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Vaterland gegen Kühlschrank

Vaterland vs. Kühlschrank

Bei ihnen ein Spion, bei uns ein Kundschafter. Bei ihnen ein Bandit, bei uns ein Partisan. Bei ihnen panische Flucht, bei uns taktischer Rückzug. Diese Auswahl doppelter Standards, die jeden militärischen Konflikt begleiten, kann man mit noch einem Paar vervollständigen. Bei ihnen Fernseher und Kühlschrank, bei uns Vaterland und Wurst. Der hybride Konflikt zwischen der Ukraine und Russland demonstrierte das in aller Schönheit.

Den Lebensalltag des Feindes beschreibt man üblicherweise als Kampf des Fernsehers gegen den Kühlschrank; die knatternde imperiale Propaganda mit den objektiven materiellen Problemen.

Im Fernseher laufen Putin, „Die Krim ist unser“, das Erheben von den Knien und das Rasseln mit Atomwaffen. Im Kühlschrank sind Sanktionen und Gegensanktionen, Rubelentwertung, fallender Lebensstandard und die Anhebung des Rentenalters.

Entsprechend wird die Fernsehtreue als Erscheinung russischen Wahnsinns angesehen und die Wendung der Durchschnittsbürger in Richtung des Kühlschranks als Anzeichen einer Ernüchterung.

Zur gleichen Zeit wird der heimische Alltag als Kampf zwischen Vaterland und Wurst beschrieben; zwischen hohen Werten und unveränderten Instinkten.

Auf der einen Seite der historische Nahkampf mit Moskau, die Behauptung der Souveränität und die Errichtung der Nation. Auf der anderen Seite die wirtschaftlichen Probleme der vergangenen Jahre, Hrywnja-Abwertung, steigende Preise und Wohnnebenkosten.

Und hier ist alles genau umgekehrt: Die vorrangige Sorge von durchschnittlichen Bürgern um die Wurst wird als wahnsinniger und verantwortungsloser Infantilismus angesehen, doch die Bereitschaft alles für das Vaterland zu opfern als Zeichen von Reife und nüchternem Verstand.

Jedoch, wie verführerisch auch der Blick auf die Dinge durch das Prisma der doppelten Standards ist, muss man mit der Realität rechnen. Und die Realität ist derart, dass in beiden Fällen die Rede von ein und demselben Prozess geht.

Von der Wahl zwischen den persönlichen Interessen und den vorausgesetzten Interessen des Landes. Vom Aufeinandertreffen des angenommenen „Kühlschranks“ mit dem angenommenen „Vaterland“.

Ja, das ukrainische Vaterland verteidigt sich und das russische greift an, doch unsere Verteidigung und ihr Angriff sind an die Wirtschaft und den Wohlstand der Durchschnittsbürger gekoppelt.

In der Theorie ist das Rezept des ukrainischen Sieges sehr einfach. Die Ukrainer sind verpflichtet standhaft alle Strapazen und Mühsalen zu ertragen und die Russen müssen schmerzhaft auf jede Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation reagieren.

Letztendlich wird das verelendete Russland, von sozialen Unruhen erschüttert, von uns ablassen und Kiew gewinnt den hybriden Krieg. Happy End.

Jedoch tritt in der Praxis der erwartete russische Kollaps nicht ein und von der Höhe des Volksmissmuts hat die Russische Föderation die Ukraine nicht übertroffen.

Kaum vermochten sich unsere glühenden Eiferer über den Fall des Rubels zu freuen, so folgt die nächste Schwächung der Hrywnja. Gerade feierst du die Erhöhung des Rentenalters in Russland und den Verdruss der dortigen Durchschnittsbürger, so werden in der Ukraine die Preise für das Gas erhöht und schon ist der heimische Bürger missmutig.

Du schaffst es kaum die übertölpelten Russen zu verhöhnen, da muss man schon die rückständigen ukrainischen Rentner und die unbewusste Jugend anprangern. Und das ist komplett vorhersehbar.

Man kann die reißerische Propaganda genießen; dem Gegner alle denkbaren Fehler zuschreiben und sich alle möglichen Vorzüge; über die jahrhundertelangen geistigen Mängel der Russen und den kosakischen Geist der Ukraine philosophieren. Doch in Wirklichkeit gleichen die gewöhnlichen Leute, die in verschiedenen Ländern leben, einander äußerst.

Um so mehr die Einwohner der Ukraine und Russlands, die aus einem sowjetischen Brutkasten kamen und erst vor relativ kurzer Zeit in verschiedene Richtungen gegangen sind. Daher braucht man leider nicht auf einen radikalen Unterschied bei den Prioritäten während der Wahl zwischen Kühlschrank und Vaterland nicht zu hoffen.

Der menschliche Faktor gibt im sich hinziehenden ukrainisch-russischen Konflikt keiner der beiden Seiten offensichtliche Vorteile. Dafür hat es andere Faktoren, die objektiv unserem Gegner in die Hände spielen.

Russland ist besser an eine lange Existenz im Format der belagerten Festung angepasst.

Einerseits hat Moskau mehr Ressourcen und die russische Wirtschaft war von Anfang an leistungsfähiger: im fünften Kriegsjahr fahren die Ukrainer weiter zum Geldverdienen in die Russische Föderation und nicht umgekehrt.

Andererseits ist die russische Opposition, die an die materiellen Probleme appelliert, bereits seit langem marginalisiert und durch die die autoritäre Ordnung gebunden.

Doch in der Ukraine wird die „Kühlschrank“-Agenda aktiv von den unterschiedlichsten Kräften ausgenutzt: Von der unvorhersagbaren Frau Timoschenko mit dem populistischen „Neuen Kurs“ bis zu offen Pro-Kreml-Politikern, die dem Land Frieden und Wohlstand versprechen.

Und bereits jetzt flößt einem der Ausgang der Präsidenten- und Parlamentswahlen ernsthaft Furcht ein.

Die Schlussfolgerung ist klar: Die Ukraine kann Russland kaum im Wettstreit der leeren Kühlschränke besiegen, in dem ausschließlich auf das Vaterland gesetzt wird.

Und wenn wir in historischer Perspektive darauf hoffen über den nördlichen Nachbarn zu triumphieren, haben wir lediglich einen realen Weg zum Sieg. Nicht durch die Verdrängung des angenommenen „Kühlschranks“ durch das angenommene „Vaterland“, sondern durch die Beseitigung des Widerspruchs zwischen erstem und zweiten.

Das derzeitige Russland bietet der Bevölkerung Kanonen statt Butter -folglich muss die ihm widerstehende Ukraine Kanonen und Butter bieten.

Sich nicht nur allein auf den nackten Patriotismus stützen, sondern auch auf wirkliche materielle Stimuli. Nicht nur an die Armee denken, sondern auch an den Durchschnittsbürger, der die Armee unterhält.

Eine greifbare Wachstumsperspektive nicht nur dem Menschen in Uniform oder dem professionellen Propagandisten bieten, sondern auch dem gewöhnlichen Bürger. Doch das ist unmöglich ohne freie Wirtschaft und geschützte Eigentumsrechte. Ohne unabhängige Gerichte. Ohne Zurückfahren der regulierenden Funktionen des Staates und entsprechend Beseitigung der ruinösen Korruptionsschemata.

„Die Verteidigung ist wichtiger als ökonomische Freiheiten“, „Die nationale Sicherheit ist wichtiger als die Bekämpfung der Korruption“, „Die ukrainische Identität ist wichtiger als innovative Entwicklung“, „Die Hauptsache ist den Gürtel enger zu schnallen, die Zähne zusammenzubeißen und standzuhalten, mit allem anderen beschäftigen wir uns dann“.

Derartige Mantras vernimmt das Land nicht das erste Jahr. Und mit jedem Jahr wird offensichtlicher, dass vor uns ein klassisches Lügendilemma liegt. Denn in unseren Realien sind ökonomische Freiheiten die unbedingte Voraussetzung für eine erfolgreiche langfristige Verteidigung. Die Bekämpfung der Korruption ist ein wichtiges Element der nationalen Sicherheit. Eine dynamische Entwicklung ist ein Unterpfand für die Wahrung der ukrainischen Identität. Und ein ums andere Mal das oben Aufgezählte „auf später“ verschiebend, verringert die Ukraine spürbar ihre Chancen standzuhalten.

27. Oktober 2018 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1094

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Leserkommentare

«Ich finde den Kommentar des Übersetzers nicht ganz glücklich, da er dazu einlädt, Dinge zu "vereinfachen". Ob die Antwort...»

«Würden sich die Menschen der Ukraine doch auf die Machnobewegung besinnen, die ganze Welt könnte Hoffnung schöpfen. Der...»

«WAS soll denn an dem was der Autor geschrieben hat unfassbar sein? Ich lese da keinen Widerspruch. Wenn du eine solche Phrase...»

«Danke für Ihre Darstellung der Hintergründe der Vertriebenen Gesetze und für die Einordnung der Russlanddeutschen. Es...»

«Schloss Pidhirzi ... DAS Märchenschloss .... so wie ich es mir als Kind immer vorgestellt habe. Verwunschen .... Dornröschen...»

«es war keine gute geste sondern der "vertriebenen gesetz" ermöglichte den russlanddeutschen nach deutschland zu kommen..zum...»

«Weiß nichts über die anderen westlichen Reproduktionskliniken, aber meine Ehefrau und ich haben eine Erfahrung in dem Kinderwunschzentrum...»

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