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Gouverneur der Ternopiler Oblast: Wir haben acht Tage lang Alarm geschlagen, doch man sagte uns, die Sterbezahlen wären normal

Die “Schweinegrippe” wurde nicht erkannt, doch wir haben die Symptome gesehen.

Herr Tschyshmar, eben in Ternopil begann die Grippeepidemie. Wie ist die Situation zum heutigen Tag?

Es wird eine Verlangsamung der Dynamik der Erkrankungshäufigkeit beobachtet, es verringern sich die Notdienstrufe, es fällt die Sterblichkeit. Innerhalb der letzten zwei Tage gab es bei uns praktisch keine Toten. Außerdem atmen acht Menschen, die bislang mit Hilfe künstlicher Beatmung atmeten, derzeit selbstständig. Bereits einige Menschen konnten nach vollständiger Gesundung aus den Krankenhäusern entlassen werden. Es verringert sich die Zahl der Schwerkranken, sie wurden als mittelschwer eingestuft und aus der mittelschweren Kategorie Menschen in die Gruppe der leicht Erkrankten überschrieben.

Wir wenden „Tamiflu“ an – damit sind wir vollständig versorgt. Praktisch alle, die an Grippe erkrankten, wurden mit diesem Präparat behandelt.

Wurden die Nebenwirkungen nach der Anwendung beobachtet, über welche die Massenmedien schreiben?

In der Tat ist es ein sehr starkes Präparat, daher gibt es Nebenwirkungen. Beispielsweise ruft es bei einigen Kranken Halluzinationen hervor. Jedoch wird praktisch sofort nach der Anwendung bei den Kranken eine Verbesserung der Haupterkrankung beobachtet.

Reichen in den Krankenhäusern die alltäglichen Präparate?

Nein, sie reichen nicht. Es fehlt an breitbandigen Antibiotika. Obgleich gestern Mittel aus dem Staatshaushalt eintrafen – aus dem Reservefonds, können wir diese nicht ohne Ausschreibung nutzen. Daher telefonierte ich gestern mit der Premierministerin, sprach dieses Problem an und sagte, dass wir dieses Geld nicht effektiv nutzen können, wenn man uns nicht von der Ausschreibungsprozedur befreit. Und die Premierin gab auf der Kabinettssitzung Anweisung, dass Änderungen in die Anordnung bezüglich der Rechte der Oblastgesundheitsverwaltungen Einkäufe ohne Ausschreibung vorzunehmen, nach einer vereinfachten Prozedur. Ebenfalls bat ich darum, dass man die Möglichkeit gibt nicht nur Medikamente zu kaufen, da es nicht notwendig ist 4,5 Mio. (Hrywnja) nur für Medikamente auszugeben, da die Grippe jedes Jahr mutiert, brauchen wir keine Vorräte.

Wir bitten um Erlaubnis ebenfalls medizinische Technik kaufen zu dürfen, Masken zu erwerben und zu nähen, Reagenzien für die Laboratorien, künstliche Beatmungsgeräte, Bronchoskope unterschiedlicher Art. Das heißt alles, was uns heute fehlt. Wir mussten jetzt alle geplanten chirurgischen Operationen stoppen, damit wir die Möglichkeit haben, mehr Leute zu behandeln.

Wir haben bereits den Kauf all dieser Sachen vereinbart und wenn diese Entscheidung getroffen wird, dann werden sie sofort nach der Zahlung bei uns sein.
Die Premierin versprach uns ein ganzes Laboratorium, jedoch heute trafen nur Laminargehäuse/Laminarboxen ein. Doch sogar für den Beginn der Nutzung des Laboratoriums brauchen wir Mittel, andernfalls werden die Geräte in den Lagern stehen…

In der ganzen Oblast Ternopil gibt es kein Infektionskrankenhaus. Wie ist so etwas möglich?

Ja, das hätte man seit langem bauen müssen. Wir hatten eine medizinische Einrichtung, die allen sanitären/seuchenhygienischen Normen entsprach, doch im Prozess der Privatisierung wurde sie vor zehn Jahren verkauft. Ich habe mich heute mit den Besitzern getroffen, sie haben zugestimmt sie erneut dem Staat zu verkaufen. Das wird bedeutend billiger, als eine neue zu bauen – etwa 12 Mio. Hrywnja (ca. 1 Mio. €). In die Nutzung überführen, können wir sie aber erst im Sommer nächsten Jahres.

Die Regierung demonstriert, wie schnell sie auf die Situation mit der Grippe reagiert. Ist das tatsächlich so?

Ich bin bereit meine Worte zu verantworten, daher sage ich offen, dass wir die ersten Zeugnisse bezüglich Erkrankungen an Lungenentzündung, beginnend mit dem 17. Oktober, vorlegten. Ungeachtet des Fehlens einer Reaktion von Seiten des Gesundheitsministeriums, wurde auf meine Anordnung hin am 20. Oktober eine Quarantäne über das Territorium der Oblast eingeführt. Eine Quarantäne über das Territorium der Ukraine wurde am 30. eingeführt (eigentlich nur über neun Oblaste, d. Ü.). Das heißt nach zehn Tagen.

Obgleich man in der Ukraine nicht zugab, dass es bei uns „Schweinegrippe“ gibt, da es keine Laborbestätigungen darüber gab – haben wir die Symptome der Kranken gesehen. Die Symptome analysierend, die von der Weltgesundheitsorganisation beschrieben wurden, begannen wir die Leute von Anfang Oktober an, gemäß des Protokolls des Gesundheitsministeriums, wie an „Schweinegrippe“ erkrankt zu behandeln. Das gab uns heute die Möglichkeit, sogar bei fehlendem Infektionskrankenhaus, Laboratorium eine Gesundungsentwicklung vorzuweisen.
Eine detailiiertere Analyse kann ich derzeit nicht machen.

Danach, denke ich, muss man eine Kommission aus Analysten gründen, die klare Empfehlungen gibt, was man zukünftig im System der Gesundheitsversorgung tun muss.

Unter den Toten ist nicht ein Rentner, nur junge, arbeitsfähige Menschen.

*Gab es einen Andrang nach Medikamenten danach, als die Regierung mitteilte, dass in der Ukraine eine Epidemie grassiert? *

Ich sage es offen, einen solchen Andrang/Rummel gab es nicht.

Jedoch gab es in Ternopil Gerüchte, dass Leute angeblich an einer unbekannten Krankheit sterben, dass irgendetwas aus Flugzeugen versprüht wird, dass Gräber wieder aufgegraben wurden, wo es irgendeine Infektion gab… Man sprach von Unterleibstyphus, danach von Lungenpest. Daher war ich unter den Initiatoren davon, dass jemand an die Öffentlichkeit geht und den Leuten irgendwelche Empfehlungen gibt …

Die Informationspolitik benötigt eine Korrektur. Leider kommentiert die epidemiologische Situation in der Ukraine heute jeder und überall, nur nicht die Spezialisten. Der Spezialist spricht professionell, doch trocken, aber jeder beliebige Kommentar wird anders aufgenommen, sogar merkwürdige Fakten. Bei uns gingen Schreiben derart ein, dass irgendjemand, sowohl am 16. als auch am 30. Oktober, über Ternopil ein Flugzeug fliegen sah, was irgendwas versprühte. Darunter fiel auch die Premierin, am 16. auf der Tour „S Ukrajinjuju w serzi“ und am 30, auf der Telefonkonferenz.

Das heißt man begann die Situation ins absurde zu führen.

Der Auftritt der Premierin, brachte einerseits sogar Nutzen, denn die Leute stoppten die Selbstbehandlung und begannen sich öfters um Hilfe an Ärzte zu wenden. Dank dessen haben wir eine Masse neuer Kranke aufgedeckt. Die Leute unterschätzten die Gefahr, nahmen unterschiedliche „Antigrippemittel“ ein, die überhaupt nicht halfen. Wenn wir weiter geschwiegen hätten, dann wären die Kranken in einem schwereren Zustand ins Krankenhaus geraten. *
16 Verstorbene während der Zeit der Epidemie in der Oblast Ternopil – ist das viel oder wenig, wenn wir das mit dem vorigen Jahr vergleichen?*

Natürlich sterben an Lungenkrankheiten wesentlich mehr, doch das Problem liegt woanders. Wenn wir auf die Zahlenwerte schauen, dann schauen wir ausgezeichnet aus, doch die qualitativen Werte machen aufmerksam: es sterben junge, arbeitsfähige Menschen. Im letzten Jahr starben ältere Leute und Menschen mit einem schwachen Immunsystem.

Darin besteht hier das Rätsel, bislang ist es noch zu früh davon zu reden, man muss sorgfältige Untersuchungen vornehmen. Die Version untersuchen, dass vielleicht die Leute der älteren Generation eine Immunität gegenüber dieser Grippe haben, was bei den jungen nicht der Fall ist. Der Altersbereich der Gestorbenen liegt zwischen 20 und 50 Jahren. Es gibt nicht einen Rentner darunter.

Die Grippe hat ebenfalls Gebärende betroffen. 13 von ihnen befinden sich in einem schweren Zustand, eine verstarb, das Kind konnten wir retten.

Die Tests, die uns die Regierung noch im Sommer ausgab, zeigen überhaupt nichts an.

Können Sie wahrhaftig bestätigen, dass die Regierung alles mögliche für die Überwindung der Epidemie tut?

Ich habe kein Recht der Regierung eine Bewertung zu geben.

Jedoch sage ich als einfacher Ternopiler. Mich stellt folgendes nicht zufrieden … Niemand hat uns gesagt, dass die Expressteste, die uns die Regierung bereits im Sommer gab, nicht funktionsfähig sind. Diejenigen die starben und ebenfalls die Kranken heute sind damit getestet worden und sie zeigten überhaupt keine Erkrankung an! Das hat uns von der Spur abgebracht.

Möglicherweise waren es nur Fälschungen?

Ich kann dazu nichts sagen. Sie wurden uns offiziell geliefert, mit Zertifikaten. Jedoch irgendwie haben diese Teste überhaupt keine Erkrankung angezeigt … Als wir „nach oben“ von der „Schweinegrippe“ berichteten, da wurden von uns die Resultate der Schnelltests angefordert und die Berichte sollten nur auf diesen Resultaten beruhen. Obgleich die Weltmedizin zwei Arten der Feststellung von Krankheiten kennt – die Labor- und die Klinikdiagnostik. Nach der klinischen Methode haben wir eine atypische Pneumonie gesehen, den Testen nach – nichts.

Nicht eines der Laboratorien in der Ukraine ist fähig ein wirkliches Ergebnis zu liefern

Sind die Laboratorien in Ternopil in der Lage das eine oder andere Virus zu identifizieren?

Weder unser, noch ein anderes Labor in der Ukraine ist heute fähig ein hundertprozentiges Ergebnis bezüglich des Infektionstyps zu geben. Wie kann man eine Untersuchung vornehmen, wenn bei uns die Materialien für die Keimung/Züchtung nicht ausreichen? Die Grippe ändert sich, mutiert, man braucht dafür Reagenzien.

Wir haben acht Tage lang Alarm geschlagen, doch Turtschinow (1. Vizepremier) sagte, dass wir irgendetwas verbargen.

Man sagt, dass sie Kiew nicht sofort über die Gefahr informierten …

Das ist unwahr. Erinnern sie sich daran, wie im letzten Jahr an der Impfung ein Kind starb? Im ganzen Land wurde Lärm gemacht, irgendjemand dort entlassen, irgendjemand wollte man zur strafrechtlichen Verantwortung ziehen, das heißt:: es gab eine Resonanz. Jedoch als wir Kiew darüber informierten, dass bei uns eine Schwangere starb und wir unklare Todesfälle haben, reiste die Kiewer Kommission, wissend, dass die Ukraine an der Schwelle zu einer Grippeepidemie steht, nicht zu uns. Vom 14. Oktober an begannen wir mündlich zu informieren und vom 19. an begannen wir offizielle Briefe an die zentrale sanitär-epidemiologische Station der Ukraine zu schicken. Dort wurde mir gesagt, dass die Zahl der Todesfälle normal ist.

Ich bin kein Arzt von Beruf, ich bin Jurist. Doch wenn ich auf die qualitative Charakteristik unserer Statistik schaue, dann begreife ich, dass dies keine typische ist, daher muss man sofort eine Kommission herschicken und untersuchen wer woran stirbt.

Deswegen sollte die Kommission, im Blick habend, dass wir uns bereits seit dem Frühling auf die Pandemie vorbereitet haben, nicht erst am 28. Oktober, sondern am gleichen Tag oder wenigstens um den 20. anreisen. Warum es eine Verzögerung von acht Tagen gab, verstehe ich nicht.

Es war sehr unangenehm (und ungerecht!) zu hören, als Turtschinow im Programm des 5. Kanals (Nachrichtensender) sagte, dass wir die Erkrankungen verborgen haben und Selbstbehandlung betrieben. Und als wir sahen, dass wir damit nicht fertig werden, uns an die Regierung wandten.

Ich denke, dass diese Frage eine gesonderte Sicht verdient.

Außer den betrügerischen Tests, haben wir von den 50 Mio. Hrywnja (ca. 4,16 Mio. €), die von der Regierung bereitgestellt wurden, nichts erhalten.

Von den 50 Millionen Hrynwja, die im Sommer für die Bekämpfung der „Schweinegrippe“ bereitgestellt wurden, haben sie wie viel bei sich in Ternopil erhalten oder gespürt?

Außer den Expresstests, die uns nur verwirrt haben, absolut nichts! Wenn diese Tests nicht gewesen wären, dann hätte wir sofort die Krankheit richtig festgestellt.
Ich würde nicht sagen, dass die Regierung derzeit nicht handelt … Eine andere Frage ist, dass sich auf die Pandemie niemand vorbereitet hat.

Es ist traurig zu beobachten, wie man in der Ukraine sogar aus der Grippe eine Politshow macht. Man muss nicht mit Phrasen um sich werfen “wie im Kriege“ und anderen derartigen. Es ist wichtig, dass eben Spezialisten öffentlich auftreten und die Bevölkerung darüber informieren, wie man sich vor der Krankheit schützt.

Das Gespräch führte Oxana Klimontschuk

Quelle: UNIAN

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1768

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Leserkommentare

kauschat in Unser Sudetenland

«Interessanter Vergleich: tatsächlich so einige Parallelen. Noch hat "der Westen" nicht die Annektion auch offiziell akzeptiert....»

Wolfgang Krause in Wir müssen hier leben

«Verglichen mit anderen Kommentaren ist dieser erfreulicherweise so geschrieben das er den Versuch wagt unterschiedliche Meinungen...»

Густаво Фан Хоовен in Wir müssen hier leben

«Zunächst vermittelt der Artikel den Eindruck einer neutralen Zustandsbeschreibung. Die Bezeichnungen "pro-sowjetisch" und...»

«Ich finde den Kommentar des Übersetzers nicht ganz glücklich, da er dazu einlädt, Dinge zu "vereinfachen". Ob die Antwort...»

«Würden sich die Menschen der Ukraine doch auf die Machnobewegung besinnen, die ganze Welt könnte Hoffnung schöpfen. Der...»

«WAS soll denn an dem was der Autor geschrieben hat unfassbar sein? Ich lese da keinen Widerspruch. Wenn du eine solche Phrase...»

«Danke für Ihre Darstellung der Hintergründe der Vertriebenen Gesetze und für die Einordnung der Russlanddeutschen. Es...»

KOLLEGGA mit 150 Kommentaren

Alex Alexandrewitsch mit 60 Kommentaren

Wolfgang Krause mit 29 Kommentaren

Christos Papaioannou mit 29 Kommentaren

Torsten Lange mit 24 Kommentaren

franzmaurer mit 18 Kommentaren

Mario Thuer mit 17 Kommentaren

Poposhenko mit 17 Kommentaren

Anatole mit 17 Kommentaren

Jusstice For All mit 17 Kommentaren