FacebookXVKontakteTelegramWhatsAppViber

Stanislaw Asjejew und Andreas Umland: Das Donezker Foltergefängnis „Isoljazija“

Stanislaw Asjejew: "Switlyj schljach" - Verlag Staroho LewaQuelle: starylev.com.ua

Die aus Moskau angeführten ostukrainischen „Separatisten“ betreiben seit mehr als sechs Jahren eine Art Konzentrationslager in der Stadt Donezk. Außerhalb jeder regulären Gerichtsbarkeit werden Männer und einige Frauen täglich auf eine Weise physisch und psychisch gequält, die an die dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte erinnert.

Während des schicksalhaften Jahres 2014 gelang es den Massenmedien, Sprechern und Freunden des russischen Staates, weiten Teilen der westlichen Öffentlichkeit ein Zerrbild des militärischen Konflikts im Donezbassin (Donbass) vermitteln. Viele Beobachter übernahmen die Erzählung des Kremls, dass der sechsjährige Krieg in der Ostukraine angeblich in Menschenrechtsverletzungen der Zentralregierung in Kyjiw wurzelt. Im März 2014 setzten sich russischsprachige Ukrainer, so das Moskauer Narrativ, gegen ein neues „faschistisches“ Regime zur Wehr, das aus der Euromaidan-Revolution hervorgegangen war. Ostukrainische „Rebellen“ – so das Kremlnarrativ – erhoben sich, um vorgeblich verletzte Rechte von Russen und Russischsprechern zu verteidigen.

Ohne sich sonderlich für den tatsächlichen Verlauf der Ereignisse vor Ort zu interessieren, haben seither zahlreiche westeuropäische Politiker, Aktivisten und Journalisten Moskaus Erklärung der Quellen und Natur des Donbass-Krieges teilweise oder sogar vollständig übernommen. Die Dominanz verzerrter Analysen in der westlichen Öffentlichkeit hat nicht nur zu einer verspäteten, verhaltenen und bislang wirkungslosen Sanktionspolitik Brüssels gegenüber Moskau geführt. Es hat die EU – als der weiterhin mit Abstand größte Handels- und Investitionspartner Russlands – auch in ein ethisches Niemandsland geführt. Während das westliche Medieninteresse für ukrainische rechte Randgruppen und deren gelegentliche Übergriffe weiter lebhaft ist, finden weit schwerwiegendere, systematischere, gezieltere und häufigere Menschenrechtsverletzungen der kremlgesteuerten lokalen Machtorgane auf der Krim und im besetzten Donbas im Westen weniger Beachtung. Dies betrifft unter anderem das harsche Strafvollzugs- beziehungsweise Foltersystem in den besetzten Gebieten, in denen selbst Russlands mangelhafter Rechtsstaat nur partiell funktioniert.

So unterhält die sogenannte Donezker Volksrepublik seit Sommer 2014 in der Stadt Donezk eines der brutalsten Gefängnisse des Pseudostaates im Osten der Ukraine. Diese geheime und besonders düstere Einrichtung wird inoffiziell „Isoljazija“ (Isolation) genannt. Sie wurde auf dem Territorium eines ehemaligen Werks für Isoliermaterial errichtet. Nachdem die Fabrik beschlagnahmt worden war, errichteten die aus Moskau geführten Separatisten dort eine Militärbasis. Die Verwaltungsgebäude der ehemaligen Fabrik und ein System von Bombenschutzräumen wurden in Gefängniszellen und Folterkammern umgewandelt. Das Gefängnis „Isoljazija“ ist de facto ein Konzentrationslager, in dem Folter, Erniedrigung, Vergewaltigung von Frauen und Männern sowie schwere körperliche Zwangsarbeit Alltag sind.

Einer der Autoren dieses Artikels ist ein ehemaliger Häftling von „Isoljazija“. Als ostukrainischer Journalist wurde Stanislaw Asjejew [rus. Stanislaw Assejew] im Mai 2017 vom „Ministerium für Staatssicherheit“ der sogenannten Donezker Volksrepublik unter dem Vorwurf der Spionage festgenommen. Er verbrachte 31 Monate in Haft, davon 28 Monate im Konzentrationslager „Isoljazija“. Dort wurde er Opfer verschiedener Formen von Folter. Ende Dezember 2019 wurde Asjejew im Rahmen eines russisch-ukrainischen Gefangenenaustauschs freigelassen.

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich in der „Isolation“ acht gewöhnliche Zellen mit mehreren Häftlingen, zwei disziplinarische Isolationszellen, ein Bombenkeller zur Unterbringung Gefangener und eine angrenzende Zelle sowie mehrere Folterkeller. Drei der acht Zellen waren Frauenzellen. Die ungefähre Höchstzahl gleichzeitig in der „Isolation“ festgehaltener Häftlinge betrug insgesamt bis zu achtzig Personen.

Das Gefängnis hat extrem strenge Haftregeln, die selbst Foltermittel sind. Außerhalb der Zellen sind die Gefangenen verpflichtet, sich nur mit Säcken oder Beuteln über dem Kopf zu bewegen. Wird die Zellentür geöffnet, muss sich der oder die Gefangene umdrehen, sich mit dem Gesicht zur Zellenwand drehen und einen Sack über den Kopf stülpen, die Hände auf den Rücken legen sowie stillstehen, bis die Tür wieder geschlossen wird. Während Asjejews Inhaftierung gab es eine Periode, in der die Gefangenen im Keller auf Anordnung der Verwaltung gezwungen waren niederzuknien und die Beine zu verschränken. Das Liegen auf den Kojen ist verboten. Dieses Recht kann erst nach längerer disziplinierter Haft, d.h. sechs Monate oder darüber, in der „Isolation“ erlangt werden.

Die Gefangenen werden 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche überwacht. Die Zellen sind ständig beleuchtet. Es ist streng verboten, das Licht auszuschalten. Diese Regel hat eine tiefe psychologische Wirkung auf die Gefangenen.

Am berüchtigtsten ist das Isoljazija-Gefängnis jedoch für seine besonders grausame physische Folter, die bei Gefangenen jeden Alters und Geschlechts angewandt wird. Das häufigste Folterinstrument ist Elektrizität. Neu angekommene Häftlinge werden in einen Folterkeller geführt, nackt ausgezogen, an einen Metalltisch gekettet und mit zwei Drähten von einem militärischen Feldtelefon verbunden. Dann wird Wasser über die Person gegossen und elektrischer Strom freigesetzt. Unter den Häftlingen des Konzentrationslagers gilt man als Glückspilz, wenn die Drähte an Fingern oder Ohren festgebunden sind. Häufiger wird ein Draht mit den Genitalien verbunden und der zweite in den After eingeführt.

Der Häftling kann auch gezwungen werden, „die Wand zu halten“. Dies ist eine Foltermethode, bei der sich die Person an die Wand stellt, die Beine weit spreizt und die Hände über dem Kopf an die Wand legt – und so mehrere Stunden bis mehrere Tage stehen muss. Wenn es dem Gefangenen schlechter geht und er die Hände sinken lässt oder versucht sich hinzusetzen, wird er von einem Gefängniswärter mit einem Rohr auf die Genitalien geschlagen.

Schwere Zwangsarbeit und Vergewaltigung sind weitere Formen von Folter in der „Isolation“. Zu jeder Jahreszeit werden vor allem männliche Sträflinge mit langer Haftzeit gezwungen, im Industrieteil der ehemaligen Fabrik zu arbeiten. Oder sie werden zu Bauarbeiten auf einem nahe gelegenen Truppenübungsplatz gebracht. Abgesehen von der Folter durch die Gefängnisverwaltung unterliegt die Häftlingsgemeinschaft der „Isolation“ einer besonders harten Version des eigentümlichen Systems informeller Regeln und Konzepte (ponjatija), nach denen sich Kriminelle in den Strafvollzugssystemen des postsowjetischen Raums organisieren.

Den täglichen oder wöchentlichen Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

So gibt es zum Beispiel eine Kaste der sogenannten „Herabgelassenen“ beziehungsweise Erniedrigten. Dabei handelt es sich um Gefangene, auf deren Lippen oder Stirn ein Gefängnisverwalter oder -wärter seinen Penis gelegt hatte, wodurch der Status des Verurteilten auf den eines „Herabgelassenen“ herabgestuft wurde. Diese Männer müssen im Anschluss die schmutzigste und härteste Arbeit im Gefängnis verrichten. Sie können auch als „Werkzeuge“ dienen, um andere Gefangene in diesen spezifischen Häftlingsstatus zu versetzen.

Ein Großteil des westlichen Diskurses über den Donbasskonflikt dreht sich unter dem Einfluss russischer oder prorussischer Sprecher weiter um das Thema ukrainischer Menschenrechtsverletzungen in der Ostukraine. Doch sieht die Realität vor Ort anders aus. Skandalöse Verstöße, wie die hier skizzierten im Donbass, werden auch von der annektierten Krim gemeldet. Etliche weitere Menschenrechtsverletzungen innerhalb der besetzten Gebiete geschehen außerhalb ihrer besonders harten Gefängnissysteme.

Die flagranten Verstöße sind seit 2014 fester Bestandteil des öffentlichen Lebens und entscheidende Machtinstrumente in den von Russland kontrollierten Regionen der Ukraine geworden. Auf der Krim ist die größte indigene Gruppe der Halbinsel, die Krimtataren, zur Zielscheibe systematischen Terrors durch den russischen Staat geworden. Trotz dieser und zahlreicher anderer russischer Verstöße wurde im Sommer 2019 die russische Delegation in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, nachdem sie 2014 aus diesem Organ verbannt worden war, wieder zu den Sitzungen und Abstimmungen der Versammlung zugelassen.

Stanislaw Asjejew ist ein ostukrainischer Schriftsteller und Journalist. Er war 2017-2019 im Foltergefängnis „Isolation“ in Donezk inhaftiert, bevor er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freigelassen wurde. Seit 2020 arbeitet er als Experte für die besetzten Donbass-Gebiete am Ukrainischen Institut für die Zukunft Kyjiw. Andreas Umland ist Herausgeber der Buchreihe „Soviet and Post-Soviet Politics and Society“ beim ibidem-Verlag Stuttgart sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter des Schwedischen Institut für Internationale Angelegenheiten (UI) Stockholm. Dieser Artikel basiert auf dem kürzlich erschienenen ukrainischen Buch Asjejews „Heller Weg: Die Geschichte eines KZs“ (Lemberg: Wydawnyztwo Staroho Lewa, 2020) und ist Teil einer UI-Artikelreihe, die den OSZE-Vorsitz Schwedens im Jahr 2021 begleitet. Der Beitrag erschien zuerst auf „Ukraine verstehen“ beim Zentrum Liberale Moderne Berlin.

Autor:    — Wörter: 1227

Dr. Andreas Umland (1967) ist seit 2010 Dozent am Fachbereich Politikwissenschaft der Kyjiwer Mohyla-Akademie (NaUKMA) und seit 2021 Analyst am Stockholmer Zentrum für Osteuropastudien (SCEEUS) des Schwedischen Instituts für Internationale Beziehungen (UI).

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Bluesky, Facebook, Google News, Mastodon, Telegram, X (ehemals Twitter), VK, RSS und täglich oder wöchentlich per E-Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 5.4/7 (bei 5 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Kiewer/Kyjiwer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew/Kyjiw

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)12 °C  Ushhorod16 °C  
Lwiw (Lemberg)14 °C  Iwano-Frankiwsk12 °C  
Rachiw10 °C  Jassinja10 °C  
Ternopil9 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)11 °C  
Luzk13 °C  Riwne11 °C  
Chmelnyzkyj9 °C  Winnyzja11 °C  
Schytomyr10 °C  Tschernihiw (Tschernigow)11 °C  
Tscherkassy9 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)11 °C  
Poltawa10 °C  Sumy10 °C  
Odessa10 °C  Mykolajiw (Nikolajew)10 °C  
Cherson11 °C  Charkiw (Charkow)10 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)10 °C  Saporischschja (Saporoschje)11 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)11 °C  Donezk11 °C  
Luhansk (Lugansk)11 °C  Simferopol10 °C  
Sewastopol11 °C  Jalta9 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Falls dann da eine Erweiterung der APP kommt oder was neues, werde ich natürlich ausprobieren und dann berichten. Hab mir jetzt mal die APP geholt, derzeit funktionieren ja nur Busse und LKW, im Grunde...“

„Ich vermute Geldmacherei! Immerhin kostet die bescheuerte Karte über 1000 Hrivnas+ Krankenversicherung für 2000 Hrivnas und ungefähr 300 Euro Absicherung beim Ernstfall, die aber kein Arzt der Ukraine...“

„Bekannte (UA) ist gestern gegen 17 Uhr wieder in Korczowa eingereist - ca. 1h“

„Bin gestern Nachmittag um 15.00 Uhr Kiewzeit am Grenzübergang Zosin / Ustiluh eingereist. 12 PKW in der Schlange nach ca. 20 Minuten war ich im Grenzbereich, da erstmals die EU Spur nur EU Kennzeichen,...“

„Gestern ist ein Bekannter (Ukrainer) über Krakowez mit dem Auto ausgereist. 1h vor der Grenze und 0,5h im Grenzbereich“

„Sie kann als Untermieterin bei Dir einziehen dadurch bildet Ihr keine Bedarfsgemeinschaft. Womöglich keine gute Idee. Unser Sozialamt z. B. wollte die Nebenkosten in einer ähnlichen Situation detailliert...“

„Weshalb wollt ihr zusammenziehen, wenn Deine Rente nicht reicht? Du kannst diese Frau nicht ernähren? Dann ist sie doch bisher besser dran, hat ihr Bürgergeld und Wohnraum etc., Krankenversicherung hat...“

„Sie kann als Untermieterin bei Dir einziehen dadurch bildet Ihr keine Bedarfsgemeinschaft. Nur Ihr BG wird gekürzt, wie viel weiß ich nicht. Erkundige Dich mal in diese Richtung.“

„Wenn die Ukrainer/innen schon einen Flüchtlingsstatus haben, ist ein weiterer Status als Flüchtling in Europa nicht mehr möglich. Es zählt das Erstaufnahmeland. In Deutschland wird sie dann nicht mehr...“

„Was soll der Quatsch wieder? Der Krieg noch voll im Gange, aber schon wird wieder an solchem Zeug raumgemacht. Haben die keine anderen Probleme?“

„Mittlerweile sind wieder Blockposten bei Korczowa bzw. Krakovez. Am letzten Dienstag jedenfalls wurde ich angehalten im Wald kurz vor der Grenzkontrolle. Wahrscheinlich brauchen sie wieder Männer an deren...“

„ Heute 10:30 Einreise in Urgyniw, waren bis Ende 40 Minuten, also sehr stabil, Montag, diese Uhrzeit...das läuft.
Heute wurde ich nach der polnischen "Endkontrolle" zur weiteren Kontrolle in die Garage eingeladen, hat mich mit Wartezeit, andere waren vor mir dran, genau eine 1h gekostet. Seit happens! Zu früh über die 40 Minuten gefreut.

Vielleicht mal noch eine Info, man fährt in d3n Zollbereich ein, es liegen dann 5 bis 6 Spuren vor einem, offensichtlich ist dann die Spur wo "alle" stehen, die ist ca. In der Mitte. Die EU Spur ist links davon, es gibt ein Leuchtzeichen (Leuchtreklame) über der Spur, die ist nur kaputt und man gerade noch das EU Symbol etc. erkennen. Dann passt das. Der PKW ist entscheidend, es dürfen dann auch Ukrainer im PKW sitzen.


„Einreise als Flüchtling, bedeutet......., nicht als Deine zukünftige Frau, bist dann erst einmal ihr Vermieter, mehr Hilfestellung gibt es jetzt aber nicht mehr.“

„Gehe auf das Ausländeramt Deiner Gemeinde und erkundige Dich, kann ja sein ich irre mich, derzeit können Ukrainer als Flüchtlinge einreisen und unterliegen dem Paragraphen 24, aufgtund dessen läuft...“

„Grundsätzlich könnte ich die Sachen mit in die Ukraine nehmen, bis Luzk, ABER Der Zoll und die Einfuhr muss geklärt sein und die Kosten und daran wird es wohl scheitern!“

„Jetzt lief gestern um 23:30 Uhr alles wie geschmiert in Ustyluh/Zosin, Einreise UA in ca. 50 Minuten. Dieses Mal die Polen schnell 3 PKW, bei den Ukrainern länger, 2 Busse und sonst ein paar Fahrzeuge,...“

Newsletter jeden Morgen

Sie möchten täglich über Neuigkeiten auf der Seite benachrichtigt werden? Dann ist vielleicht ein Kurzüberblick mit den wichtigsten Beiträgen der vergangenen 24 Stunden für Sie interessant. Der Versand erfolgt jeden Tag 6.00 Uhr morgens.




Nach dem Eintrag Ihrer E-Mailadresse erhalten Sie eine E-Mail zum Bestätigen Ihrer Adresse und können dann die Eintragung abschließen (so genanntes "Double Opt-In-Verfahren"). Ihre E-Mailadresse wird dabei nur auf unserem Server in Deutschland gespeichert und nicht an Dritte übermittelt.