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Ukrainer fahren nach Polen, um Zigaretten zu verkaufen und billiges Essen zu kaufen

Fußgänger an der polnisch-ukrainischen GrenzeFußgänger an der polnisch-ukrainischen Grenze, Bild: Sofija Glebowizkaja
An den westlichen Grenzen der Ukraine wird der Kleinschmuggel wiedergeboren, wie in den hungrigen 1990er Jahren. „Pendler“ oder „Ameisen“, so nennen die Polen die „Schmuggler“, die massenhaft im benachbarten Polen Zigaretten und Wodka verkaufen, die sie in der Ukraine billigst gekauft haben. Für die Einwohner der armen Grenzregionen, die seit Generationen am Weiterverkauf von Tabakwaren verdienen, gibt es mehr und mehr neue Konkurrenten.

Wegen der Inflation und der Arbeitslosigkeit haben sich die Menschen in die fast vergessenen „Pendler“- und Lebensmitteltouren in die benachbarten westlichen Staaten gestürzt – Polen, Ungarn, Slowakei, Rumänien. Sogar nach dem heftigen Verfall der Hrywnja in Bezug auf alle Fremdwährungen ist das Shopping auf der anderen Seite der Grenze immer noch einträglich. Einige Lebensmittel, Baumaterialien, Technik und Kleidung kosten weniger und das dabei, dass die Einkommen der Polen um einiges höher sind (der Mindestlohn beträgt in Polen 1.350 Złoty, was in Hrywnja übertragen 9.500 sind und er reicht bei uns nicht einmal an 1.500 Hrywnja heran). Außerdem sind für Ukrainer als Ausländer Einkäufe über die Steuerrückerstattung bei der Ausreise aus dem Land billiger. Denjenigen, die sich nicht von den vielstündigen Schlangen an der Grenze bei den „tax free“-Formalitäten abschrecken lassen, werden mehr als 20 Prozent der Ausgaben zurückgegeben, wenn die Einkäufe teurer als 200 Złoty waren (ab 1.400 Hrywnja aufwärts).

Shopping-Visa und Supermärkte für Ukrainer

Die Reisen ins nahe Ausland für billige Einkäufe sind so populär, dass die unternehmerischen Polen speziell für Unsere entlang der Grenze Supermärkte mit Handelszentren errichtet haben und geben den Einwohnern der westlichen Gebiete der Ukraine spezielle Shopping-Visa aus. Früher war es ein Leichtes ein solches zu erhalten. Es war lediglich ein Pass mit der Registrierung in einer westlichen Region notwendig. Doch wurden im vergangenen Jahr, entgegen der versprochenen Vereinfachung des Visa-Regimes, die Regeln verschärft. Jetzt fordern die Polen beinahe ein ebenso großes Dokumentenpaket wie für ein gewöhnliches Visum, bis zu Bankauszügen mit Geldeingängen und Hotelbuchungen – das dabei, dass zum Shopping die Mehrheit für einen Tag ohne Übernachtung hin- und herreist. Für die Einkäufe wählen viele den einzigen an der Westgrenze befindlichen Fußgängerübergang in der Ortschaft Schehyni im Gebiet Lwiw.

Im vorigen Jahr gaben die Ukrainer zwei Milliarden Złoty (fast 14 Milliarden Hrywnja, heute etwa 500 Millionen Euro) für Einkäufe allein in einer der Wojewodschaften Polens aus, in denen sie über den Übergangspunkt Schehyni gelangen. Das ist fast doppelt so viel, wie im Jahr 2014, teilte der polnische Fernsehsender TVP3 mit. Täglich gelangen über den Fußgängerübergangspunkt sechs- bis achttausend Menschen nach Polen. Um die Geheimnisse des Grenzshoppings zu erfahren, ist „Strana“ gemeinsam mit den „Pendlern“ über die Grenze gegangen.

An der Grenzübergangsstelle für Fußgänger werden zur „Hauptverkehrszeit“ Rippen gebrochen

In der Schlange an der Fußgängergrenzübergangsstelle warten einige Dutzend Menschen. Der äußere Anblick und die Redeweise geben sie in der Mehrzahl als Einwohner der Grenzregion zu erkennen. Viele wollen nach Europa, wie zur Arbeit. Dort wird mit Zigaretten und Wodka gehandelt und Lebensmittel eingekauft – für sich und für den Verkauf. Eingekauft wird im kleinen Supermarkt in Medyka, der ersten polnischen Siedlung auf der anderen Seite der Grenze. Die Bewohner der benachbarten Kreise brauchen kein Visum, die Polen lassen sie mit speziellen Karten für den vereinfachten Übergang hinüber. Einwohner Lwiws reisen nach Schehyni mit dem Sammeltaxi oder der Regionalbahn (weniger als zwei Stunden Fahrt).

Von frühmorgens an kommt es an Wochenenden und Feiertagen an der Fußgängerübergangsstelle zu Menschenansammlungen, die in Gedränge übergehen. „Hier werden Rippen gebrochen und Leute werden ohnmächtig. Manchmal muss man bis zu sieben Stunden anstehen“, erzählte uns eine Schachererin mit Erfahrung aus Mostyska im Gebiet Lwiw vom Alltag am Übergang, mit der wir in der Schlange reden. „Wir sind bereit einander zu erdrücken, man drängelt, klettert über die Abzäunung, geht beinahe über die Köpfe hinweg – allein um schneller über die Grenze zu kommen – peinlich wird einem, wie eine wilde Herde. Die polnischen Grenzer lachen über die Ukrainer, untereinander beschimpfen sie uns als Vieh. Verachtung ist zu spüren.“

Die Dorfbewohnerin beklagt sich, dass oft ein solches Gedränge wegen der Schichtwechsel der Grenzer und Zollleute aufkommt. „Es kommt vor, dass sie die Kontrolle in die Länge ziehen, in aller Gemütlichkeit arbeiten, als ob sie uns verhöhnen. Dann wächst die ‘Kolejka’ – die Schlange auf Polnisch“, sagt die „Schmugglerin“. Die Frau gibt zu, dass sie eine Flasche Horilka (ukrainischer Wodka, A.d.Ü.) und fünf Schachteln Zigaretten mit sich führt – zwei offen (das erlaubte Limit), die übrigen unter der Kleidung verborgen. Sie sagt, dass einige es fertigbringen eine Stange Zigaretten (zehn Packungen) mitnehmen, diese mit Klebeband am Körper befestigend. „Doch das nur, wenn in der Schicht die eigenen Celniki (Zollleute auf Polnisch) stehen“, klärt die Dorfbewohnerin auf.

10.000 im Monat mit Kippen

Die „Pendler“ kaufen in Untergrundfabriken eine der billigsten Zigaretten mit Nachlass – Prima ohne Filter oder L&M für 10-11 Hrywnja pro Packung. In Polen verkaufen sie diese dann für 4-5 Złoty (28-35 Hrywnja), dabei etwa 20 Hrywnja (ca. 70 Cent, A.d.Ü.) machend. Eine Stange durchgebracht und 200 Hrywnja verdient. An einem Tag kann eine „Ameise“ drei- bis fünfmal nach Polen und zurück gehen. „Manchmal kann man auch 1000 Hrywnja in die Tasche stecken, doch im Mittel kommen 300 Hrywnja heraus“, eröffnet eine Schachererin, die sich schon seit der Mitte der 1990er von der Grenze ernährt. Der Wodka, den man im grenznahen Geschäft in der Ukraine für 30 Hrywnja kauft, wird dort für das Doppelte verkauft. Ich rechne zusammen, dass man im Monat mit dem Handel wenigstens 10.000 Hrywnja (etwa 360 Euro, A.d.Ü.) verdient – sehr gutes Geld für ein Dorf. Den kleinen Weiterverkauf von Zigaretten verschmähen auch die Polen nicht. Sie werden übrigens von den Celniki nicht so streng kontrolliert, wie die Ukrainer und oft gelingt es ihnen, zwei bis drei Stangen Zigaretten durchzutragen.

Unserem Gespräch hört eine geduckte, dünne Blondine von etwa 50 Jahren zu. „Sagen Sie, was passiert, wenn die Zöllner überzählige Zigaretten finden?“, interessiert sie sich. „Du zahlst 200 Złoty Strafe. Bist du etwa eine Neue?“, fragt die „Routinierte“. „Ich habe mich niemals damit beschäftigt, doch muss ich jetzt“, gibt die Frau zu, den Blick niederschlagend. „Ich hatte seit den 1990er Jahren meine Verkaufsstellen auf dem Markt in Lwiw, ich verkaufte Kleidung. Doch nachdem die Hrywnja in den Keller fiel, musste ich mein Geschäft schließen. An eine solche Not kann ich mich in meinem ganzen Leben nicht erinnern.“

Zur gleichen Zeit tritt eine junge rotwangige Frau heran und bittet darum zwei Zigarettenschachteln zu nehmen. Einige von denen, die unbeschwert als Touristen gehen, stimmen zu (doch gewöhnliche Reisende gibt es an unseren Punkt nur wenige). Auf der anderen Seite der Grenze sammelt sich bei der cleveren Schachererin ein beeindruckender Haufen aus Schachteln. Auf dem wilden Markt etwa hundert Meter vom Übergangspunkt entfernt, werden die Ukrainer mit Zigaretten von Polen umringt, die Kippen aufkaufen und diese ihrerseits teurer weiterverkaufen – nach Deutschland und Skandinavien (in den reichen Ländern des Westens kostet eine Schachtel Zigaretten etwa vier Euro – 120 Hrywnja). Übrigens, den Schätzungen des polnischen Finanzministeriums nach, kommen etwa 40 Prozent der Zigaretten, die unter der Hand nach Europa gebracht werden aus der Ukraine.

Die Ware abgebend, gehen sie in den Minimarkt gleich hier, in Medyka. Diejenigen, die Kleidung, Technik oder Baumaterialien wollen, fahren nach Przemyśl (das sind zehn Minuten Fahrt von der Grenze). Doch die Mehrzahl der Ukrainer beschränkt sich auf Lebensmittel. Hauptsächlich kaufen sie Käse, Gemüse, Obst, Würstchen, Gewürze.

Essen halb so teuer

Wir schauen auf die Preisschilder – einiges ist wirklich billiger als in der Ukraine, fast die Hälfte. Beispielsweise ein Kilo Schweineschulter – weniger als acht Złoty (52 Hrywnja), und bei uns 65 Hrywnja, gemischtes Hackfleisch – weniger als sieben Złoty für das Kilo (48 Hrywnja), in der Ukraine ab 62 Hrywnja.

Die Ukrainer räumen Hühnerfleischwürstchen („Parówki“) für 5,5 Złoty/Kilogramm (36 Hrywnja) ab, ähnliche einheimische kosten ab 65 Hrywnja. Billiger sind hinter der Grenze importierte Früchte: Apfelsinen – weniger als 3 Złoty das Kilo (20 Hrywnja), in der Ukraine ab 30 Hrywnja. Ein großer Unterschied ist beim Preis für Zitronen – 4 Złoty das Kilo (28 Hrywnja) gegen 48 Hrywnja bei uns. Das gleiche mit Gurken – das Kilo kostet 4 Złoty (28 Hrywnja) und in der Ukraine 60 Hrywnja. Die Ukrainer lieben auch polnische Milchprodukte, besonders Joghurts mit natürlichen Fruchtstücken: das 400-Gramm-Glas kostet bei ihnen weniger als 2 Złoty (12 Hrywnja) und bei uns 20-25 Hrywnja.

„Polnische Produkte sind nicht nur billiger, sondern auch qualitativ besser. Dort kaufst du Kaffee oder Joghurt und kannst sicher sein, dass sie echt sind. Doch bei uns gibt es durchgehend Surrogate und Chemie. Daher sind die Einkäufe in Polen so populär. Und oft gibt es bei Aktionen Rabatte, nicht wie bei uns von 10 Prozent, sondern von 30 – 50 Prozent“, erklärte Olha Semenjuk aus Schehyni, die zweimal die Woche für Essenseinkäufe nach Polen fährt.

Experten erklären die Preisunterschiede damit, dass in der Ukraine in den Preis vieler Waren ein Korruptionsbestandteil eingeht. „Zusätzlich erhalten die polnischen Landwirte im Unterschied zu unseren Bauern vom Staat Zuschüsse. Und bei uns reicht nicht einmal der Rohstoff für die Weiterverarbeitung. Daher ergibt es sich, dass in Polen die Produktion billiger ist, obgleich die Löhne höher sind und die Energieträger teurer“, erzählte uns der Agroexperte Serhij Dudko.

Übrigens, kann die Ukraine auch auf etwas stolz sein – die Polen kommen zu uns für Konfekt, Schokolade und Desserts. Sie sagen, dass sie bei uns um einiges schmackhafter und natürlicher sind.

8. März 2016 // Dmytro Mizkewytsch/Mickiewicz

Quelle: Strana

Übersetzer:   Andreas Stein  — Wörter: 1645

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