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Bislang ist der Zeitgeist nicht mit uns

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Der Sieg der Ukraine im derzeitigen Krieg ist nicht das Szenario, das in den Köpfen der meisten Europäer existiert.


„What counts most in the long haul of adult life is not brilliance or charisma or derring-do, but rather the quality the Romans called ‚gravitas‘: patience, stamina & weight of judgment..The prime virtue is courage, because it makes all other virtues possible.“ – Eric Severeid, amerikanischer Journalist

Am auf den Sieg von Jamala bei der Eurovision folgenden Tag sprach ich mit einer Vertreterin einer der europäischen Staaten. Sie glich einem aufgeregten Vogel. Die Ukraine siegte vor Russland, dazu noch in so einem dramatischen Finale und noch mit so einem „politischen“ Lied. Was wird jetzt geschehen, ist Europa nicht zu weit in seiner Unterstützung für die Ukraine gegangen? In diesem Moment kam mir in den Sinn: Irgendwas stimmt nicht mit der Courage auf unserem Kontinent.

Der Sieg der Ukraine im derzeitigen Krieg ist nicht das Szenario, das in den Köpfen der meisten Europäer existiert. Unser Kampf des Guten gegen das Böse erscheint ihnen wie eine ukrainische Binnentragödie. So ist es verständlicher. So ist es komfortabler. Die Illusion des „Bürgerkrieges“ impliziert vonseiten Europas Vermittlerschaft und Friedensstiftung. Die Wahrheit über die Aggression von außen impliziert, dass die europäischen Realien von der Wurzel auf neu gedacht werden müssen. Die Wahrheit stellt Europa in das Zentrum dieses Krieges. Die llusion stellt es über den Krieg. Wundert es noch, dass viele „froh über den Selbstbetrug sind“?

Viele Europäer hätten an unserer Stelle schon lange aufgegeben. Und die Sache liegt hier nicht in der Atommacht Russlands. Und auch nicht an der russischen Machttrunkenheit. Und nicht einmal daran, dass das politische Europa sich schrittweise in eine Art Supermarkt verwandelt, in dem Gasprom langsam geht und sich einen einflussreichen Politiker nach dem anderen in den Korb legt. All diese Faktoren sind wichtig, doch tatsächlich spiegelt es etwas Größeres wider – der „Zeitgeist“, der Europa an sich selbst zweifeln lässt.

Die Geschichte ist der allergrößte Mystifikator und gleichzeitig Enthüller. Giordano Bruno und Giuseppe Cagliostro in einer Person. Sie bringt eine Generation auf die Barrikaden und lacht danach eben ihnen ins Gesicht. Auf den Ruinen des großen Krieges und der Berliner Mauer schuf sie das „Einige Europa“, eine der größten Schöpfungen der menschlichen Zivilisation, gleichzusetzen mit der Epoche der Renaissance oder der Epoche der Aufklärung – und sogleich, im Verlaufe des Lebens der gleichen Generation, stellte sie diese an den Rand des Abgrunds. Der „Zeitgeist“, der noch vor 25 und sogar vor 10 Jahren zu großer Freiheit und Demokratie strebte, verschwand plötzlich, gleichsam wie die Uhren im Bild von Salvadore Dali. Die Losung des Tages wurde der „Pragmatismus“ – ein schönes Wort, hinter dem sich das Prinzip „Freiheit und Demokratie für uns und für euch, wie es halt kommt.“

Es wird kaum jemand offen darüber sprechen, doch die Interessen der Europäer sind gerade auf die Wiederherstellung einer neuen Balance mit Russland ausgerichtet. Das als Minimum. Doch als Maximum auf den Eintritt auf den riesigen russischen Markt, dem weder die Putin’schen Kriege, noch Verstöße gegen die Menschenrechte im Wege stehen. Doch bis 2014 lief alles darauf hinaus. Einerseits wölbte sich die Europäische Union schön aus, doch andererseits bildete sich, gewissermaßen eine fast-putin’sche „Russische Welt“ heraus – eine Gemeinschaft von Ländern, in denen Freiheit und Demokratie keine Grunderfordernis, sondern ein Luxus je nach Präferenz ist. Wie hätte Ostap Bender gesagt: „Quasi una Fantasia“.

Die wirtschaftlichen Perspektiven waren überwältigend. Das Projekt des „Einigen Europas“ sollte in die eurasische Kette EU – Russland – China eingehen. Es wurden bereits Pläne einer einheitlichen eurasischen Eisenbahn auf der Basis der Transsibirischen Magistrale gebaut. Auf der Karte wurde schon eine Autotrasse von Westeuropa nach Westchina skizziert. Es wurden unfassbare Gelder bei der Olympiade in Sotschi verdient. Um das korrupte russische, ukrainische und andere postsowjetische Kapital wucherte im Westen bereits ein breiter Wald von Schattenfinanzdienstleistungen, die daher besonders gewinnträchtig waren. Die „Russische Welt“ sollte zum neuen Wachstumsraum für Europa werden. Europa sollte zur Quelle moderner Technologien und Investitionen für die „Russische Welt“ werden.

Und dann brach das Jahr 2014 an. Alles zerbröselte. Die Ukraine weigerte sich ein Teil des russischen Raums zu sein. Russland hörte auf Europa zu mimen. In Europa zeigte sich ein Riss – anfangs ein dünner, gleichsam einem Härchen von Putins Halbglatze, doch danach bereits breiter und tiefer. Die Ideale wankten unter dem Druck der egoistischen Interessen. Die europäische Gewissheit des morgigen Tages wurde vom Strom syrischer, libyscher, irakischer, afghanischer (doch nur nicht ukrainischer!) Flüchtlinge erschüttert. Das Lämpchen erlosch und es brachen dunkle Zeiten an.

Für Russland standen wir auf dem Weg der Wiederherstellung des imperialen Status. Für viele in Europa standen wir ihrer sagenhaften Bereicherung im Weg. Muss man noch erklären, warum wir Gegenstand grimmigen Hasses für die einen und auffälligen Unverständnisses für die anderen wurden? Nicht das es leicht wäre die Ukraine zu begreifen – wir verstehen oft auch selbst unsere Heimat nicht. Und dennoch, der Umstand, dass die Menschen 2013-2014 auf den Maidan mit denselben Gedanken gingen, mit dem die Ostdeutschen ihre Mauer 1989 zertrümmerten, sollte mit Verständnis begegnet werden. Leider Gottes trifft er nicht immer darauf.

„In der Ukraine setzt man die Errichtung des einigen Europas fort, das ist doch offensichtlich!“, sagen wir uns selbst. Leider ist das für uns offensichtlich, doch nicht für sie. Zum Teil kann man das mit unseren ewigen Fehltritten wie der Korruption oder der chronischen Verantwortungslosigkeit der politischen Klasse erklären. Und trotzdem liegt die Wurzel des Problems in etwas anderem. Für uns ist es objektiv schwieriger, als für sie. Die Ostdeutschen ruderten mit der Strömung, wir rudern dagegen. Sie zertrümmerten die Mauer, die auch so zusammenfiel. Wir dagegen „hauen gegen die Felswand“, die stärker wird. Die Zeit der Brücken hörte leider auf. Es kehrt (zumindest in naher absehbarer Perspektive) die Zeit der Mauern zurück.

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Die Europäische Union ist, gelinde gesagt, geschwächt (die Abwesenheit einer einheitlichen Reaktion auf die Vergiftung von Skripal ist dafür lediglich ein weiterer Beleg). Die Nato ist gespalten (denn was ist die transatlantische Partnerschaft ohne gegenseitige Gewissheit der Partner wert?). Russland ist in Worten stark, doch als Wirtschaft und Gesellschaft schwer krank und zeigt kein Interesse an einer Therapie. China ist stark und ökonomisch omnipräsent, doch bleibt es ein Ding für sich. Amerika …. Die amerikanischen Nachrichten erinnern bisweilen an eine surrealistische Serie – unklar ist nur, ob sie kurz oder endlos ist.

Wo ist unser Platz in dieser Welt der einstürzenden Grundfesten und gespenstigen Perspektiven? Die Antwort besteht wahrscheinlich aus zwei Teilen – einem inneren und einem äußeren. Der Platz der Ukraine im Inneren hängt vom Erfolg oder Nichterfolg der Reformen ab. Vielleicht verblüffe ich viele, aber meinem Empfinden nach, waren wir noch nie so nah am Erfolg wie jetzt. Wenigstens war die Liste der „problematischen Fragen“ während der Zeit des kürzlichen Besuches des österreichischen Präsidenten in der Ukraine präzedenzlos kurz und die Liste der Interessenten in die Ukraine zu kommen war beeindruckend lang. Ja, viele haben noch keine endgültige Entscheidung hinsichtlich der Ukraine gefällt, denn … Denn es ist Krieg.

Das Volumen der verabschiedeten Reformgesetze, die Zahl neuer Leute an der Macht, der gute Willen zur Veränderung, die verbesserte Bürokratie, das Niveau von Freiheit und Kreativität in der Luft – das ist noch weit entfernt von den heiß ersehnten 100 Prozent, doch bereits hinreichend für einen Sprung nach vorn. Von diesem Sprung trennt uns nur ein Wort: „Krieg“. Eben daher, dass wir nah am Erfolg sind, fährt der Feind aus der Haut, uns und sich selbst überzeugend, dass wir auf den Abgrund zusteuern. Eben deswegen, dass zwischen uns und dem Erfolg der Krieg steht, beeilt sich der Feind nicht diesen Krieg zu beenden. Und nichtsdestotrotz bin ich überzeugt davon, dass man den Krieg beenden kann.

Sobald die Worte „Ukraine“ und „Krieg“ aufhören in einem Atemzug zu erklingen, kommen ernsthafte europäische Investitionen zu uns. Das ist eben der Fall, wenn der westliche „Pragmatismus“ zu unserem Nutzen funktioniert. Die Investoren interessieren nur zwei Dinge – die Bereitschaft der Ukrainer ehrlich zu arbeiten und die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft. Ersteres war in der Ukraine immer präsent. Das zweite tauchte in den vergangenen Jahren auf. Bleibt das letzte: Alles dafür zu tun, dass über der Ukraine nicht der Fluch des Krieges hängt.

Jetzt die äußere Antwort. Offensichtlich ist, dass man nicht aufhören kann der zu sein, der man ist. Russland wird nicht aufhören ein Wolf zu sein, den man fürchten muss. Die Ukraine wird nicht aufhören ein Haufen von Nerven und Willen zu sein, weg von eigenem Dreck und Sünden strebend. Und soweit sie in Russland die Spiegelung eigenen Drecks und Sünden sieht (doch in den letzten Jahren auch noch unprovozierte Bösartigkeit, Lüge und Aggression), so wird die Linie der ukrainischen Bewegung weg von Russland sein.

Weg von Russland – in wessen Richtung? Europa wird ebenfalls nicht aufhören der zu sein, der es ist. Und eben eine Idee, die Herzen erwärmt und die in Fleisch und Blut der Mehrzahl der europäischen Nationen einging. Die Idee von Freiheit und Demokratie, dank derer man Frieden und Wohlstand erreichen kann. Und solange die europäische Idee nicht entwertet ist, wird sich für uns auch die Europäische Union nicht entwerten. Denn übrigens eben gegen diese Idee richtet der Kreml seine Hauptanstrengungen. Denn eben „Gayropa“ und „Tolerastija“ sind seine Hauptgruselgeschichten.

Ja, im Inneren strebt Europa eine Versöhnung mit Moskau an und früher oder später, wenn der Moment reif ist, unabhängig von unseren Emotionen, wird es auf diese Aussöhnung eingehen. Ja, mit eben dieser Wahrscheinlichkeit kann man auch eine weitere Abstoßung Europas durch irgendeine Konfrontation in der russischen Richtung prognostizieren. Und trotzdem wird von den Bedingungen und Umständen der Versöhnung der EU und Russlands die Diskreditierung oder Bekräftigung der europäischen Idee abhängen. Von diesem Standpunkt her ist die Ukraine der historische Test des Einigen Europas. Grob gesagt, wenn sie die Ukraine preisgeben, verkaufen sie ihre Seele. Daher wird uns niemand mit „Haut und Haaren“ preisgeben. Sie werden einen Kompromiss irgendwo zwischen den beiden Extremen – Kapitulation und Konfrontation – suchen.

Eine offensichtliche Gefahr für die Ukraine besteht im Anwachsen der nationalistischen Tendenzen in Europa. Es reicht flüchtig auf die europäische Politik der letzten Jahre zu schauen, um zu begreifen: Nationalismus ist keine Liebe, Nationalismus ist Egoismus. Es gibt in Europa keine größeren Anhänger Putins als die Parteien nationalistischer Ausrichtung. Es gibt auch die, denen unser Schmerz nicht nur einfach gleichgültig ist, sondern der sie freut. Je blinder wir werden, je eher wir in unserem Fieber brennen, je schneller wir uns einander an die Kehle gehen, um so einfach wird es für sie dann zu sagen: Dieses Europa ist ausgebrannt, lasst uns ein neues errichten.

Für Putin wäre das die historische Möglichkeit den Kurs des europäischen Schiffes zu ändern, die transatlantische Verbindung zu zerbrechen. Was automatisch den Austritt aus dem Paradigma des Einigen Europas und das Auseinanderrennen in die nationalen Wohnungen bedeuten würde. Was seinerseits Russland zum Gulliver im Lande der Liliputaner erheben wird. Dieses finstere Szenario hat ebenso seine Berechtigung, obgleich seine Wahrscheinlichkeit nicht sehr groß ist – alles aus eben jenem einfach Grund: Im Unterschied zur Sowjetunion hat Russland keine Idee, die wenigstens irgendjemanden um sie scharen würde, außer den Taschen-Politikern oder nostalgierenden Dikatoren. Russland lernte in die europäischen Köpfe und Taschen einzudringen, doch die europäischen Herzen zu entzünden vermag es nicht.

Bei allen vielfältigen politischen Erscheinungen kann man das heutige Europa in zwei Lager teilen: ein liberales und ein nationalistisches. Der europäische Nationalismus wird uns blindwütig aus Europa heraus- und in die „Russische Welt“ hineindrängen – denn dort sehen sie uns. Keinerlei EU-Erweiterung ist in ihrem Zukunftsbild vorgesehen. Sie haben sich nicht einmal mit der Mitgliedschaft Rumäniens und Bulgariens vollständig abgefunden. An der Reihe ist das Armbrechen in Bezug auf den Beitritt der Balkanstaaten. Über die Ukraine in Europa fangen diese tragischen Helden bisher nicht zu denken an. Besser sie nicht zu erschrecken. Obgleich unser Platz im Einigen Europa ist. Diejenigen, denen es teuer ist, gewöhnen sich allmählich an diesen Gedanken.

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Klar ist, dass das eine liberale Europa nicht ausreichend ist, damit die Welt aufhört auseinanderzufallen. Amerika, mit seinen sich nähernden Parlaments- und anschließend Präsidentschaftswahlen, bleibt eine unbekannte Größe in Klammern, von der eine äußerst wichtige Zwischenantwort für die Ukraine abhängt. Richard H. Haass, langjähriger Präsident des amerikanischen Rats für auswärtige Beziehungen (Leute, die Amerika kennen, verstehen, was das für eine Größe ist), veröffentlichte vor kurzem den Artikel „Liberal World Order, R.I.P.“. Unter anderem stellte er den Ländern des Westens eine Diagnose: der Verlust des Einflusses der Eliten auf das Volk. Mit anderen Worten konstatiert einer der klügsten Analysten Amerikas diese Situation: in der Zeit, in der Russlands regierende Elite das eigene Volk vollkommen kontrolliert, riskiert der Westen sich in ein laufendes Nervenbündel zu verwandeln, bei dem der Kopf nicht mit dem Körper kann. Eine ideale Umgebung für Populismus. Eine schreckliche und zeitlich äußerst unpassende Diagnose. Ich hoffe, dass sie dennoch voreilig ist. Wenigstens gibt Haass am Ende des Artikels eine schemenhafte Hoffnung: die Novemberwahlen werden zeigen, ob in Amerika Kopf und Körper wieder zueinanderfinden. Wenn nicht, dann wird es in der Welt noch dunkler.

Was kann die Ukraine tun? Auf sich selbst zählen. Keine überflüssigen Illusionen bezüglich des Westens hegen, doch sich daran erinnern: „Die Zeiten wählt man nicht“. Heroischen Zeiten werden von zaghaften abgelöst und umgekehrt und das manchmal innerhalb einer Generation. Wir sind auf einem schwierigen, doch richtigen Wege. In den Beziehungen zu Europa haben wir bereits zwei Schlüsselinstrumente – einen hinreichend breiten Zugang zu den Märkten und die Visafreiheit. Und ebenfalls (was nicht weniger wichtig ist!) die Unterstützung und das Mitgefühl vieler anständiger, aufrichtiger, unverzagter Europäer. Die Sache hängt an Kleinigkeiten: mit konkreten Taten und Ratings, dem eigenen Glauben und gutem Willen zu zeigen, dass die Ukraine bereits zumindest kein schlechterer Raum für wirtschaftliches Wachstum Europas ist, als die „Russische Welt“. Und dort wird, so Gott will, sich der Zeitgeist ändern.

30. März 2018 // Oleksandr Schtscherba, ukrainischer Botschafter in Österreich

Quelle: Dserkalo Tyschnja

Bei LB.ua erschien dazu eine Replik des Journalisten Witalij Portnikow.

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 2298

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