FacebookTwitterVKontakteTelegramWhatsAppViber

Krankheit und Symptom

0 Kommentare

Kampagne: Ich gebe kein Schmiergeld, sondern nur einen Stinkefinger mit Schmackes - Korruption hat keine Rechtfertigung!
Anfang des 16. Jahrhunderts verglich Niccolo Machiavelli die Korruption mit einer gefährlichen Krankheit. In dieser Epoche nahmen europäische Ärzte an, dass giftige Dämpfe , die aus den Ausdünstungen des Moores entstehen oder unter dem schädlichen Einfluss des Planeten Saturn, die Pest hervorrufen.

Seit dieser Zeit haben unsere Vorstellungen von Mikrobiologie und Medizin große Fortschritte gemacht. Aber leider lässt sich nicht dasselbe über unser Verständnis von komplizierten gesellschaftlichen Prozessen sagen.

Wenn wir über soziale Probleme reden, werden wir äußerst naiv und oberflächlich – zum Beispiel erkennen wir den Unterschied zwischen der eigentlichen Erkrankung und ihren Symptomen nicht.

Ähnlich wie der italienische Philosoph der Renaissance-Zeit hält die ukrainische Gesellschaft Korruption für eine Krankheit. Eine lebensgefährliche Krankheit, die man heilen muss, mit allen beliebigen Mitteln, etwa bis hin zu Massenerschießungen. Die Korruption wird für das Hauptproblem des Vaterlands gehalten und für die Wurzel allen Übels. Die professionellen Korruptionsbekämpfer gelten als die wahren Helden unserer Zeit und schon verwandelt sich die Antikorruptions-Rhetorik in eine Waffe in internen Machtkämpfen.

Nun ja, nehmen wir einmal an, dass diese Sichtweise auf die Korruption wahr ist. In diesem Fall sollte die Ausnutzung übertragener Ämter für eigennützige Ziele immer und ausschließlich zum Schlechten führen. Allerdings kennt man aus der weltweiten Praxis so einige Gegenbeispiele.

In den 1940er Jahren lamentierte Rudolf Höß, der Kommandant von Auschwitz, über das „verfluchte Juden-Gold“, das seine Untergegebenen die „Partei-Ethik“ vergessen ließ. Wären alle Mitarbeiter der SS und der Polizei ehrlich und unbestechlich gewesen, dann wäre die Zahl der Toten in den Jahren des Holocausts noch größer gewesen. In der Praxis aber konnten sich die Menschen meist deshalb retten, weil die gewöhnlichen Vollstrecker nicht selten ihre Dienstpflichten zu Gunsten von persönlicher Profitgier vernachlässigten. Und alle Heldentaten eines Oskar Schindlers oder eines Raoul Wallenbergs erschienen nur möglich dank Korruption.

In den 1990er Jahren wurden auf Anregung der Regierung in der „Demokratischen Volksrepublik Nordkorea“ so genannte „Gruppen zur Ausrottung antisozialistischer Tätigkeit“ gebildet. Ihre Aufgabe war die Unterdrückung jeglicher Handelstätigkeit. Die Gruppen patrouillierten aktiv über die gerade entstehenden nordkoreanischen Märkte, aber ihre eigentliche Funktion erfüllten sie nicht: Die Kontrolleure wollten auch essen, und die Privathändler kauften sich leicht mit Bestechungen von ihnen los. Aufgrund der allgemeinen Korruption scheiterte der Plan der Regierung und es gelang nicht, auch die spontanen Marktmechanismen zu ersticken, die Millionen Menschen vor dem Hungertod bewahrten.

Was verbindet diese Beispiele mit der aktuellen ukrainischen Korruption, die wir gewöhnlich nicht mit der Rettung, sondern mit der Zerstörung des Landes assoziieren? Die Ähnlichkeit besteht darin, dass in allen Fällen die Korruption nicht die Krankheit selbst ist, sondern nur das Symptom, das die Krankheit signalisiert. Die äußere Erscheinung eines tiefen und überaus schwerwiegenden Leidens.

Die gewissenlosen SS-Männer, die bereit waren, Juden gegen enorme Bestechungszahlungen gehen zu lassen, waren ein Symptom. Die Krankheit war die Nazi-Ideologie, die Millionen unschuldiger Menschen zum Tode verdammte und dazu ermunterte, unmenschliche Gesetze mit Hilfe von Gold und Diamanten zu umgehen. Die Mitglieder der nordkoreanischen „Gruppen zur Ausrottung antisozialistischer Tätigkeit“, die ihre Pflichten für Geld vernachlässigten, waren ein Symptom. Die Krankheit war – und ist es bis heute oft – ein absurdes System staatlicher Verbote, die private Handelstätigkeit in Nordkorea außerhalb des Gesetzes stellte.

Die ukrainische Korruption, die auf allen Ebenen blüht, ist ebenfalls ein Symptom. Genau so ein Symptom wie die Schattenwirtschaft, die allgemeine Umgehung von Steuerzahlungen oder der allgegenwärtige Schmuggel. Ein Symptom ökonomischer Unfreiheit, eines exzessiven Pressings durch die Verwaltung, einer verklemmten gesetzgeberischen Basis, einer unangemessenen Verteilung von Mandaten und anderer schwerwiegender Krankheiten.

Einige von diesen Leiden sind ererbt aus der Zeit der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, andere sind schon in den Zeiten der Unabhängigkeit erworben. Nun, wie immer es auch sein mag, gerade sie sind die Ursache, die Korruption aber, die die Ukrainer empört – die Folge.

Unseren Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Wenn unsere Staatsmänner mit unvergleichlicher Leichtigkeit reich werden, bedeutet das, dass sich in den Händen unseres Staatsapparats unvernünftig viele wirtschaftliche Schalthebel konzentrieren.

Wenn ein Millionenmarkt – unter dem Druck eines hochgestellten Beamten – vollständig umgekrempelt werden kann, bedeutet das, dass der Beamte mit einer Machtfülle ausgestattet ist, die es im Idealfall nicht geben sollte.

Wenn die Versuche, bestimmte staatliche Wunschvorstellungen zu realisieren, dazu verkommen, dass sich die Bearbeiter bereichern, dann liegt das Problem nicht in den Bearbeitern, sondern in der von oben erteilten Wunschvorstellung.

Wenn es für den Kleinunternehmer sehr viel leichter und billiger ist, eine Frage auf dem Weg der Korruption und nicht auf dem Weg des Gesetzes zu entscheiden, beweist das den kolossalen Riss zwischen der gesetzgeberischen Grundlage und der tatsächlichen Wirklichkeit.

Das Ausmaß der heimischen Korruption abzuschätzen und die Korruptionsmechanismen offen zu legen, ist außerordentlich wichtig, ebenso wichtig wie rechtzeitig die Symptome einer gefährlichen Erkrankung zu erkennen. Aber keinesfalls darf man dabei vergessen, dass sich hinter diesen Symptomen etwas Größeres verbirgt.

Unsere Armut und Rückständigkeit ist nicht durch Korruption geboren, sondern durch jene systemischen Untugenden, die das Aufblühen der Korruption provozieren.

„Die Korrupten jagen“, „die Bestechlichen einbuchten“, „denen, die bei der Armee stehlen, die Hände abhauen“ – alle diese Rezepte, die den Zuschauer beeindrucken und die so oft von ukrainischen Politikern zu hören sind, münden nur in einer lindernden Behandlung: Fieber senken, eine Betäubungstablette nehmen.

Das ist der Kampf mit den Folgen, aber nicht mit den Ursachen. Und in unserem Fall ist das einfach nicht ausreichend.

Letztendlich haben wir schon den korrumpierten Janukowitsch verjagt, den gierigen Asarow, die habgierigen „Jungreformer“ – und könnten uns überzeugt haben, dass ein Wechsel der Personen nicht identisch ist mit einem Wechsel der Regeln.

Der Kampf gegen die Symptome, ohne die Ursachen anzugehen, ist allein deshalb perspektivlos, weil die Korruption nicht nur Abgeordnete, Minister und Richterschaft sind.

Unseren Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben!

Die Korruption – das sind auch die Millionen einfacher Ukrainer, die gezwungen sind, das Gesetz zu übertreten, einfach nur, um in der heutigen Ukraine zu leben und zu arbeiten.

In einem Land, das nicht gesund ist, erweist sich die Korruption als jene unausweichliche Gemengelage zwischen Unternehmer und ökonomischer Unfreiheit, zwischen gewöhnlichem Bürger und absurder Gesetzeslage, zwischen kleinem Mann und aufgeblähtem Staat.

Und in einer Reihe von Fällen erscheinen die Aufforderungen an unsere Gesellschaft, „nach dem Gesetz zu leben“, als offener Hohn: Mit demselben Erfolg könnte man einen Lungenkranken dazu aufrufen, sich vom Röcheln und Husten fernzuhalten. Was im Prinzip machbar ist – aber nur wenn der Patient aufhört zu atmen.

5.Januar 2018 // Michail Dubinjanskij

Quelle: Ukrainskaja Pravda

Übersetzerin:    — Wörter: 1044

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Vielleicht sollten Sie eine Spende in Betracht ziehen.
Diskussionen zu diesem Artikel und anderen Themen finden Sie auch im Forum.

Benachrichtigungen über neue Beiträge gibt es per Facebook, Google News, Telegram, Twitter, VK, RSS und per Mail.

Artikel bewerten:

Rating: 6.3/7 (bei 3 abgegebenen Bewertungen)

Kommentare

Neueste Beiträge

Aktuelle Umfrage

Wie wird das Jahr 2022 für die Ukraine?
Interview

zum Ergebnis
Frühere Umfragen
Kiewer Sonntagsstammtisch - Regelmäßiges Treffen von Deutschsprachigen in Kiew

Karikaturen

Andrij Makarenko: Russische Hilfe für Italien

Wetterbericht

Für Details mit dem Mauszeiger über das zugehörige Icon gehen
Kyjiw (Kiew)-6 °C  Ushhorod-6 °C  
Lwiw (Lemberg)-1 °C  Iwano-Frankiwsk0 °C  
Rachiw-10 °C  Jassinja-4 °C  
Ternopil-2 °C  Tscherniwzi (Czernowitz)1 °C  
Luzk-1 °C  Riwne-3 °C  
Chmelnyzkyj-4 °C  Winnyzja-6 °C  
Schytomyr-5 °C  Tschernihiw (Tschernigow)-6 °C  
Tscherkassy-6 °C  Kropywnyzkyj (Kirowograd)-5 °C  
Poltawa-7 °C  Sumy-9 °C  
Odessa-5 °C  Mykolajiw (Nikolajew)-4 °C  
Cherson-4 °C  Charkiw (Charkow)-7 °C  
Krywyj Rih (Kriwoj Rog)-5 °C  Saporischschja (Saporoschje)-6 °C  
Dnipro (Dnepropetrowsk)-6 °C  Donezk-2 °C  
Luhansk (Lugansk)-2 °C  Simferopol-1 °C  
Sewastopol1 °C  Jalta1 °C  
Daten von OpenWeatherMap.org

Mehr Ukrainewetter findet sich im Forum

Forumsdiskussionen

„Die Ausweisung von russischen Staatsbürgern mag "Charme" haben, aber es würde wohl die Falschen treffen, der "kleine Mann" will doch den ganzen Scheiß ebenso wenig wie wir. Vermutlich wäre es auch...“

„Na ja, ein Konzentrationslager ist eine ablehnenswerte und menschenverachtende Eintichtung. Niemand auf diesem Planeten hat dieses zu organisieren und erst Recht sollte dort niemals jemand eingesperrt...“

„...Putin muss klar werden, dass er einen hohen Preis zahlen muss. Der erste Schritt wäre die Ausweisung aller russischer Staatsbürger in allen Nato & EU-Ländern und das Verlassne hat bis zum Ende...“

„Ukrainer- und Russen verhandelt und findet einen für beide Seiten akzeptablen Weg. Ihr habt keine andere Wahl. Gott sei Dank, spricht man auf beiden Seiten russisch, teilweise auch ukrainisch. Sprachliche...“

„Man muss es realistisch betrachten. Die Ukraine ist eine Demokratie, einer der wenigen der Ex-Sowjetunion, neben den baltischen Staaten. Die Ukraine ist nicht Teil der Nato. Sie hat KEINE Bündnispartner....“

„Vielleicht kann mir zwick mal erklären warum er immer so "aggressiv" seine Argumente mit Beleidigungen versucht zu bestärken. Ich bin ein Kasper und mbert ein Propagandist, das hilft nicht weiter, wirklich...“

„Ich glaub zum Thema Waffen sind wir sehr nah beisammen. Ich meinte auch nicht damit, dass Europa am Boden liegt, sondern, dass Europa nicht mit einer Stimme spricht.Sondern jede Nation eigen interessen...“

„Vielleicht kann mir zwick mal erklären warum er immer so "aggressiv" seine Argumente mit Beleidigungen versucht zu bestärken. Ich bin ein Kasper und mbert ein Propagandist, das hilft nicht weiter, wirklich...“

„Lieber Martin, rein geschichtlich betrachtet, kommt Russland bei Deiner Betrachtung zu schlecht weg. Im 2. WK war Russland bei Weitem nicht annähernd am Boden. Die Deutschen sehr wohl, der Wehrmacht ging...“

„Ist es da nicht natürlich wenn Russland irgendwann reagiert und eine imaginäre Grenze setzt? Verträge müssen von Beiden Seiten eingehalten werdeny sonst sind sie das Papier nicht wert. D Aus meiner...“

„War es nicht der Westen der vertraglich zugesichert hat die Nato nicht zu erweitern? Letztendlch ist die Nato größer und Russland hat geschwiegen. Nein Das ist ja totaler Unfug. Deswegen hast dich hier...“

„Vorkuta, Du hast Probleme mit Mainstream-medien, warum? Öffentlich rechtliche Fernseh- und Rundfunkanstalten verlogen? Warum hast Du mit diesen Medien ein Problem? Weil Du Dich in der Minderheit befindest?...“

„Russland wurde nach dem Zerfall der SU vom Westen in vielen Bereichen verarscht, Russlands Schwäche ausgenutzt. Die russische Elite hatte beschlossen sich zu wehren und nach Jelzin hat man Putin installiert....“

„Wenn Russland und die Ukraine nicht fähig sind, durch Verhandlungen eine vernünftige, machbare Lösung zu finden, müssen sie mit den Konsequenzen leben. In der allgemeinen Form ist das nun wirklich...“

„Wenn Russland und die Ukraine nicht fähig sind, durch Verhandlungen eine vernünftige, machbare Lösung zu finden, müssen sie mit den Konsequenzen leben.“

„War es nicht der Westen der vertraglich zugesichert hat die Nato nicht zu erweitern? Und erneut: nein. iframe“

„War es nicht der Westen der vertraglich zugesichert hat die Nato nicht zu erweitern? Letztendlch ist die Nato größer und Russland hat geschwiegen. Ist es da nicht natürlich wenn Russland irgendwann...“

„Ansichtssache!? Besser ist es, sich seine eigene Sicht auf die Dinge zu binden, indem man soviel wie möglich in die Breite (auch ins Ausland) geht. Dann erfährt man unterschiedliche Sichtweisen und kann...“

„Das ist Ansichtssache. Habe den CICERO seit Jahren im Abonnement und bin zufrieden. Auf alle Fälle interessanter und objektiver als die "Mainstream-Medien" und die verlogenen öffentlichen Rundfunk- &...“

„Habe eben erst diese Diskussion hier entdeckt. Als Organisator des Deutschen Mittwochs-Stammtisches Kyjiw weise ich darauf hin, dass die Treffen wieder stattfinden werden, sobald die Corona-Situation übersichtlicher...“

„Lieber mbert, überall auf der Welt ist doch entscheidend, ob sich die jeweiligen Führung vor den anderen Militärmächten fürchten. Ob Demokratie- oder Diktatur ist völlig nebensächlich. Momentan...“

„1. Russland (die Sowjetunion) wurde ohne jeglichen Grund, von uns Deutschen, trotz Friedensvertrag, angegriffen und nahezu vernichtet. (Unternehmen Barbarossa). Zwei itzeklitzekleine Details, die Dir vielleicht...“

„Der Westen baut wieder im Mittelmeerraum mit marinen Übungen eine Drohkulisse auf, seit Jahren geplante Übungen heißt es. Die kann man aber auch absagen/ verschieben (wie einen Arzttermin) wenn etwas...“