine nie ernsthaft als einen Teil Europas betrachtet haben. Sie haben für die Ukraine niemals die selben Maßstäbe wie für Polen, Ungarn oder die baltischen Staaten angelegt. Für sie ist die Ukraine ein dunkles, nebeliges “Eurasien”, wo Wörter eine andere Bedeutung haben. Das Fehlen von massenweisen politischen Morden, Gaskammern und rituellem Kannibalismus ist bereits ein vollkommen ausreichender Grund, den hiesigen Häuptlingen zu ihrem nationalen Feiertag zu gratulieren und sogar die Hände zu schütteln, wenn man sich zufällig bei internationalen Foren trifft. Gegenüber Kasachstan, Turkmenistan und sogar Russland und Weißrussland sieht die Ukraine (bislang) nicht so schlecht aus, so dass gutmütige Fremde immer etwas finden werden, wofür sie das nicht ganz so kannibalistische Regime loben und hin und wieder etwas ermutigendes zu seinen Menschen sagen können.

Steven Pifer, früherer US-Botschafter in der Ukraine, hält zum Beispiel die Entstehung einer nationalen Identität über das gesamte Land hinweg für eine der wichtigsten Errungenschaften der letzten zwei Jahrzehnte. “In der Ostukraine ist diese Identität nicht ganz so intensiv wie im Westen, aber ich denke, die meisten Ukrainer versuchen, egal auf welche Probleme sie stoßen, sie als ein ukrainischer Staat zu lösen.”

Matthew Rojansky, Direktor des Carnegie Programms für Russland und Eurasien (sic), sagt dass die wichtigste Änderung die “Erschaffung und Konsolidierung von neuen, unabhängigen Identitäten” in jenen Staaten gewesen sein, inklusive das “Versuchen, sich von Russland zu unterscheiden, selbst wenn Menschen stark russifiziert und Wirtschaften stark sowjetisiert waren”. Die Ukraine, seiner Meinung nach das bedeutendste der postsowjetischen Länder, habe eine neue Generation von Führern hervorgebracht, die “an Demokratie glauben und es vorziehen, auf den Willen ihrer Wähler zu vertrauen statt auf die brüderlichen Beziehungen mit Moskau”. In dieser Hinsicht hält er die farbigen Revolutionen in Georgien, der Ukraine und Kirgistan für wichtige Schritte in die richtige Richtung, “ein Zeichen der Schwächung des sozio-politischen sowjetischen Erbes als Folge der Generationen.

Alexander Motyl, Professor für Politologie an der Rutgers University, der in seinem regelmäßigen Blog in der Zeitschrift “World Affairs” nicht an ätzenden Worten für die Regionalen und deren Chef spart und sie regelmäßig als Herde eifriger, inkompetenter Krimineller darstellt, die bestechen, betrügen und den Staat erpressen, zeichnet in seinem letzten Artikel ein unerwartet optimistisches Bild der Zukunft der Ukraine. Nach seiner Sicht müssen die Regionalen das Land selbst gegen ihren Willen europäisieren, sogar gegen ihre Gewohnheiten und grundlegenden Instinkte. Ihr grundlegender Instinkt – Überleben – sagt ihnen, dass es keinen anderen Ausweg gibt. Unglücklicherweise für die ukrainische Mafia ist der große Bruder im Norden viel größer als sie selber. Putins Russland kennt keine Grenzen in seinem Appetit für die Ukraine. Gibt man ihm einen Finger, nimmt es den ganzen Arm. Gibt man ihm einen Arm, greift es einen mit den Zähnen am Hals. Mist, was kann ein armer ukrainischer Kerl (Anm. d. Übers: Пацан lässt sich nur schwer übersetzen!) nun tun? Die Antwort ist einfach: vorwärts gehen! Die schwarzen Lederjacken und die Goldketten ablegen, keine Zigarren mehr rauchen, keine schlimmen Wörter mehr, die Nägel schneiden, die Haare bürsten, ein schönes Haus kaufen und den Rasen mähen, ein legales Geschäft starten und einem respektablen Club – vorzugsweise in Brüssel – beitreten.

“Oh, noch eines”, fügt Motyl sarkastisch hinzu, “vergessen Sie nicht, Putin und Medwedev zu Helden der Ukraine zu erklären. Sie verdienen es nicht weniger. Ihre Gangster-Gier könnte die Ukraine vollständig unabhängig machen.”

Es scheint, als ob die “Optimisten”, die über die Zukunft der Ukraine reden, nicht weniger Recht haben als die “Pessimisten”, die über ihre Gegenwart reden. Die aktuellen ukrainischen Machthaber sind keine Sympathisanten von europäischen Werten wie z.B. Rechtsstaatlichkeit, Rede- und Versammlungsfreiheit, freien Wahlen und fairem Wettbewerb. Autoritarismus der russischen oder Diktatur der weißrussischen Art sind für sie die geeignetsten und verständlichsten politischen Strukturen. Allerdings fehlen ihnen Ressourcen für die erste und der Mut für die zweite Option. Um die ukrainische Gesellschaft zu bestechen, wären weit mehr Petro-Dollars notwendig als selbst Putin sie besitzt. Brutale Unterdrückung andererseits würde zur Sperrung der Konten bei westlichen Banken führen und zu langanhaltende Sanktionen, wie sie bereits die weißrussische Führung und in die Magnitskij-Affaire verwickelte russische Offizielle erfahren mussten (Anm. d. Übers.: Magnitskij war ein russischer Anwalt, der Fälle von Korruption aufdeckte und im Gefängnis aufgrund verweigerter medizinischer Hilfe starb).

Somit wirkt die von Motyl prognostiziert paradoxe Transformation der ukrainischen Mafia in anständige Geschäftsleute, Autoritäre in Demokraten, Russophile in Pro-Westliche nicht vollkommen utopisch. Immerhin haben einige gelernt, Nägel zu schneiden, Rasen zu mähen, Universitäten und Kunstgalerien zu unterstützen. Nur eine “Kleinigkeit” bleibt – zu lernen, sowohl in Politik als auch in Wirtschaft nach europäischen Regeln zu spielen statt nach denen der eurasischen Unterwelt.

In dieser Hinsicht ist der wirklich interessante Teil der oben erwähnten Rede von Janukovytsch nicht die rituellen, im wesentlichen bedeutungslosen Deklarationen über “Reformen”, “Überwindung der Korruption”, “europäische Werte”, sondern viel zurückhaltender formulierte, dennoch bezeichnende Anzeichen von Unzufriedenheit mit Moskaus Politik: “die Jahre der Unabhängigkeit haben unwiderlegbar bewiesen, dass solche [freundlichen] Beziehungen nur auf Grundlage strikter Einhaltung des bilateralen Gleichgewichts der nationalen Interessen und gegenseitigen Respekts möglich sind. Der Staat und seine Führung wird alles tun, was in seiner Macht steht, um eine solche Balance zu errichten.” Wenn man diesen Satz aus der verklausulierten diplomatischen Sprache in Klartext übersetzt, bedeutet das, dass bisher weder eine Balance der nationalen Interessen noch ein gegenseitiger Respekt in den ukrainisch-russischen Beziehungen festgestellt werden konnte und dass die ukrainische Führung im Gegensatz zur russischen hierfür alles nur irgend mögliche tut und daher nicht die Hauptverantwortung für diesen Zustand trägt.

Von Worten zu Taten, von einer Absicht zu ihrer Umsetzung liegt oft eine unüberwindbar große Distanz. Selbst wenn die ukrainische “Mafia” unter dem Druck interner und internationaler Umstände gezwungen sein wird, auf Motyl’s Rat zu hören, zu versuchen, sich von schlechten Gewohnheiten zu trennen und nach dem Vorbild von Corleone Jr. in ehrliche Geschäfte einzusteigen, könnte diese Transformation sich am Ende als zu kompliziert herausstellen, wie auch die letzten Kapitel des “Paten” demonstrierten. Außenstehende, denen von allen Seiten mehr oder weniger vertraut wird, hätten eine entscheidende Rolle spielen können. Eine derartige Rolle spielte die Europäische Union bereits auf dem Balkan, aber es ist es ist fraglich, ob sie bereit ist, sich in ukrainische “Bandenkriege” einzumischen. Russland wäre wohl bereit, aber die positiven Folgen dessen sind zweifelhaft.

Am wahrscheinlichsten ist, dass die Ukraine noch weitere “20 Jahre der Einsamkeit” und weitere “20 Jahre der Unzufriedenheit” bevorstehen – sich im Kreis drehen, den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen und immer wieder in das selbe Loch fallen – solange die Gesellschaft nicht lernt, der Schiedsrichter zu sein für die Mächtigen, die sie gewählt hat, sowie für sich selber. Sie hat schon gelernt, “ihre” Siege nicht zu feiern. Sie muss noch lernen, ihre eigenen Siege zu erringen und dann die zu feiern.

25.08.2011 // Mykola Rjabtschuk

Quelle: Zaxid.net

Übersetzer: Natalya Kostyak, Martin Dietze

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