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Herr Erfolg

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Wolodmyr Selenskyj und Theodor Roosevelt

„Roosevelt war ein neues Gesicht, das genau im richtigen Moment auftauchte und dabei ein lächelndes Gesicht. Daher erhielt er allgemeine Anerkennung, als der Wiederaufstieg, der in die Zeit des letzten halben Jahres von Hoover fiel, im Frühling zum sogenannten ‚Roosevelt-Boom‘ wurde. Für den Historiker ist es unangenehm zuzugeben, doch der Erfolg ist ein äußerst wichtiger Faktor.“

So beschrieb der britische Autor Paul Johnson den Frühling 1933, als die Wirtschaft der USA sich nach der Großen Depression erholte, und ins Weiße Haus ein neuer charismatischer Führer gelangte.

Und obgleich Poroschenko und Selenskij [Selenskyj] weder Hoover noch Roosevelt sind, lassen sich dennoch einige Parallelen zur heutigen Ukraine beobachten.

Die Realien des derzeitigen Sommers kann man durchaus als „Selenskij-Boom“ kennzeichnen.

Mit der Ankunft von Se[lenskij] wertete die Landeswährung rekordhaft auf – gleichsam als Verhöhnung der Anhänger von Pjotr Alexejewitsch [Petro Olexijowytsch Poroschenko], die für das Land einen Dollarkurs von 1:100 an die Wand malten.

Die Durchschnittsbürger genießen billiger werdende Reisen und Flugtickets.

Investoren kaufen ukrainische Staatsanleihen, wortwörtlich wie warme Semmeln.

Das einheimische Erz verteuerte sich im Vergleich zum vorigen Jahr fast um das Zweifache. Das einheimische Getreide ist ebenso hoch im Preis.

Das im Ausland gekaufte Erdgas verbilligte sich hingegen.

All das schreibt sich ausgezeichnet in das Bild beginnender Veränderungen, das ganze Volk erfassenden Optimismus und den Abschied von der Epoche der Armut ein.

Die Ironie besteht darin, dass der lächelnde Präsident Selenskij zu all dem Aufgezählten fast in keinerlei Beziehung steht.

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Der neue Garant hat einfach nur Glück seinen Posten bei einer günstigen außenwirtschaftlichen Konjunktur anzutreten.

Ja, er könnte die Konjunktur zunichte machen, wenn er sich auf Erörterungen hinsichtlich einer Abwendung vom IWF und des Staatsbankrotts einlassen würde. Ja, stattdessen sagt er den westlichen Partnern richtige und vielversprechende Dinge.

Doch damit enden die persönlichen Verdienste Wladimir Alexandrowitschs [Wolodymyr Olexandrowytsch Selenskyj] und er beginnt gewöhnliches Glück haben. Eben jener Erfolg, dessen Wichtigkeit für den Historiker so unangenehm zuzugeben ist. Und nicht nur für den Historiker.

Jemand glaubt an den Präsidenten Se, andere verachten ihn bis ins Innerste ihrer Seele. Doch sowohl für die einen als auch die anderen ist es bequem zu denken, dass der Erfolg oder Misserfolg der neuen Regierung ausschließlich von ihren Entscheidungen und Handlungen abhängen wird.

Von den Personalentscheidungen. Von den durchgeführten Reformen. Von den Antikorruptionsmaßnahmen. Von den diplomatischen Anstrengungen. Von der Informationspolitik.

Doch derweil sind die Umstände, die nicht von Selenskij und seinem Team abhängen, in der Lage eine nicht geringere und sogar die größere Rolle zu spielen.

Beispielsweise eine neue globale Rezession, wenn eine solche dennoch folgt und mit der Präsidentschaftszeit von Se zusammenfällt, wird praktisch mit ziemlicher Sicherheit die neue ukrainische Regierung vernichten. Schneller vernichten, als irgendwelche politischen Fehlgriffe und Fehltritte.

Einen vergleichbaren Präzedenzfall gibt es in der nationalen Geschichte bereits.

Der Sommer 2008. Die charismatische Populistin Juli Timoschenko lässt ihren farblosen Gegenspielern keine Chance.

Es scheint, dass nichts in der Ukraine in der Lage ist sie auf dem Weg zur zukünftigen Präsidentschaft aufzuhalten. Doch nach nur ein paar Monaten stoppen Julia Wladimirowna [Timoschenko] amerikanische Hypothekenkredite, Derivate und der Bankrott von Lehman Brothers.

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Herr Erfolg wendet sich unerwartet und unverhofft von Frau Timoschenko ab.

Die Weltfinanzkrise, die im Herbst 2008 ausbricht, bestimmt die Niederlage von Lady Ju vorher und bringt dem oppositionellen Janukowitsch den Sieg. Ein globaler Faktor, der von keinem der Ukrainer abhängt, erwies sich als entscheidend.

Ein „Schwarzer Schwan“ von der anderen Seite des Planeten warf das ganze innere ukrainische Spiel über den Haufen und um so bezeichnender war unsere Reaktion auf dessen Erscheinung.

Zuerst erfolgte eine Diskussion darüber, wie die ukrainische Führung die Popularität vor dem Hintergrund des Wirtschaftseinbruchs bewahren kann.

Es wurden die naivsten Analogien zur Großen Depression und der Politik von Franklin Roosevelt angeführt.

Dabei interessierten niemanden die realen historischen Umstände. Roosevelt trat sein Amt an, als der Tiefpunkt der Krise durchschritten war und der wirtschaftliche Wiederaufstieg bereits begann. Dafür gab die stürmische Tätigkeit Herbert Hoovers auf der Spitze der Krise keine Ergebnisse und rettete die Reputation des Republikaner-Präsidenten nicht.

Viele einheimische Intellektuelle wollten dem Offensichtlichen nicht zustimmen: Frau Timoschenko hatte einfach das Pech auf dem Ministerpräsidentenposten zum ungünstigen Zeitpunkt zu sitzen – genauso wie Mister Hoover Pech hatte am Vorabend des Börsenkrachs in das Weiße Haus zu gelangen.

Später wurde der Mythos der heimtückischen „Gegen-Alle-Stimmer“ geboren, die angeblich Julia Wladimirowna den Sieg stahlen und Janukowitsch an die Macht brachten.

Obgleich die Analyse der Wählergeografie es nicht erlaubte zu meinen, dass die Abstimmung gegen alle ernsthaft Wiktor Fjodorowitsch Janukowitsch half und die Positionen von Julia Wladimirowna Timoschenko untergrub.

Gegen-Alle-Stimmer gab es wenige in der Bastion Janukowitschs im Donbass und in der Bastion Timoschenkos in den ländlichen Kreisen Galiziens.

Doch spürbare Prozentzahlen von Stimmen gegen alle zeigten alle Städte außerhalb der Wählerbastionen – sowohl das traditionell eher „orange“ Kiew, als auch die eher „weiß-blauen“ Sewastopol und Odessa.

Die „Gegenalle“ entschieden das Schicksal das Präsidentschaftswettrennens nicht: Ihre Rolle war nicht vergleichbar mit der Rolle der globalen Finanzkrise.

Doch dafür waren sie Teilnehmer unseres Wahlprozesses, befanden sich nebenan und sahen wie ausgezeichnete Sündenböcke aus.

Die damaligen Ereignisse demonstrierten anschaulich: Wir wollen sehr in einer gerechten Welt leben. In einer Welt, in der alles nur von ukrainischen Entscheidungen und Handlungen abhängt.

In der jeder seinen Verdiensten entsprechend erhält. In der man immer mit dem Finger auf die Schuldigen zeigen kann. In der banales Glück- oder Unglückhaben kein bedeutender Faktor ist.

Wir wollen sehr in einer gerechten Welt leben, doch davon wird die reale Welt nicht gerechter.

Das neue Regierungsteam könnte sich als stümperhaft, unsauber und inkonsequent erweisen.

Doch dabei erfolgreich auf günstigen Umständen parasitieren und diese sich selbst als Erfolg anheften: „Der Winter ist vorbei, der Sommer hat begonnen – Selenskyj ein Lob dafür!“

Die neue Regierungsmannschaft könnte sich als fähig und zielstrebig erweisen. Doch in irgendeinem Moment mit einem unbarmherzigen „Schwarzen Schwan“ konfrontiert werden, das unvermeidliche Fiasko erleiden und von der Bühne abtreten – unter dem Gejohle der aufgebrachten Normalbürger und der schadenfreudigen Intellektuellen.

Historikern und Zeitgenossen fällt es schwer das zuzugeben, doch der Erfolg ist ein äußerst wichtiger Faktor. Und in den nächsten Jahren muss die Ukraine nicht nur die fachlichen Qualitäten Wladimir Selenskij bewerten, sondern auch den Grad des Glückhabens.

25. August 2019 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Prawda

Übersetzer:   Andreas Stein — Wörter: 1031

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