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Die Anatomie des Patriotismus

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Bulat Okudschawa hat einmal gedichtet:

Die allgemeine Erfahrung lehrt,
dass Reiche nicht untergehen,
weil das Leben schwer ist darin
oder die Mühsal groß.
Sie gehen zugrunde
(je länger, desto qualvoller),
weil die Menschen ihr Reich
nicht länger achten.

Für die Ukraine des Jahres 2012 sind diese Verse mehr als aktuell. Flammende Reden von Oppositionspolitikern, der wachsende Druck vom nördlichen Nachbarn und richtungweisende Feiertage wie der Tag der Einheit finden in der Masse des Volkes nicht die gebührende patriotische Resonanz. In mehr als zwanzig Jahren hat der ukrainische Patriotismus noch immer nicht das ganze Volk erfasst, was die fortschrittliche Intelligenz ganz gehörig deprimiert.

Unter den Intellektuellen beschäftigt man sich selten mit der Frage, was denn die grundlegende Funktion des Patriotismus ist und wie sich der breite Wunsch danach erklären lässt. Weshalb wird die Heimat von einem einfachen Bürger geschätzt, der keine höheren geistigen Ansprüche und kein sentimentales Faible für Birken und Schneeballsträucher hat?

Vor allen Dingen ist der Patriotismus ein Simulacrum des Gelingens. Er hilft dabei, das kümmerliche „ich“ in ein triumphales „wir“ zu überführen. Er lässt uns imaginäre Bande mit absolut fremden Menschen knüpfen – mit herausragenden, talentierten, ruhmvollen und oftmals auch schon lange toten Persönlichkeiten. Er gewährt ein Gefühl der Teilhabe an Errungenschaften, die nicht im Geringsten die unseren sind. Ein Verladearbeiter, der nur drei Jahre eine Schule besucht hat, brüstet sich mit künstlichen Erdtrabanten und Raumschiffen.

Ein rotznäsiger Teenager trägt ein Sankt-Georgs-Band und rühmt sich „unseres Sieges“. Ein Bettler lässt sich weitschweifig über den nationalen Wohlstand aus.

Der Schwache kann sich an der Seite legendärer Helden sehen, der Unbegabte findet sich in berühmten Dichtern, Schauspielern und Sängern wieder.

Auf diese Weise entsteht eine berückende Illusion des Gelingens, die die große Masse erst an die Heimat bindet.

Von dem heute vergessenen sowjetischen Dichter Bill-Belozerkowskij stammt die giftige kleine Erzählung „Bogatsch“ (Der Reiche). Der Hafen von Cardiff zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Ein arbeitsloser Engländer erbettelt bei einem eingewanderten Matrosen die Reste von dessen Haferbrei und Zwieback. Der Sohn Albions ist zerknittert, unrasiert und ähnelt einem Lumpen, für den sogar der Kehrichteimer noch zu fein ist. Doch sobald die Rede auf die Heimat kommt, verwandelt sich der mitleiderregende Herumtreiber. Er blickt nun herab auf den Fremden, aus dessen Händen er eben noch ein Almosen empfangen hat: „England ist das reichste Land auf der Welt! In allen Teilen der Welt hat es Besitzungen!“ – „Und ist sein Volk auch das reichste auf Erden?“ – „Natürlich!“ – „Das heißt, auch du bist reich? Warum kommst du dann wie ein Bettler zu mir und bittest um Gaben?“

Es ist interessant, dass das Wort „Heimat“ in der jungen Sowjetunion zunächst einen subversiven Einschlag erhielt und die sowjetischen Kommunisten versuchten, den Patriotismus als eine reaktionäre Erfindung abzustempeln, die die Werktätigen vom Klassenkampf abhalte. Trotzdem erfasste in der Folge ein bespielloser patriotischer Taumel die UdSSR, der die marxistische Utopie überdeckte.

Anders konnte es auch gar nicht kommen. Womit konnte man ein rechtloses Volk beschenken, das in Kommunalwohnungen und Baracken gepfercht wurde? Mit einem schneidigen Lied wie „Schirokaja strana rodnaja“ (Mein weites heimatliches Land), dem Flieger Tschkalow, dem Polarforscher Papanin, dem zaristischen Feldmarschall Suworow und dem Heiligen Fürst Alexander Newskij…

Und stellen wir uns jetzt einmal eine Situation vor, in der „die Menschen ihr Reich nicht länger achten.“ Die Nichtachtung der Heimat wirkt sich auf das Selbstwertgefühl von Millionen von Bürgern aus. Ohne Patriotismus verwandelt sich die uns umgebende Welt in einen Spiegel, der jedem von uns schonungslos zeigt, wie viel er ganz persönlich wert ist.

Mit der innig geliebten Heimat verschwindet auch die eingebildete Teilhabe an fremden Talenten und Triumphen. Der Einzelne muss seinen wahren Fähigkeiten und tatsächlichen Errungenschaften ins Auge blicken. Der Taugenichts empfindet sich selbst als Taugenichts, der Verlierer sieht überdeutlich, dass er ein Verlierer ist, für den Unbegabten bleibt keine Ausflucht und der Bettler sieht nichts als sein Elend.

Selbstverständlich ist die Verdrossenheit in einer solchen Gesellschaft groß und sind jegliche Unglücke schwer zu ertragen.

Unverbesserliche Idealisten haben von der Gemeinschaft aller Menschen geträumt und versucht, den Patriotismus durch den Kosmopolitismus zu ersetzen. Vermutlich ist es einfacher, das Volk mit schwarzem Kaviar und einhundertjährigem französischen Cognac ruhig zu stellen.

Der Kosmopolitismus ist ein Luxus, der nur einigen wenigen vorbehalten bleibt: den Begabten und Selbstgenügsamen, die unbeirrbar zum Erfolg schreiten und keiner zusätzlichen psychologischen Stimulanz bedürfen. Ein Bürger hingegen, der über keinerlei besonderes Talent verfügt, hat es schwer ohne Patriotismus.

Albert Einstein bleibt auch ohne Heimat ein genialer Wissenschaftler, ein gewöhnlicher Bürger hingegen wird zu einem Nichts.

Die Masse weigert sich zu Weltbürgern zu werden, weil Erfolg unweigerlich mit dem Gefühl der Überlegenheit jemand anderem gegenüber verbunden ist. Das Simulacrum des Gelingens, das man Patriotismus nennt, gründet darauf, dass man die eigenen Erfolge dem Scheitern des anderen gegenüber stellt. Wir haben Jeanne d’Arc, Issac Newton, Hollywood oder die Topol-M – und die anderen haben das nicht!

Man kann doch nicht stolz sein auf etwas, das sieben Milliarden andere Erdenbürger auch haben. Deshalb kann man Patriot eines Vielvölkerstaats sein, Patriot Europas oder Afrikas, Patriot des Westens oder der Arabischen Welt, doch Weltpatriot zu sein ist unmöglich, und keine Globalisierung wird das je ändern.

Doch blicken wir wieder auf unser desolates Land.

Erfüllt der ukrainische Patriotismus seine grundlegende Funktion? Dient er den Mittelmäßigen, Bedauernswerten, Untalentierten, Erfolglosen und Unzufriedenen? Das ist wohl nur in den westlichen Landesteilen der Fall. Im Rest des Landes dagegen wird der Patriotismus zum bloßen Hobby einer kreativen Klasse, die ohnehin schon erfolgreich ist.

Die ukrainische Identität ist kein psychologisches Doping für die Massen, sondern eine Bürde, die idealistische Enthusiasten mit sich herumschleppen. Und es ist nicht schwierig, die Wurzel dieses Übels sichtbar zu machen.

Die meisten Erdbewohner haben keine Alternative zu der Heimat, die ihnen mit der Geburt gegeben wurde, und der durchschnittliche Patriot versucht ein Maximum an Stolz zu entwickeln auf das, was eben da ist.

Sagen wir, dass die Bewohner von Honduras den Maya-Krieger Lempira verehren, der im fernen 16. Jahrhundert von den Spaniern getötet wurde. Einen beständigeren Helden wird man in Honduras kaum finden – man freut sich dessen, was man hat!

Die Spezifik der Ukraine besteht jedoch darin, dass ein beträchtlicher Teil der Bürger seine patriotischen Simulacra ganz nach dem eigenen Geschmack wählen kann. Millionen von Menschen entscheiden selbst, was für sie die echte Heimat ist.

Der gewöhnliche Bürger wird bei seiner Wahl einer Heimat nicht von irgendeiner erfundenen „genetischen Erinnerung“ geleitet, ebenso wenig wie von einem mythischen „postgenozidalen Syndrom“, sondern von ganz bodenständigen psychologischen Motiven. Er wählt eine Identität, die ihm erlaubt an einem Höchstmaß fremder Errungenschaften zu partizipieren.

Zu Beginn der 90er Jahre war ein armer Schlucker noch bereit, das diskreditierte sowjetische Heimatland gegen die zukunftsorientierte und vielversprechende Ukraine einzutauschen. Heute empfindet er wieder Zuneigung zur verknöcherten Sowjetunion. Was soll man machen: Erfolge, die mit einer imperialen Vergangenheit verbunden sind, sehen vorteilhafter aus.

Der Weltraumflug Gagarins ist bedeutender als die Tschaika der Kosaken und der Sieg über das Dritte Reich übersteigt die Abenteuer der Ukrainischen Aufständischen Armee. Und es wäre dumm, darauf zu hoffen, dass ein durchschnittlicher Bürger auf die Feier des 9. Mai verzichtet, selbst man ihm die ganze bittere Wahrheit über den Krieg erzählt.

Es ist sehr bequem, Patriot eines untergegangenen Imperiums zu sein. Man muss sich nicht in langen Warteschlangen quälen oder in Kolchosen malochen, braucht nicht in Schützengräben oder Lagerbaracken zu sitzen. Dafür kann man sein dürftiges Ich mit einer Supermacht identifizieren, die von fremden Händen und auf fremden Knochen errichtet wurde.

Kann eine ukrainische Identität die postsowjetische verdrängen und tatsächlich zur Grundlage für einen Patriotismus werden, der das ganze Volk umfasst? Drei Wege sind denkbar:

I. Eine künstliche Einschränkung der Auswahl. Man kann den Leuten sagen, dass es hier bei uns keine Heimat außer der unabhängigen Ukraine gibt und dass jegliches Ehrgefühl nur innerhalb dieses eng abgesteckten Rahmens entstehen kann – Trypillja-Kultur, Saporosher Kosaken, die Helden von Kruty u.a.

Eben dieses Modell versuchte Präsident Juschtschenko durchzusetzen, doch hatte er damit keinen großen Erfolg. Der leichte Zugang zu Informationen macht es in unserer Zeit schwierig, den Bürgern eine Wahl aufzuzwingen und damit den Wettbewerb mit dem imperialen Projekt zu vermeiden.

II. Das Erreichen einer qualitativ neuen Ebene der ukrainischen Identität. Jedermann empfindet es als ehrenvoll, sich als Ukrainer zu fühlen, wenn Klitschko im Ring triumphiert oder Ruslana beim Eurovision Song Contest siegt.

Doch das alleine reicht nicht aus, um ein konkurrenzfähiges patriotisches Simulacrum hervorzubringen. So würde ein Bürger bereitwillig aus dem postsowjetischen Lager in dasjenige der ukrainischen Patrioten hinüberwechseln, wenn sich nur hinter dem Schlagwort „Opportunity Ukraine“ mehr als nur ein dummes Plagiat verstecken würde. Bei denen – die verstaubte Last der Vergangenheit, bei uns dagegen – ein dynamisches, zukunftsorientiertes Land!

Leider weist nichts auf einen Durchbruch in diese Richtung hin.

III. Die Bindung der unabhängigen Ukraine an eine breitere und attraktivere Identität – beispielsweise die europäische. Wir haben die großen Errungenschaften des zivilisierten Europa – und ihr vegetiert dahin im eurasischen Morast! Noch vor kurzem schien dieses Szenario die größte Perspektive zu bieten, gegenwärtig ist jedoch keine günstige Zeit für seine Umsetzung.

Übrigens wird das ukrainische Patriotismus-Projekt nicht in Gang kommen, wenn das vollkommen natürliche Verhalten der Bürger als etwas Unnormales angesehen wird.

Jemand ist ehrlich überzeugt davon, dass 45 Millionen Menschen aus mystischen Gründen dazu verpflichtet sind, beim Anblick des Dreizack sowie der gelb-blauen Fahne von einem heiligen Schauer ergriffen zu werden. Und tritt dies dann doch nicht ein, so ist das Volk fehlerhaft und untauglich geraten.

Doch der Patriotismus ist ebenso wenig heilig wie jegliche anderen für den Massenkonsum bestimmten Produkte. Und wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt, ist ein Kampf um Herzen und Köpfe unvermeidlich.

20. Januar 2012 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Jakob Walosczyk — Wörter: 1594

Jakob Walosczyk (geb. 1981) M.A. in Anglistik, Russistik und Polonistik. Übersetzungen aus allen drei Sprachen sowie Textlektorat.

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